Zur Problematik der Erfassung der Habla Bozal unter Berücksichtung des soziodemographischen und -historischen Aspektes


Hausarbeit (Hauptseminar), 2007
13 Seiten, Note: bestanden

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Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Von Afrika nach Kuba – Problematik der Herkunftsbestimmung

3. Problematik des unterschiedlichen Sprachkontaktes auf Kuba

4. Cabildos und Kulte als Erhalter der afrikanischen Lexik

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

7. Anhang I-IV

1. Einleitung

Schon im Jahr 1503 kamen die ersten afrikanischen Sklaven nach Kuba und sollten erst den Anfang einer Jahrhunderte andauernden Verschleppung von Schwarzafrikanern als Sklaven darstellen.[1] Der Sklavenhandel der iberischen Halbinsel begann ab Mitte des 15. Jahrhunderts durch die Portugiesen, die zu diesem Zweck Kontakt zum Westen Afrikas aufnahmen. Besonders wichtig war dabei die Gründung einer dortigen Reederei, die nach Lissabon und Lagos Sklaven lieferte und die sich schließlich immer mehr in den Süden und Südosten Afrikas ausdehnte.[2] Der Handel mit Sklaven wurde für die Portugiesen zu einem der wichtigsten und lukrativsten Geschäfte und führte dazu, dass schon 1580 wahrscheinlich bis zu 1,5 Mio. Sklaven nach Europa und Brasilien verschleppten worden waren.[3]

Nach der Entdeckung der neuen Welt dienten die Sklaven einerseits dazu sie zu erobern, mehr aber noch als billige Arbeitskraft, die sich den dortigen klimatischen Gegebenheiten gut anpasste und vor allen Dingen landwirtschaftlich erfahren war. Dies war besonders notwendig in den Regionen, in denen die einheimische Bevölkerung durch die Ankunft der Spanier gänzlich oder teilweise ausgelöscht worden war.[4] In Kuba war bereits im Jahr 1532 die Urbevölkerung, von mindestens 60.000 Personen auf 5.000 reduziert worden und Berichten von 1820 zufolge hatte kein einziger Ureinwohner Kubas die Invasoren überlebt.[5] Von 1512 bis 1763 wurden legal ca. 60.000 Sklaven nach Kuba gebracht. Insgesamt lässt sich sagen, dass bis Ende des 19. Jahrhunderts ca. 800.000 Sklaven nach Kuba verschleppt wurden.[6] Allerdings schwankt diese Zahl in der Sekundärliteratur stark. Die hohe Konzentration an afrikanischer Bevölkerung auf Kuba blieb nicht ohne Konsequenzen für Kultur und Sprache der Insel. In dieser Arbeit soll belegt werden, dass im kubanischen Spanisch noch Spuren dieser Beeinflussung zu finden sind, daher soll zuerst auf die soziolinguistische Vorgeschichte zwischen Kuba und Afrika eingegangen werden.

Um den afrikanischen Einfluss aufzeigen zu können, ist es notwendig zu verdeutlichen, dass von einem einzigen afrikanischen Einfluss an sich schwer zu sprechen ist. Im zweiten Kapitel dieser Arbeit soll deswegen auf die Problematik der Zuordnung des Herkunftlandes und somit auch der Muttersprache der afrikanischen Sklaven, ihren unterschiedlichen Ankunftszeiten auf Kuba und auf ihre sprachliche Situation bei dieser Ankunft eingegangen werden. Im dritten Kapitel wird auf den Sprachkontakt auf Kuba selbst verwiesen, der vor allem durch die Bevölkerungsverteilung auf Kuba, aber auch durch die unterschiedlichen Stellungen und Beschäftigungen der Sklaven bedingt war. Das vierte Kapitel beschäftigt sich mit den Traditionen und Organisationen, in denen sich das afrikanische Element stark ausprägte, da es vor allen Dingen als Sakralsprache verwandt wurde und teilweise heute noch als solche benutzt wird. Im fünften Kapitel soll nochmals der Sprachkontakt schematisch dargestellt werden und eine Zusammenfassung der Problematik gegeben werden.

