Häusliche Arbeitsteilung in West- und Ostdeutschland. Ein Vergleich


Hausarbeit, 2020

26 Seiten

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

2. Definition häusliche Arbeitsteilung und Erwerbsarbeit
2.1. Die ökonomische Theorie der Arbeitsteilung
2.2. Die geschlechterspezifische Theorie der Arbeitsteilung

3. Methode

4. Familienstrukturen und (häusliche) Arbeitsteilung in Westdeutschland
4.1. Kindererziehung und -betreuung im Westen Deutschlands
4.2. Familienstruktur und (häusliche) Arbeitsteilung in Ostdeutschland
4.3. Kindererziehung und -betreuung in Ostdeutschland

5. Fazit

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Zeitaufwand im synthetischen Lebenslauf (westdeutsche Frauen)

Abbildung 2: Zeitaufwand im synthetischen Lebenslauf (westdeutsche Männer)

Abbildung 3: Zeitaufwand im synthetischen Lebenslauf (ostdeutsche Frauen)

Abbildung 4: Zeitaufwand im synthetischen Lebenslauf (ostdeutsche Männer)

1. Einleitung

Arbeitsteilige Prozesse in Paarbeziehungen sind in den letzten Jahren nicht zuletzt durch die ansteigende Teilhabe der Frau am Arbeitsmarkt, zunehmend in das Interesse der sozialwissenschaftlichen Forschung gerückt. Es existiert bereits eine Vielzahl von Studien und empirischen Untersuchungen zu diesem kontrovers diskutierten Thema. Die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung von Paaren hat sich seit Mitte des letzten Jahrhunderts enorm verändert. Damit einhergehend haben sich auch die normativen Geschlechterorientierungen stark in Richtung größerer Egalität entwickelt, sodass sich beispielsweise die Erwerbsquoten von Frauen seit den 1960er Jahren nahezu verdoppelt haben (Grunow, 2013: 385). Darüber hinaus entspricht auch das über Generationen hinweg praktizierte Modell der Versorgerehe, bei dem der männliche Ernährer durch Erwerbsarbeit für den Familienunterhalt und die ökonomische Absicherung der Familie sorgt, kaum noch der Realität von modernen Paaren (Grunow, 2013: 385 f.). Stattdessen wird heutzutage vermehrt das Konzept der gleichberechtigten Ehe gelebt, welches sogar im Jahr 1958 im Gesetz1 verankert worden ist und zur zunehmenden Berufstätigkeit und damit einhergehend auch zu einer gewissen finanziellen Unabhängigkeit der Frau geführt hat.

Die Lebensumstände der Frauen haben sich in den vergangenen Jahrzehnten also stark ver­ändert. Dennoch zeigt sich, dass sich trotz dieser tiefgreifenden Veränderung und der modernisierten Rollenauffassung, die geschlechterspezifische Arbeitsteilung in den Bereichen Hausund Familienarbeit in erstaunlich geringem Maße verändert hat (Grob & Stuhlmann, 2009: 305). In Anbracht dessen, stellt sich die Frage, weshalb sich der gesellschaftliche Wandel der letzten Jahre, welcher sich einerseits in zunehmender Berufstätigkeit der Frau und andererseits in veränderten normativen Geschlechterrollenvorstellungen äußert, sich nicht auch gleichermaßen in der Verteilung der unbezahlten Hausarbeit fortsetzt (Grob & Stuhlmann, 2009: 305). Frauen leisten im Vergleich zu Männern einen immer noch deutlich größeren Anteil an Hausarbeit, Kinderversorgung bzw. -betreuung und Pflege. Daraus ergibt sich ein höherer Anspruch der Gleichverteilung der häuslichen Arbeit, da die verfügbare Zeit für unbezahlte Hausarbeit reduzierter und damit die Gefahr einer Doppel- oder Dreifachbelastung der Frauen mehr und mehr gegeben ist. Allerdings lässt sich unter Berücksichtigung der momentan gelebten familiären Strukturen eine Annäherung an gleicher Partizipation(zeit) der Männer und Frauen an häuslichen Tätigkeiten nur als allmählich einsetzende Veränderung beobachten.

