Memoria/e: Bibliotheken

„Schatzkammern des menschlichen Geistes“


Seminararbeit, 2006

21 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1. Was sind Bibliotheken?
1.2. Bedingungen für die Entstehung von Bibliotheken

2. Bibliotheksgeschichte
2.1. Die Entstehung von Bibliotheken im Altertum
2.2. Die Entstehung von Bibliotheken in der Ptolemäerzeit
2.3. Griechische und römische Bibliotheken
2.4. Die Entstehung von Bibliotheken in Christentum und Mittelalter
2.5. Humanismus und Reformation
2.6. Das Bibliothekswesen in der Neuzeit

3. Fazit und Ausblick

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

1.1. Was sind Bibliotheken?

Lehrer kennen sie, Schüler kennen sie, Professoren kennen sie, Studenten kennen sie, aber auch ältere Damen und Herren sind mit ihnen vertraut: Bibliotheken. Sie alle haben schon Zeit in der Bibliothek verbracht. Ob zum Studium oder zur Lehre, zum Lernen oder eben nur zum Schmökern, die Bibliotheken haben für alle das passende Buch parat. Doch was sind Bibliotheken eigentlich. Der Begriff selbst kommt ursprünglich vom griechischen Wort bibliotheke und hat zunächst nichts mit der Einrichtung Bibliothek zu tun. Er meint zunächst nichts anderes als Bücherablage oder Bücherbehältnis, also eigentlich kein eigenes Gebäude.[1] Joris Vorstius definiert in seinem Buch „Grundzüge der Bibliotheksgeschichte“ eine Bibliothek als

„[…] eine Sammlung von Literaturdenkmälern zum Gebrauch durch einen mehr oder weniger großen Benutzerkreis. Je nach Zweck unterscheidet man Bildungsbibliotheken, Fachbibliotheken und allgemeine wissenschaftliche Bibliotheken. Die kulturelle Aufgabe der Bibliotheken besteht erstens in der Aufbewahrung und Erhaltung des Schrifttums; sie sind dafür verantwortlich, daß der Faden der Überlieferung niemals abreißt, sind die ‚Schatzkammern des menschlichen Geistes’ (Leibniz); zweitens stellen sie das Schrifttum zur Verfügung und erschließen es durch zweckdienliche Einrichtungen“[2].

Neben einem Informationsort für Studenten, Schüler und sonstige Wissbegierige ist die Bibliothek vor allem ein historischer Aufbewahrungsort für das kulturelle und kollektive Wissen der Menschheit. Informationen können mit dem sterbenden Menschen, der dieses Wissen bewahrt, für immer verloren gehen. Sind seine Erkenntnisse aber in einem Buch notiert, so wird dieses sicherlich in einer Bibliothek vorzufinden sein. Dieses Wissen wird der Menschheit erhalten bleiben. Das Buch kann die Information jedem Rezipienten in jeder Zeit und an jedem Ort weitertragen. Mit Hilfe der Bibliotheken wird dieses Wissen aufbewahrt und ist für jedermann auffindbar. „Sie […] dienen damit der Höherentwicklung der Menschheit.“[3] Es sei denn, der Rezipient beherrscht den Zugangscode zum Buch nicht: die Schrift. Dann ist für ihn der Zugang zum kollektiven Wissen über Bücher nicht mehr möglich. Es müssen also verschiedene Bedingungen herrschen und Voraussetzungen erfüllt sein, damit das kollektive Wissen mit Hilfe von Büchern und Bibliotheken weitergegeben werden kann.

1.2. Bedingungen für die Entstehung von Bibliotheken

Ganz wichtig als Voraussetzung für die Entstehung von Büchersammlungen ist die Ausbildung der Schrift. Vorläufer der heutigen Schrift sind Felsbilder, die erstmals rund 35.000 Jahre vor unserer Zeit an Höhlenwänden auftauchten. Sie dienten wahrscheinlich als Gedächtnisstützen für mündliche Erzählungen. Diese Felsbilder sind mit Schrift vergleichbar, da sie mittels eines wiederkehrenden Zeicheninventars der Notation komplexer Erzählungen dienten. Diese so genannten Mythogramme erzählten dem Betrachter eine Geschichte, die er in dieser Art und Weise jederzeit weitererzählen konnte. Die daraus entstehende Schrift, die wir heute kennen, trennt sich vom kollektiven Gedächtnis dieser Mythogramme. Sie ist nur von denen lesbar, die die Technik des Lesens, also den Zugangscode, beherrschen. Das ist ein Nachteil. Die Schrift hat aber einen großen Vorteil gegenüber solcher für jeden verständlichen Mythogramme: Sie ermöglicht, sich vom Bild zu lösen und beliebige, bislang „unerhörte“ Inhalte aufzuzeichnen.