2. Von Afrika nach Kuba – Problematik der Herkunftsbestimmung

Die Einfuhr an Sklaven lässt sich nach Santos Pino in zwei große Blöcke einteilen:[7] der erste Block umfasst dabei zum einen die Erschließung der Insel durch die ersten Sklaven, die damals erst über ein katholisches Land (Spanien und Portugal) auf die Insel kamen (um damit eine katholische Vorbildung zu gewährleisten), und zum zweiten eine Phase, die bis zum Ende des 17. Jahrhundert andauert, in der mit Erlaubnis der Krone eine vorbestimmte Anzahl an Sklaven auf direktem Wege von Afrika nach Kuba gebracht wurden. Der zweite große Block beginnt mit dem 18. Jahrhundert, nachdem sich immer mehr Nationen am Sklavenhandel beteiligten und es zur Massensklaverei kam, die ihren traurigen Höhepunkt in der Präsenz von circa 436.000 Sklaven auf Kuba um 1840 hat. Mit der Abolition des Sklavenhandels um 1886 endet dieser zweite Block (siehe zu der unterschiedlichen Anzahl an verschleppten Personen aus Afrika auch Schaubild 1 und 3 im Anhang, S. I-II). Zusätzlich zu der Einfuhr der Sklaven kam noch eine massive Einwanderung französischer Siedler mit ihren Sklaven in die ostkubanischen Provinzen ab ca. 1791 aus Haiti und Louisiana.[8]

Im ersten Zeitblock des Sklavenhandels kamen die Sklaven vor allem aus den portugiesischen Kongogebieten, aus Oberguinea und Senegambia, nach 1820 waren es zumeist Gruppen aus Benin, Calabar und Dahomey.[9] Man geht davon aus, dass sich über 100 ethnische Gruppen mit an die 300 Sprachen und Dialekte in der Sklaverei aufeinandertrafen. Allerdings ist eine Unterscheidung schwer zu treffen. Selbst Afrikanisten fällt es heutzutage schwer, Stämme und Völker bestimmten Gebieten zuzuordnen, da durch die damals in Afrika herrschenden Stammeskriege ganze Völker in die Sklaverei verschleppt, versprengt oder ausgelöscht worden waren. Zum anderen trugen Pseudo-Ethnografien der Sklavenhändler dazu bei, die wahren Ethnonyme unkenntlich zu machen.[10] So wurden Gruppen von Sklaven häufig nach ihren angeblichen stammestypischen Eigenschaften, aber auch nach Verschiffungshäfen, Arbeitsstätten oder nach dem Schiffsnamen mit Sammelnamen belegt.[11]

Diese metaethnischen Bezeichnungen wurden auf Kuba ausschlaggebend, um die Gruppenzugehörigkeit zu kennzeichnen, auch wenn diese nicht den wahren ethnischen Wurzeln entsprach. Dies soll anhand von Beispielen im Weiteren verdeutlicht werden. Die größten Gruppen mit metaethnischen Bezeichnungen auf Kuba sind Lucumí, Congo, Carabalí, Arará, Mina, Mandinga, Gangá und Macuá. Dabei machte bis ungefähr 1835 die Congo-Gruppe den größten Anteil der Sklaven aus[12]. Da 1835 der Oyo-Stamm zusammenbrach, der letzte Halt der Yoruba-Kultur, die in Afrika selbst einen Höhepunkt in afrikanischer Kultur und staatlichem Leben darstellte, wurden die meisten Stammesangehörigen in die Sklaverei verschleppt und zu einer der stärksten Gruppen in Kuba unter dem Sammelnamen Lucumí. Anhand dieser Gruppe soll die Problematik der Zuordnung mit Hilfe der Tabelle von Rafael López Valdés verdeutlicht werden:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Dieckmann, 2002, S. 108 (vollständige Tabelle siehe Anhang: Tabelle 1, S. III-IV)

Der Name Lucumí scheint nach Dieckmann auf eine Metathese des Verschiffungshafens Ulkami oder Ulkumi zurückzugehen.[13] Zeuske dagegen verweist auf Olfert Dapper, demgemäß es sich um den Namen eines Königreiches handelte, welches in Westafrika lag.[14]

Deutlich wird in dieser Tabelle, dass unter dem Namen Lucumí vier unterschiedliche Völker (Edo, Nupe, Wari, Yoruba) zusammengefasst wurden, die hauptsächlich in Nigeria zu finden waren, aber auch Gruppen aus Benin, Ghana, Togo, etc. Dabei wird besonders bei der Yoruba-Kultur deutlich, dass dort sehr unterschiedliche Stämme bzw. Völker vertreten waren.

