Islam auf den südlichen Philippinen


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006

23 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Die Ankunft des Islam

III. Die spanische Kolonialherrschaft

IV. Die amerikanische Kolonialherrschaft

V. Die Unabhängigkeit (1946-1965)

VI. Die Marcos-Ära

VII. Die MNLF

VIII. Die MILF

IX. Die Verfassung von 1987 und die ARMM

X. Das Friedensabkommen mit der MNLF

XI. Die Friedensgespräche mit der MILF

XII. Die Abu Sayyaf Gruppe (ASG)

XIII. Die aktuellen Entwicklungen im philippinischen Islam

XIV. Schlussbemerkung und Ausblick

Bibliographie

I. Einleitung

Seit den Anschlägen auf das World Trade Center in New York am elften September 2001 sind die Begriffe Islam, Islamismus, und islamistischer Fundamentalismus zu Synonymen für den Terrorismus geworden. Unter dem Deckmantel des “Kampfes gegen den Terrorismus” werden muslimische Gruppierungen verstärkt kontrolliert, überwacht, und zum Teil militärisch bekämpft.

Dass Islamismus jedoch nicht grundsätzlich gleichzusetzen ist mit radikalem Fundamentalismus zeigt sich am Beispiel der Philippinen. Obwohl auf dem Archipel früh islamische Sultanate entstanden, die sich seit der spanischen Kolonialzeit im Widerstand gegen das jeweilige Staatsgebilde befinden, scheint der philippinischen Regierung eine Integration der philippinischen Muslime weitgehend gelungen zu sein. Mit der zur Zeit größten Rebellengruppe, der MILF, laufen Friedensverhandlungen, die im September diesen Jahres (2006) zum Abschluss gebracht werden sollen. Mit der MNLF wurde bereits ein solches Abkommen geschlossen, welches den Muslimen auf Mindanao ein autonomes Gebiet zugesteht. Dennoch sind mit der Schaffung der Autonomous Region of Muslim Mindanao (ARMM) noch längst nicht alle Probleme gelöst. Um aufzuzeigen, wo mögliche Problemkreise liegen könnten, wird der muslimisch-christliche Konflikt im Süden der Philippinen zunächst aus historischer Sicht analysiert, um anschließend die aktuellen innenpolitischen Rahmenbedingungen zu betrachten.

Zu den Ereignissen auf den Südphilippinen seit der Ankunft der Spanier existiert sehr viel Literatur, von der ich nur die wichtigste erwähnen möchte. Sehr hilfreich empfand ich die Werke von McGowing, Larousse, McAmis und Yegar. Meine wichtigsten Quellen für aktuelle Informationen stellten für mich diverse Aufsätze von Loewen, Abubakr und Hedmann, sowie das Internet im allgemeinen, und die Homepage der MILF im besonderen, dar.

II. Die Ankunft des Islam

Muslimische Händler erreichten die Philippinen wahrscheinlich im zehnten oder elften Jahrhundert. Erste Belege ihrer Anwesenheit datieren jedoch erst aus dem dreizehnten Jahrhundert auf der Insel Jolo. Auf einem Grabstein auf dem Mount Datu wird Tuhan Muqbalu, einem ausländischen, wahrscheinlich arabischen Muslim gedacht. An dem Ort, an dem sich der Grabstein befindet, wurden später die meisten Sultane von Sulu inthronisiert.[1] Von den Inseln des heutigen Indonesien breitete sich der Islam nordwärts nach Mindanao, und anschließend bis nach Manila aus. Es gibt verschiedene Theorien für die rasche Ausbreitung: Zum einen glaubt man, dass der Islam mit indischen Händlern auf die Philippinen gekommen sei. Zum anderen waren mit der Konvertierung bestimmte politische und wirtschaftliche Vorteile verbunden. Andere Experten wiederum gehen davon aus, dass der Islam mit den Sufis kam, die ihn durch Missionieren weiterverbreiteten. Tatsächlich war wohl die Kombination dieser dreier Tatsachen für die Verbreitung des Islams verantwortlich.[2]

Die ersten Aufzeichnungen, die von der islamischen Missionierung berichten, stammen von den Muslimen auf Sulu. Karim al-Makhdum, ein arabischer Richter kam etwa im Jahr 1380 n. Christus in die heutige Stadt Jolo. Ein weiterer wichtiger Schritt im Hinblick auf die Verbreitung des Islams geschah mit der Ankunft Sayyid Abu Bakrs, etwa um 1450 nach Christus. Der Araber heiratete ein Mädchen aus der lokalen Aristokratie, und expandierte den Islam auf Jolo und errichtete ein Sultanat auf Sulu. Er behauptete, von Mohammed abzustammen und war der erste in einer Reihe muslimischer Sultane. Schließlich kamen auch andere ausländische Muslime, heirateten in die lokale Bevölkerung und bekehrten immer mehr Filipinos.[3] Einer der bedeutendsten Missionare war Sharif Kabungsuwan, der das islamische Sultanat im heutigen Maguindanao errichtete. Im 16. Jahrhundert existierten bereits drei Sultanate, deren Gebiete auch heute noch den Kern des Islamismus auf den Philippinen bilden.

