Die Thematik dieses Aufsatzes läßt sich nach gehöriger Vereinfachung auf die alte und allgemein bekannte Frage „Was war zuerst da: die Henne oder das Ei?“ herunterdividieren. Wer eine solche Frage stellt, erntet wahrscheinlich entweder ein betretenes Schweigen oder eine Gegenfrage. Zumeist wird sie ohnehin als rhetorisches Mittel eingesetzt, um von der deprimierten Konstitution des Fragers auf eine vermeintlich deprimierende allgemeine Weltsituation zu verweisen. Mit dem Verweis auf diese Fragestellung wird stets eine Resignation geäußert, die von einer ausweglosen Situation herrührt. Nicht viele Fragen haben es zu einer solchen Popularität auch und gerade in der Welt des alltäglichen Umgangs gebracht. Sicher kommt diese Popularität von der allgemeinen Faszination und Ehrfurcht gegenüber Paradoxien. Daß diese von der Wissenschaft nicht mehr panisch gemieden, sondern bewußt untersucht und integriert werden, das soll dieser Aufsatz bezeugen.
„Was war zuerst da - die Henne oder das Ei?“ - Das Interesse dieser Frage drückt auf populäre Art und Weise die fundamentale Frage nach dem Anfang aus, ein Thema, das sicher schon viele Autoren beschäftigt und viele Blätter Papier gefüllt hat. Die Autoren, die hier zurate gezogen werden sollen, scheinen auf den ersten Blick nicht viel miteinander gemein zu haben. Im Gegenteil gelingt es sogar, sie unter dem Gegensatz Konstruktion vs. Dekonstruktion einzuordnen. Der englische Mathematiker George Spencer-Brown, der lange Zeit aufgrund seines geringen Bekanntheitsgrades in geisteswissenschaftlichen Gefilden für das Alter Ego Niklas Luhmanns gehalten wurde, steht mit seinen Beiträgen zu Mathematik, Logik und Ingenieurwesen dem radikalen Konstruktivismus sehr nahe. Jacques Derrida dagegen gilt als Denker der Dekonstruktion, die er sich durchaus auch selbst auf die Fahnen schreibt.
Doch dies sind nur die Gegensätze zweier Etikette. Daß sich ein Konstruktivismus im Zweifelsfall mit derselben Thematik beschäftigt, wie ein Dekonstruktivismus, ist nicht erst bekannt, seit dies zwei Stilrichtungen der Architektur sind. Wenn sich Konstruktion und Dekonstruktion gegenüberstehen, ist schon anhand der Ausdrücke evident, daß es sich um eine begriffliche Emanation handeln muß. Ob die Konstruktion aus der Dekonstruktion folgt oder umgekehrt, steht im Moment noch nicht zur Debatte, auch wenn diese Frage scheinbar schon beantwortet ist.
Doch sie weist bereits direkt in den Kern der Thematik dessen, was dieser Aufsatz erörtern will...
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. George Spencer-Browns „Laws of Form“
2.1 Die Motivation – oder:
Der Kontext des Anfangs
2.2 Der Kalkül
2.3 Der Wiedereintritt der Form in die Form
3. Jacques Derrida – Das Denken der différance und die „Logik des Supplements“
3.1 Die Dekonstruktion
3.2 Die différance – oder:
Wovon man nicht sprechen kann, davon muß man schreiben.
3.3 Die „Logik des Supplements“ – oder:
Quod erat vitandum
4. Schlußbemerkung
5. Literatur
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die fundamentale Frage nach dem Anfang und Ursprung durch den Vergleich zweier scheinbar gegensätzlicher Denkansätze: des radikalen Konstruktivismus von George Spencer-Brown und der Dekonstruktion von Jacques Derrida. Ziel ist es aufzuzeigen, dass bei beiden Autoren ein lineares Zurückverfolgen zu einem absoluten Ursprung unmöglich ist, da jeder Anfang bereits Element einer Rekursion ist.
- Vergleichende Analyse von Konstruktion und Dekonstruktion
- Spencer-Browns Kalkül der Form als Protologik
- Derridas Konzept der différance und die Logik des Supplements
- Die Infragestellung des Ursprungs durch rekursive Prozesse
- Die Rolle von Beobachtung, Differenz und Unterscheidung
Auszug aus dem Buch
2.2 Der Kalkül
Doch wie gestaltet sich der Kalkül, von dem bisher nur indirekt die Rede war? In Kapitel 1 der „Laws of Form“ wird der Leser von einer Definition und zwei Axiomen in Empfang genommen. Dabei gilt als vorausgesetzt, daß die „Idee der Unterscheidung“ und die „Idee der Bezeichnung“ in Abhängigkeit voneinander gegeben sind und daß die Form der Form daher die Unterscheidung ist. Warum nun aber dadurch, daß diese scheinbar gleichwertigen Grundideen vorliegen, notwendig die Form der Unterscheidung die Form sein soll, wird klar, wenn gesehen wird, daß schon durch diese zwei Grundideen eine Unterscheidung getroffen ist. Will also die Form als Form zur Verfügung stehen, so muß sie sich zunächst einmal von sich selbst unterscheiden. Für sie gilt zunächst, was Spencer-Brown über die Welt sagt: „Wir können annehmen, daß die Welt unzweifelhaft sie selbst ist (dh. von sich selbst nicht verschieden)“.