Die Voraussetzungen unter denen die Lucumí nach Kuba kamen, waren allerdings andere als bei den Gruppen zuvor. Nach Zeuske kamen mit ihnen auch mehr Frauen nach Kuba, so dass es zu vermehrter Familienbildung unter den Sklaven kam. Das geschah in einer Epoche, in welcher die Sklaven nicht mehr nur noch rücksichtslos verbraucht wurden, sondern ihr Wert gestiegen war, was sich in einer teilweise verbesserten Lebenssituation niederschlug.[15]

Die Sklavenhändler achteten darauf, die Gruppen möglichst heterogen zu halten, aus Furcht vor dem Zusammenschluss dieser. Das hieß, dass sogar untereinander verfeindete Völker in diesen Gruppen zusammengefasst wurden und teilweise durch die harte Überfahrt und die schweren Lebensbedingungen zum Miteinander gezwungen wurden. Aus den Schiffsgruppen konnten sich Gemeinschaften entwickeln, die auch in Kuba noch Bestand hatten (sog. Carabelas). Da untereinander eine Kommunikation erschwert war, wurde meist eine afrikanische Sprache (Yoruba, Kikongo, Efik und Mandingo) oder eine Pidgin-Sprache als Lingua Franca erwählt, wobei Pidgin (Spanisch und Portugiesisch) auch von den Sklavenhändlern zu Verständigung benutzt wurde.[16]

3. Problematik des unterschiedlichen Sprachkontaktes auf Kuba

Kuba unterteilt sich in die 13 Provinzen Pinar del Río, La Habana, Ciudad de la Habana, Matanzas, Cienfuegos, Santa Clara, Sancti Spiritus, Ciego de Avila, Camagüey, Las Tunas, Holguín, Granma, Santiago de Cuba und Guantánamo und die Gemeinde der Isla de la Juventud. Dabei werden La Habana, Matanzas, Santiago de Cuba und Guantánamo als diejenigen mit der höchsten schwarzen Bevölkerungsquote genannt.[17] Besonders in den erstgenannten beiden Provinzen lag das an der hohen Konzentration der Zuckerplantagen, die auf die Sklavenarbeit angewiesen war. Die genannten östlichen Provinzen waren Umschlagsplätze der Sklaven und nach der Sklavenrevolte auf der französischen Nachbarinsel Haiti kam hier der größte Teil der haitianischen Zuckerbarone mit ihren Sklaven – meist Arará -Sklaven – hin. Die Arará -Gruppe stammte meist aus dem ehemaligen Königreich Dahomey und umfasste ebenfalls mehrere Ethnien. Allerdings stammten sie aus französisch besetzten Gebieten und wurden hauptsächlich in die französischen Kolonien Haiti und Louisiana gebracht.[18]

Im 19. Jahrhundert konzentrierte sich also die Mehrheit der Schwarzen im Osten und machte dort 70% der Bevölkerung aus. Dort waren besonders die Gruppierungen der Congos und Carabalí zu finden, obwohl diese auch im Westen des Landes vertreten waren, allerdings in viel geringerer Ausprägung. Die Congo s gingen aus dem Bantú-Kulturkreis hervor und führten Kulte mit sich, die später als Regla de Palo bezeichnet wurden.[19]

Die Lucumí waren meist in den Städten im Westen zu finden, wie in Matanzas und La Habana, wo sie sich schnell in sogenannten Cabildos organisierten (siehe Kapitel 3).

