Der Poetryslam anhand einer Analyse des Gedichts "Der Fußballneuling"


Seminararbeit, 2005

21 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
Gedicht „Der Fußballneuling“

2. Herkunft des Gedichts „Der Fußballneuling“

3. Analogien und Unterschiede zu Goethes „Zauberlehrling“
3.1 Metrische und stilistische Analogien und Unterschiede
3.2 Inhaltliche Analogien und Unterschiede
3.3 Beabsichtigte Wirkung der Analogien

4. Interpretation
4.1 Allgemeine Interpretation
4.2 Das Scheitern der Charaktere und die Frage nach ihrer Schuld

5. Intention des Autors

6. Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

Anhang

1. Einleitung

In dieser Hausarbeit werde ich versuchen das moderne Genre der Slampoesie und ihre Merkmale, wie auch Eigenheiten an dem konkreten Beispiel des Gedichtes „Der Fußballneuling“ darzustellen. Dazu gilt es zunächst die Herkunft des Gedichts zu klären, wobei ich kurz auch auf den Poetryslam als Veranstaltung eingehen werde. Danach folgt die eigentliche Analyse. Diese setzt sich aus zwei größeren Komplexen zusammen. Im ersten Teil vergleiche ich das Gedicht „Der Fußballneuling“ mit Johann Wolfgang von Goethes Ballade „Der Zauberlehrling“1 und versuche metrische wie inhaltliche Analogien und Unterschiede heraus zu arbeiten. Der zweite Teil widmet sich ausschließlich der Interpretation des „Fußballneulings“, die sich aber nicht nur auf den Inhalt beschränkt, sondern auch die Tragik des Gedichtes verdeutlichen will. In einem abschließenden Punkt gehe ich dann auf die Frage nach der Intention des Autors ein.

Am Ende dieser Hausarbeit soll der Leser nicht nur das Gedicht „Der Fußballneuling“ besser verstanden haben, er soll auch einen Überblick über einen Poetryslam und dessen Ablauf bekommen haben. Fernerhin werde ich zeigen, dass die Veranstaltungsart des Poetryslam die Art und den Inhalt der Gedichte mitbestimmt.

Der Fußballneuling

1 Hat der Schiedsrichter das Spiel Endlich doch noch angepfiffen; Tore schießen ist mein Ziel;

Ich werd auch gleich angegriffen.

5 Doch mit Geistesgegenwart Weiche ich dem Gegner aus. An dem Ball da bleib ich hart; Den tritt keiner mir heraus!

Laufe! Laufe

10 Manche Streck, Dass zum Zweck Ich Tore schieße.

Nach dem Spiel ich mich besaufe Und ’nen Pavillon begieße.

15 Und nun komm du Lederlappen, Rutsch mir ja nicht von dem Schuh; Sollst an meinem Schlappen pappen, So wie Pappe auf Uhu!

Auf zwei Beinen steh ich,

20 Oben ist mein Haupt, Doch gerade seh’ ich,

Wie man den Ball mir raubt.

Warte! Warte Oh du Schwein

25 Ich grätsch dir in die Beine rein! Deine Kniescheib, die muss raus; Sehe ich auch eine Karte

Und muss aus dem Spiel hinaus.

Seht ich trete ihn jetzt nieder!

30 Wie er sich am Boden windet, Schreien muss er immer wieder;

Ich seh doch, dass der Zeit nur schindet. Da ertönt ein lauter Pfiff;

Der Unparteiische läuft herbei,

35 Tut in die Tasche einen Griff Und drückt mir eine Karte nei.

„Von dm Platze Dumme Sau!

Dieses Foul sah ich genau.

40 So ’nen Scheiß machst du nicht mehr; Zieh nicht so ne blöde Fratze,

Flenne ja nicht so umher!“

Und die Moral von der Geschicht: Nur Pfeifen gibt’s bei Schiris nicht!

45 Sie schlagen dir, muss es mal sein Auch mitten in die Fresse rein!

2. Herkunft des Gedichts

Bevor ich mich im Folgenden näher mit dem Gedicht „Der Fußballneuling“ auseinander setzte, will ich noch kurz auf die Herkunft des Gedichtes eingehen, da mir dies für das spätere Verständnis wichtig erscheint. Das Gedicht entstammt weder einem Buch, noch einem Aufsatz. Es ist das Werk eines Slampoeten, der bei einem Poetryslam in Bamberg aufgetreten ist.

