Die Anapher und der Weltbezug der Sprache - Zu Robert Brandoms Semantik in "Making it Explicit"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2001

24 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Unterwegs zur Anapher
2.1 Semantik und Pragmatik
2.2 Das semantische Vokabular: Inferenz, Substitution, Anapher (ISA)
2.2.1 Inferenz
2.2.2 Substitution
2.2.3 Anapher

3. Die Anapher – Von der semantischen Geschlossenheit zum Weltbezug der Sprache
3.1 Exkurs: Die Anapher und die Bezeichnung von Gegenständen durch singuläre Termini
3.2 Formen und Probleme der Anapher
3.2.1 Intrasententiale Anapher
3.2.2 Anaphorische Ketten – Inter- und intrasententiale Anapher
3.2.3 Exkurs: Bach-Peters-Sätze – Anaphorische Zirkel oder anaphorischer Konvent
3.3 Anapher versus Deixis?
3.3.1 Anapher im Diskurs
3.3.2 Deixis setzt Anapher voraus

4. Schlussbemerkung

5. Literatur

1. Einleitung

Wenn die Philosophie in das Gefilde einer Spezialwissenschaft eindringt, um von den Früchten, die dort geerntet wurden, mitzuessen, so kann es mitunter vorkommen, daß dem Philosophen die besondere Schmackhaftigkeit einer Frucht bewußt wird, die dem Spezialwissenschaftler bis dahin verborgen geblieben ist. So könnte man es beschreiben, wenn Robert Brandom den der Sprachwissenschaft durchaus geläufigen, der Philosophie aber weitgehend fremden Begriff der Anapher aufgreift, weil er das Potential entdeckt, das dieser Begriff für sein Denken darstellt. Zwar gibt es auch andere Autoren, die philosophisches Interesse an der Anapher gezeigt haben. Doch Brandom ist sicher derjenige, der diesem Begriff die größte Ehre erwiesen hat, indem er ihn zu dem grundlegendsten Bestandteil seiner semantischen Theorie gemacht hat. Wie er dies macht, soll in diesem Aufsatz erklärt werden.

Zunächst muß gezeigt werden, was diesen Begriff für ein philosophisches System interessant macht. Dazu wird eine allgemeine Einführung in Brandoms „Making it Explicit“[1] geboten, die sich einseitig darauf konzentriert, zu dem Begriff der Anapher hinzuführen. Danach wird dieser als sprachliches Phänomen erklärt. Ausgehend von dem elementaren Fall der intersententialen Anapher werden zunehmend problematische Beispiele vorgeführt, die belegen sollen, daß es sich hierbei um ein äußerst komplexes und uneindeutiges Phänomen handelt. Die Frage ist, ob die Anapher zwangsläufig einen Vorgänger haben muß bzw. ob ein solcher immer auffindbar sein muß? Mit dem Betreten des intrasententialen und interpersonalen Bereichs wird es wichtig, den Gegenstandsbezug singulärer Termini und schließlich den Weltbezug der Sprache allgemein zu berücksichtigen.

Es wird Brandoms Strategie gefolgt, die schließlich zu der Gegenüberstellung von Deixis und Anapher führt. Das Besondere und Neue an dieser Gegenüberstellung ist, daß der Anapher eine Bedeutung zugewiesen wird, die die der Deixis übersteigt. Es wird sich zeigen, daß Brandom die Anapher dazu verwendet, eine holistisch verfaßte Begriffswelt zu öffnen und an die außersprachliche Welt anzubinden. Erst nach dieser Öffnung kommen deiktische Ausdrücke ins Spiel, die immer noch die kürzeste Verbindung zwischen Wort und Welt darstellen.

Ob es Brandom gelingt, bei der Auswertung der Anapher für seine Zwecke der Komplexität dieses Phänomens gerecht zu werden, sei hier eine weitere Frage. Wenn sich die Anapher als ein zweifelhafter Mechanismus erweist, so wird damit auch die von Brandom genutzte Bedeutung dieses Begriffs in Zweifel gezogen.

2. Unterwegs zur Anapher

2.1 Semantik und Pragmatik

Wie der amerikanische Originaltitel von „Making it Explicit“ verdeutlicht, steht im Zentrum des Interesses, daß und wie etwas ausgedrückt werden kann. Brandom sieht uns, die wir „wir“ sagen können, als mit Begriffen hantierende Wesen. Seine Aufmerksamkeit richtet sich auf die transformative Seite des Denkens und Redens: das Ausdrücken. Daher ist dieses Buch in erster Linie eine Untersuchung über die Sprache.

