Ursachen und Folgen der Aktivitäten des "Neuen Forums". Zur Bedeutung von Bürgerrechtsbewegungen für die Machteruption im DDR-Regime


Hausarbeit, 2021

19 Seiten, Note: 2,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Methoden und Techniken zur Erhaltung von Macht
2.1 Schlüsselkonzepte zur Steuerung von Bevölkerungsgruppen
2.2 Die politsoziale Ordnung in sozialistischen Regimen

3. Der Aufstieg und die politgesellschaftliche Wirkung des Neuen Forums
3.1 Gründe für den Aufstieg des Neuen Forums
3.2 Ursachen und Folgen für die Machteruption im DDR-Regime und die Rolle des Neuen Forums

4. Fazit

I. Literaturverzeichnis

II. Quellenverzeichnis

1. Einleitung

,,Die Proletarier haben nichts zu verlieren als ihre Ketten‘‘1. Mit diesen Worten beschreibt Karl Marx am Ende seines Lebenswerks, ,,Das kommunistische Manifest‘‘, das Leben der Arbeiterklasse. So werde der Proletarier ausgebeutet, während der Bourgeois dank seines Kapitals über den Proletarier umfassende Verfügungsgewalt ausübe2.

Bezieht man dieses Zitat auf den real existierenden Sozialismus in der Deutschen Demokratischen Republik, so wirkt das DDR-Regime nicht wie der Befreier der Arbeiterklasse, sondern eher wie derjenige, der dem Proletariat noch schwerere Ketten angelegt hat. Während sich die Bürger des kapitalistischen, liberalen ,,Klassenfeinds‘‘ aus dem Westen an Konsum, ökonomischer Hochkonjunktur und Reisefreiheit erfreuen können, war das Leben im Osten vor allem durch Meinungseinschränkungen, Planwirtschaft und staatlicher Überwachung gekennzeichnet. Doch wie kam es zu dieser sozialistischen Diktatur und wie gelang es ihr trotz zahlreicher Delegitimierungskomponenten vier Jahrzehnte lang zu existieren?

Nachdem das Dritte Reich durch die Niederlage im Zweiten Weltkrieg im Mai 1945 geschlagen wurde, wurde das deutsche Staatsgebiet von den Siegermächten in vier Besatzungszonen aufgeteilt. In der Sowjetischen Besatzungszone sollte ein sozialistischer Staat gebildet werden, welcher durch die Entstehung der Deutschen Demokratischen Republik am 7. Oktober 1949 mit dem Inkrafttreten der Verfassung der DDR verwirklicht wurde. Zügig wurden Enteignungen, in Form einer Bodenreform und der Verstaatlichung der Schwerindustrie, vorgenommen. Durch Josef Stalins Tod 1953 und dem damit verbundenen Kurswechsel, der vor allem mit einem verschärften ideologischen Repressionskurs verbunden war, entlud sich der Zorn der Bevölkerung im Aufstand vom 17. Juni 1953, der blutig von der sowjetischen Besatzungsmacht niedergeschlagen wurde und gleichzeitig die nicht vorhandene Souveränität offenbarte. Die Unfreiheit der Bevölkerung wurde durch den Bau der Berliner Mauer 1961 nochmal verdeutlicht und verschärft. Erst durch eine Reihe von Schlüsselereignissen gelang es das diktatorische System unter Erich Honecker zu überwinden. Eine wichtige Komponente soll in dieser Hausarbeit die Bürgerrechtsbewegungen darstellen. Ein besonderes Augenmerk wird dabei auf das ,,Neue Forum‘‘ gelegt.

Der erste Teil wird sich dabei vor allem mit politischen Machtsäulen auseinandersetzen, wodurch geklärt werden soll, wie es dem sozialistischen Regime trotz umfangreicher Delegitimation ihre politische Vormachtstellung zu bewahren.

