Tatort: "Duisburg-Ruhrpot"

Schimanski - Prügelkommissar und Antiheld?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006

18 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Der wahre deutsche Gesellschaftsroman

2. Duisburg-Ruhrort
2.1. Ein neues Konzept und ein neuer Ermittler
2.2. Schimanski und Thanner – Ein Ermittlerteam
2.3. Held oder Antiheld?
2.4. Harte Schale, weicher Kern?
2.5. Götz George macht Schimanski zu Schimanski

3. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Der wahre deutsche Gesellschaftsroman

Jeden Sonntag-Abend ab viertel nach Acht fiebern bis zu 10 Millionen Zuschauer[1] in Deutschland vor den Fernsehapparaten mit den Ermittlern der erfolgreichsten deutschen Kriminalfilm-Reihe mit: es ist Tatort-Zeit. Seit über 35 Jahren verteidigt der Tatort mehr als erfolgreich seinen traditionellen 90-Minuten-Sendeplatz im Ersten Programm. Warum aber konnte und kann der Tatort sich so lange im TV behaupten? Die ARD hat dafür selbst folgende Erklärung:

„Der Tatort ist erfolgreich, weil er realistisch ist. Seine Kommissarinnen und Kommissare sind ein Abbild unserer gesellschaftlichen Verhältnisse. Dazu zählt der Familienvater Freddy Schenk genauso wie die alleinerziehende Mutter Inga Lürsen, die Frauenhelden Batic, Leitmayr und Menzinger, die verwitwete Klara Blum oder die verliebte WG-Mitbewohnerin Charlotte Lindholm.“[2]

Jochen Vogt, der Herausgeber von MedienMorde, findet noch weitere Gründe für die Erfolgsgeschichte des Tatorts. Als gegen Ende der sechziger Jahre in Deutschland der Bedarf nach einer bodenständigen Fernseh-Krimi-Serie stieg, die als Gegengewicht zu den zunehmend beliebten US-amerikanischen Importen fungieren sollte, entwickelte die ARD ein Konzept, das „eine Erfolgsgeschichte aus dem Geiste der Verlegenheit und des Kompromisses“[3] wurde. Zunächst hatte die Arbeitsgemeinschaft der öffentlich-rechtlichen Rundfunkgesellschaften Deutschlands aufgrund ihrer schwerfälligen Struktur das Nachsehen und das ZDF befriedigte mit der Serie Der Kommissar zuerst den Bedarf nach einer TV-Krimi-Serie. Doch gerade die für Entscheidungen und Planungen eigentlich hinderliche föderale Struktur der ARD trug zum Erfolg des Tatorts bei. Der damalige Fernsehspiel-Koordinator des Ersten Horst Jaedicke war sich des Problems der eigenständigen Sendeanstalten bewusst, sah aber auch genau darin die reizvolle Chance, eine kriminalistische Serie mit landschaftlich unterschiedlichen Schauplätzen und wechselnden Ermittlern zu schaffen[4]. Die „jeweils von den regionalen Sendeanstalten produzierten Serien mit einer wachsenden Zahl von Drehbuchautoren, Regisseuren und Ermittlerfiguren/Darstellern“[5] bildeten zu Beginn keine durchgehende Serie. Im Laufe der Jahre zeigte sich genau hierbei ein entscheidender Grund für den großen Erfolg des Tatorts. Auch die ARD selbst weiß heute noch diese abwechslungsreiche Krimiunterhaltung zu schätzen und hebt das Konzept der unterschiedlichen Kommissare und ihrer Einsatzgebiete hervor:

„Die ARD als Arbeitsgemeinschaft der Rundfunkanstalten Deutschlands sieht sich dem Föderalismus und der Förderung der Regionen in besonderer Weise verpflichtet. Die 22 Ermittlerteams aus Tatort und Polizeiruf 110 tragen dazu auf unterhaltsame und sehr erfolgreiche Weise bei.“[6]

Der erste Tatort überhaupt wurde am 29.11.1970 vom NDR ausgestrahlt und trug den Titel Taxi nach Leipzig. Seither haben insgesamt 75 verschiedene Ermittler in 630[7] Folgen ihre Fälle gelöst (oder auch nicht). Für Jochen Vogt ist das Konzept der verschiedenen miteinander produktiv wetteifernden Anstalten ein Erfolgsrezept, denn sie „bringen eine breite Auswahl von Schauplätzen, aber auch von Detektivfiguren jedes Alters und Geschlechts und mit sehr divergierenden Mentalitäten, Lebensstilen und Ermittlungsmethoden auf den Bildschirm“[8] .

So viele Vorteile diese Struktur für das Konzept des Tatorts hat, so hat sie selbstverständlich auch einige Nachteile für die einzelnen Ermittlerfiguren der laufenden Reihe, wie Dietrich Leder in seinem Aufsatz Ortsbegehungen – Der „Tatort“ des WDR feststellt:

„Jeder neue Kommissar hat es unglaublich schwer, so etwas wie eine Persönlichkeit zu erlangen. Am schwersten haben es jene, die für kleine Sendeanstalten auf Mörderjagd gehen, da sie halt nicht so oft an der Reihe sind.“[9]

Seit ein paar Jahren bemühen sich die Autoren aber immer wieder ihren Figuren Profil zu geben. So trauert eine Charlotte Lindholm um ihren Freund[10] und ein Freddy Schenk muss feststellen, dass er zu dick ist und deshalb fast Opfer eines Kriminellen wird[11]. Aber selbst wenn sich der Fernsehzuschauer trotz gesteigerter Persönlichkeiten der Tatort-Ermittlerfiguren nicht wiedererkennt, so können die Tatort-Fans im Abstand von mehreren Wochen immer wieder Fälle aus der eigenen Region sehen. Der Kriminalfall wird vor die Haustür verlegt. „Für Tatort erscheint die Thematisierung bzw. Integration konkreter Städte als zentrales Phänomen.“[12] Ob es nun die Hauptstadt Berlin mit ihren verschiedenen Sehenswürdigkeiten, das nördliche Kiel, die ländliche Umgebung Hannovers oder das industriell geprägte Ludwigshafen ist, immer wieder werden die Fernsehzuschauer Plätze erkennen und auf ihr eigenes Leben, ihre eigene Nachbarschaft reflektieren.