Auf Kuba gab es durch die unterschiedlichen Phasen des Sklavenhandels unterschiedliche Integrationsstufen der afrikanischen Bevölkerung. Zu Beginn waren viele Sklaven auf die Insel gekommen, die zum Teil in Spanien geboren worden waren und meistens mit Spanisch aufgewachsen waren und es dementsprechend sprachen. Diese Gruppe wurde auch als Ladinos bezeichnet.[20]

„Estos negros no eran africanos en su origen, sino españoles, pues eran nacidos en España […] eran llamados ladinos, pues hablaban la lengua des sus amos. Los negros ladinos venían a las Antillas como esclavos domésticos, acompañando a sus señores, por lo que también luchaban contra los indígenas. En 1521 una real cédula prohibió, finalmente, el traslado de negros ladinos a América.“[21],[22]

Auf Kuba geborene Sklaven nannte man negros criollos, während die noch in Afrika geborenen Sklaven negros bozales bzw. negros de nación genannt wurden.[23] Die Herkunft von Bozal (dt. Halfter) erklärt Valdes Bernal folgendermaßen: „ Bozal de bozo, y éste del latín bucceus, por alusión a los gruesos labios, pues esa era la denominación aplicada a los esclavos negros oriundos de África.“[24] Diejenigen der negros bozales, die sich sprachlich mehr assimilierten, da sie schon länger auf Kuba weilten, wurden später ebenfalls als Ladinos bezeichnet (Begriffsverschiebung, nicht zu verwechseln mit der vorhin genannten Gruppe). Die Einteilung in negros bozales und ladinos erfolgte also je nach fortgeschrittenen Sprachkenntnissen im Spanischen. Die Ladinos genossen oft genug die Möglichkeit sich frei zu kaufen und waren zusammen mit den freien negros criollos darum bemüht, ihre gesellschaftliche Stellung zu festigen, indem sie sich möglichst schnell assimilierten. Zur nochmaligen Verdeutlichung der Bezeichnungen dient die folgende Tabelle:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Sprache der negros bozales wurde Habla Bozal genannt und stellte eine Pidgin-Sprache dar, die in Kuba auf dem Spanischen basierte. Jedoch gab es auch viele, die sich anfangs auch mit dem Pidgin-Portugiesisch behalfen. Um ihre Position und ihre Lebensumstände zu verbessern, versuchten sich viele schnell der Sprache ihrer „Besitzer“ zu bedienen. Dabei war der Sprachkontakt zwischen der spanischen weißen Bevölkerung mit denen der Sklaven je nach Stellung und Besitztümer unterschiedlich.

Es gab besonders große Unterschiede zwischen den Sklaven auf den Plantagen und denen in der Stadt. In der Stadt waren meist negros criollos vertreten, während sich auf den Plantagen hauptsächlich negros bozales befanden. Während auf den Plantagen der Kontakt der Sklaven zu ihren Besitzern meist über einen Aufseher erfolgte, der ein pidginisiertes Spanisch sprach, war der Kontakt der "Stadtsklaven" zu ihren spanischen Besitzern dementsprechend enger und erleichterte die Spracherlernung.[25] Die freien Schwarzen versuchten meist nichts mit den Sklaven gemein zu haben und ein besonders gutes Spanisch zu sprechen, um so ihre Assimilierung zu verdeutlichen und ihre Stellung zu festigen.

Die Plantagen werden von den Linguisten als Fruchtstätte der Kreolsprachen angesehen.

„Desde varios años, lo teóricos de la pidginización y la criollización han considerado las plantaciones como un contexto especialmente favorable para la formación de criollos, incluso se ha expresado que una situación como la de las plantaciones es esencial para la criollización.“[26]

Jedoch war die Situation in Kuba nicht mit der wie z. B. auf den ABC-Inseln zu vergleichen. Auf Kuba gab es einen größeren Fluss an Ethnien, die durch das Land kamen. Auch war die Solidarisierung der armen weißen Bevölkerung mit der schwarzen Bevölkerung nicht so ausgeprägt wie auf den umliegenden Inseln. Die Kreol-Sprache gewann vor dem Hintergrund der Unabhängigkeitsbestrebungen der karibischen Inseln gegenüber dem jeweiligen Mutterland in der kreolischen Bevölkerung an großem Wert in Bezug auf die Schaffung einer eigenen Identität. Dies war in Kuba nicht der Fall.

