Die Gewaltwellen mit rechtsextremistischem Hintergrund zu Beginn der neunziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts haben in der Wissenschaft die Frage aufgeworfen, ob der Rechtsextremismus als neue soziale Bewegung aufgefasst werden könne. Hierzu gibt es durchaus gegensätzliche Meinungen, wobei erwähnt werden sollte, dass den verschiedenen Meinungen auch teilweise unterschiedliche Definitionen zu Grunde liegen. Ziel dieser Arbeit soll sein, einen Überblick über den aktuellen Forschungsstand zur Thematik zu geben um anhand dessen eigene Schlussfolgerungen ziehen zu können.
Zunächst soll eine kurze Definition von sozialer Bewegung den Ausgangspunkt der Autorin erläutern. Ebenfalls wird für eine bessere Verständlichkeit die in dieser Arbeit verwendete Definition von Rechtsextremismus erörtert. Anschließend werden die bedeutendsten Positionen aus der Wissenschaft diskutiert. Diesen werden folgende Grundfragen zugrunde gelegt:
1. Welche Definition von sozialer Bewegung wird verwendet?
2. Wird Rechtsextremismus als eine soziale Bewegung aufgefasst?
Die Argumente der verschiedenen Positionen sollen daraufhin herangezogen werden um die Leitfrage dieser Arbeit, ob Rechtsextremismus eine soziale Bewegung sei, zu beantworten.
Die These der Autorin ist, dass Rechtsextremismus bei einer entsprechenden Definition von sozialen Bewegungen, als solche aufgefasst werden kann.
2. Begriffserläuterungen
Für die Klärung der Grundfrage dieser Arbeit ist es dringend erforderlich eine einheitliche Definition des Begriffes soziale Bewegung zugrunde zu legen. Obgleich die Autoren der verschiedenen zu erörternden Positionen nicht alle die in diesem Abschnitt angeführte Definition verwenden, ist es dennoch erforderlich eine Definition festzulegen um abschließend in der Lage zu sein ein Fazit zu ziehen und die Grundfrage zu beantworten. Die Wahl der in diesem Abschnitt gewählten Definition ist begründet durch ihre häufige Verwendung in der Literatur zum spezifischen Thema.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Begriffserläuterungen
3. Positionen
3.1 Jaschke
3.2 Leggewie
3.3 Koopmans/Rucht
3.4 Bergmann
3.5 Wagner
3.6 Willems
3.7 Butterwegge
4. Ist der Rechtsextremismus eine soziale Bewegung ?
5. Literaturverzeichnis
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die wissenschaftliche Debatte darüber, ob der Rechtsextremismus in der Bundesrepublik Deutschland nach der Wiedervereinigung als neue soziale Bewegung klassifiziert werden kann. Ziel ist es, durch eine vergleichende Analyse verschiedener politikwissenschaftlicher Positionen zu begründen, unter welchen theoretischen Voraussetzungen eine solche Einordnung möglich ist.
- Definition von "sozialen Bewegungen" in der Politikwissenschaft
- Analyse der rechtsextremen Szene als mobilisierender Akteur
- Rolle von Subkulturen (insb. Skinheads) für die Bewegungsbildung
- Diskussion von Modernisierungstheorien und Netzwerkanalyse im Kontext des Rechtsextremismus
- Untersuchung der strukturellen und symbolischen Merkmale rechtsextremer Gruppierungen
Auszug aus dem Buch
3.1 Jaschke
Hans-Gerd Jaschke ist einer der Initiatoren der vorliegenden Debatte und interpretiert das rechtsextreme Protestverhalten als „eine sich zur sozialen Bewegung formierende, modernisierungskritische Reaktion auf zwei fundamentale Veränderungen der Gesellschaft – auf Ethnisierungsprozesse und auf Individualisierungsschübe“ (Jaschke 1993:105; zit. nach Schroeder 2003:114). Jaschke räumt jedoch ein, dass es der Individualisierungsthese an Präzision mangele, da sie nicht vermöge vielfältige Verhaltensweisen zu erfassen und zu interpretieren. Die Attraktivität des Rechtsextremismus lasse sich durch seine prinzipiengeleitete, homogene Weltsicht erklären. Zudem ermögliche das plakatierte Schwarz-Weiß Denken in Debatten keinerlei rationalen Diskurs. Der Rechtsextremismus greife darüber hinaus die Angst bzw. Ablehnung gegenüber Modernisierungsprozessen auf und biete stattdessen antimodernistische und traditionalistische Antworten.
Zu einer Bewegung habe sich der Rechtsextremismus allerdings erst nach der Wende entwickelt. Ihre Kennzeichen seien „das populistische Aufgreifen von Alltagsinteressen, die Existenz rechtsintellektueller Gruppen, eine gewisse Militanz am Rande der Bewegung sowie dezentrale Strukturen und ein(en) hohe(n)r Vernetzungsgrad. Hinzu käme die für Jugendliche attraktive Subkultur der rechtsradikalen Skins“ (Schroeder 2003:114).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Forschungsfrage ein, ob der Rechtsextremismus als soziale Bewegung betrachtet werden kann, und erläutert die methodische Vorgehensweise der Arbeit.