Der Poetryslam ist ein Dichterwettstreit, an dem jeder, der Lust hat teilnehmen kann. Dem Poeten steht dann eine gewisse Zeitspanne zur Verfügung, etwa fünf bis acht Minuten, in denen er eigene Gedichte vortragen oder Kurzgeschichten, sogenannte Shortstories, vorlesen kann. Eine vorher ausgewählte Jury, die sich aus Teilnehmern des Publikums zusammensetzt, bewertet anschließend den Vortrag und vergibt Punkte. Am Ende des Abends wird so ein Sieger bestimmt, der dann einen symbolischen Preis erhält.

Vom Gedicht eines dieser Poeten beeindruckt, fragte ich ihn im Anschluss an die Veranstaltung, ob ich sein Gedicht „Der Fußballneuling“ in meiner Hausarbeit bearbeiten und interpretieren dürfe. Anfangs lehnte er mit der Begründung ab, Slam-Gedichte müssten für den Augenblick wirken und dürften weder zerpflückt noch analysiert werden. Nach einer kurzen Diskussion gab er schließlich meiner Bitte nach, jedoch unter der Bedingung als Verfasser anonym zu blieben.

Ich kann mich daher nur auf sein Gedicht „Der Fußballneuling“ beziehen. Biographische Hintergründe des Autors, wie auch Vergleiche mit anderen seiner Gedichte, können in dieser Hausarbeit folglich nicht verarbeitet werden.

3. Analogien und Unterschiede zu Goethes „Zauberlehrling“

Wenn ein Hörer das Gedicht „Der Fußballneuling“ hört oder ein Leser es liest, wird er zweifellos an Johann Wolfgang von Goethes Ballade „Der Zauberlehrling“, sofern ihm diese bekannt ist, erinnert. Tatsächlich weisen die Gedichte „Der Zauberlehrling“ und „Der Fußballneuling“, sowohl metrische, stilistische, sprachliche wie auch inhaltliche Gemeinsamkeiten, aber auch zahlreiche Unterschiede auf, die ich in den zwei folgenden Kapiteln herausarbeiten werde. Ein drittes Kapitel widmet sich dann kurz den Absichten, die der Autor möglicherweise durch diese Analogien zum „Zauberlehrling“ verfolgt haben mag.

Um die beiden Gedichte besser miteinander vergleichen zu können, stehen sie auf den beiden folgenden Seiten einander direkt gegenüber. Die Erläuterungen zu Analogien und Unterschieden sind so verständlicher und leichter nachzuvollziehen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

3.1 Metrische und stilistische Analogien und Unterschiede

Bevor ich mit meinen eigentlichen Ausführungen beginne, halte ich es für besser, kurz die verwendete Symbolik der zwei vorangegangenen Seiten zu erklären. So unverständlich sie anfangs auch erscheinen mögen, sie sollen dem Leser den Vergleich der beiden Gedichte

„Der Zauberlehrling“ und „Der Fußballneuling“ optisch erleichtern.

Oberhalb der Verse ist jeweils eine metrische Bestimmung mit Hebungen (x’) und Senkungen (x) gegeben, während die Kleinbuchstaben hinter den Versen das Reimschema bezeichnen. Die gelben, wie auch grauen Markierungen bestimmter Versteile und metrischer Schemata, sind Hervorhebungen und werden im späteren Text näher erläutert werden. Die Punkte (●) dienen der Verdeutlichung metrischer Äquivalenzen und Unterschiede zwischen beiden Gedichten, wobei die sich immer gegenüber liegenden Verse untersucht wurden. Das wird die Frage beantworten, wie genau sich der Autor des

„Fußballneulings“ an Goethes Metrik im „Zauberlehrling“ orientiert hat. Die Dreiecke (▲) hingegen, geben die metrische Situation innerhalb des jeweiligen Gedichtes wieder. Dabei wird verglichen, ob die Metrik der größeren Strophen untereinander bzw. die der kleineren Strophen untereinander identisch ist oder Unterschiede aufweist. Dies kann ein Indikator dafür sein, wie wichtig dem jeweiligen Dichter eine enge Bindung an das Metrum war. Die drei Farben, grün, blau und rot, in denen die Symbole erscheinen, geben den Grad der metrischen Übereinstimmung an. Dabei steht grün für eine vollkommene Übereinstimmung. Blau symbolisiert, dass lediglich die Kadenzen abweichen, die Anzahl der Hebungen aber gleich bleibt. Rot dagegen hebt die Unterschiede hervor, wobei die Zahlen hinter den roten Symbolen, die Anzahl der Hebungen wiedergeben, durch die sich die Verse voneinander unterscheiden.

