Der Anreiz dieser Hausarbeit ist es, durch das Auswerten und Kategorisieren von zahlreichen Klagegebärden eine faktische Beurteilung des Klageverhaltens Etzels treffen zu können. Anhand zahlreicher Verse soll beispielhaft aufgezeigt werden, inwiefern die Norm der Geschlechterrolle in Form des Klage- und Trauerverhaltens von König Etzel eingehalten wird. Bei der Lektüre der Nibelungenklage ist es unabdinglich den Protagonisten am Hunnenhof besondere Aufmerksamkeit zu schenken. Sie werden von Dichter und den anderen Figuren in einem besonderen Maße in den Mittelpunkt der Totenklage gehoben. Die Klagegebärden des König Etzels stehen an Ausmaß und Emotionalität weit über allen anderen Figuren und geben dem heutigen Leser vor allen Dingen Rätsel auf. Scheinbar überschreitet der König in seiner unermesslichen Trauer immer wieder die gesellschaftlichen Grenzen der Klage.
„Allen schriftlichen Quellen zufolge trennt das Mittelalter streng zwischen (der Wahrnehmung/Inszenierung von) männlichen und weiblichen Körpern wie den dazugehörigen sozialen Geschlechtsidentitäten. Jeder Versuch der Transgression der Geschlechtergrenzen (sowohl der körperlichen wie der sozialen) wird – außer unter relativ klar definierten Sonderkonditionen – gesellschaftlich sanktioniert.“
Die sozialen Geschlechteridentitäten geben in der mittelalterlichen Literatur einen klar abgesteckten Spielraum für die Figuren vor, in dessen Grenzen ein konventioneller Akteur agieren darf. Verhaltensmuster waren für die damalige Gesellschaft notwendig, denn nur durch sie konnten Stabilität und Ordnung hergestellt werden. Das kalkulierbare Verhalten sicherte einen Austausch von Informationen. Die geschlechterspezifische Kategorisierung von Verhaltensmustern muss demnach auch für das Trauer- und Klageverhalten von literarischen Figuren gegolten haben. Althoff hält dazu fest, dass „(…) auch mittelalterliche Literatur bei ihren Beschreibungen von Kommunikations- und Interaktionsvorgängen nicht ohne Rückgriff aus diese Spielregeln auskommt.“ Zum erleichterten Austausch von Information orientierten sich schon die Dichter des Mittelalters an festgeschriebenen Trauer- und Klagegebärden, dabei darf jedoch nicht vergessen werden, dass die Dichter ihrer Zeit auch schon mit solchen Regelwerken spielen konnten.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Theorie
2.1 Weibliche Expression der Trauer
2.2 Männliche Expression der Trauer
3. Klagegebärden Etzel
3.1 extra-linguistische Ebene
3.2 semi-linguistische Ebene
3.3 linguistische Ebene
3.4 Interaktionismus des Figureninventars
4. Resümee
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das Klageverhalten König Etzels in der Nibelungenklage unter Berücksichtigung geschlechterspezifischer Rollennormen. Das primäre Ziel ist es, durch die Kategorisierung seiner Klagegebärden zu beurteilen, inwiefern Etzel die maskuline Norm des Trauerns einhält oder durch exzessive, eher weiblich konnotierte Ausdrucksformen verletzt.