„Schrift bedeutet daher nicht nur die Trennung von Leser und Nichtleser, sondern auch zugleich die Verfügbarkeit über ein unbegrenztes Notationssystem.“[4]

Schrift kann dem Rezipienten also auch Gefühle und abstrakte Begriffe nachvollziehbar und verständlich machen. Die lineare Schrift entwickelte sich um 3500 v. Chr. in den Hochkulturen im Zweistromland, in Ägypten und China. Hier liegt auch der Beginn der Bibliotheken im Sinne von „räumlich abgetrennten Aufbewahrungsorten von Schriftträgern“[5].

Eine zweite wichtige Voraussetzung für die Aufbewahrung von Schriftstücken in Bibliotheken ist die „Entfaltung der Literatur bis zu einem Umfang, für den die mündliche Tradition nicht mehr ausreichte“[6]. Irgendwann war es nicht mehr möglich das Niedergeschriebene fehlerlos im Gedächtnis zu behalten. Die Informationsmenge war zu groß geworden. Erst dieses Verlangen nach Aufbewahrung gab der Entstehung von Bibliotheken den entscheidenden Schub.

Die Entstehung einer Schicht literarisch Gebildeter, für die es eine Notwendigkeit ist, zu Büchersammlungen Zugriff zu haben, ist die dritte wichtige Voraussetzung. Erst wenn diese drei Punkte zutreffen, können Büchersammlungen entstehen.

2. Bibliotheksgeschichte

2.1. Die Entstehung von Bibliotheken im Altertum

Das erste, frühe Bibliothekswesen entwickelt sich in den ersten, frühen Staaten im Vorderen Orient.[7] Verbunden mit der Entstehung der Bibliotheken war das Weitergeben von Wissen. Wissen, das nicht verloren gehen durfte. Frühe Hochkulturen, die beispielsweise gelernt hatten, Metalle zu verarbeiten, benötigten Archive und Aufbewahrungsorte für ihre Erkenntnisse. Zusätzlich war bei diesen führen Hochkulturen bald ein gesellschaftlicher Komplexitätsgrad erreicht, der die schriftliche Kontrolle vieler Lebensbereiche und die gleichzeitige Archivierung der Schriftdokumente notwendig machte. Dementsprechend waren im Alten Orient die frühesten aus der Zeit um 3000 v. Chr. überlieferten Texte Wirtschaftstexte aus dem Bereich der staatlichen Bürokratie.[8]

„Das immer reichere Auftreten von Schrifttexten, Akten und Literatur, macht feste Sammelplätze erforderlich: erste allgemeine, noch undifferenzierte Dokumentensammelstellen, die gleichzeitig und ungeschieden die Funktionen von Archiven, Bibliotheken, kultischen Sammlungen und frühen Informationszentren wahrnehmen.“[9]

Erst rund 1000 Jahre später kamen zu diesen Schriftdokumenten Briefe von Kaufleuten hinzu, die in Privatarchiven aufbewahrt wurden. Diese privaten Textsammlungen können aber nicht als Bibliotheken bezeichnet werden, weil ihnen „das Kennzeichen einer planvollen Sammlung“[10] fehlt.

Die erste nachgewiesene Bibliothek, die das Kriterium einer planvollen Sammlung erfüllt, ist die Bibliothek Assurbanipals (668-627 v. Chr.). Sie geht auf Bestände der in Assur von Tiglatpileser I. (1112-1074 v. Chr.) zusammengetragenen Bibliothek zurück. Die früheste uns bekannte Bibliothek ist also eine imperiale Bibliothek. Ein Herrscher eignete sich die Kultur eines unterlegenen Volkes an, um sie mit der eigenen Kultur zu verschmelzen. In diesen Bibliotheken wurden noch keine Bücher gesammelt, sondern Tontafeln. Sie wurden mittels eines keilförmigen Stiftes „beschrieben“ solange die Tafeln noch weich waren. Um sie haltbar zu machen, wurden sie getrocknet oder gebrannt. „Die Tonziegel scheinen auf Brettern, in hölzernen Regalen oder in Kisten aufbewahrt worden zu sein […]“[11]. Der Umfang der Bibliothek von Assurbanipal wird auf 5000 bis 10.000 Tafeln geschätzt, die von Tiglatpileser auf einige hundert Tafeln.[12]