Die Frage, welche in der vorliegenden Ausarbeitung thematisiert wird, bezieht sich auf die Auswirkungen dieser Modernisierung der Geschlechterrollen in deutschen Familien. Hierbei wird der Fokus auf die Herausstellung von Unterschieden bei der Verteilung häuslicher Arbeit und Erwerbsarbeit zwischen Ost- und Westdeutschland gesetzt. Tatsache ist, dass auch nach Jahren der Wiedervereinigung in beiden Teilen Deutschlands Differenzen bezüglich der Ge- schlechtervorstellungen, der häuslichen Arbeitsteilung und Erwerbsarrangements in partnerschaftlichen Beziehungen fortbestehen (Schmitt & Trappe, 2014: 1). Besonders im Bereich der häuslichen Arbeitsteilung, welcher hauptsächlich als eine Tätigkeit angesehen wird, die erledigt werden muss, die aber im Vergleich zur Erwerbsarbeit weder angemessen entlohnt wird, noch zu einer vergleichbaren Anerkennung führt (Haberkern, 2007: 162), gibt es starke Abweichungen zwischen Ost- und Westdeutschland. Aus diesem Grund ist es interessant zu untersuchen, wo genau diese Unterschiede zwischen West- und Ostdeutschland liegen und wie diese zu begründen sind.

Darüber hinaus widmet sich diese Ausarbeitung der Frage, aus welchem Grund sich trotz egalitären modernen Denkens, traditionelles Handeln ergibt und ob dies mit rein rationalen ökonomischen Motiven oder eher mit gesellschaftlich (re)produzierten Geschlechterrollen begründetwerden kann. Ziel dieser Arbeit ist es, die beiden Teile Deutschlands in ihrer Unterschiedlichkeit in Bezug auf die Arbeitsteilung in Paarbeziehungen gegenüber zu stellen und zu vergleichen. Hierfür wird zunächst der Begriff der häuslichen Arbeit genauer erläutert und mit dem der Erwerbsarbeit gegenübergestellt. Folgend werden zwei Theorien zur Erklärung von partnerschaftlicher Arbeitsteilung thematisiert. Als rational choicebasierter Ansatz wird die ökonomische Theorie und als rollentheoretischerAnsatz die Geschlechterrollentheorie vorgestellt. Auf dieser Theoriegrundlage wird dann in einem ersten Schritt die häusliche sowie die berufliche Arbeitsteilung im Westen Deutschlands thematisiert und in einem zweiten mit der des Ostens in einen Vergleich gesetzt. Abschließend fasst ein Fazit die gewonnenen Erkenntnisse zusammen und gibt einen Ausblick.

2. Definition häusliche Arbeitsteilung und Erwerbsarbeit

Man unterscheidet bei den im Haushalt zu leistenden Arbeiten grundsätzlich zwischen der bezahlten Produktionsarbeit und der unbezahlten Reproduktionsarbeit. Produktionsarbeit bedeutet die finanzielle Versorgung des Haushaltes durch Erwerbsarbeit.2 Im Gegensatz dazu meint Reproduktionsarbeit alle familienbezogenen Arbeiten für sich selbst, aber auch für den gesamten Haushalt bzw. Familie ((Ehe)partner, Kinder etc.). Dabei umfasst sie neben der eigentlichen Hausarbeit (Waschen, Putzen, Kochen, Bügeln etc.) auch Familienarbeiten wie Kinderbetreuung und Pflege von Angehörigen.3 Sogar die Aufrechterhaltung von sozialen Kontakten mit Freunden, Bekannten oder Verwandten wird als Teil der Reproduktionsarbeit gesehen.4 Diese Arbeiten werden nicht vergütet, obwohl sie gesellschaftlich ebenso notwendig und wichtig sind, wie Erwerbsarbeiten und darüber hinaus auch einen hohen Zeitaufwand verlangen.5

Unter häuslicher Arbeitsteilung versteht man die Verteilung der häuslichen Tätigkeiten auf die Mitglieder des Haushaltes und/oder die Delegation an Dritte (Haushaltshilfe, Wäscherei etc.). Dabei lassen sich zwei konträre Modelle zur Organisation der Arbeitsteilung unterscheiden: das traditionelle Familienmodell, bei dem es eine geschlechterspezifische Arbeitsteilung mit dem Mann in der Rolle des Familienernährers und der Frau als Zuständige für Haushalt und Kinder gibt und die egalitäre Arbeitsteilung, welche die gleichberechtigte faire Verteilung der Haus-, Familien- und Erwerbsarbeit anstrebt.6

