Dropout-Problematik mit Schwerpunkt im (weiblichen) Kunstturnen


Hausarbeit (Hauptseminar), 2008
36 Seiten, Note: 1

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Dropout und Bindungsprozess
2.1 Merkmale des Bindungsprozesses
2.1.1 Merkmale der Trainingsdurchführung
2.1.2 Merkmale des sozialen Kontexts
2.1.3 Merkmale des professionellen Kontexts
2.2 Dropoutquote im Leistungssport
2.3 Dropout vs. Fluktuation
2.4 Fluktuation im Turnen
2.4.1 Fluktuation als Funktion des Alters und der Bildungskarriere
2.4.2 Teilnahme am Übungsbetrieb, Wettkampfausrichtung und Integration in den Wettkampfbetrieb
2.4.3 Objektive und subjektive sportliche Leistungsfähigkeit
2.4.4 Die soziale Einbindung in den Turnverein am Beispiel der Gleichaltrigengruppe

3 Sportlicher Wettkampf
3.1 Gründe für die Fehlentwicklung des Kinderwettkampfsports
3.2 Gestaltung eines kindgemäßen Wettkampfsportes
3.2.1 Wandel der sportlichen Motive im Laufe des Entwicklungsprozess
3.2.2 Sportliche Handlungsmotive und Wettkampfstress
3.2.3 Ein neues Verständnis des sportlichen Erfolgs
3.2.4 Sportartspezifische Betrachtung der Frühspezialisierung

4 Ursachen der Dropout-Problematik im Leistungssport
4.1 Belastung durch Schule, Berufsausbildung und Beruf
4.2 Verletzungen
4.3 Interessenkonflikte
4.4 Konflikte im sportlichen Umfeld
4.5 Fehlende Unterstützung durch die Familie
4.6 Motivationsprobleme
4.7 Geschlechtliche Unterschiede
4.8 Der Trainer

5 Hochleistungssport
5.1 Das System Hochleistungssport
5.2 Frauen im Hochleistungssport
5.3 Rollenkonflikte von Hochleistungssportlerinnen
5.4 Lebensraum eines Hochleistungssportlers
5.4.1 Außenperspektive – Netzwerkstrukturen und Systemzusammenhänge
5.4.2 Innenperspektive – Motivation und Sucht im Hochleistungssport

6 Zusammenfassung

7 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Das Phänomen des Dropouts ist im Leistungssport seit geraumer Zeit bekannt. Dennoch haben sich nur sehr wenige Studien damit beschäftigt. Besonders der Frauenleistungssport ist hierbei sehr vernachlässigt worden. Ergebnisse um den Themenbereich Dropout wurden oftmals am Rande von Studien mit anderen Schwerpunkten gewonnen. (vgl. Bußmann, 1995, S. 27)

Die schlechten Ergebnisse der Olympischen Spiele in Athen 2004 gaben erneut Anlass sich im Hochleistungssport mit dem Thema Dropout bzw. der Nachwuchsförderung zu beschäftigen. In den Sportarten Turnen, Leichtathletik und Schwimmen sind bei Olympia sehr viele Medaillen zu erringen. Außerdem genießen diese ein hohes Ansehen beim Publikum. Dennoch wird auch in diesen das Phänomen nicht ausreichend untersucht. Es stellt sich die Frage, warum Nationen wie die USA, Australien oder China so viel erfolgreicher abschneiden als die ehemals leistungsstärkste europäische Nation. (vgl. Schück, 2005, S. 14)

Die vorliegende Seminararbeit widmet sich dem Thema des Dropouts im Turnen – speziell im weiblichen Turnen. Zunächst wird das Phänomen allgemein beschrieben – wo es auftritt und was Gründe hierfür sein können. Anschließend wird es zielgruppenspezifisch beleuchtet. Es ist zu vermuten, dass einen Breitensportler andere Gründe für den Ausstieg aus seiner Sportkarriere hat, als ein Leistungssportler oder ein Spitzensportler, da sich auch die Motivation zum Sporttreiben unterscheiden wird.