Aus Angst vor der gewachsenen schwarzen Bevölkerung kam es zu starken Repressionen durch die weiße Bevölkerungsschicht besonders den freien Schwarzen gegenüber, so dass diese zum Zusammenschluss mit den Sklaven gezwungen waren, obwohl sie vorher versucht hatten, sich diesen gegenüber abzuheben und zu distanzieren.[27]

So erfolgte nach 1843 eine stärkere Solidarisierung der verschiedenen Gruppen untereinander, da das bis dahin entstandene schwarze Bürgertum immer stärker diskriminiert wurde. Das Schaubild 2 verdeutlicht dabei die Problematik: durch den ständigen Nachschub an Sklaven war es schließlich so, dass zeitweise die schwarze Bevölkerung die weiße anzahlmäßig überwog (siehe dazu auch Schaubild 2 im Anhang, S. I).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Ortiz López, 1998, S. 64.

4. Cabildos und Kulte als Erhalter der afrikanischen Lexik

Unter den Sklaven existierten unterschiedliche Organisationsformen, deren wichtigste die Cabildos de Nación waren.

„los negros urbanos fueron organizados en Cabildos, especie de asociación comunitaria y de ayuda propia, tomando en cuenta la 'nación' o precedencia étnica africana. Así surgieron cabildos de la 'nación carabalí', como se identificaban los ibibio, efik y ekoi del Calabar, sur de Nigeria; o se constituían cabildos de la nación Lucumí, como llamaban a los yoruba. Pero muchas veces ocurría que se identificaba como lucumí no sólo a los yoruba, sino a otros grupos culturales. Por tanto, los cabildos de nación llegaron a propiciar la transculturación incluso entre los propios africanos y sus descendientes.”[28]

Die Cabildos formierten sich zumeist in der Stadt und waren eine Art ständische Ratsversammlung, die schon im 17. Jahrhundert feste Versammlungshäuser besaßen und die das fundamentale institutionelle Gerüst für die unterschiedlichen afrikanischen Kulturelemente darstellten.[29] „Die Cabildos tradierten schwarze Religiosität, Musik, Tanz und Geselligkeitsformen, Sprache, Gestik sowie Musik.“[30] Sie dienten dazu, mit Hilfe des Glaubens dem Sklavendasein für kurze Zeit zu entfliehen.[31]

In den Cabildos wurden unterschiedliche Kulte zelebriert, die sich aus den unterschiedlichen mitgebrachten Geheimriten geformt hatten und ab dem 19. Jahrhundert als Reglas bezeichnet wurden. Ableger dieser Cabildos auch im spirituellen Sinne waren verschiedene Geheimgesellschaften und Bruderschaften (Cofradías).[32]

Trotz aller Unterschiede der Kulte sind ihnen drei Grundzüge gemein: Erstens verehrten sie ihre Ahnen und waren der Überzeugung, dass die Toten die Macht hätten, den Bereich der Lebenden zu beeinflussen. Zum zweiten glaubten sie an einen einzigen Gott in Übereinstimmung mit der christlichen Lehre und schließlich existierte bei allen der Glaube an ein Pantheon von Zwischengottheiten (Santos oder Orishas genannt).[33]

Einer der wichtigsten Kulte ist die Santería der Lucumís, auch Regla de Ocha genannt. Auch in Verbindung damit stehend (weil auch vom Stamme der Yoruba) ist die Regla Arará, die allerdings auch mit dem haitianischen Voodoo Kontakt hatte. Die Gruppierung der Congo fand ihre religiöse Manifestation in der Regla del Palo Monte. Die Carabalí drückten ihre Religiosität in einer Geheimgesellschaft namens Abakuá aus, deren Anhänger sich ñáñigos nannten. Diese soll vor allen Dingen für die kubanische Habla Popular prägend sein.