Wie aber soll diese auf sich selbst bezogene Unterscheidung besser geschehen, als wenn sie bezeichnet wird? Formentstehung und Begriffsbildung sind in dem Sinne miteinander verbunden, daß es eines charakterisierbaren Unterschiedes bedarf, um etwas bezeichnen zu können, daß aber bei einem vollständig gegebenen Unterschied eine Bezeichnung überflüssig wäre. Die Form der Unterscheidung kann als die Form genommen werden, und die notwendig damit vollzogene Bezeichnung wäre genau genommen eine erste Kopie derselben.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Thematik des Ursprungs und Vorstellung der beiden Protagonisten Spencer-Brown und Derrida als Denker der Konstruktion bzw. Dekonstruktion.
2. George Spencer-Browns „Laws of Form“: Analyse des Kalküls der Form, der versucht, Logik zu mathematisieren und dabei die Unterscheidung als basale Operation etabliert.
2.1 Die Motivation – oder: Der Kontext des Anfangs: Untersuchung der Zielsetzung Spencer-Browns, eine Logik vor der Logik zu schaffen und den „ursprünglichen Akt der Trennung“ zu verstehen.
2.2 Der Kalkül: Detaillierte Betrachtung der Definition und Axiome des Formenkalküls sowie der operativen Geschlossenheit von Unterscheidungsakten.
2.3 Der Wiedereintritt der Form in die Form: Diskussion des umstrittenen Schrittes von endlichen zu unendlichen Ausdrücken und die damit verbundene Einführung der Zeitdimension.
3. Jacques Derrida – Das Denken der différance und die „Logik des Supplements“: Darstellung von Derridas dekonstruktivem Ansatz, der die abendländische Metaphysik der Präsenz kritisch hinterfragt.
3.1 Die Dekonstruktion: Einordnung Derridas in die Philosophiegeschichte und Erläuterung seines methodischen Vorgehens anhand von Texten.
3.2 Die différance – oder: Wovon man nicht sprechen kann, davon muß man schreiben.: Analyse des Begriffs différance als Spiel von Differenzen, das keine feste Identität zulässt.
3.3 Die „Logik des Supplements“ – oder: Quod erat vitandum: Untersuchung der Paradoxie des Supplements, das sich einem Ursprung hinzufügt und diesen zugleich ersetzt.
4. Schlußbemerkung: Synthese der Ergebnisse und Gegenüberstellung der radikalen Ansätze beider Autoren im Hinblick auf das Problem des Anfangs.
5. Literatur: Verzeichnis der verwendeten Quellen und weiterführende Literatur.
Schlüsselwörter
Unterscheidung, Konstruktion, Dekonstruktion, différance, Logik des Supplements, Kalkül der Form, Ursprung, Rekursion, Differenz, Identität, Präsenz, Wiedereintritt, Metaphysik, Zeit, Paradoxie
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das „Mysterium des Anfangs“ und hinterfragt die Möglichkeit eines absoluten Ursprungs im Denken von George Spencer-Brown und Jacques Derrida.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Themenfelder umfassen die mathematische Logik des Konstruktivismus, die philosophische Dekonstruktion, die Theorie der Unterscheidung, das Verhältnis von Sprache und Schrift sowie die Infragestellung metaphysischer Identitätsvorstellungen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist aufzuzeigen, dass bei beiden Autoren ein linearer Weg zu einem „reinen“ Ursprung unmöglich ist und jeder Anfang bereits ein „Schonbegonnenhaben“ innerhalb eines rekursiven Prozesses darstellt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine vergleichende textanalytische Untersuchung, die sowohl mathematische (Spencer-Brown) als auch philosophisch-dekonstruktivistische (Derrida) Ansätze heranzieht.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert Spencer-Browns „Laws of Form“ (insbesondere den Wiedereintritt der Form) und Derridas Denken der différance sowie der „Logik des Supplements“.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Unterscheidung, Differenz, Ursprung, Dekonstruktion, Rekursion, Präsenz, Kalkül und Zeit sind die zentralen Begriffe.
Was bedeutet der „Wiedereintritt der Form in die Form“ bei Spencer-Brown?
Es bezeichnet den Übergang von endlichen zu unendlichen Ausdrücken, bei dem die Unterscheidung erneut in ihr eigenes Inneres eintritt, was die mathematische Evidenz des Zwei-Werte-Systems auflöst und Zeit generiert.
Was versteht Derrida unter der „Logik des Supplements“?
Das Supplement ist ein Hinzufügen, das gleichzeitig eine Lücke füllt und ersetzt; es entlarvt die Vorstellung eines ursprünglichen, selbstgenügsamen Zentrums als Illusion.
Wie bewerten die Autoren das Verhältnis von Existenz und Wahrheit?
Beide Autoren ordnen Existenz und Wahrheit der primären Operation der Unterscheidung bzw. Differenz unter; Wahrheit und Existenz sind somit erst sekundäre Effekte eines kreativen Schöpfungsprozesses.
Warum wird die Arbeit mit Vorwürfen der Unverständlichkeit konfrontiert?
Aufgrund der radikalen Absage an klassische metaphysische Vokabulare und der Infragestellung etablierter Denktraditionen erzeugen beide Autoren einen „systemimmanenten Alarmismus“ bei Vertretern der klassischen Wissenschaft.
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- Axel Schubert (Author), 2000, Das Mysterium des Anfangs, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/114294