Besonders für Kinder und Jugendliche ist die Teilnahme an Wettkämpfen ein wichtiger Teil des Sportes. Sie möchten zeigen, was sie im Training gelernt haben und sich mit anderen SportlerInnen messen. Die Art und Weise, wie ein solcher Wettkampf ausgerichtet wird, hat einen großen Einfluss darauf, ob ein Kind die Teilname an diesem als Erfolg oder Misserfolg verbuchen kann. Ein weiterer wichtiger Punkt ist das Training selbst. Die Kinder verbringen im Turnen sehr viel Zeit mit dem Trainer bzw. der Trainerin in der Turnhalle. Inwiefern dies Einfluss auf das Dabeibleiben in der Sportart hat, ist ebenfalls zu untersuchen.

Die Seminararbeit gibt einen Überblick über das Thema des Dropouts, welche Faktoren positiv bzw. negativ auf den/die SportlerIn einwirken und was Vereine, Funktionäre und Trainer tun können, um den Kindern eine erfolgreiche Karriere auf dem angestrebten Leistungsniveau zu ermöglichen.

2 Dropout und Bindungsprozess

Der Begriff des Dropouts lässt sich aus unterschiedlichen Sichtweisen definieren. Ganz allgemein bezeichnet man Athletinnen und Athleten, die ihre (leistungs-) sportliche Karriere vor dem Erreichen ihres vermuteten Leistungshöhepunktes abbrechen, als Dropout. Sowohl personeninterne als auch –externe Faktoren führen zu diesem Schritt. (vgl. Bußmann, 1996, S. 67) Aus externer Sichtweise wird der Aussteiger allein aufgrund des Abbruchs seines Trainings festgemacht. Dies ist eine sehr vereinfachte Betrachtungsweise, die keinen Rückschluss auf den Grund des Trainingsabbruchs gibt und somit eine Tiefergehende Untersuchung verwehrt. Eine interne Betrachtungsweise geht auf diese Gründe näher ein, indem mit den betroffenen Personen eine individuelle Befragung durchgeführt wird. (vgl. Rampf, 1999, S. 52). Personeninterne bzw. –externe Faktoren können unmittelbar bzw. mittelbar leistungsfördernd bzw. leistungshemmend wirken. In der Regel führt eine Kombination von Faktoren zum Karriereabbruch. (vgl. Bußmann, 1996, S. 67)

Am Beispiel des Präventionssports hat sich gezeigt, dass fast die Hälfte alle Teilnehmer das Programm innerhalb des ersten halben bzw. ganzen Jahres abbrechen. Personen, die diese zeitliche Hürde übersprungen haben, bleiben in den meisten Fällen weiterhin aktiv. (vgl. Rampf, 1999, S. 52f)

Um eine Aussage über das Dabeibleiben bzw. den Abbruch des Trainings machen zu können, ist es notwendig, sich den Bindungsprozess des jeweiligen Aktiven an die gewählte Sportart zu betrachten. Für diesen Prozess haben personale und situative Merkmale den entscheidenden Einfluss. Zu den personalen Merkmalen zählen biomedizinische (z.B. Gesundheitsstatus, Fitnesswerte, u.a.) und psychische Faktoren (z.B. Selbstmotivation, persönliche Einstellung, Extraversion, u.a.). Lebensstilfaktoren (z.B. aktives bzw. passives Freizeitverhalten, Gewohnheiten), Aspekte des Sportes (z.B. Bequemlichkeit, Intensität) und Strategien zur Verhaltensänderung (z.B. Zielsetzungen, soziale Unterstützung, Kosten-Nutzen-Einschätzung) machen die situativen Faktoren aus. Die Merkmale stehen in einer komplexen Wechselwirkung miteinander. Durch den Sport werden die relativ stabilen personalen Merkmale einer Person mit den situativen Merkmalen der Sportart konfrontiert. Dies kann problemlos geschehen und hat dann keine großen Auswirkungen auf die Person. Allerdings kann die betroffene Person durch den Sport zu Verhaltensänderungen bewegt werden, die sie weder kurz- noch langfristig bereit ist zu erbringen. Wie stark einzelne Faktoren Einfluss auf eine Person nehmen ist sehr individuell. Motive, Anreize und Erwartungen an den Sport, realistische Zielsetzungen und die soziale Unterstützung sind entscheidende Einflussfaktoren auf das Bindungsverhalten einer Person an eine sportliche Aktivität. Diese Faktoren sind einer stetigen Veränderung unterworfen, so dass man Bindung als kontinuierlichen Prozess begreifen muss. Wird zum Beispiel aus beruflichen Gründen ein Umzug nötig, ändern sich für die betroffene Person sehr viele situative Faktoren. Der neue Job, die neue Wohnung und das veränderte soziale Umfeld stellen evtl. ganz andere Anforderungen an die Person als bisher, so dass sich deren Zielsetzungen gravierend ändern können, was sich sowohl positiv als auch negativ auf die sportliche Aktivität auswirken kann. (vgl. Rampf, 1999, S. 57-59)