Werden die anfallenden Tätigkeiten im Haushalt nicht „gerecht“ zwischen den Haushaltsmitgliedern verteilt, wie es bei dem traditionellen Familienmodell häufig der Fall ist, kann es zu einer Doppel- bzw. Dreifachbelastung für diejenige Person kommen, die sowohl die finanzielle Versorgung als auch den Großteil der Haushaltstätigkeiten und Reproduktionsarbeiten übernimmt.7

2.1. Die ökonomische Theorie der Arbeitsteilung

Ausgangsgrundlage der ökonomischen Theorie ist die Modellvorstellung des Menschen als Homo oeconomicus8, welche besagt, dass Menschen versuchen ihren individuellen Nutzen zu maximieren und dabei stets rational handeln. Innerhalb der ökonomischen Theorie der Arbeitsteilung wird diese Annahme jedoch dahingegen modifiziert, dass die Personen ihre Nutzenfunktion maximieren und somit zum maximalen Nutzen des Kollektivs Familie beitragen (Hill & Kopp, 2002: 115). Es ist also so, dass nicht der Eigennützen eines jeden Mitglieds im Vordergrund steht, sondern das gemeinschaftliche Interesse an der Nutzenmaximierung aller im Haushalt lebender Akteure (Hill & Kopp, 2002: 245). Nutzenmaximierung heißt, dass vorhandene Güter und Ressourcen so eingesetzt werden, dass sie für die Akteure in der Familie den größtmöglichen Ertrag bringen. Menschliches Handeln folgt demnach weitgehend rationalen Kriterien.9 In der ökonomischen Theorie wird grundsätzlich davon ausgegangen, dass Ressourcen und Güter wie zum Beispiel Zeit begrenzt sind, woraus ein Allokationsproblementstehen kann, welches sich mit der Frage auseinandersetzt, wie knappe Güter verwendet und verteilt werden (Hausarbeit, Lohnarbeit, Kindererziehung, Freizeit etc.), damit ein effizientes Wohlfahrtsergebnis erzielt werden kann (Hill & Kopp, 2002: 114 f.). Wer die Hausarbeit letztendlich erledigt, ist nach der ökonomischen Theorie eine Frage des Humankapitals, der Kosten oder der ökonomischen Ressourcen der Haushaltsmitglieder (Haberkern, 2007: 162) das heißt, dass diese Entscheidung nicht geschlechterspezifisch getroffen wird, da hier klar, wie zuvor bereits angemerkt, die maximale Nutzenmaximierung im Fokus des Interesses steht. So wird auch die (häusliche) Arbeitsteilung unter Berücksichtigung der relativen Produktivität der einzelnen Haushaltsmitglieder bestimmt (Lauk & Meyer, 2004: 4). Darüber hinaus werden komparative Produktionsvorteile dahingegen genutzt, dass es zu Spezialisierungen der Mitglieder auf verschiedene Tätigkeiten kommt. Somit spezialisiert sich der Partner, welcher eine höhere Marktproduktivität aufweist, auf die Erwerbsarbeit und der Partner, welcher weniger Geld verdient übernimmt mehr Haushalt (Lauk & Meyer, 2004: 4 f.). In den meisten Fällen betrifft letzteres aber eher die Frauen, da es immer noch starke Gehaltsunterschiede zwischen Männern und Frauen (trotz gleicher Arbeit) gibt und Männer zudem auch häufiger eine höhere berufliche Position innehaben.10 Bei der Entscheidung der Spezialisierung, werden nicht nur die Kosten des gewünschten Gutes miteinbezogen, sondern auch die Opportunitätskosten11. Jeder Partner spezialisiert sich auf die Tätigkeit, bei der er die vergleichsweise geringeren Opportunitätskosten hat, die er also „kostengünstiger“ produzieren kann.12 Es kann entweder zu einer vollständigen oder zu einer teilweisen Spezialisierung kommen, was stark von den individuellen Akteuren und dessen Fähigkeiten, Ressourcenausstattung etc. in der Familie abhängt (Boll, 2016: 20).

