Die Forschungsfrage dieser Arbeit lautet: Welche Transformationen, Kontinuitäten und Interdependenzen lassen sich in den Sozialismusverständissen von SPD und PDS/DIE LINKE identifizieren? Dabei wird die programmatische Entwicklung der Parteien explizit auf diese Fragestellung untersucht. Die Forschungsfrage zielt letztlich auch auf die Bestimmung zentraler Unterschiede und Gemeinsamkeiten der jeweiligen Sozialismuskonzeption.
Der Kategorisierung Fülberths folgend ist unter Sozialismus in diesem Zusammenhang einerseits die politische Theorie gemeint. Wie sich innerhalb dieser Arbeit zeigen wird, liegen den beiden Parteien in ihren Ursprüngen jeweils unterschiedliche politische Theorien zugrunde. Diesen beiden sozialistischen Theorien ist in dieser Arbeit ein eigenes Kapitel gewidmet. Auf der anderen Seite ist die angestrebte Gesellschaftsordnung gemeint, bei welcher es sich letztlich um den Hauptuntersuchungsgegenstand dieser Arbeit handelt. Alternativ könnte die Forschungsfrage also lauten: Welche Gesellschaftsordnung streben SPD und PDS/DIE LINKE programmatisch an? Welche Transformationen, Kontinuitäten und Interdependenzen lassen sich in jenen programmatischen Inhalten ausmachen, welche diese Gesellschaftsordnung herbeiführen sollen?
Wenngleich der Begriff der Ideologie durch historische Erfahrungen insbesondere in Deutschland derart negativ konnotiert ist, dass die Politikwissenschaft bereits den Ausweichbegriff des Ideenkreises erdacht hat, so bleibt die Semantik beider Begriffe unverändert. Gerade in Bezug auf die sozialdemokratischen/sozialistischen Ideologien ist der Begriff jedoch doppeldeutig.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
1.1 Thematische Einleitung
1.2 Forschungsstand
1.3 Methodik, Aufbau und Ziele dieser Arbeit
2. Die historische Spaltung der sozialistischen Bewegung
2.1 Revisionismus
2.2 Leninismus
3. Der Sozialismusbegriff der SPD
3.1 Der Sozialismusbegriff der SPD in der programmatischen Entwicklung
3.2 Die Grundwerte der deutschen Sozialdemokratie
3.3 Positionierung gegenüber Kapitalismus und (sozialer) Marktwirtschaft
3.4 Positionierung gegenüber Eigentum
3.5 Positionierung gegenüber freiheitlich-demokratischer Grundordnung
4. Der Sozialismusbegriff der PDS/Die Linke
4.1 Der Sozialismusbegriff der PDS/DIE LINKE in der programmatischen Entwicklung
4.2 Neuer und alter Sozialismus - Die Revisionismusdebatte in der PDS/DIE LINKE
4.3 Positionierung gegenüber Kapitalismus und (sozialer) Marktwirtschaft
4.4 Positionierung gegenüber Eigentum
4.5 Positionierung gegenüber freiheitlich-demokratischer Grundordnung
5. Konklusion
5.1 SPD
5.2 PDS/ DIE LINKE
5.3 Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Transformationen, Kontinuitäten und Interdependenzen in den Sozialismusverständnissen der SPD und PDS/DIE LINKE nach 1989. Dabei steht die zentrale Forschungsfrage im Fokus, welche Inhalte diese Parteien dem Demokratischen Sozialismus zuschreiben, wie sie ihn begründen und welche angestrebte Gesellschaftsordnung daraus resultiert.
- Historische Entwicklung der sozialistischen Bewegung (Revisionismus vs. Leninismus)
- Programmatische Genese und Transformation des Sozialismusbegriffs der SPD
- Programmatische Genese und Transformation des Sozialismusbegriffs der PDS/DIE LINKE
- Vergleich der Positionierungen zu Kapitalismus und sozialer Marktwirtschaft
- Vergleich der Haltungen zu Eigentumsfragen und zur freiheitlich-demokratischen Grundordnung
Auszug aus dem Buch
2.1 Revisionismus
Grundlegender Ansatzpunkt des Revisionismus ist die Position, die realen Entwicklungen unterschieden sich zum Teil in hohem Maße von den Prognosen Karl Marx’. So scheine der Kapitalismus nicht zwangsläufig und unter ständiger Verschärfung der Klassenkonflikte auf wenige, gigantische Großbetriebe unter der Führung einzelner reicher Magnaten einerseits, und einer ausgebeuteten Masse an Arbeitenden andererseits, hinauszulaufen. Diese Erfahrung macht die SPD erstmals mit der Übernahme der Regierungsverantwortung 1918. Statt einer polarisierten Klassenstruktur, welche sich aus marxistischer Perspektive nur durch Eingriffe in die Eigentumsverhältnisse der Produktionsmittel beheben ließe, findet die SPD hundertausende Betriebe vor, deren kompromisslose Verstaatlichung weder sinnhaft noch umsetztbar scheint. Zur Ausarbeitung sinnvoller Vergesellschaftskonzepte wird zunächst eine Sozialisierungskommission eingerichtet. Ihr Ergebnis ist sinnbildlich für die revisionistischen Positionen: Für Verstaatlichungen kämen demnach nur monopolisierte Grund- und Schlüsselindustrien in Frage. Kommunale Betriebe böten sich insbesondere bei der Daseinsvorsorge an. Für alle übrigen Betriebe verfolge die SPD die Verwirklichung einer Wirtschaftsdemokratie, welche sich durch drittelparitätisches Zusammenwirken von Staat, Gewerkschaft und Eigentümern auszeichne.