„Tatort arbeitet also mit einem hohen Anteil von Außenaufnahmen – und viele dieser Schauplätze sind für das Publikum identifizierbar, zumeist weil sie bekannte und geschichts- oder symbolträchtige Orte und Bauwerke, so genannte landmarks in den Blick rücken.“[13]

Der Tatort wird dadurch nicht nur greifbarer als andere Kriminalfilme, sondern für den Zuschauer realistischer. „Das Erzählmuster der Detektivgeschichte, eben das Aufdecken, die Detektion, wird hier sehr wirkungsvoll mit der folkloristischen Bilderwelt verschmolzen: Landeskunde als Thriller.“[14]

Der Tatort ist auch ein Spiegel seiner Zeit. Schaut man sich ältere Folgen an, so stellt man fest, dass damals andere Motive zur Straftat beitrugen. Waren es früher überwiegend Eifersuchtsdelikte und Morde aus Habgier, so reichen diese Motive heute nicht immer aus.

„Ein Tatort-Klassiker aus den späten Siebzigern, Reifeprüfung […], inszeniert die leidenschaftliche Beziehung zwischen einem Studienrat und einer Schülerin als tödliches Eifersuchtsdrama. Das allein wäre heute kaum noch tragfähig, müsste zumindest um zusätzliches Konfliktpotential […] angereichert werden.“[15]

[...]


[1] Jochen Vogt: Tatort – der wahre deutsche Gesellschaftsroman, Eine Projektskizze. In: Jochen Vogt (Hg.): MedienMorde, Krimis intermedial, München, 2005, S. 112.

[2] Im Internet: http://www.daserste.de/tatort/faq.asp, 11. Mai 2006, 19:25 Uhr.

[3] Jochen Vogt: a.a.O., S. 114.

[4] Kirsten Villwock: Schimanski – in der Fernsehserie, im Kinofilm, im Roman (IfAM-Arbeitsberichte 4, Fernsehstars 2), Bardowick, 1991, S. 20f.

[5] Jochen Vogt: a.a.O., S. 114.

[6] Im Internet: http://www.daserste.de/tatort/faq.asp, 11. Mai 2006, 20:40 Uhr.

[7] Stand: 11. Mai 2006. Vgl. auch im Internet: http://www.tatort-fundus.de/fundusalt.shtml (die Angabe eines Deep-Links war nicht möglich. Auf der Site bitte unter den Links „Folgen“ und „2006“ nachschauen, M.G.).

[8] Jochen Vogt: a.a.O., S. 114.

[9] Dietrich Leder: Ortsbegehungen, Der „Tatort“ des WDR. In: Quotenfänger Krimi, Das populärste Genre im deutschen Fernsehen, Köln, 1999, S. 51.

[10] Vgl. den Tatort vom 22.01.2006 (Erstausstrahlung): Schwarzes Herz.

[11] Vgl. den Tatort vom 15.01.2006 (Erstausstrahlung): Blutdiamanten.

[12] Björn Bollhöfer: Stadtansichten, Filmischer Raum und filmisches Image im Tatort. In: Jochen Vogt (Hg.): MedienMorde, Krimis intermedial, München, 2005, S. 133.

[13] Jochen Vogt: a.a.O., S. 113.

[14] Ebd., S. 117.

[15] Ebd., S. 121.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Tatort: "Duisburg-Ruhrpot"
Untertitel
Schimanski - Prügelkommissar und Antiheld?
Hochschule
Universität Karlsruhe (TH)  (Institut für Literaturwissenschaft)
Veranstaltung
Die Republik im Fadenkreuz - Der Tatort als Spiegel der bundesrepublikanischen Gesellschaft (1970-2000)
Note
1,7
Autor
Jahr
2006
Seiten
18
Katalognummer
V114189
ISBN (eBook)
9783640157563
Dateigröße
447 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Diese Abhandlung setzt sich mit den Besonderheiten der Krimireihe Tatort in der ARD auseinander und stellt am Beispiel von "Dusiburg - Ruhrort" mit Kommissar Horst Schimanski die konzeptionellen Auffälligkeiten in den Vordergrund. Dabei wird insbesondere auf die gesellschaftskritische Seite der Reihe aingegangen. Diese Abhandlung setzt sich mit den Besonderheiten der Krimireihe Tatort in der ARD auseinander und stellt am Beispiel von "Dusiburg - Ruhrort" mit Kommissar Horst Schimanski die konzeptionellen Auffälligkeiten in den Vordergrund. Dabei wird insbesondere auf die gesellschaftskritische Seite der Reihe eingegangen.
Schlagworte
Republik, Fadenkreuz, Spiegel, Gesellschaft, Duisburg-Ruhrort, Krimireihe, Serie, Krimiserie, Krimi, Ruhrpott, Schimanski, Antiheld, Prügelkommissar, Kommissar
Arbeit zitieren
Markus Gentner (Autor), 2006, Tatort: "Duisburg-Ruhrpot", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/114189

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