Zusammenfassend lässt sich konstatieren, dass die ökonomische Theorie der Arbeitsteilung davon ausgeht, dass Paare in Haushalten gemeinsam wirtschaften und Entscheidungen dar­über treffen, wer welche Arbeiten übernimmt und wer welchen Zeiteinsatz für die Produktion der nutzenstiftenden Güter aufwendet. Diese Entscheidungen werden so getroffen, dass der gemeinsame Haushaltsnutzen maximiert wird. Dies ist nur dann der Fall, wenn eine Spezialisierung auf Haus- und Erwerbsarbeit stattfindet (Dechant et al., 2014: 147 f.). Nach diesem theoretischen Ansatz ist zu erwarten, dass der Partner, der ein relativ höheres Einkommen und/ oder Humankapital besitzt, weniger Arbeit im Haushalt verrichtet und der Partner, der ein relativ geringeres Einkommen und/ oder Humankapital besitzt, mehr Arbeit im Haushalt übernimmt (Haberkern, 2007).

2.2. Die geschlechterspezifische Theorie der Arbeitsteilung

Die im vorherigen Kapitel betrachtete ökonomische Theorie ist geschlechterneutral und folgt bei der Verteilung von häuslichen Arbeiten und Erwerbsarbeit dem rational choice Ansatz,durch welchen die Zuweisung der Tätigkeiten und deren Zeitaufwand im Haushalt durch individuelles rationales Abwägen zwischen dem erwarteten Nutzen und den erwarteten Kosten geschieht.13 Um eine konträre Position dieses Verständnisses aufzuzeigen und dadurch eine kontroverse Perspektive zu erzeugen, lässt sich an dieser Stelle die geschlechterspezifische Theorie anführen, welche anders als die ökonomische, nicht als geschlechterneutral anzusehen ist, sondern sich durch ein klares Rollenverständnis von Mann und Frau charakterisiert. Dieser Theorie zugrundeliegend ist das traditionelle Familienmodell, welches vorsieht, dass die beiden Arbeitsbereiche - Produktions- und Reproduktionsarbeit - jeweils einem Geschlecht zuzuordnen sind: Der Mann übernimmt demnach die finanzielle Versorgung der Familie, während sich die Frau, ohne dafür bezahlt zu werden, um Haushalt und Familie kümmert.14 Somit stellt die Geschlechterrollentheorie einen bedeutsamen Theoriestrang dar, mit dessen Hilfe ungleiche Verteilungen von Arbeit in Haushalten und traditionelle Geschlechter- rollen erklärt werden können. Der Geschlechterrollenansatz ist ein Konzept, welches davon ausgeht, dass sich Geschlechterrollenorientierungen, sowie auch andere Einstellungen mit Relevanz für die Frage der Arbeitsteilung, im Zuge der Sozialisation in Kindheit und Jugend entwickeln und dann im Erwachsenenalter relativ konstant bleiben (Grob & Stuhlmann, 2009: 308). Geschlechterrollen sind eine Sammlung von sozialen bzw. kulturellen Normen und Werten sowie Rollenerwartungen und Vorstellungen, die über die Sozialisation vermittelt und vom Individuum internalisiert werden. Geschlechterunterschiede sind in diesem Zusammenhang rein gesellschaftlich produziert und nicht biologisch festgelegt, das heißt, dass eine Frau nicht naturgemäß besser putzen kann als ein Mann und andersherum. Demnach ist der Grund für die Vorherrschaft des traditionellen Modells der Arbeitsteilung in der Sozialisation zu suchen, welche den Frauen geschlechterspezifische Funktionen und schlussendlich eine Rolle als Hausfrau zuteilt (Hill & Kopp, 2002: 247). Diese Rolle wird von den Frauen internalisiert und ihre Erfüllung ist gesellschaftlich sanktioniert, sodass eine gewisse Verbindlichkeit der Rollenerwartung entsteht. Das Ergebnis dieses Prozesses ist eine weibliche Akzeptanz und sogar Präferenz für das traditionelle Modell der geschlechterspezifischen Arbeitsteilung (Hill & Kopp, 2002: 247). Allerdings ist an dieser Stelle anzumerken, dass die Bindungskraft dieses Modells in den letzten Jahren stark abgenommen hat, insbesondere durch die gestiegene Teilhabe der Frauen am Bildungssystem (durch die Bildungsexpansion) und am Arbeitsmarkt. Dies führte zu einer egalitäreren Normenvorstellungen und zu weniger traditionellen Beziehungen (Grob & Stuhlmann, 2009: 305). Die sich daraus ergebene stärkere zeitliche Beanspruchung der Frau außerhalb des Haushalts, sollte eine Neuorganisation der Verteilung der Hausarbeit in Richtung einer stärkeren nicht-traditionell geprägten Aufgabenverteilung zur Folge haben. Diese Prognose hat sich jedoch nicht bestätigt: „Das traditionelle Modell der geschlechtstypischen Arbeitsteilung erlebt einen ungebrochenen Zulauf“ (Grob & Stuhlmann, 2009: 305). Es ist laut dieser Theorie davon auszugehen, dass eine Aufhebung der geschlechterspezifischen Arbeitsteilung nur durch eine Aufhebung traditioneller Rollenbilder möglich ist und dass mehr androgyne Geschlechterrollenvorstellungen zu einer egalitäreren Arbeitsteilung führen (Höpflinger & Charles, 1990: 91).