In der Tradition Wittgensteins stehend nimmt Brandom in Anspruch, daß eine Einsicht in das Verständnis sprachlicher Ausdrücke über deren richtigen Gebrauch in verschiedenen Kontexten erlangt werden kann. Allerdings habe es Wittgenstein versäumt, eine detaillierte Theorie des Gebrauchs auszuarbeiten. Eine fundamentale Abkoppelung von Semantik und Pragmatik sei die Folge gewesen.

Dieser separatio vitiosa begegnet Brandom, indem er zunächst eine (normative) Pragmatik entwirft, die Auskunft darüber geben soll, wie Sprache kommunikativ verwendet wird. Dem schließt sich eine Untersuchung der Struktur der grundsätzlich sozialen Praktiken an, um deren ursprünglich diskursiven Charakter aufzuzeigen. An dieser Stelle des Übergangs von Pragmatik zu Semantik steht das Hantieren der Diskursteilnehmer mit propositionalen oder semantischen Gehalten. Es geht dabei um die Übertragung solcher Gehalte auf Zustände, Einstellungen, Akte und Ausdrücke innerhalb sprachlicher diskursiver Praktiken.

2.2 Das semantische Vokabular: Inferenz, Substitution, Anapher (ISA)

2.2.1 Inferenz

Was als Diskurs gilt, ist grundsätzlich inferentiell gegliedert. Brandom stellt sich die Diskurssituation so vor, daß unentwegt argumentiert wird, d.h. daß Propositionen in Inferenzen als Prämissen und Konklusionen, also als Gründe dienen. Zumindest in der untersuchten idealen Sozietät, in der sich wir-sagende Wesen aufhalten, bedeutet Kommunikation die „Produktion und Konsumption von Gründen.“[2]

Im zweiten, für diese Arbeit relevanten Teil des Werkes geht es um eine sogenannte „Theorie der expressiven Rolle“. Da die Diskursteilnehmer offensichtlich schon über die Fähigkeit verfügen, sprachliche Ausdrücke richtig zu gebrauchen, gilt es, eine zweite Ebene zu erklimmen, von der aus einsichtig wird, wie das sprachliche Ausdrücken selbst sprachlich zum Ausdruck gebracht wird. Das ist das Terrain der Logik.

Für Brandom besteht die Bedeutung der Logik nicht darin, besondere Klassen von Ausdrücken zu beweisen, sondern zu zeigen, welche expressiven Möglichkeiten sie schafft. Mittels Logik und logischen Vokabulars wird es möglich, die Begriffsbildung selbst in den Blick zu nehmen. Eine inferentielle Semantik soll zeigen, welche Rolle der begriffliche Gehalt eines sprachlichen Ausdrucks in einem System des materialen Schließens spielen kann. In der diskursiven Praxis des Übermittelns solcher inferentiellen Gehalte steht die Bezugnahme auf einzelne Gegenstände mit Hilfe von singulären Termini im Vordergrund. Damit Logik und Semantik effektiv verbunden werden können, müssen Sätze in ihre basalen zweigliedrige Struktur aus singulären Termini und Prädikaten zerlegt werden.

Während der begriffliche Gehalt auf sententialer Ebene dadurch geprägt ist, daß er eine inferentielle Rolle beim „Geben und Verlangen von Gründen“ spielt, ist dies auf subsententialer Ebene nur indirekt der Fall. Die Ausdehnung der inferentialistischen Auffassung des begrifflichen Gehalts auf subsententiale Ausdrücke, insbesondere singuläre Termini und Prädikate, erfordert den Ausbau des semantischen Theorieapparates um ein weiteres wichtiges Element.

2.2.2 Substitution

Brandom hilft sich mit Freges Schlüsselbegriff der Ersetzung oder der Substitution. Dieser dient ihm als ein wichtiges logisches Kontrollmedium, mit dem sich die materiale Richtigkeit von Inferenzen überprüfen läßt. In den durch Inferenzen gebildeten sprachlichen Kontext sind Prämissen und Konklusionen in Form von behaupteten Festlegungen eingebettet. Eine Inferenz ist also ein zusammengesetztes Set von Sätzen.