Die afrikanische Sprache wandelte sich in diesen Institutionen zu einer Sakralsprache mit enormer Wichtigkeit: „las lenguas africanas sirvieron de base para la lengua sagrada del cultor, de lengua esotérica, pues solamente la podían entender los que lo practicaban.“[34] Viele afrikanische Ausdrücke wurden meist mündlich teilweise aber auch schriftlich in sog. libretas überliefert.

„Die Art der schriftlichen Fixierung bzw. der Transkription hing jedoch in sehr starkem Maße von den orthographischen Kenntnissen des Verfassers ab und das dabei verwendete spanische Alphabet war wiederum nicht flexibel genug, die Laute der afrikanischen Sprachen phonologische einwandfrei zu erfassen.“[35]

Die heute existenten Ritual-Codes sind also nicht als direkte Zeugnisse der afrikanischen Sprachen zu sehen, sondern als linguistische Varietäten, die schon in Afrika wahrscheinlich in derselben Funktion zu finden waren.

5. Fazit

Bei Betrachtung der vorherigen Kapitel wird deutlich, dass der Spracherwerb unter unterschiedlichen Voraussetzungen erfolgte. Fassen wir alle Kapitel zusammen, so kann folgende Aufstellung nach Perl für die Voraussetzungen des Spracherwerbs und deren Nutzung bei den auf Kuba lebenden Sklaven herangezogen werden:[36]

1. Sprecher afrikanischer Sprachen (Sklaven auf Plantagen – in Afrika geboren)
2. Sprecher afrikanischer Sprachen mit Kenntnissen des portugiesischen Pidgin (Sklaven auf Plantagen – in Afrika geboren)
3. Sprecher der afrikanischen Sprachen und des spanischen Pidgin (Sklaven auf Plantagen – in Afrika oder auf Kuba geboren)
4. Sprecher des spanischen Pidgin und afrikanischer Sprache, letztere allerdings nur zur Nutzung im religiösen/spirituellen Kontext (Sklaven auf Plantagen – in Kuba geboren, Haussklaven und freie Schwarze, die keine hohe soziale Position bekleideten oder an isolierten Orten wohnten)
5. Sprecher des sich entwickelnden kubanischen Spanisch (Schwarze, die eine hohe soziale Position aufwiesen und keiner religiösen Gemeinschaft angehörten)

Diese Unterscheidungen sind besonders zu beachten bei der Betrachtung der soziolinguistischen Situation auf Kuba, von denen leider immer noch nicht genügend Arbeiten vorliegen. Die Habla Bozal wird als eine linguistische afrohispanische Varietät angesehen, deren Beeinflussung auf die heutige Habla Popular Kubas noch nicht erfasst worden ist.

In der vorliegenden Arbeit sollte verdeutlicht werden, dass sich die afrikanische Beeinflussung des kubanischen Spanisch aufgrund verschiedener Schwierigkeiten sehr schwer erfassen lässt. Die Auswirkungen auf die Lexik wird von fast allen Linguisten bestätigt, allerdings gibt es noch viele Streitpunkte im Bereich der Morphosyntax und der Phonetik

Diese Beeinflussungen sind eben deswegen schwer erkennbar, weil zum einen die Herkunftsbestimmung sich als sehr schwierig erweist. Kuba selbst kam nie wirklich zur Ruhe und der ständige Fluss an Individuen verschiedener Ethnien, die auf die Insel kamen, erschwert die Feldforschungen auf diesem Gebiet. Zum anderen kann von Feldforschungen im wirklichen Sinne nicht gesprochen werden, da die bisherige wissenschaftliche Erforschung sich nicht der Habla Popular Kubas widmete, sondern der Habla Culta:

„Debe señalarse, sin embargo, que los datos proporcionados por López Morales son resultado de encuestas realizadas entre cubanos residentes en Miami, quienes pueden ser catalogados (según criterios sociológicos) como pertenecientes a la clase media o alta. En Cuba, como en otras áreas negrohispanas, son precisamente éstos lectos que menos han sido afectados por el sustrato africano, por lo que es lógico que éstos carezcan de abundantes elementos africanos.“[37]

Noch immer fehlt es an Feldstudien mit entsprechender Systematik wie schon Perl aufzeigt.[38] Dabei sind bestimmte Charakteristika des Habla Popular Kubas auch eindeutig im Habla Popular Brasiliens zu finden.