Im zweiten Teil der Hausarbeit soll schließlich das erodierte Machtkonstrukt genauer durchleuchtet werden. Gekoppelt wird dies mit der Rolle von Bürgerrechtsbewegungen, vor allem die Errungenschaften des Neuen Forums sollen dabei herausgearbeitet werden. Es gilt schließlich folgende Frage zu beantworten: Welche Rolle spielt das Neue Forum bei der Machteruption in der DDR?

2. Methoden und Techniken zur Erhaltung von Macht

2.1 Schlüsselkonzepte zur Steuerung von Bevölkerungsgruppen

Schon Hannah Arendt bemerkte, dass niemals eine Einzelperson unbeschränkt herrschen kann. Vielmehr sind die Gruppendynamik und die soziale Ordnung dabei von nicht zu unterschätzender Bedeutung3. Jede noch so totalitäre Diktatur ist also stets auf das Wohlwollen einer mächtigen inneren oder äußeren Gruppierung oder des eigenen Volkes angewiesen. Ohne eine solche Unterstützungsbereitschaft ist der Fortbestand eines politischen Systems nicht gewährleistet und vom Kollaps bedroht. Denn ohne Legitimation durch das Volk bilden staatliche Institutionen nicht mehr als eine leere Hülle. Somit bestimmt nicht ,,die Regierung, sondern der Charakter der Völker [.] ihre Schicksale‘‘4.

Der Soziologe, Heinrich Popitz, hat sich mit dem Konzept der Machtstabilisierung auseinandergesetzt. Für die Durchleuchtung des Machtfundaments hat er sich folgende Fragen gestellt: ,,warum, aufgrund welcher Fähigkeiten können Menschen Macht ausüben?‘‘ bzw. ,,warum müssen Menschen Macht erleiden?‘‘5. Um diese Fragen zu beantworten ist Popitz im Laufe seiner Forschung auf vier verschiedene Machtformen gestoßen.

Die erste Grundform nennt sich ,,Aktionsmacht‘‘, die vor allem durch die Möglichkeit, anderen Menschen physischen oder psychischen Schaden zuzufügen, definiert wird. Vor allem menschliche Emotionen, wie Sorge, Furcht und Angst sollen auf diese Weise erzeugt werden6. Um die Aktionsmacht ausführen zu könne sei die ungleiche Machtverteilung eine wichtige Voraussetzung. Denn nur auf diese Weise lasse sich die Überlegenheit nutzen und in produktive Aktionsmacht umwandeln. Neben der körperlichen und geistigen Verletzbarkeit besteht aber auch die Möglichkeit einer Person, beispielsweise einem Regimekritiker in einem totalitären Staat, ökonomischen Schaden zuzufügen, um seine Existenz zu zerstören7. Durch eine Kettenreaktion nach der Zerstörung der ökonomischen folgt in der Regel durch gesellschaftliche Isolierung zwangsläufig die Zerstörung der sozialen Existenz. Auf diese Weise gelingt es dem totalitären Staat oftmals den individuellen Widerstand zu brechen und Nachahmern vorzubeugen.

Während die Aktionsmacht primär durch eine gewisse Art von Zwang erzeugt wird, definiert sich die autorative Macht vor allem durch einwillige Folgebereitschaft, die durch die ,,Orientierungsbedürftigkeit [...] des Menschen“8 erzeugt wird. Da der Mensch nach Führung und Anerkennung strebt, handelt sich bei den Werkzeugen dieser Machtsäule, die das Ziel haben, eine sich selbst erzeugende Autorität hervorzurufen, sofern es dem Regime gelingt einen Großteil der Bevölkerung hinter sich zu vereinen. Ist die autoratative Macht geschaffen, so können Regimegegner und -kritiker durch den gesellschaftlichen Ausschluss gebrochen oder von der Bildfläche verdrängt werden. Zu ähnlichen Ergebnissen kommt auch Gustave Le Bon. Für ihn stellt die Anbetung eines Staatsführers, der schnell in die Rolle eines Helden schlüpfen kann, eine fast religiöse Komponente dar, die eine besondere Bedeutung für die Stabilisierung der Macht innehat9.

