Bulimie in Zusammenhang mit Bindungsstilen und Beziehungen


Seminararbeit, 2007

26 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Bulimie: kurze Definition

3. „Das Kind in mir“

4. Bulimie und Bindungsstile

5. Bulimie und zwischenmenschliche Beziehungen

6. Persönliche Stellungnahme

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Niemand

denkt so viel an Essen, wie der, der fastet oder hungert,

klagt so viel über Essprobleme, wie der, der Diät hält,

hat so viel Angst vor Gewichtszunahme, wie der, der hungert oder an Gewicht abgenommen hat,

ist mehr gefährdet die Kontrolle über sein Essverhalten zu verlieren, wie der, der fastet oder hungert“ (Kienzel, 1999, zit. nach Aebischer, 2000).

Prof. Kienzel, Leiter der Psychosomatischen Ambulanz, Innsbruck, gibt an, dass essgestörten PatientInnen „Gefühle wie unbeschwertes Genießen, gesunder Appetit oder wahre Hungergefühle“ in Zusammenhang mit Nahrungsaufnahme meistens fremd sind. Das Essen ist vielmehr mit Gefühlen wie Scham, Schuld, Angst vor Gewichtszunahme, Einsamkeit und Angst zu versagen verbunden, was wiederum einen erheblichen Einfluss auf den Selbstwert der Betroffenen haben kann (Aebischer, 2000, S.22).

Essstörungen sind heutzutage weit verbreitete und häufig vorkommende Erkrankungen, die mit erheblichen Problemen für Betroffene, Familie, Freunde, sowohl auf physiologischer, psychologischer und sozialer Ebene einhergehen.

Im Folgenden soll nun die Essstörung „Bulimie“ anhand des im Seminar gezeigten Filmbeispiels 4, sowie anhand verschiedenster Literatur näher beschrieben werden. Es werden unterschiedliche Schwerpunktthemen herausgearbeitet, die mir bei der Patientin 4 vordergründig erschienen sind. Zur Vereinfachung wird Patientin 4 „Hanna“ genannt (Name frei erfunden).

2. Bulimie: kurze Definition

Der Begriff „Bulimia“ setzt sich aus den griechischen Worten „Bous“- Ochse und „Limos“-Hunger zusammen. Es bedeutet also wörtlich genommen „Ochsenhunger“. Im übertragenen Sinn bezieht es sich aber ausschließlich auf die Heißhungerattacken und Essanfälle, die als primäres Merkmal dieser Essstörung gelten (Westenhöfer, 1992, zit. nach Rechberger 2002).

Das Diagnostische und Statistische Manual Psychischer Störungen (DSM IV) gibt folgende Diagnosekriterien für eine Bulimia Nervosa an:

- Wiederholte Episoden von „Fressattacken“, bei denen eine Nahrungsmenge in einem bestimmten Zeitraum eingenommen wird, die erheblich größer ist, als die Menge, die die meisten Menschen in einem vergleichbaren Zeitraum und unter vergleichbaren Bedingungen essen würden. Begleitet wird dies von einem Gefühl, während der Episode die Kontrolle über das Essverhalten zu verlieren.
- Kompensatorische Maßnahmen zur Verhinderung einer Gewichtszunahme:
Selbstinduziertes Erbrechen, Laxantien- und Diuretikaabusus, Fasten, übermäßige Körperaktivität.
- Die „Fressattacken“ und Kompensationsmaßnahmen treten mindestens drei

Monate, zwei Mal in der Woche auf.

- Die Selbstbewertung erfolgt über Figur und Körpergewicht.
- Die Störung tritt nicht ausschließlich während Episoden einer Anorexia Nervosa

auf (Saß et al., 2000).

Auch Hanna, die uns vorgestellte Patientin, sagt, sie würde seit 1998 an dieser Erkrankung leiden, wobei sie zwischendurch auch immer wieder Phasen einer Anorexie durchlebt habe. Vorwiegend sei bei ihr aber die Bulimie. Sie musste früher bis zu 20 Mal am Tag erbrechen, so die Patientin.

3. „Das Kind in mir“

Als Hintergrund für ihre Erkrankung hat Hanna immer die Trennung von ihrem Freund angegeben. Dies sei allerdings nicht der „echte“ Grund. Vielmehr sei es „das Kind in mir“, das nach der Trennung und Scheidung der Eltern nicht genug Liebe und Anerkennung bekommen habe.