2.1 Merkmale des Bindungsprozesses

Der Bindungsprozess wird maßgeblich von folgenden acht Merkmalen bestimmt.

1. Physische Merkmale sind relativ stabile Eigenschaften einer Person. Hierzu zählen Geschlecht, Alter, Größe, Gewicht und der aktuelle Gesundheits- bzw. Beschwerdezustand.
2. Psychische Merkmale sind ebenfalls sehr stabile Charakteristika einer Person. Problemlösungsfähigkeit, Selbstbewusstsein, Introvertiertheit bzw. Extrovertiertheit und Selbstmotivation lassen sich nur sehr bedingt beeinflussen.
3. Merkmale des Lebensstils und der Lebensgewohnheiten sind zum Beispiel die aktuellen Lebensumstände, Erfahrungen mit sportlichen Aktivitäten und das persönliche Gesundheitsverhalten. Diese Faktoren sind wiederum sehr stabil, aber umso einschneidender, wenn sie sich verändern.
4. Merkmale der Trainingsvorbereitung umfassen Gedanken und Gefühle, die zum Einstieg in eine sportliche Aktivität führen und gelten als relativ stabil. Sie beinhalten die Einschätzung der eigenen Leistungsfähigkeit, zu sportlicher Aktivität allgemein, Erwartung an eine sportliche Aktivität und die damit verbundenen persönlichen Zielsetzungen.
5. Zu den situativen Merkmalen zugerechnet werden die Merkmale der Trainingsdurchführung. Hierunter versteht man unter anderem Häufigkeit, Dauer und Intensität des Trainings und das Erreichen von Trainingszielen. Der Spaß an der sportlichen Aktivität und das damit verbundene emotionale Erleben sind von besonderer Bedeutung.
6. Die Merkmale des sozialen Kontexts sind ebenfalls situative Merkmale und umfassen soziale Einflüsse in unmittelbarer Trainingsumgebung. Wichtige Personen in diesem Kontext sind im Training selbst der/die ÜbungsleiterIn und die Mittrainierenden - im persönlichen Umfeld Familie, Freunde und Arbeitskollegen bzw. Schulkameraden.
7. Der letzte situative Merkmalsbereich stellen die Merkmale des professionellen Kontext des Trainings dar. Hierzu zählen örtliche Gegebenheiten der Trainingsstätte, Merkmale des Trainingsprogramms selbst, Kompetenz und Umgangsformen des Übungsleiters und die individuelle Bewertung der sportlichen Aktivität durch den Aktiven.
8. Der Abbruch der sportlichen Aktivität: wird von personalen und situativen Faktoren bestimmt und wird von Aktivitäten beeinflusst, die eine Aufgabe der sportlichen Aktivität zur Folge haben.

(vgl. Rampf, 1999, S. 59-61)

Die personalen Faktoren gelten als relativ stabil. Wenn sie die Aufnahme einer sportlichen Aktivität zugelassen haben, sind sie folglich entweder für die betroffene Person kein entscheidender Hinderungsgrund gewesen oder müssen sich gravierend verändert haben, um entscheidend zum Abbruch der sportlichen Aktivität beitragen zu können. Folgt man dieser Argumentation, haben die situativen Faktoren einen entscheidenden Einfluss auf den Abbruch einer sportlichen Aktivität, so dass eine genauere Betrachtung dieser Faktoren sinnvoll erscheint.