III. Die spanische Kolonialherrschaft

Mit der Kolonialisierung im 15./16. Jahrhundert wurde der Islamisierungsprozess jedoch abrupt gestoppt. Die Spanier empfanden den Islam als äußerst bedrohlich und versuchten, das ganze Archipel zum Christentum zu bekehren. Rasch eroberten sie die kleinen, zersplitterten Gemeinden auf Luzon und den Visayas, doch es sollte ihnen - selbst in einer Reihe blutiger, so genannter Moro-Kriege - nie gelingen, die Muslime, die sie abschätzig mit dem spanischen Ausdruck für Mauren bezeichneten, vollständig zu unterwerfen.[4] Im Jahre 1876 konnte zwar Jolo erobert werden, doch die Muslime zogen entweder weiter landeinwärts oder schlugen sich als Seefahrer durch.

Doch ihre Gebiete wurden in den 300 Jahren des Krieges zum Teil großflächig abgebrannt, die Bewohner zwangsumgesiedelt und ihr Wirtschaftssystem zerstört. Denjenigen, die sich zum Christentum bekehrten, wurde beigebracht, die Muslime zu hassen:

[...] These Christian Filipino[s] were explicitly instructed that the Muslims were the traditional enemies of their newly acquired faith.”[5]

Da zudem alle wirtschaftliche und politische Tätigkeit nach Luzon verlagert wurde, wurden die Muslime vollständig auf Mindanao isoliert. Sie sahen die christlichen Filipinos als Feinde, da sie den Großteil der spanischen Truppen stellten. In diesen äußerst langanhaltenden Moro-Kriegen liegen noch heute die Wurzeln der sich entwickelnden Spannungen zwischen Christen und Muslimen:

“ [...] the present-day relations and tensions are a direct result of this paricular period of history.”[6]

IV. Die amerikanische Kolonialherrschaft

Im Jahre 1899 übernahmen die Amerikaner, die nach dem Ende des Spanisch-Amerikanischen Krieges das Archipel erhalten hatten, die Herrschaft auf den Philippinen. Nach Präsident McKinley war es das Ziel der USA, die Entwicklung und Bildung zu fördern, um ein demokratisches, eines Tages unabhängiges Philippinen zu schaffen.[7] Dies sah jedoch auch eine Eingliederung der Moro in das neue politische System vor.

The Americans did not hesitate to use force to impose their will. Unlike the Spaniards, however, the ulitmate aim of the American policy was the incorporation of the Moros in the body politic of an independent Philippine state. [8]

Folglich wurden sie samt ihren Institutionen beiseite geschoben und unterworfen.[9] Die Einbeziehung der islamischen Elite in das koloniale Herrschaftssystem wurde das nicht vorhandene Missionierungsbestreben erleichtert.[10] So konnten diese bereits 1899 mit den Moro das Bates -Abkommen schließen, um letztere von einer Einmischung in den Krieg gegen die kommunistischen Rebellen im Norden des Archipels (1899-1901) abzuhalten. Das Abkommen verlangte von den Moro die Anerkennung der amerikanischen Souveränität, garantierte ihnen aber dafür die Nichteinmischung in ihre religiösen Praktiken und Bräuche sowie Schutz vor fremden Eingriffen (insbesondere christlichen Filipinos).[11]

Die Wende in dem Verhältnis der Amerikaner zu den Muslimen ereignete sich in den Jahren 1903/1904, als die Amerikaner von der indirekten zur direkten Herrschaft übergingen. Das Bates -Abkommen wurde abgeschafft, Steuern eingeführt, und die Gebiete der Moro in administrative Einheiten aufgeteilt. Die fünf Distrikte Sulu, Cotabato, Zamboanga, Lanao und Davao wurden zur Moro-Provinz zusammengefasst, in welcher unter anderem amerikanische Schulen, Krankenhäuser, und das amerikanische Rechtssystem eingeführt wurde. Diese Amerikanisierung, insbesondere aber der Ausbau der Infrastruktur befreite Mindanao teilweise aus seiner Isolation und machte es zugänglicher.[12] Die Tatsache, dass die Moro-Provinz, die 1914 in die Departments von Mindanao und Sulu aufgeteilt wurde, in den philippinischen Staat mitintegriert werden sollte, empfanden die Moros ebenso als Betrug, wie die radikale Amerikanisierung. Folglich ist es nicht verwunderlich, dass sie den Amerikanern mit verstärkten Misstrauen begegneten:

[...] Muslim-American relations were, at least from the Muslim perspective, based on a sense of distrust.”[13]

Tatsächlich gelang es den Amerikanern erst 1916, nach grausamer Kriegsführung und zahlreichen Massakern an der Zivilbevölkerung, die Moros vollkommen zu unterdrücken.[14] Die philippinische Legislative übernahm die Kontrolle über das Department Mindanao und Sulu, und versuchten, die Moro erneut in ein vereintes Philippinen zu integrieren.[15] De facto wurden die beiden Inselgruppen wirtschaftlich ausgebeutet. Die Anzahl der Plantagen in ausländischer oder christlicher Hand auf Mindanao und Sulu stieg stark an. Da jedoch der Großteil der Erzeugnisse exportiert wurde, kam es im Jahre 1911 nach einer Dürrephase zu einer Hungersnot. Um den Reisanbau auf Mindanao zu fördern und gleichzeitig den überbevölkerten Norden zu entlasten, veranlassten die Amerikaner daraufhin den Zuzug christlicher Filipinos aus den Visayas und von Cebu nach Mindanao und Sulu. Zudem erhofften die Amerikaner, die Separationsbestrebungen der Moro durch den besseren kulturellen Austausch im Keim zu ersticken.[16] Von 1918 bis 1939 kamen über 46.000 christliche Migranten nach Mindanao, um auf den Plantagen zu arbeiten. Die Moro empfanden diese zunehmende Christianisierung ihrer traditionellen Gebiete als erneuten Betrug:

[...] after a few years the Muslims in the South started to realize, that this was a fabricated plan to control them in the South and deprive them of their lands.[17]

In den Jahren des Commonwealth (1935-1946) erkannten die Moro schließlich - nachdem ihr Gesuch, eine amerikanische Provinz zu werden, um nicht unter (christlicher) philippinischen Kontrolle zu stehen, abgelehnt worden war - dass ihr Widerstand zwecklos war. Sie versuchten sich so gut wie möglich mit den Amerikanern zu arrangieren und nahmen 1935 zum ersten Mal an nationalen Wahlen teil und akzeptierten die neue Verfassung des Commonwealth.[18] Obwohl der neue Präsident Quezon sich für die Verbesserung des Wohlstandes der Moro aussprach, zielten seine sozialen und wirtschaftlichen Entwicklungsprogramme vor allem auf die Besserstellung der christlichen Siedler im Süden der Philippinen ab.[19] Moro-Führer hingegen wurden von offiziellen Funktionen ausgeschlossen. Verschärft wurden die Spannungen zwischen Christen und Muslimen weiter während der japanischen Besatzung im zweiten Weltkrieg (1941-1945), unter der sich Moslems und Christen sich in verstärktem Maße gegenseitig bekämpften.[20]

V. Die Unabhängigkeit (1946-1965)

Dennoch wurden nach der Unabhängigkeit der Philippinen, die am vierten Juli 1946 ausgerufen wurde, muslimische Guerilla-Führer bei der Wahl in politische Ämter gewählt, und sie waren in beiden Häusern des Kongresses vertreten. Dies brachte erhebliche wirtschaftliche Entwicklungsimpulse in die Gebiete der Moro, die daraufhin Gelder zum Wiederaufbau ihrer Infrastruktur erhielten.[21] Doch aufgrund der zahlreichen Probleme des zerstörten Landes (Wiederaufbau, bewaffnete kommunistische Rebellionen der Huk im Norden Luzons, steigende Bevölkerungszahlen) geriet die Moro-Problematik immer mehr in den Hintergrund.[22] Eine “Integration” wurde zwar beabsichtigt, und 1957 eigens eine Commission of National Integration (CNI) ins Leben gerufen. Sein Ziel war die dauerhafte und vollständige Integration aller ethnischer Minderheiten in den Staat. Obwohl das CNI über weite Befugnisse besaß, wurden den Moro nur wenige politische Zugeständnisse gemacht, so dass eine Integration nach wie vor eine - für die gläubigen Muslime unakzeptierbare - Assimilierung und Konvertierung bedeutet hätte.[23] Stattdessen nahmen die Umsiedlungen christlicher Filipinos nach Mindanao ab den 1950er Jahren systematische Ausmaße an. Im Zuge einer exportorientierten Modernisierungspolitik lockte die Regierung mit Förderprogrammen, dem Ausbau der Infrastruktur und Subventionen in die Region.[24] Damit sollten zudem die demographischen Probleme des (überbevölkerten) Norden gelöst, und die kommunistischen Rebellen im Norden Luzons mit der Aussicht auf Land zur freiwilligen Aufgabe bewegt werden. In diesem Zusammenhang wurde alles Land auf Mindanao, das unbewohnt war, als öffentlich erklärt, obwohl es nach Tradition und Gewohnheitsrecht den Muslimen zustand. Doch da diese keine Papiere vorweisen konnten, wurden sie kurzerhand enteignet.[25] Wurfel spricht von einer inversen Landreform: Tausende kleine Farmen verloren ihre Grundstücke an Großgrundbesitzer von Plantagen.[26] Die Folge war eine weitere, schleichende Verschiebung der demographischen Verhältnisse in den Südphilippinen.[27] Während im Jahre 1913 der Anteil der muslimischen Bevölkerung auf Mindanao noch bei 98 Prozent lag, sinkt dieser bis 1978 auf lediglich 30 Prozent.[28]