2. Begriffserläuterungen: In diesem Kapitel werden die zentralen Begrifflichkeiten "soziale Bewegung" nach Raschke und "Rechtsextremismus" im politikwissenschaftlichen Diskurs definiert und begründet.
3. Positionen: Dieser Abschnitt bietet eine detaillierte Auseinandersetzung mit verschiedenen wissenschaftlichen Autoren, die unterschiedliche Aspekte und Kriterien zur Einordnung des Rechtsextremismus als soziale Bewegung diskutieren.
3.1 Jaschke: Hans-Gerd Jaschke interpretiert den Rechtsextremismus als eine Reaktion auf Modernisierungsprozesse, die sich nach der Wende strukturell zu einer Bewegung formiert hat.
3.2 Leggewie: Claus Leggewie sieht den Rechtsextremismus als lockeren Zusammenschluss und betont die Rolle von Subkulturen sowie die Abgrenzung zur organisierten Illegalität.
3.3 Koopmans/Rucht: Die Autoren nutzen empirische Analysen, um zu prüfen, welche Teile des rechtsextremen Spektrums als netzwerkartige soziale Bewegungen eingestuft werden können.
3.4 Bergmann: Werner Bergmann analysiert den Rechtsextremismus als Modernisierung des rechten Lagers und nutzt soziologische Theorien zur Beschreibung der Mobilisierungsfaktoren.
3.5 Wagner: Bernd Wagner identifiziert die rechtsextremen Ausschreitungen als "Kulturbewegung" und sieht darin einen quantitativen Beleg für eine soziale Bewegung.
3.6 Willems: Helmut Willems kritisiert die zu strukturorientierten Ansätze der Befürworter und betont die Notwendigkeit, gesellschaftliche Reaktionen in die Analyse einzubeziehen.
3.7 Butterwegge: Christoph Butterwegge lehnt eine Einordnung des Rechtsextremismus als soziale Bewegung vehement ab, da er das Demokratieprinzip als zentrales Kriterium für eine solche Bewegung ansieht.
4. Ist der Rechtsextremismus eine soziale Bewegung ?: Das Fazit fasst die Analyse zusammen und kommt zu dem Schluss, dass der Rechtsextremismus bei einer auf Raschke basierenden Definition als soziale Bewegung klassifiziert werden kann.
Schlüsselwörter
Rechtsextremismus, Soziale Bewegung, Politische Soziologie, Politische Mobilisierung, Modernisierungskritik, Neonazismus, Skinheads, Netzwerktheorie, Politische Gelegenheitsstrukturen, Kollektive Identität, Ideologie, Gesellschaftlicher Wandel, Radikalisierung, Rechtspopulismus, Bewegungsforschung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Hausarbeit untersucht die wissenschaftliche Debatte, ob der Rechtsextremismus in Deutschland nach der Wende als soziale Bewegung klassifiziert werden kann oder ob diese Bezeichnung unzutreffend ist.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen die politikwissenschaftliche Definition von sozialen Bewegungen, die Rolle von rechtsextremen Netzwerken, die Bedeutung von jugendlichen Subkulturen sowie der Einfluss von Modernisierungsprozessen.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das primäre Ziel ist es, den aktuellen Forschungsstand zu vergleichen und auf Basis einer gewählten Definition von Joachim Raschke zu prüfen, ob der Rechtsextremismus die Kriterien einer sozialen Bewegung erfüllt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin verwendet eine vergleichende Literaturanalyse, in der die Positionen maßgeblicher Wissenschaftler (wie Jaschke, Leggewie, Bergmann u.a.) gegenübergestellt und anhand definitorischer Kriterien kritisch geprüft werden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Begriffsklärung und eine detaillierte Diskussion einzelner Expertenpositionen, die entweder die These der "sozialen Bewegung" stützen oder ihr widersprechen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Rechtsextremismus, soziale Bewegung, Mobilisierung, Netzwerkstrukturen, Modernisierung sowie kollektive Deutungsmuster.
Warum lehnt Christoph Butterwegge die Bezeichnung ab?
Butterwegge lehnt die Einstufung ab, weil er das Demokratieprinzip als essentielles Merkmal einer sozialen Bewegung betrachtet und feststellt, dass rechtsextreme Gruppierungen dieses Prinzip verletzen, statt es zu fördern.
Welche Rolle spielen Skinheads in der Argumentation?
Die Skinhead-Szene wird von mehreren Autoren als zentraler Faktor für eine soziale Bewegung angeführt, da sie durch ein spezifisches subkulturelles Bewusstsein, Symbolik und eine anti-bürgerliche Identität zur Mobilisierung beiträgt.
Wie unterscheidet Leggewie den Rechtsextremismus vom Terrorismus?
Leggewie argumentiert, dass der Rechtsextremismus – im Gegensatz zur RAF – nicht primär aus der Illegalität agiert und keine hochgradig organisierte Vernetzung gegen den Staat aufweist, sondern eher als diffuses, gesellschaftliches Milieu existiert.
- Citation du texte
- Sahar Farman (Auteur), 2007, Rechtsextremismus als Soziale Bewegung?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/114222