3. Methode

Im folgenden Analyseteil dieser Ausarbeitung wird zunächst ein Vergleich zwischen West- und Ostdeutschland bezüglich familiärer Strukturen, Rollenverständnis und Verteilung der Repro- duktions- bzw. Erwerbsarbeit angestellt. Dabei wird auch ein kurzer historischer Überblick gegeben. Diesen Vergleich stützen Ergebnisse empirischer Studien und Befragungen von Paaren sowie statistische numerische Werte des Statischen Bundesamtes. Diese Werte basieren sowohl auf relationalen (welcher Partner macht mehr oder weniger in Relation zu dem anderen) als auch auf absoluten (Zeiterfassung) Messungen der Arbeitsteilung zwischen Frau und Mann in Ost- und Westdeutschland. Besonders relevant für diese Ausarbeitung ist in diesem Zusammenhang die qualitativ sozialwissenschaftliche Untersuchung von Cornelia Behnke, welche partnerschaftliche Arrangements und väterliche Praxis in Ost- und Westdeutschland anhand von autobiografischen Paarinterviews untersucht hat. Diese Datengrundlage wird dar­über hinaus von Diagrammen des Statistischen Bundesamtes, welche den Zeitaufwand für bestimmte Aktivitäten von Männern und Frauen im Westen und Osten darstellen, gestützt. An dieser Stelle ist zu erwähnen, dass für eine vollständige allesumfassende Betrachtung der (häuslichen) Arbeitsteilung im Westen und Osten Deutschlands noch weitaus mehr Differenzierungen und Variablen bezüglich der Familienstrukturen, wie zum Beispiel Ehe oder Partnerschaft, gleichgeschlechtliche oder andersgeschlechtliche Beziehung, soziale Schicht etc. in die Analyse einbezogen werden müssten. Dies wird in dieser Ausarbeitung jedoch eher allgemein gehalten und es wird nur auf signifikante Auffälligkeiten eingegangen, alles andere würde den konzeptionellen Rahmen dieser Ausarbeitung überschreiten.