[...]


[1] Diamand M.J./P.G. Gowing (1981): Islam and Muslims. Some basic Information, New Day Publishers, Quezon City: S. 69.

[2] Abubakar C. A. (2005): “The Advent and Growth of Islam in the Philippines“, in: Nathan, K.S./M.H. Kamali (Hg): Islam in Southeast Asia. Politicial, Social and Strategic Challenges for the 21st century, ISEAS, Singapure: S. 50.

[3] Diamand/Gowing (1981): S. 70.

[4] Diamand/Gowing (1981): S. 76.

[5] Larousse, W. (2001): A Local Church Living for Dialogue: Muslim-Christian Relations in Mindanao-Sulu (Philippines) 1965-2000, E.P.U.G., Rom: S. 87.

[6] McAmis, R.D. (2002): Malay Muslims. The history and challenge of resurgent Islam in Southeast Asia, Eerdmans Publishing Co., Cambridge: S. 29.

[7] Larousse (2001): S. 93.

[8] Salmi, Ralph H. (1990): Islam and dissent in non-arabic World. A Comparative Analysis of the Iranian Shi`i and Filipino Sunni movements, University Microfilms International, Ann Arbor: S. 199.

[9] nach Werning (2001): S. 182.

[10] Loewen, H. (2005): “Der Friedensprozess im Süden der Philippinen zwischen Terrorismus und Separatismus“, in: Südostasien aktuell, Vol XXV, 3/2005, Institut für Asienkunde, Hamburg: S. 3.

[11] Che Man, W.K. (1990): Muslim Separatism: The Moros of Southern Philippines and the Malays of Southern Thailand, Oxford University Press, Singapore: S. 46f.

[12] Larousse (2001): S. 97.

[13] Salmi (1990): S. 203.

[14] Werning (2002): S. 185.

[15] Che Man (1990): S. 52.

[16] Larousse (2001): S.103f.

[17] Larousse (2001): S. 114.

[18] Che Man (1990): S. 55f.

[19] Gowing/McAmis (1974): S. 178.

[20] Larousse (2001): S. 115f.

[21] Gowing/McAmis (1974): S. 182f.

[22] Larousse (2001): S. 118.

[23] Che Man (1990): S. 59f.

[24] Werning (2001): S. 186.

[25] Larousse (2001): S.119f.

[26] Wurfel (2005): “Government Responses to armed communism an secessionist rebellion in the Philippines“, in: Jeshurun, Ch. (Hg): Governements and Rebellions in Southeast Asia, Institute of Southeast Asian Studies, Singapur: S. 229.

[27] Werning (2001): S. 187.

[28] Werning (2001): S.187.

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Islam auf den südlichen Philippinen
Hochschule
Universität Passau  (Lehrstuhl für Südostasienkunde)
Veranstaltung
Islam in Südostasien
Note
2,3
Autor
Jahr
2006
Seiten
23
Katalognummer
V114348
ISBN (eBook)
9783640158683
ISBN (Buch)
9783640159741
Dateigröße
473 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Philippinen, Südostasien, Abu Sayyaf, MILF, MNLF, Konflikt, Islamisierung, Süd-Philippinen
Arbeit zitieren
Diplomkulturwirtin Bettina Blenk (Autor), 2006, Islam auf den südlichen Philippinen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/114348

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