Eine weitere Schwierigkeit die Habla Bozal zu erfassen, geht mit der Begriffsdefinition für Pidgin, Kreol und Semi-Kreol einher (Siehe dazu Teil 2 dieser Aufsatzsammlung). Der Streit zwischen den Linguisten, ob eine Habla Bozal wirklich existiert haben könnte, liegt zum Teil an den wenig vorhandenen Quellen. Jedoch ist die Autorin dieser Arbeit der Auffassung, dass die Habla Bozal als semikreole Sprache mit hoher Wahrscheinlichkeit vorhanden war.

6. Literaturverzeichnis

Choy López, Luis Roberto: Periodización y orígenes en la historia del español de Cuba, Valencia, 1999.

Dieckmann, Anja: Afrikanismen in der modernen Umgangssprache Kubas. Einfluss der música popular, Frankfurt a. Main, 2002.

Figueroa Arencibia, Vincente Jesús: “Tratamiento de /-s/ en el español no estándar de la región suroriental cubana: un rasgo semicriollo” in: Perl, Matthias./Pörtl, Klaus (Hgg): Estudios de lingüística hispanoamericana, brasileña y criolla, Frankfurt a. Main, 2002, S. 97-148.

Ortiz López, Luis A.: Huellas etno-sociolingüísticas bozales y afrocubanas, Madrid/Frankfurt a. Main, 1998.

Perl, Matthias: “Introducción”, in: ders./Schwegler, Armin (Hgg): América negra. Panorámica actual de los estudios lingüísticos sobre variedades hispanas, portuguesas y criollas, Madrid/Frankfurt a. Main, 1998, S. 2-24.

Perl, Matthias: “Las estructuras de comunicación de los esclavos negros en Cuba en el siglo XIX” in: ders./Pörtl, Klaus (Hgg): Estudios de lingüística hispanoamericana, brasileña y criolla, Frankfurt a. Main, 2002, S. 81-95.

Perl, Matthias: “Sobre la presencia francesa y francocriolla en Cuba”, in ders./Lütdke, Jens (Hgg.): Lengua y cultura en el Caribe hispánico. Actas de una sección del Congreso e la Asociación de Hispanistas Alemanes celebrado en Augsburg, 4-7 de marzo de 1993, Tübingen, 1994, S. 99-108.

Perl, Matthias: „Die Sprachsituation in Kuba“, in: Ette, Ottmar/Franzbach, Martin (Hgg.): Kuba heute. Politik-Wirtschaft-Kultur, Frankfurt a. Main, 2001, S. 663-668.

Valdés Bernal, Sergio “Cuba: ejemplo histórico de lenguas en contacto“, in: Störl, Kerstin/Klare, Johannes (Hgg.): Romanische Sprachen in Amerika. Festschrift für Hans-Dieter Paufler zum 65. Geburtstag, Frankfurt a. Main, 2002, 301-312.

Zeuske, Michael: Kleine Geschichte Kubas, München, 2002.

[...]


[1] S. Perl, Matthias: „Die Sprachsituation in Kuba“, in: Ette, Ottmar/Franzbach, Martin (Hgg.): Kuba heute. Politik-Wirtschaft-Kultur, Frankfurt a. Main, 2001, S. 663-668, S. 653 // Dieckmann, Anja: Afrikanismen in der modernen Umgangssprache Kubas. Einfluss der música popular, Frankfurt a. Main, 2002. S. 17.

[2] Vgl. Ortiz López, Luis A.: Huellas etno-sociolingüísticas bozales y afrocubanas, Madrid/Frankfurt a. Main, 1998, S. 33.

[3] S. Perl, Matthias: “Introducción”, in: ders./Schwegler, Armin (Hgg): América negra. Panorámica actual de los estudios lingüísticos sobre variedades hispanas, portuguesas y criollas, Madrid/Frankfurt a. Main, 1998, S. 2-24, S. 13.

[4] Vgl. Choy López, Luis Roberto: Periodización y orígenes en la historia del español de Cuba, Valencia, 1999, S. 100.