Es ist anzumerken, dass sich alle folgenden Ausführungen dieses Kapitels auf die vorangegangenen zwei Seiten beziehen.

Der erste Unterschied wird sichtbar, wenn man die vollständigen Fassungen der beiden Gedichte nebeneinander legt. Dabei fällt auf, dass „Der Zauberlehrling“ viel länger ist, sprich mehr Strophen aufweist als „Der Fußballneuling“. Während „Der Zauberlehrling“ aus insgesamt 14 Strophen besteht, aus sieben langen à acht Versen und sieben kurzen à sechs Versen, setzt sich „Der Fußballneuling“ aus lediglich sieben Strophen, drei langen à acht Versen, drei kurzen à sechs Versen und einer ganz kurzen à vier Versen, zusammen.

Die Gegenüberstellung der Gedichte auf den Seiten 5 und 6 ist nur möglich, weil in den Strophen des „Fußballneulings“ bestimmte Ausdrücke, wie „Hat der...“ (1. Strophe, 1. Vers), „Manche Streck’“ (2. Strophe, 2. Vers) oder „Und nun komm, du...“ (3. Strophe, 1. Vers) identisch sind mit denen im „Zauberlehrling“. Alle diese, im Schaubild gelb markierten Versteile, erlauben es jeder Strophe im „Fußballneuling“ eine äquivalente Strophe im „Zauberlehrling“ zuzuordnen. Dabei ist festzustellen, dass der Autor des

„Fußballneulings“ seine ersten fünf Strophen nach den ersten fünf Strophen im

„Zauberlehrling“ ausgerichtet hat. Da die vierte Strophe des „Fußballneulings“ keine übereinstimmenden Ausdrücke mit der des „Zauberlehrlings“ aufweist, basiert meine Gegenüberstellung auf der Vermutung, dass der Autor des „Fußballneulings“ eine gewisse Strophenkontinuität einzuhalten versuchte, was bei der ersten, zweiten, dritten und fünften Strophe schon der Fall war. Tatsächlich könnte man auch die vierte Strophe des

„Fußballneulings“ mit der sechsten im „Zauberlehrling“ vergleichen, mit der Begründung, dass in beiden etwas bzw. jemand direkt vom lyrischen Ich angesprochen wird. Im

„Zauberlehrling“ ist das der Besen, der beschworen wird, stehen zu bleiben und im

„Fußballneuling“ ist es der Gegenspieler, dem mit einem Foul gedroht wird. Beides legitime Vermutungen, die allerdings nicht von so weitreichender Bedeutung sind, dass sie unbedingt eindeutig geklärt werden müssten.

Dahingegen steht außer Zweifel, dass die sechste Strophe des „Fußballneulings“ der vierzehnten im „Zauberlehrling“ entspricht, obwohl auch in diesen beiden keine übereinstimmenden Ausdrücke auf eine Analogie hinweisen. Jedoch die Tatsache, dass diese beiden Strophen die einzigen sind, in denen eine andere Person als das lyrische Ich spricht, nämlich im „Zauberlehrling“ der Meister und im „Fußballneuling“ der Schiedsrichter, rechtfertigt die Vermutung der Zusammengehörigkeit.

Aus dem Rahmen fällt die letzte Strophe des „Fußballneulings“, die ohne formellen Bezug zum „Zauberlehrling“, scheinbar frei als abschließender Gedanke vom Autor geschaffen wurde.

Als vollkommen identisch erweisen sich die Reimschemata der beiden Gedichte, wobei die letzte Strophe des „Fußballneulings“, die aus zwei Paarreimen (v-v-w-w) besteht, von dem Vergleich ausgenommen werden muss. Ansonsten setzen sich die größeren Strophen mit den acht Versen jeweils aus zwei Kreuzreimen folgendermaßen zusammen: a-b-a-b-c-d-c-d, h-i-h-i-j-k-j-k und o-p-o-p-q-r-q-r. Die kleineren Strophen zu je sechs Versen zeichnen sich dagegen durch Schweifreime mit den Reimschemata e-f-f-g- e-g, l-m-m-n-l-n und s-t-t-u-s-u aus.