2.1.1 Merkmale der Trainingsdurchführung

Die Zeit zu Beginn eines Trainingsprogramms, etwa die sechs Monate, sind entscheidend, ob die Sportart weiterhin betrieben wird oder nicht. Um ein bestimmtes Trainingsziel erreichen zu können, muss das Training diesbezüglich abgestimmt werden. Die Trainingshäufigkeit liegt bei Dabeibleibern höher als bei Aussteigern. Dies ist allerdings nicht als unmittelbarer Grund für den Abbruch des Trainings zusehen. Vielmehr deutet es auf tiefer liegende Probleme hin. Die Länge des Trainingsprogramms ist ein weiterer Faktor. Aussteiger haben meist weniger Spaß am Training oder finden dieses langweilig. Sie sind nicht (mehr) bereit die notwendige Zeit aufzubringen, um ihre ursprünglichen Ziele zu erreichen. Die mit dem Training verbundene Verletzungsgefahr ist ein weiterer Kritikpunkt von Aussteigern. Eine auf Dauer zu hohe Intensität des Sportprogramms, verbunden mit zum Beispiel Muskelkater oder stärkeren Beschwerden, kann ebenfalls zum Abbruch des Trainings führen. Ein Training mit mittlerer Intensität kann unter Umständen zu ähnlichen Trainingsresultaten führen, hat aber eine wesentlich geringere Aussteigerquote zur Folge. Entscheidend ist hierbei nicht unbedingt die objektive Intensität des Trainings, sondern wie der Aktive diese Intensität erlebt. Ein sehr intensives Training kann auch auf Dauer Spaß machen, wenn der Sportler sich angemessen gefordert fühlt. Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass ein wenig intensives Training eine andere Person bereits überfordern kann. Dies ist auch in Hinblick auf die Trainingsziele zu beachten. Konkrete, realistische und spezifische Zielsetzungen sind hierbei besonders wirksam. Oftmals ist es ratsam zusätzlich zu einem Langfristigen Ziel mittel- und kurzfristige Ziele festzulegen. Diese können wesentlich schneller erreicht werden und sorgen dann für neue Motivation. Das Emotionale Erleben ist ein weiterer sehr wichtiger Gesichtspunkt. Besonders im Gesundheitssport wissen viele Aktive, dass sie eigentlich etwas für ihren Körper tun müssten. Wenn dies nicht mit Spaß verbunden ist und das Training als unangenehm empfunden wird, ist die Gefahr sehr groß, dass ein Abbruch des Trainings folgt. (vgl. Rampf, 1999, S. 76-79)

2.1.2 Merkmale des sozialen Kontexts

Der Spaß an einer sportlichen Aktivität hängt ganz entscheidend mit der damit verbundenen sozialen Unterstützung zusammen. Familie, Lebenspartner und Freunde können durch Anerkennung der Anstrengungen des sportlich Aktiven und dessen Fortschritte während des Trainings einen wichtigen Rückhalt bilden. So ist die Abbruchquote bei neutraler oder negativer Einstellung des Lebenspartners gegenüber der sportlichen Aktivität etwa dreimal so hoch wie bei positiver Rückmeldung durch diesen. Die Unterstützung durch den Arbeitgeber kann ebenfalls eine wichtige Unterstützung sein, wenn dieser zu Zugeständnissen bereit ist oder im besten Falle vielleicht sogar im Betrieb ein entsprechendes Sportprogramm anbietet. Der Rückhalt durch einen oder mehrere Trainingspartner ist besonders bei Frauen sehr positiv zu bewerten, so dass unter anderem die Stimmung in einer Trainingsgruppe ebenfalls im Auge behalten werden sollte. Eine zentrale Bedeutung kommt hierbei dem Übungsleiter zu. Er gestaltet in vielen Fällen die Atmosphäre im Training entscheidend mit. Er muss einerseits durch sein Fachwissen überzeugen, hat darüber hinaus aber auch die Funktion als Berater und Ansprechpartner. Ein begeisterter, interessierter und kreativer Übungsleiter trägt maßgeblich zur Motivation seiner Aktiven bei. Für ihn ist es wichtig, dass er auf die einzelnen Aktiven eingeht, indem er zum Beispiel individuelles Feedback gibt oder die Zielsetzungen mit den Sportlern individuell festlegt. Aussteiger haben ihre eigenen Übungsleiter diesbezüglich oftmals schlechter bewertet als Dabeibleiber. (vgl. Rampf, 1999, S. 80-83)