Marx prognostiziert seinerzeit, die zunehmenden Wirtschaftskonzentration werde eine ebenso stetige Verengung der Gesellschaftsstruktur auf zwei Klassen nach sich ziehen. Die Revisionisten indes sehen das Gegenteil verwirklicht: Die Gesellschaftsstruktur werde zunehmend komplexer, die Polarisierung durch die Existenz der an den Erhalt der kleinen und mittelständischen Betriebe geknüpften Mittelschicht konterkariert und durch das Hinzutreten der „neuen“ Mittelschicht ergänzt. Auch die Ausbildungsgänge, Berufspositionen und Einkommen der Arbeiterklasse differenzierten sich weiter aus. Gleichzeitig vergrößere die wachsende Zahl an Aktiengesellschaften die Menge an Teilhabern an den Produktionsmitteln. Nicht nur das ökonomische Kapital, sondern – soziologisch gesprochen – auch die kulturellen (Wissen, Bildung, Bildungstitel) und sozialen Kapitalarten (formelle und informelle Beziehungsnetze) seien immer unterschiedlicher ausgestaltet und begründeten eine zunehmende Individualisierung des Einzelnen in der Gesellschaft.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Thematik der Sozialismusverständnisse der SPD und PDS/DIE LINKE ein und erläutert Forschungsstand sowie die gewählte methodische Vorgehensweise.
2. Die historische Spaltung der sozialistischen Bewegung: Das Kapitel analysiert die theoretischen Wurzeln der sozialistischen Bewegung und die historische Ausdifferenzierung in Revisionismus und Leninismus.
3. Der Sozialismusbegriff der SPD: Hier wird die programmatische Entwicklung der SPD seit 1989 beleuchtet, wobei der Fokus auf den Grundwerten sowie der Positionierung zu Markt, Eigentum und Demokratie liegt.
4. Der Sozialismusbegriff der PDS/Die Linke: Dieses Kapitel untersucht die Transformation und Pluralität der PDS-Sozialismuskonzeption sowie die internen Debatten zwischen Reformern und Orthodoxen.
5. Konklusion: Die Konklusion fasst die zentralen Ergebnisse zusammen, bewertet die Unterschiede und Gemeinsamkeiten der Parteien und wagt einen Ausblick auf die weitere programmatische Entwicklung.
Schlüsselwörter
Sozialismus, Demokratischer Sozialismus, Soziale Demokratie, SPD, PDS, DIE LINKE, Revisionismus, Leninismus, Grundwerte, Freiheit, Gerechtigkeit, Solidarität, Kapitalismus, Marktwirtschaft, Eigentumsfrage
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der vorliegenden Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert und vergleicht die unterschiedlichen Sozialismusverständnisse der SPD und der PDS/DIE LINKE, insbesondere im Hinblick auf deren programmatische Entwicklung nach 1989.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die Untersuchung konzentriert sich auf die historische Genese, die theoretischen Grundlagen (Revisionismus vs. Leninismus) sowie die praktische Positionierung zu zentralen Strukturprinzipien wie Kapitalismus, Eigentum und demokratischer Grundordnung.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, Transformationen, Kontinuitäten und Interdependenzen in den Sozialismuskonzeptionen beider Parteien zu identifizieren und die Unterschiede sowie Gemeinsamkeiten fundiert herauszuarbeiten.
Welche wissenschaftliche Methode wird in dieser Arbeit verwendet?
Die Arbeit nutzt eine qualitative Untersuchung, bei der programmatische Texte, Grundsatzprogramme und parteiinterne Debatten historisch und inhaltlich analysiert werden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit primär behandelt?
Im Hauptteil werden die historischen Hintergründe der Spaltung sozialistischer Strömungen sowie die spezifische programmatische Ausgestaltung des Sozialismusbegriffs der SPD und der PDS/DIE LINKE in verschiedenen Kapiteln detailliert dargestellt.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Sozialismus, Demokratischer Sozialismus, Revisionismus, Soziale Demokratie, Eigentumsfrage und systemische Parteienforschung charakterisieren.
Wie bewertet der Autor die Rolle des „Dritten Weges“ für die SPD?
Der Autor thematisiert den „Dritten Weg“ im Zusammenhang mit der Agenda 2010 unter Gerhard Schröder und diskutiert, wie dieser Kurs zu parteiinternen Spannungen und letztlich zur Gründung der WASG beigetragen hat.
Was ist die zentrale Beobachtung hinsichtlich der Eigentumsdebatte bei der PDS/DIE LINKE?
Der Autor stellt fest, dass innerhalb der PDS/DIE LINKE ein breites Spektrum an Ansätzen existiert, das von klassischer Enteignungsrhetorik bis hin zu reformorientierten Vorstellungen reicht, was zu einer anhaltenden internen Uneinigkeit führt.
- Citar trabajo
- Julian Faber (Autor), 2021, Demokratischer Sozialismus und soziale Demokratie, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1142323