Wardetzki (2006) gibt an, dass Störungen des Selbstwertgefühls mit Entwicklungsdefiziten zusammenhängen, die in den ersten zwei Lebensjahren aufgetreten sind. Wenn Beeinträchtigungen schon sehr früh im Leben eines Menschen auftreten und wenn die Möglichkeit zum nachträglichen Ausgleich des Mangels nur gering ist, dann kann die „psychische Hemmung des späten Erwachsenen“ umso stärker sein (S. 58). Das noch junge Kind besitzt ein noch nicht sehr einheitliches Ich und erst wenige Ichfunktionen, sodass es jetzige, aktuelle Konflikte oder Trennungen nur schwer verarbeiten kann.

Man kann annehmen, dass es in Hannas Fall ähnlich war, wie beschrieben. Als ihre Eltern sich scheiden ließen, war Hanna 5 Jahre alt. Es gab aber bestimmt auch schon einige Jahre zuvor Streitereien zwischen den Eltern, die die Kinder miterlebt haben, sodass die Hypothese Wardetzkis hier zutreffen könnte. Letztere gibt ebenfalls an, dass „unverarbeitete Trennungserlebnisse für das Kind traumatische Auswirkungen haben können“ (S.59), schließlich brauchen kleine Kinder ihre Eltern um überleben zu können.

Aber nicht nur für Kinder, sondern auch für erwachsene selbstwertschwache Frauen stellen Trennungen „Grenzerfahrungen (dar), auf die sie mit heftigen Verlassenheitsgefühlen, Panik und Angst reagieren. Häufig kommt es in diesen Situationen auch zur Ausbildung oder Verschärfung ihres Suchtverhaltens“ (S.86). Eine solche Verschärfung konnte auch bei Hanna festgestellt werden, als der Kontakt zu ihrem Vater 2001 beendet wurde. Sie gibt an, dass es ihr schlechter ging und sie zu der Zeit ihr niedrigstes Gewicht hatte.

Aber nicht nur reale Trennungen, sondern auch seelische Trennungen, also Vernachlässigungen, wirken sich negativ auf das Kind und seinen Selbstwert aus. Wenn ein Kind sich von seinen Eltern nicht geliebt oder angenommen, sondern eher verlassen fühlt, kann es mit einer Selbstwertstörung reagieren. Der Selbstwert, vor allem ein niedriger, hängt, wie vorhin bereits erwähnt eng mit Essstörungen zusammen.

In Hannas Fall wird zwar nicht ausdrücklich von solchen Verlassenheitsgefühlen geredet, und doch kann man davon ausgehen, dass sie solche Gefühle zur genüge gekannt hat, schließlich sagt sie selbst, dass ihre Mutter nur wenig Zeit für die Kinder hatte und wegen Studium und Arbeit nur wenig zu Hause war. So kann auch die „Sicherheit, in der Welt willkommen zu sein“, wie Wardetzki (2006, S.61) es nennt, nicht wirklich zustande gekommen sein.

Was Hannas Vater betrifft, so hat man nur erfahren, dass er die Familie schon sehr früh verlassen hat und nach der Trennung nur noch ein sporadischer Kontakt zum Vater bestanden hat. Das beschriebene Vater-Tochter-Verhältnis lässt auch nicht auf viel Zuwendung und Liebe schließen.

Durch diese mangelnde Zuwendung von Seiten ihrer Eltern kann es bei Hanna zur Entwicklung von negativen Selbst- und Fremdbildern gekommen sein. Wardetzki (2006) sagt, dass ein Kind sich so fühlt, wie seine Umgebung sich ihm gegenüber verhält. Wird es gut behandelt, entwickelt das Kind ein positives Selbst- und Fremdbild, wird es aber negativ behandelt, so kommt es zu einer gegenteiligen Entwicklung, was Selbst- und Fremdbild anbelangt. Hanna wurde vielleicht nur in unzureichender Weise gut behandelt, was sie selbst allerdings nicht angibt. Sie kann ein eher negatives Bild von sich selbst entwickelt haben, und sich also nicht „existenzberechtigt“ (Wardetzki, 2006, S.63) und liebenswert fühlen.

Das Bild ihrer Mutter scheint zwar, laut ihren Erzählungen, ein positiv besetztes Bild zu sein, man kann aber trotzdem auf gewisse negative Seiten schließen. So gab es Probleme zu Hause, die Hanna allerdings nicht benennen kann; die Mutter hatte immer nur wenig Zeit; Hanna dachte immer sie hätte eine tolle Kindheit gehabt, wo Alle nett und verständnisvoll waren. Sie sagt selbst, sie hätte dies all die Jahre gedacht. Nun wüsste sie, dass es nicht so war (Näheres erfährt man allerdings nicht).