2.1.3 Merkmale des professionellen Kontexts

Während Trainingsdurchführung und sozialer Kontext von Anfang an eine entscheidende Rolle für das Dabeibleiben spielen, gewinnt der professionelle Kontext erst im Verlaufe der sportlichen Tätigkeit an Bedeutung. Hierzu zählen räumliche und örtliche Gegebenheiten des Trainingsortes, wie zum Beispiel deren Erreichbarkeit eine wichtige Rolle. Zeitlicher Aufwand und Qualität des Programms können ebenso wie die die Qualität des Trainers erst nach einer gewissen Zeit beurteilt werden. Der zeitliche Aspekt muss darüber hinaus auch in Hinblick auf die Einordnung des Trainings in den gewöhnlichen Tagesablauf betrachtet werden. Ist der Aktive an feste Trainingszeiten gebunden oder kann er sein Training flexibel gestalten. Bei Kindern bedeutet dies, dass nicht nur sie selbst, sondern unter Umständen auch die Eltern ihren Tagesablauf nach dem Training der Kinder ausrichten müssen. Als letzter wichtiger Faktor sind die Kosten einer sportlichen Aktivität zu betrachten. Diese sollten zu dem entsprechenden Angebot passen. Wenn der Aktive das Gefühl hat zu viel Geld für zu wenig Leistung zu zahlen, kann dies ebenfalls negative Auswirkungen haben. (vgl. Rampf, 1999, S. 84f)

2.2 Dropoutquote im Leistungssport

Das Ausmaß des Phänomens Dropout lässt sich im Leistungssport durch die Analyse von Bestenlisten, Bestleistungen, Kaderberufungen und Teilnahmen an hochwertigen Wettkämpfen feststellen. Bei dieser Art der Untersuchung werden individuelle Gründe für den Dropout der einzelnen Sportler außen vor gelassen. Es handelt sich somit um eine Externe Untersuchung, die Dabeibleiber und Aussteiger gegenüberstellt, ohne nach den persönlichen Gründen zu fragen. Die folgende Tabelle gibt einen Überblick über verschiedene Untersuchungen, welche die Sportart Turnen beinhalten. Es wird dargestellt, wie die Daten erhoben wurden, um welche Sportart es sich handelt und das Ergebnis der Untersuchung:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1: Dropoutquote im Leistungssport (vgl. Bußmann, 1995, S. 28-34)

Fasst man die oben dargestellte Tabelle zusammen, stellt man fest, dass in der Regel etwa die Hälfte der aktiven SporterInnen ihre Karriere vorzeitig beendet. Bußmann hat neben den oben genannten Untersuchungen noch weiter analysiert, die allerdings keine KunstturnerInnen beinhalten. Der Schwerpunkt ihrer Untersuchungen liegt in der Leichtathletik. Dort lässt sich feststellen, dass 68% de SchülerInnen nicht in die Jugendklasse und 90% der SchülerInnen nicht in der Erwachsenenklasse an Wettkämpfen teilnimmt. 82% der C-Kader-Jugendlichen schaffen den Übergang in den A/B-Kader nicht. (vgl. Bußmann, 1995, S. 34) Die Gründe für das Aussteigen aus dem Leistungssport können sehr vielfältig sein und werden in den folgenden Kapiteln näher beleuchtet.

2.3 Dropout vs. Fluktuation

Der Ausstieg aus einer sportlichen Aktivität bedeutet aber in der Regel nicht, dass der Betroffene nicht weiterhin sportlich aktiv ist. Während nur ein Drittel der Aussteiger aus einem Fitnessstudio überhaupt nicht mehr sportlich aktiv ist, wenden sich zwei Drittel anderen Sportarten zu. Es stellt sich nun die Frage wo sich Aussteiger von Umsteigern unterscheiden. Man kann davon ausgehen, dass Umsteiger sich grundsätzlich sportlich betätigen wollen, allerdings mit den situativen Faktoren, zum Beispiel den Bedingungen eines Fitnessstudios, nicht zufrieden waren. Bei Aussteigern ist positive Einstellung zu sportlichen Aktivitäten im Allgemeinen eher geringer. Hier sind folglich Personenfaktoren entscheidend. Die Unterschiede zwischen beiden Personengruppen werden im Folgenden dargestellt. (vgl. Rampf, 1999, S. 155f)