Mit Angst und Hoffnung wird hingegen bei der instrumentellen Macht gespielt. Bei dieser Machtsäule befürchtet der Unterlegene vor allem die Anwendung von Strafen, wohingegen er auf der anderen Seite auf Belohnungen hofft10. Auf diese Weise kann loyales Verhalten zum Regime gefördert und vervielfacht werden, während Oppositionelle durch das Anwenden von Strafen dezimiert werden können.

Die letzte Säule des Machtmodells von Heinrich Popitz wird von der ,,datensetzenden Macht‘‘ dargestellt, welche einen Einfluss auf das Leben Anderer generiert, indem die herrschende Klasse, eine Personengruppe oder eine Einzelperson Artefakte in Form von Gesetzen oder Regeln setzt11. Auch lässt sich eine technische Monopolstellung, die Abhängigkeit erzeugt, in diese Machtform einordnen. Ziel der datensetzenden Macht ist demnach die Erzeugung eines Abhängigkeitsverhältnisses, das vor allem auf den Staat als übergeordnetes Gewalt- und Justizmonopol fußt.

2.2 Die politsoziale Ordnung in sozialistischen Regimen

Die Position von Regierungen in sozialistischen Regimen ist stets durch eine Überordnung gegenüber der Bevölkerung geprägt. Zwar wird durch die Herschafft des Proletariats offiziell eine klassenlose Gesellschaft angestrebt, jedoch ist eine solche Umsetzung allein schon durch die zentralistische Ordnung kaum umsetzbar. Um die politsoziale Ordnung in sozialistischen Regimen analysieren zu können, ist die Einteilung dieser Ideologie in verschiedene Aspekte notwendig. Gustave Le Bon unterscheidet hierbei die Bereiche des politischen, ökonomischen und philosophischen. Außerdem kommt der Rolle des Glaubens eine besondere Bedeutung im Sozialismus zu12. Jener Glaube dient vor allem dazu, die Hinterfragbarkeit des politischen Systems zu unterbinden, illoyale Einzelpersonen oder Personengruppen an den Pranger zu stellen und aus der sozialen Gruppe ausschließen zu können. Demnach sei es also nicht möglich den Sozialismus durch den stark ausgeprägten Glauben zum Staatsführer mit Hilfe von rational vorgetragenen Argumenten von Innen zu besiegen. Zu ähnlichen Ergebnissen kommt aus Le Bon, indem er erkennt, dass man eine Ideologie nicht bekämpft, ,,indem man seine doppeldeutigen Seiten zeigt. Nicht mit Argumenten werden Träume bekämpft‘‘13.

Die philosophische Sicht des Sozialismus wird vor allem mit der ökonomischen Entwicklung gerechtfertigt. So sei nach dem Sozialismus legitim, der Bourgeoisie mit Hilfe von Enteignungen das Eigentum zu entziehen, um einen Kollektivismus aufbauen zu können, der die zuvor ermöglichten Übergriffe auf das Proletariat unterbindet. Auf diese Weise wird das Individuum dem Kollektivismus unterworfen, indem die Initiative und die Intelligenz des einzelnen in der Masse untergeht14.

Die politischen und ökonomischen Rollen sind im Sozialismus eng miteinander verknüpft. Schon in der Verfassung der Deutschen Demokratischen Republik wird dies durch Artikel 1, welcher besagt, dass die politische Führung der Arbeiterklasse durch ihre marxistisch-leninistische Partei, der SED, umgesetzt werden solle, verdeutlicht. Eine der obersten Prioritäten in den sozialistischen Staaten sollte die Errichtung einer Gesellschaft von Gleichen, sowohl in finanzieller Hinsicht als auch in Bezug auf Besitz und Eigentum, sein.

Eine freie oder soziale Marktwirtschaft war im Ostblock und demnach auch in der DDR nicht existent. Viel mehr war die dortige Ökonomie durch die Planwirtschaft definiert. Durch gezielte Umverteilungsmaßnahmen und das damit Einhergehende Ausbleiben finanzieller und gesellschaftlicher Aufstiegsmöglichkeiten sollte die ökonomisch­gesellschaftliche Gleichheit hergestellt bzw. verteidigt werden.