4. Familienstrukturen und (häusliche) Arbeitsteilung in Westdeutschland

Aufgrund der unterschiedlichen gesellschaftlichen Entwicklungen der beiden ehemaligen Teilstaaten, ergaben sich entlang der traditionellen Geschlechterordnung jeweils eigene kulturelle Geschlechterarrangements bezüglich der häuslichen und erwerbstätigen Arbeitsteilung in Ost- und Westdeutschland.15 So wurde lange Zeit im Westen Deutschlands das Familienmodell der Versorgerehe staatlich gefördert und unterstützt, wodurch die Vorstellung des Mannes als Ernährer und Verantwortlicher für die ökonomische Absicherung der Familie profund geprägt worden ist und dadurch auch heute noch als gängige Familienstruktur angesehen wird (Behnke et al., 2013: 193). Im Gegensatz dazu manifestiert sich das traditionelle Modell der westlichen Frau in Haus- und Familienarbeit, was eine Erwerbstätigkeit der Frau nicht zwingend ausschließt, aber durchaus voraussetzt, dass Kinderbetreuung und Haushalt Priorität bleiben und nicht durch die Berufstätigkeit vernachlässigt werden. Aus diesem Grund ist das Modell der Frau im Westen eher auf Teilzeitarbeit als „Zuverdienerin“ des Mannes ausgerichtet.16 Sowohl im Osten als auch im Westen entwickelte sich die „Problematik“ der häuslichen Arbeit im Jahr 1968 zu einem wichtigen Thema.17 Es ging dabei zum einen, im Zuge der Industrialisierung um die Werbung moderner Haushaltsgeräte, die Arbeiten im Haus erleichtern und zudem Zeit einsparen sollten, aber auch, zum anderen, um die mangelnde gesellschaftliche Anerkennung von Hausarbeit, frei nach dem Motto „Das bisschen Haushalt macht sich von allein ,..“.18 In der DDR, worauf an späterer Stelle der Ausarbeitung noch einmal konkret Bezug genommen wird, ging es bei diesem Diskurs eher darum, Frauen durch Hausarbeitserleichterungen in die Berufstätigkeit zu führen, während im Westen der Fokus auf den Verkauf neuer Geräte gelegt wurde und darauf, der Frau als Hauptzuständige der Reproduktionsarbeit, die Arbeit im Haus zu erleichtern.19 In einigen modernen westlichen Familien zeigt sich, dass sich die geleisteten Hausarbeitsanteile von Männern und Frauen in den letzten Jahren zwar merklich angenähert haben, Frauen aber immer noch circa doppelt so viel Hausarbeit übernehmen wie Männer und das, trotz zunehmender Berufstätigkeit. „Der Hauptgrund für die
Annäherung liegt dabei mehrheitlich in der Reduktion der Hausarbeitstätigkeit der Frauen und weniger in einer Mehrbeteiligung der Männer“ (Grob & Stuhlmann, 2009: 305). Des Weiteren erweist sich, dass häusliche Arbeiten geschlechterspezifisch verteilt werden. Dabei werden täglich anstehende Routinearbeiten wie Putzen, Kochen, Waschen oder Bügeln als typisch weibliche Aktivitäten konnotiert und zeitlich flexiblere nicht alltägliche Aufgaben wie Autowä­schen oder Reparaturen als typische Männerarbeiten angesehen und das sowohl im Osten als auch im Westen (Grob & Stuhlmann, 2009: 305). Es lässt sich also trotz Modernisierung der Geschlechterrollen annehmen, dass alte traditionelle Muster in der Familienstruktur des Westens noch teilweise weiter fortbestehen, wodurch die Hypothese der geschlechterspezifi- schen Theorie bestätigt wird. Allerdings ist in der bürgerlichen Mittelschicht des Westens eine starke Orientierung am Gleichheitsideal zu verorten, wobei die praktizierte Form der partnerschaftlichen Arbeitsteilung nicht unbedingt diesem Ideal entspricht. Einige Paarinterviews (vgl. Behnke et al. 2013) zeigten, dass sich in diesem Milieu tatsächlich noch oft Arrangement mit dem Mann als Familienversorger und der Frau als Zuständige für die Reproduktionsarbeit finden lassen. Gleichwohl betonen Paare, dass sie in ihren partnerschaftlichen Arrangements dem Prinzip der Gleichheit verpflichtet und emanzipiert von traditionellen Rollenzuweisungen sind (Behnke et al., 2013: 198). Einige Wissenschaftler sprechen in diesem Fall eher von einer „Illusion der Emanzipation“. Diese Ansicht bestärken auch die gewonnenen Erkenntnisse aus den Paarbefragungen (vgl. Behnke et al. 2013), welche zeigten, dass Frauen vermehrt die Leistungen der Männer auf dem Feld der Familienarbeit anerkennend hervorheben und darauf hinweisen, dass der Partner zumindest prinzipiell bereits dazu wäre, die Hauptverantwortung der Familienarbeit zu übernehmen (Behnke et al., 2013: 198). Doch das ist nur die Theorie und würde so in der Praxis in den wenigstens Fällen Anwendung finden, weshalb hier von einer Illusion gesprochen wird. Das Gefühl einer Gleichstellung wird zwar vermittelt, dennoch entspricht diese Denkweise nicht der Realität. Darüber hinaus betonen die meisten westdeutschen Familien, dass diese traditionelle Verteilung rein pragmatischen Zwecken dienen würde und der Mann, wenn es ökonomisch rational wäre, die Hauptverantwortung für die Familienarbeit übernehmen würde (Behnke et al., 2013: 199). Dies ist aber eine unrealistische Wahrnehmung von Gleichheit, denn durch die theoretische Bereitschaft des Mannes wird der Frau eine Art Gleichstellung suggeriert, welche aber in Realität nur in den wenigsten Fällen so praktiziert werden würde. Es lässt sich also festhalten, dass sich westdeutsche Paare häufig in einem Spannungsfeld zwischen Gleichheitsansprüchen und tatsächlich gelebten Arrangement befinden (Behnke et al., 2013: 199). Die potenzielle Bereitschaft und die minimale Beteiligung an häuslichen Tätigkeiten und Kinderbetreuung des Mannes reicht den westdeutschen Frauen meist aus, um eine gewisse Gerechtigkeit in ihren partnerschaftlichen Arrangements zu empfinden. Dies bestätigt auch die zuvor erläuterte geschlechterspezifische Theorie der Arbeitsteilung, denn dieser zufolge können sich Frauen als Konsequenz der Sozialisation mit ihren
gesellschaftlich produzierten Rollenbildern identifizieren und haben diese auch bereits seit frühster Kindheit bzw. Jugend internalisiert. Der Anspruch nach egalitäreren Zuständen resultiert eher aus der neuen Trendsetzung auf Emanzipation in der Gesellschaft. Im Folgenden wird anhand von Daten des Statistischen Bundesamtes (2017) der Zeitaufwand für verschiedene Aktivitäten von westdeutschen Frauen und Männern gegenübergesellt, um auf dieser Basis weitere Unterschiede festmachen zu können und gleichzeitig bereits gestellte Annahmen und Hypothesen bestätigen Oder widerlegen zu können.