- Kategorisierung mittelalterlicher Trauer- und Klagegebärden
- Geschlechterspezifische Differenzierung männlicher und weiblicher Ausdrucksformen
- Analyse der Klagegebärden König Etzels auf extra-linguistischer, semi-linguistischer und linguistischer Ebene
- Untersuchung des Interaktionismus innerhalb des Figureninventars
Auszug aus dem Buch
3.1 extra-linguistische Ebene
Etzels Klage weist vielfältige Gebärden auf. Das Spektrum dieser Gebärden reicht von reinen Lautgebärden über Ausdruckshaltungen des menschlichen Körpers bis zu krankhaften Verhaltensänderungen. Die physische Ausdruckshaltung Etzels lässt sich der „extra-linguistic“ Ebene zuzuordnen sind. „Etzeln man gebâren / vil ungüetlîche vant.“ (V. 2434-2435). Auf der extra-linguistischen Ebene handelt es sich um psychische Veränderungen wie Erröten, Ohnmacht oder Zittern. Wie in Kapitel zwei besprochen sind für die männliche Trauer verminderte körperliche Symptome stereotypisch. Dennoch lassen sich in der Klage mehrere Beweise für starke körperliche Expressionen bei Etzel finden. Als Etzel an der Bahre Kriemhilds und Ortliebs steht, treten bei seiner Figur lebensbedrohliche Symptome des Klagens auf:
vor jâmer wart im alsô wê, daz er viel in unmaht. in het der jâmer dar zuo brâht daz im zuo der stunde ûz ôren und ûz munde begunde bresten daz pluot. Sô sêre klagt der helt guot, daz ez ein grôz wunder was daz er der klage ie genas. (V. 2308-2316)
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in das Forschungsthema ein und stellt die Notwendigkeit dar, Etzels Klageverhalten anhand geschlechterspezifischer Kategorien zu analysieren, da er wiederholt gesellschaftliche Grenzen der Klage überschreitet.
2. Theorie: Dieses Kapitel erarbeitet die theoretischen Grundlagen zur Codierung von Emotionen im Mittelalter und kategorisiert Trauergebärden in männliche und weibliche Ausdrucksmuster.
3. Klagegebärden Etzel: Auf Basis der theoretischen Kategorien erfolgt eine detaillierte Analyse der Gebärden Etzels, unterteilt in extra-linguistische, semi-linguistische und linguistische Ebenen sowie eine Betrachtung der sozialen Interaktionen.
4. Resümee: Das Resümee fasst die Ergebnisse zusammen und kommt zu dem Schluss, dass Etzel die maskuline Trauernorm durch exzessive, oft als weiblich wahrgenommene Gebärden deutlich verfehlt.
Schlüsselwörter
Nibelungenklage, König Etzel, Trauerverhalten, Klagegebärden, Mittelalter, Geschlechterrollen, Maskulinität, Femininität, extra-linguistisch, semi-linguistisch, linguistisch, Emotionen, Totenklage, Interaktionismus, Rollennorm.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht das Trauer- und Klageverhalten des Königs Etzel in der Nibelungenklage und stellt die Frage, inwieweit sein Verhalten den im Mittelalter geltenden geschlechterspezifischen Normen entspricht.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentrale Themen sind die Kategorisierung von Trauergebärden, die Konstruktion von Körper und Geschlecht in der mittelalterlichen Literatur sowie die soziale Funktion und Wahrnehmung von Klageprozessen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das primäre Ziel ist es, zu analysieren, ob König Etzel durch seine übermäßigen, somatisch geprägten Klagegebärden gegen das herrschaftliche Rollenbild eines Mannes verstößt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt die Kategorisierung von Trauerausdrücken nach Ann Marie Rasmussen (linguistic, semi-linguistic und extra-linguistic mode) für eine textnahe Analyse der Verse.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden theoretische Grundlagen zu Trauermustern erarbeitet und anschließend auf die Figur des König Etzel angewendet, wobei verschiedene Ausdrucksebenen und die Reaktionen anderer Figuren auf ihn analysiert werden.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich vor allem durch Begriffe wie Nibelungenklage, Klagegebärden, Geschlechterrollen und die Kategorisierung von Traueraffekten charakterisieren.
Warum wird Etzels Verhalten als "unmännlich" eingestuft?
Die Arbeit zeigt auf, dass Etzel bei seiner Trauer Symptome wie Ohnmachtsanfälle und Blutstürze zeigt, die im literarischen Kontext des Mittelalters exklusiv weiblichen Figuren zugeschrieben wurden.
Welche Rolle spielen Dietrich und Hildebrand im Kontext von Etzels Klage?
Sie fungieren als korrigierende Instanzen, die Etzel zur Mäßigung seiner Klage (mâze) mahnen, um seine politische Handlungsfähigkeit als Herrscher wiederherzustellen.
- Arbeit zitieren
- Anonym (Autor:in), 2015, Unmannlîche Klage? Eine geschlechterspezifische Kategorisierung von Klagegebärden in der Nibelungenklage, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1142414