Brandom interessiert sich aber weniger für die einzelnen in den Sätzen vorgetragenen Behauptungen, als vielmehr für die durch sie erwirkte Designiertheit. Eine klassische zweiwertige Logik von Wahrheitswerten ersetzt er durch eine komplexe Multiwerte-Logik. Einem Satz und seinen Teilsätzen werden eine Vielzahl von Werten zugewiesen, von denen sich einer oder mehrere als festlegungserhaltend oder berechtigend auszeichnen kann oder nicht. Die materiale Richtigkeit einer Behauptung bestimmt sich daher, ob eine Berechtigung zu ihr besteht und gegebenenfalls ausgewiesen (designiert) werden kann. Dies hängt in erster Linie von dem inferentiellen Status einer Behauptung ab, nicht von ihr selbst. In einer richtigen Inferenz bestimmt die Designiertheit einer Behauptung, was von ihr erhalten bleibt, wenn sie für eine andere übernommen wird, oder genauer: wenn sie zur Prämisse einer neuen Inferenz wird. Die Designiertheit bestimmt das, was ihren Gehalt ausmacht. Mit anderen Worten, eine richtige Inferenz ist das Ergebnis einer erfolgreichen Substitution:

„Als Erweiterung von Freges Gebrauch [der Substitutionsmethode] kann man sagen, zwei Behauptungen haben den gleichen inferentiellen Gehalt genau dann, wenn die Substitution eines Tokens des einen Typus durch ein Token des anderen Typus nie eine richtige Inferenz in eine unrichtige verwandelt, gleichgültig ob der Satz als eine Prämisse oder als Teil der Konklusion der Inferenz auftritt.“[3]

Wenn die Festlegung auf eine Behauptung die Berechtigung zu einer anderen ausschließt, sind beide unvereinbar und teilen sich nicht den gleichen Inhalt.

Mit dem Begriff der Substitution wird der Bereich dessen, was inferentiell bedeutsam sein kann, ausgedehnt. Nicht nur freistehende Sätze in Form von Prämissen und Konklusionen haben eine Bedeutung im argumentativen Schlagabtausch der Sprachgemeinde, sondern indirekt auch Sätze, die auf inferentiell bedeutsame Weise in anderen Sätzen vorkommen. Indem ein Satz einen substitutionalen Gehalt haben kann, der für die Rechtmäßigkeit einer Inferenz sorgt, wird eine sub sententiale Kategorie eröffnet, in der auch Teilsätzen und Ausdrücken inferentieller Gehalt zugeordnet werden kann. Damit ist der Weg zur Untersuchung von singulären Termini und deren Bezug zu Gegenständen geebnet.

2.2.3 Anapher

Wie sich schon im 2. Kapitel andeutet, geht es Brandom in vieler Hinsicht um die Verwertung von Wiederholungsstrukturen. Das, was die wir-sagenden Wesen auszeichnet, ist deren Verstandesfähigkeit, die in der Verwendung von Begriffen liegt. Der Umgang mit Begriffen innerhalb einer holistisch verfaßten Begriffswelt findet in der Praxis seine Entsprechung in der Behandlung von etwas als etwas in Form von wiederholbaren Reaktionen. Im Umgang mit etwas Einzelnem als etwas Besonderem wird ein klassifizierendes Tun etabliert. Das bedeutet die Gleichsetzung von etwas mit etwas anderem, was ein wiederholtes Reagieren in der gleichen Weise ermöglicht.

Von hier aus ist der Übergang zu einer vollständigen substitutions-inferentiellen Semantik fließend. Der Begriff der Inferenz und der Substitution sind die ersten beiden Teile eines semantischen Drei-Stufen-Plans. Die Beschreibung einer substitutions-inferentiell gegliederte Begriffswelt, in der Konklusionen als Ersetzungsvarianten ihrer Prämissen gelten, legt den Gedanken nahe, daß auch auf semantischer Ebene von Wiederholung die Rede sein wird.