Das Bild vom Vater ist klar von negativen Merkmalen besetzt. Er ist schwach, muss umsorgt werden, ist angsteinflößend.

Das negative Selbstbild, das Hanna von sich zu haben scheint, kommt auch immer wieder in der Essstörungsproblematik zum Vorschein. Essgestörte erleben sich als minderwertig, schlecht, unbedeutend, nicht leibenswert. Sie leiden unter Verlassenheitsgefühlen und Verzweiflung. Ihr Verhalten wird durch das ständige Streben nach Anerkennung von anderen geleitet (Focks, 1994), so auch bei Hanna.

Auf der einen Seite schreit das „Kind in ihr“ nach Liebe und Gesehen werden. Es bzw. sie wünscht sich, dass ihre Gefühle und Bedürfnisse beachtet werden, dass ihre Bedürftigkeit gesehen wird. Sie hat Angst vor dem Allein sein, hat Schwierigkeiten zu anderen Menschen Vertrauen zu fassen und hat ständig das Gefühl es allen recht machen zu müssen.

Auf der anderen Seite allerdings steht diese große Mauer, diese Fassade der starken, taffen Frau, die alles schafft, die nach außen hin immer fröhlich ist und ein offenes Ohr für die Probleme anderer Leute hat. Diese Frau, die von allen und jedem gemocht wird, die scheinbar alles im Griff hat. Und es ist gerade diese Frau, also diese Seite von Hanna, die, wenn sie aufrechterhalten bleibt, „ich nicht überlebe“, an der „ ich zugrunde gehe“.

Auch Aebischer (2000) beschreibt das Verstecken des wahren Gesichts nach außen hin. „Dabei versucht sie die „Superfrau“ zu sein; emotionale Bedürfnisse, vor allem Gefühle der Bedürftigkeit, Einsamkeit, Minderwertigkeit, Schwäche, Wut und Aggression werden dafür verstärkt kontrolliert und aus Angst vor Verlassenheit und Kritik zurückgehalten“ (S. 50).

Zusammenfassend kann man sagen, dass Hanna „das Kind“ zum Zeitpunkt der Trennung der Eltern vielleicht zu wenig Liebe, Beachtung und Zuwendung bekommen hat und dies dazu geführt haben kann, dass sie ein schwaches Selbstbewusstsein und Eigenbild von sich entwickelt hat, das wiederum Auswirkungen auf ihre spätere Essproblematik gehabt haben kann.

4. Bulimie und Bindungsstile

Laut Steins, Albrecht und Stolzenburg (2002) gibt es Zusammenhänge zwischen bestimmten Bindungsstilen und Essstörungen. Laut ihrer Untersuchung soll es der unsicher-ambivalente Bindungsstil sein, der häufig bei Frauen mit Bulimie (und Anorexie) besteht und durch eine unzureichende Autonomieentwicklung entstehen kann.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Häufigkeitsverteilung von drei Bindungsstilen in den Gruppen essgesörter Frauen und nicht-essgesörter Frauen

Die Autoren geben an, dass die später Essgestörten eine unverlässliche elterliche Unterstützung erfahren haben. Wie oben bereits mehrfach erwähnt, kann Hanna genau dieses auch erlebt haben.

Konsequenzen dieser Art der Unterstützung sind, laut Steins und Kollegen, (a) ein Klammern und ständiges Beschäftigen der Kinder mit der Bindungsperson, um „präventiv Nähe herzustellen“ (S.267), sowie (b) geringeres Explorieren der Umgebung, um einen befürchteten Verlust der Bindungsperson zu verhindern. Beide Punkte können wiederum auf Hanna übertragen werden.

[...]

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Bulimie in Zusammenhang mit Bindungsstilen und Beziehungen
Hochschule
Leopold-Franzens-Universität Innsbruck  (Institut für Psychologie)
Veranstaltung
Klinisch-Psychologische Störungsbilder: Essstörungen
Note
2,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
26
Katalognummer
V114115
ISBN (eBook)
9783640152018
ISBN (Buch)
9783640155880
Dateigröße
563 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bulimie, Zusammenhang, Bindungsstilen, Beziehungen, Klinisch-Psychologische, Störungsbilder, Essstörungen
Arbeit zitieren
Magister Martine Bache (Autor), 2007, Bulimie in Zusammenhang mit Bindungsstilen und Beziehungen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/114115

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