Abbildung 1:Zeitaufwand im synthetischen Lebenslauf (westdeutsche Frauen)20 (Abb. wird

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2:Zeitaufwand im synthetischen Lebenslauf (westdeutsche Männer) (Abb. wird auf vorletzter Seite größer angezeigt)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

[...]


1 Vgl. Bundeszentrale für politische Bildung. (2018). https://www.bpb.de/politik/hintergrund-aktu- ell/271712/gleichberechtigung zugegriffen: 26.07.2020.

2 Vgl. Steinbach. (2004). S. 1. https://www.uni-due.de/imperia/md/content/soziologie/2004_stein- bach_wie_paare_sich_die_arbeit_teilen.pdfzugegriffen: 26.07.2020.

3 Vgl. Bundeszentralefür politische Bildung. (2010). https://www.bpb.de/gesellschaft/gender/frauen-in- deutschland/49411/unbezahlte-arbeit zugegriffen: 23.07.2020.

4 Vgl. Steinbach. (2004). S. 1. https://www.uni-due.de/imperia/md/content/soziologie/2004_stein- bach_wie_paare_sich_die_arbeit_teilen.pdfzugegriffen: 26.07.2020

5 Vgl. Bundeszentralefür politische Bildung. (2010). https://www.bpb.de/gesellschaft/gender/frauen-in- deutschland/49411/unbezahlte-arbeit zugegriffen: 23.07.2020.

6 Vgl. Steinbach. (2004). S. 5. https://www.uni-due.de/imperia/md/content/soziologie/2004_stein- bach_wie_paare_sich_die_arbeit_teilen.pdfzugegriffen: 26.07.2020.

7 Vgl. Steinbach. (2004). S. 4 ff. https://www.uni-due.de/imperia/md/content/soziologie/2004_stein- bach_wie_paare_sich_die_arbeit_teilen.pdfzugegriffen: 26.07.2020.