Der umfänglichste Fund von Keilschrifttafeln ist nicht der Bestand einer großen Bibliothek, sondern besteht aus den Überresten verschiedener privater Tafelsammlungen, die sich dort in den ehemaligen Priesterquartieren und Tempelschulen befanden. Der so genannte „Tafelhügel“ in Nippur umfasste rund 40.000 Tontafeln[13].

Der allmähliche Niedergang des assyrisch-babylonischen Herrschaftskomplexes im 1. Jahrtausend v. Chr. und kulturelle Neuerungen (z.B. die Ausbildung der leichter zu handhabenden Konsonantenschrift) besiegelten den Untergang der Keilschrift und damit auch das Ende der Keilschriftbibliotheken.

Die ältesten in Ägypten bezeugten Texte sind dagegen keine Wirtschaftstexte wie in Mesopotamien. Schrift war hier nicht das Kennzeichen der Staatsbürokratie und einer Händlerschicht, sondern zunächst strikt dem Pharao und seinem Hof vorbehalten, bis sich im 3. Jahrtausend v. Chr. der Stand der Schreiber-Beamten herausbildete. Ein Stand, in dem Schriftkenntnis und Ausübung von Herrschaft eng miteinander verknüpft waren. Diese Verknüpfung schränkte die Beherrschung von Schrift auf den Kreis der staatlichen Funktionsträger ein.

[...]


[1] Uwe Jochum: Kleine Bibliotheksgeschichte, Stuttgart, 1993, S. 34.

[2] Joris Vorstius / Siegfried Joost: Grundzüge der Bibliotheksgeschichte, Wiesbaden, 1980, S. 1.

[3] Joris Vorstius / Siegfried Joost: Grundzüge der Bibliotheksgeschichte, Wiesbaden, 1980, S. 1.

[4] Uwe Jochum: Kleine Bibliotheksgeschichte, Stuttgart, 1993, S. 12.

[5] Ebd., S. 13.

[6] Joris Vorstius / Siegfried Joost: Grundzüge der Bibliotheksgeschichte, Wiesbaden, 1980, S. 1.

[7] Karl-Heinz Weimann: Bibliotheksgeschichte, Lehrbuch zur Entwicklung und Topographie des Bibliothekswesens, München, 1975, S. 14.

[8] Uwe Jochum: Kleine Bibliotheksgeschichte, Stuttgart, 1993, S. 13.

[9] Karl-Heinz Weimann: Bibliotheksgeschichte, Lehrbuch zur Entwicklung und Topographie des Bibliothekswesens, München, 1975, S. 18.

[10] Uwe Jochum: Kleine Bibliotheksgeschichte, Stuttgart, 1993, S. 14.

[11] Karl-Heinz Weimann: Bibliotheksgeschichte, Lehrbuch zur Entwicklung und Topographie des Bibliothekswesens, München, 1975, S. 18.

[12] Uwe Jochum: Kleine Bibliotheksgeschichte, Stuttgart, 1993, S. 16.

[13] Ebd., S. 16.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Memoria/e: Bibliotheken
Untertitel
„Schatzkammern des menschlichen Geistes“
Hochschule
Universität Karlsruhe (TH)  (Institut für Literaturwissenschaft)
Veranstaltung
Oberseminar: Memoria/e - Techniken, Strukturen und Verortungen des kulturellen Gedächtnisses
Note
1,3
Autor
Jahr
2006
Seiten
21
Katalognummer
V114188
ISBN (eBook)
9783640157556
Dateigröße
473 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Diese Abhandlung nimmt eine begriffliche und historische Einordnung von Bibliotheken vor und macht ihre Bedeutung zur Aufbewahrung des kulturellen Gedächtnisses deutlich.
Schlagworte
Memoria/e, Bibliotheken, Oberseminar, Techniken, Strukturen, Verortungen, Gedächtnisses
Arbeit zitieren
Markus Gentner (Autor), 2006, Memoria/e: Bibliotheken, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/114188

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