Abschließend soll nun die Metrik der beiden Gedichte untersucht werden. Wie zu Anfang beschrieben, geben die farblich hervorgehobenen Dreiecke und Punkte die

Auswertung des metrischen Vergleichs wieder. Meine folgenden Ergebnisse und Ausführungen können somit mühelos überprüft werden.

Beginnen werde ich mit dem direkten Vergleich beider Gedichte, der durch die Punkte (●) gekennzeichnet ist. Die beiden Gedichte haben jeweils 42 Verse – die letzten vier Verse des „Fußballneulings“ nicht mit einbezogen. Davon sind 17 Verse – von grünen Punkten symbolisiert – metrisch vollkommen identisch, 13 Verse – durch blaue Punkte markiert – weisen lediglich eine Abweichung in den Kadenzen auf und 12 Verse – hervorgehoben durch rote Punkte – unterscheiden sich grundlegend in der Anzahl ihrer Hebungen. Dies sind die fünften, sechsten, siebten und achten Verse der ersten wie auch fünften Strophen. Denn während diese Verse im „Zauberlehrling“ nur drei Hebungen haben, zeichnen sich die äquivalenten Verse im „Fußballneuling“ durch vier Hebungen aus. Eine noch deutlichere Differenz wird zwischen den dritten und vierten Versen der vierten und sechsten Strophen sichtbar, da der Autor des „Fußballneulings“ hier merklich von der Vorlage im „Zauberlehrling“ abweicht und seine Versen mit doppelt so vielen Hebungen versieht. Der „Fußballneuling“ stimmt also in keiner Weise vollkommen metrisch mit dem „Zauberlehrling“ überein. Im Gegenteil. Der Autor des

„Fußballneulings“ scheint sich vielmehr einen gewissen Spielraum für die metrische Gestaltung seines Gedichtes genommen zu haben.

Diese Annahme wird zusätzlich bestätigt, wenn man die Metrik innerhalb jedes einzelnen Gedichtes untersucht; dargestellt durch die Dreieckssymbole (▲). Beim

„Zauberlehrling“ verdeutlicht das alleinige Vorkommen von grünen Dreiecken, nicht nur, dass jeder Vers einer großen Strophe metrisch identisch ist mit den entsprechenden Versen der beiden anderen großen Strophen, sondern auch, dass jeder Vers einer kleinen Strophe metrisch identisch ist mit den entsprechenden Versen der beiden anderen kleinen Strophen. Goethe hat in seiner Ballade scheinbar viel Wert auf eine übereinstimmende Metrik gelegt und die Verse dementsprechend konstruiert.

Anders sieht es im Gedicht „Der Fußballneuling“ aus. Hier hat sich der Dichter viel mehr Freiheiten erlaubt. Nur die ersten, zweiten und fünften Verse der kleinen Strophen gleichen sich metrisch vollkommen. Die durch blaue Dreiecke markierten ersten, zweiten, dritten und vierten Verse der großen Strophen und jeweils der sechste Vers der kleinen Strophen, weisen hingegen bereits abweichende Kadenzen voneinander auf. Die größten Unterschiede ergeben sich aber in den fünften, sechsten, siebten und achten Versen der großen Strophen wie auch in den dritten und vierten Versen der kleinen Strophen.

[...]


1 Goethe, Johann Wolfgang von: Der Zauberlehrling. In: Goethes Werke in sechzehn Bänden. Band 1. Hg von Franz Schultz. Berlin/Leipzig: Verlag von Th. Knaur. k.J, S. 121

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Der Poetryslam anhand einer Analyse des Gedichts "Der Fußballneuling"
Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg
Veranstaltung
Poetryslam
Note
2,3
Autor
Jahr
2005
Seiten
21
Katalognummer
V114204
ISBN (eBook)
9783640213962
Dateigröße
484 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Poetryslam, Analyse, Gedichts, Fußballneuling
Arbeit zitieren
Rainer Schoenauer (Autor), 2005, Der Poetryslam anhand einer Analyse des Gedichts "Der Fußballneuling", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/114204

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