[5] S. Perl, Matthias: “Las estructuras de comunicación de los esclavos negros en Cuba en el siglo XIX” in: ders./Pörtl, Klaus (Hgg): Estudios de lingüística hispanoamericana, brasileña y criolla, Frankfurt a. Main, 2002, S. 81-95, S. 81.

[6] S. Perl, 2002, S. 653.

[7] So aufgeführt in: Ortiz López, 1998, S. 63.

[8] S. Perl, 2001, S. 653; Siehe hierzu auch den Aufsatz von Perl, Matthias: "Sobre la presencia francesa y francocriolla en Cuba", in ders./Lütdke, Jens (Hgg.): Lengua y cultura en el Caribe hispánico. Actas de una sección del Congreso e la Asociación de Hispanistas Alemanes celebrado en Augsburg, 4-7 de marzo de 1993, Tübingen, 1994, S. 99-108.

[9] S. Zeuske, Michael: Kleine Geschichte Kubas, München, 2002, S. 106

[10] Vgl. Zeuske, 2002, S. 107.

[11] Vgl. Dieckmann, 2002, S. 19.

[12] Zu den einzelnen Gruppierungen siehe auch Dieckmann, S. 19-21.

[13] S. Dieckmann, 2002, S. 20.

[14] S. Zeuske, 2002, S. 109.

[15] Vgl. Zeuske, 2002, S. 107.

[16] Vgl. Perl, 2002, S. 85-86.

[17] Vgl. Figueroa Arencibia, Vincente Jesús: “Tratamiento de /-s/ en el español no estándar de la región suroriental cubana: un rasgo semicriollo” in: Perl, Matthias./Pörtl, Klaus (Hgg): Estudios de lingüística hispanoamericana, brasileña y criolla, Frankfurt a. Main, 2002, S. 97-148.

[18] Vgl. Dieckmann, 2002, S.21.

[19] S. Dieckmann, 2002, S. 20.

[20] Vgl. Choy López, 1999, S. 101.

[21] Valdés Bernal, Sergio “Cuba: ejemplo histórico de lenguas en contacto“, in: Störl, Kerstin/Klare, Johannes (Hgg.): Romanische Sprachen in Amerika. Festschrift für Hans-Dieter Paufler zum 65. Geburtstag, Frankfurt a. Main, 2002, 301-312, S. 301.

[22] Choy Lopez (1999, S. 101) gibt als Jahr des Verbotes 1526 an.

[23] Vgl. Dieckmann, 2002, S. 22.

[24] Valdés Bernal, 2002, S. 303.

[25] Vgl. Perl, 2002, S. 83-84

[26] Choy López, 1999, S. 56.

[27] Vgl. Zeuske, 2002,S. 104.

[28] Valdés Bernal, 2002 , S. 303.

[29] Vgl. Zeuske, 2002, S. 104.

[30] Zeuske, 2002, S. 105.

[31] S. Dieckmann, 2002, S. 25.

[32] Vgl. Zeuske, 2002, S. 105.

[33] Vgl. Zeuske, 2002, S. 109.

[34] Valdés Bernal, 2002, S. 304.

[35] Dieckmann, 2002, S. 26.

[36] S. Perl, 2002, S. 88-89.

[37] Perl, 1998, S. 5

[38] S. Perl, 2001, S. 664.

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Details

Titel
Zur Problematik der Erfassung der Habla Bozal unter Berücksichtung des soziodemographischen und -historischen Aspektes
Hochschule
Universität zu Köln  (Romanisches Seminar der Universität zu Köln)
Veranstaltung
Hauptseminar: Spanisch und Portugiesisch in Lateinamerika
Note
bestanden
Autor
Jahr
2007
Seiten
13
Katalognummer
V114214
Dateigröße
375 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Problematik, Erfassung, Habla, Bozal, Berücksichtung, Aspektes, Hauptseminar, Spanisch, Portugiesisch, Lateinamerika
Arbeit zitieren
Helena Hemberger (Autor), 2007, Zur Problematik der Erfassung der Habla Bozal unter Berücksichtung des soziodemographischen und -historischen Aspektes, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/114214

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