Die Anapher ist der dritte wichtige semantische Begriff, den Brandom einführt und dem er umfassende und scharfsinnige Überlegungen widmet. Stützt sich die Untersuchung sentential-inferentieller und subsentential-substitutioneller Phänomene im wesentlichen auf „die Wiederholbarkeit intentionaler Zustände und ihres sprachlichen Ausdrucks“[4], so soll sich die Anapher als ein Kunstgriff erweisen, um aus Unwiederholbarem begrifflich Wiederholbares zu machen. Sie wird zu einem wichtigen Strukturmerkmal der Sprache, wonach zum einen ein Ausdrucks-Tokening[5] als abhängig von einem anderen behandelt werden muß, zum anderen ein spezieller „Mechanismus der Vererbung “ dafür sorgt, daß substitutions-inferentielle Festlegungen überhaupt von einem Tokening auf ein anderes übertragen werden können.

3. Die Anapher – Von der semantischen Geschlossenheit zum Weltbezug der Sprache

Zunächst ist der Begriff der Anapher ein terminus technicus, der in der Linguistik wesentlich mehr Aufmerksamkeit erhält als in der Philosophie. Er beschreibt das Verhältnis eines Ausdrucks zu einem Vorgänger im Text:

„Anaphora is normally conceptualized in terms of some head (antecedence) relation. Pronouns offer to us the purest case of anaphora, and the very term „pro-noun“ betrays this antecedence idea.“[6]

Brandom ist sich mit den Linguisten einig, daß sich gerade am Phänomen der Anapher in paradigmatischer Weise zeigt, wie Bezüge in der Sprache konstruiert sind, und wie daraus Wiederholungsstrukturen entstehen. So erst wird die Sprache zu dem, was sie ist. Es liest sich wie das Motto des ganzen Buches, wenn er an einer Stelle schreibt: „ no Occurence without Recurrence.“[7] Etwas muß auf etwas anderes zurückgreifen können, um als Vorkommnis (semantische) Bedeutung haben zu können. Das bringt die Anapher in kognitiver Hinsicht in eine grundlegende Position.

Die anaphorischen Relationen sind aber auch der Ausgangspunkt der der Sprache anhaftenden Komplexität. Es ist also zu erwarten, daß sich diese in der Diskussion der Anapher niederschlägt. Nach umfangreichen, detaillierten Erörterungen muß Brandom im Anhang des 7. Kapitels den Eindruck, den der Leser bis dahin ohnehin schon erhalten hat, bestätigen. Die Anapher ist bei aller vordergründigen Einfachheit in den tatsächlichen natürlichen Sprachen „ein ungeheuer komplexes Phänomen“[8]. An dieser Stelle ist aber klar, daß Brandom seine semantische Konzeption durch diese Komplexität nicht gefährdet sieht.

[...]


[1] Obwohl ich im folgenden die deutsche Ausgabe zitiere, werde ich im Text den amerikanischen Originaltitel anführen.

[2] Brandom (2000), 660.

[3] Ebd., 495 (meine Einfügung).

[4] Ebd., 409.

[5] Zur Unterscheidung von Token und Token ing vgl. ebd., 315 Anm. 10: Brandom betont, daß über eine Unterscheidung der beiden Termini häufig hinweggesehen werden kann. Diese Ansicht wird hier übernommen.

[6] Hintikka / Kulas (1985), 58. Zur Bestimmung der Anapher vgl. auch Hauenschild (1983), 156: „Ein Ausdruck soll dann als anaphorisch bezeichnet werden, wenn er ein Antezedens im Text hat.“

[7] Ebd., 660: Die Übersetzer taten gut daran, diesen Slogan unübersetzt zu lassen.

[8] Brandom (2000), 683.

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Die Anapher und der Weltbezug der Sprache - Zu Robert Brandoms Semantik in "Making it Explicit"
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin
Note
1,0
Autor
Jahr
2001
Seiten
24
Katalognummer
V114291
ISBN (eBook)
9783640152537
ISBN (Buch)
9783640154678
Dateigröße
468 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Gutachter: "Eine absolut professionelle Arbeit. Ich habe erst durch Sie wirklich verstanden, was es bei Brandom mit der Anapher auf sich hat!"
Schlagworte
Anapher, Weltbezug, Sprache, Semantik, Robert Brandom, Vernunft, Deixis, Pragmatik, Brandom
Arbeit zitieren
Axel Schubert (Autor), 2001, Die Anapher und der Weltbezug der Sprache - Zu Robert Brandoms Semantik in "Making it Explicit", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/114291

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