8 Vgl. Bundeszentralefür politische Bildung. (2016). https://www.bpb.de/nachschlagen/lexika/lexikon- der-wirtschaft/19635/homo-oeconomicus#:~:text=Der%20Homo%20oeconomi- cus%20kennt%20nur,vollkommene%20lnformation%20%C3%BCber%20alle%20M%C3%A4rkte zugegriffen: 21.07.2020.

9 Vgl. Bundeszentralefür politische Bildung. (2010). https://www.bpb.de/izpb/7593/gutes-leben-oder- maximaler-nutzen-oekonomische-entscheidungen-im-haushalt?p=1 zugegriffen: 21.07.2020.

10 Vgl. Statistisches Bundesamt. (2006). S. 12ff. https://www.destatis.de/DE/Themen/Arbeit/Ver- dienste/Verdienste-Verdienstunterschiede/Publikationen/Downloads-Verdienste-und-Verdienstunter- schiede/verdienstunterschiede-mann-frau-5621001069004.pdf?______________________________________ blob=publicationFile zugegriffen: 22.07.2020.

11 Opportunitätskosten, bedeutet entgangener Nutzen und bezeichnet die entgangene Erlöse, die entstehen können, weil vorhandene Möglichkeiten nicht genutzt wurden.

12 Vgl. Bundeszentral für politische Bildung, https://www.bpb.de/izpb/7593/gutes-leben-oder-maxima- ler-nutzen-oekonomische-entscheidungen-im-haushalt?p=1 zugegriffen: 21.07.2020.

13 Vgl. Springer. (2005). S. 1 f. file:///C:/Users/UX3410~1/AppData/Local/Temp/g_22_968.pdf zugegriffen: 27.07.2020.

14 Vgl. Steinbach. (2004). S. 1. https://www.uni-due.de/imperia/md/content/soziologie/2004_stein- bach_wie_paare_sich_die_arbeit_teilen.pdfzugegriffen: 26.07.2020.

15 Vgl. Statistisches Bundesamt. (2017). S. 49. https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Um- welt/Einkommen-Konsum-Lebensbedingungen/Zeitverwendung/Publikationen/Downloads-Zeitverwen- dung/tagungsband-wie-die-zeit-vergeht-5639103169004.pdf?___________________ blob=publicationFile zugegriffen: 24.07.2020.

16 Vgl. Bundeszentralefür politische Bildung. (2014). https://www.bpb.de/politik/innenpolitik/familienpo- litik/185323/vaeter-heute zugegriffen: 24.07.2020.

17 Vgl. Bundeszentralefür politische Bildung. (2019). https://www.bpb.de/geschichte/zeitge- schichte/deutschlandarchiv/286988/verordnete-emanzipation-frauen-im-geteilten-deutschland zugegriffen: 24.07.2020.

18 Vgl. Bundeszentralefür politische Bildung. (2019). https://www.bpb.de/geschichte/zeitge- schichte/deutschlandarchiv/286988/verordnete-emanzipation-frauen-im-geteilten-deutschland zugegriffen: 24.07.2020.

19 Vgl. Bundeszentralefür politische Bildung. (2019). https://www.bpb.de/geschichte/zeitge- schichte/deutschlandarchiv/286988/verordnete-emanzipation-frauen-im-geteilten-deutschland zugegriffen: 24.07.2020.

20 Vgl. Statistisches Bundesamt. (2017). S. 59. https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Um- welt/Einkommen-Konsum-Lebensbedingungen/Zeitverwendung/Publikationen/Downloads-Zeitverwen- dung/tagungsband-wie-die-zeit-vergeht-5639103169004.pdf? blob=publicationFile zugegriffen: 24.07.2020

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Häusliche Arbeitsteilung in West- und Ostdeutschland. Ein Vergleich
Hochschule
Universität Duisburg-Essen  (Gesellschaftswissenschaften)
Jahr
2020
Seiten
26
Katalognummer
V1142035
ISBN (eBook)
9783346519009
ISBN (Buch)
9783346519016
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Arbeitsteilung, Vergleich Ost- Westdeutschland, Deutschland, häuslich
Arbeit zitieren
Anonym, 2020, Häusliche Arbeitsteilung in West- und Ostdeutschland. Ein Vergleich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1142035

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