Der totalitäre Charakter des DDR-Regimes wird insbesondere deutlich, sobald man sich den Umgang man Andersdenkenden ansieht. Bürger, welche nicht linienkonform zum Regime standen, wurden schnell als Feindbild deklariert15 und durch das Ministerium für Staatssicherheit politisch verfolgt. Dem MfS kommt dabei eine äußerst machtstabilisierende Rolle für die Herrschenden zu, denn schon Hannah Arendt erkannte, dass das eigentliche ,,Machtzentrum des totalitären Staates [...] die Geheimpolizei‘‘16 sei.

Während man also gegenüber Regimekritikern äußerst rigide vorging, sollte nach außen hin eine Form der moralischen Überlegenheit zur Schau gestellt werden. Man verpflichtete sich dazu eine antifaschistische Doktrin an den Tag zu legen, um ein friedliches Miteinander in Europa gewährleisten zu können17. Es sollte nie wieder Krieg von deutschem Boden ausgehen, wodurch das kriegsgebeutelte Land seinen Frieden finden sollte. Auf diese Weise gelang es den Herrschenden einen Großteil der Bevölkerung zeitweise zu besänftigen, auch wenn diese vom Sozialismus nicht umfassend überzeugt war.

3. Der Aufstieg und die politgesellschaftliche Wirkung des Neuen Forums

3.1 Gründe für den Aufstieg des Neuen Forums

Nachdem die Bevölkerung der DDR nach der Niederschlagung des Volksaufstands am 17. Juli 1953 durch die Sowjetunion die eigene fehlende Souveränität erkannte, zogen sich Oppositionelle aufgrund der fehlenden partizipatorischen Möglichkeiten über die nächsten Jahrzehnte in das Private zurück18. Erst im Laufe der achtziger Jahre erblühte ein neues Gefühl von Aufbruchsstimmung, welche vor allem durch die Gründung verschiedener Bürgerrechtsbewegungen kanalisiert wurden.

Durch die nichtvorhandene Überzeugung der Bevölkerung gegenüber dem sozialistischen Regime fußte jenes lediglich auf einer dünnen Machtstruktur, vor allem durch Gewalt und Unterdrückung gegenüber Dissidenten geprägt. Bei jenen Oppositionellen wirkte auch das antifaschistische und pazifistische Dogma nicht, um diese auf Linie zu bringen.

[...]


1 Marx/Engels 2019: 29

2 Vgl. ebd.: 17

3 Vgl. Arendt 1970: 45

4 Le Bon 2020: 86

5 Popitz 1992: 23

6 Vgl. ebd.: 44

7 Vgl. ebd.: 24

8 Ebd.: 28

9 Vgl. Le Bon 2020: 74

10 Vgl. Popitz 1992: 25

11 Vgl. ebd.: 30

12 Vgl. Le Bon 2019: 20

13 Ebd.: 21

14 Vgl. ebd.: 22

15 Vgl. Kowalczuk 2015: 52

16 Arendt 2020: 869

17 Vgl. Kowalczuk 2015: 55

18 Vgl. ebd.: 59

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Ursachen und Folgen der Aktivitäten des "Neuen Forums". Zur Bedeutung von Bürgerrechtsbewegungen für die Machteruption im DDR-Regime
Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen  (Historisches Institut)
Veranstaltung
Proseminar Widerstand und Opposition in der DDR 1949-1990
Note
2,7
Autor
Jahr
2021
Seiten
19
Katalognummer
V1141808
ISBN (eBook)
9783346518897
ISBN (Buch)
9783346518903
Sprache
Deutsch
Schlagworte
DDR, Ostblock, Kalter Krieg, SED, Neues Forum, Macht, Sozialismus, Bürgerrechtsbewegung, Revolution, Friedliche Revolution
Arbeit zitieren
Jannick Skupin (Autor:in), 2021, Ursachen und Folgen der Aktivitäten des "Neuen Forums". Zur Bedeutung von Bürgerrechtsbewegungen für die Machteruption im DDR-Regime, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1141808

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