Bei den Personenfaktoren ist zunächst der Fitnesslevel zu betrachten. Dabeibleibern, Umsteiger und Aussteigern unterscheiden sich unterscheiden sich diesbezüglich nicht. Dropouts bewerten ihre motorischen Fähigkeiten schlechter und haben mehr Probleme bei der Ausübung der sportlichen Tätigkeiten. Das Körperselbstbild von Umsteigern und Aussteigern unterscheidet sich nicht. Umsteiger haben eine höhere Selbstmotivation. Allerdings ist dieser Wert nicht signifikant. Hingegen ist der Unterschied zwischen Dabeibleibern und Aussteigern hochsignifikant. Im Hinblick auf die Motive Sport zu treiben zeigen Umsteiger im Gegensatz zu Aussteigern einen wesentlich höheren Leistungsaspekt. Sie möchten in der Regel ihre Leistungsfähigkeit steigern und sich körperlich anstrengen. Den möglichen Barrieren für sportliche Aktivitäten wird von Dropouts wesentlich mehr Beachtung geschenkt, als von Umsteigern. (vgl. Rampf, 1999, S. 156-161

Unter den Situationsfaktoren wird die Funktion des Übungsleiters von Dabeibleibern gegenüber Aussteigern wesentlich besser bewertet. Dropouts bewerten den Übungsleiter positiver als Umsteiger. Der Übungsleiter war für Aussteiger folglich in der Regel nicht das entscheidende Kriterium, um die Aktivität abzubrechen. Das emotionale Empfinden – also der Spaß – von Umsteigern und Aussteigern wird von Umsteigern mit der Zeit immer schlechter bewertet. Diese Werte sind allerdings nicht signifikant. (vgl. Rampf, 1999, S. 162f)

Bei Umsteigern waren maßgeblich die Situationsmerkmale für den Ausstieg aus dem Training entscheidend, Aussteiger entschieden sich hingegen anhand personaler Faktoren zu diesem Schritt. (vgl. Rampf, 1999, S. 164)

2.4 Fluktuation im Turnen

Die Motivation von Jugendlichen zur Teilnahme am Vereinssport wurde an sächsischen Schulen per Internet-Befragung untersucht. Diese Untersuchung umfasst sowohl Leistungs- als auch Breitensportler. Danach wird der Sport von den Schülern als wichtigste Freizeitaktivität angegeben. Jeder zweite Befragte betreibt sein Hobby demnach im Sportverein. Besonders unter männlichen Jugendlichen besitzt der Sportverein eine besondere Bedeutung. Damit die Jugendlichen längerfristig im Verein aktiv bleiben, benötigen sie die entsprechende Motivation für ihr Engagement. (vgl. Hoffmann, 2005, S. 142f)

Die größten Unterschiede zwischen den Gruppen „Mitglied in einem Sportverein“, „Dropout“ und „Abstinenzler“ sind in deren Motivation bzw. persönlicher Einstellung dem Sport gegenüber zu sehen. Ziel der Vereine sollte es sein, nicht im Sportverein aktiven Jugendlichen zu vermitteln, dass Vereinsorganisiertes Sporttreiben weder langweilig noch mühsam sein muss, sondern eine abwechslungsreiche, lohnende Freizeitaktivität sein kann. (vgl. Hoffmann, 2005, S. 144-146)

Etwa 80% aller Kinder und Jugendlichen sind bis zum Ende ihrer Schulzeit Mitglied in einem Sportverein. Dieses sportliche Engagement wird in machen Sportarten besonders häufig vorzeitig beendet. Hierzu zählen unter anderem die Sportarten Schwimmen und Turnen. Im Turnen wird der Leistungshöhepunkt bereits im frühen Jungendalter erreicht. Dies führ zu einem immensen Leistungsdruck auf die Jugendlichen TurnerInnen. 16% aller Mädchen treten einem Turnverein bei. Später verlassen sie diese Sportart oft, weil sie Anforderungen stellt, die nicht mit deren Anschauung vom weiblichen Vereinssport übereinstimmen. (vgl. Menze, 1994, S. 193f)

Untersucht wurden in diesem Zusammenhang ca. 3600 Jugendliche der Jahrgangsstufen drei bis 13 anhand von drei Schwerpunkten. Zunächst wurde das Fluktuationsphänomen anhand von Alter und Bildungskarriere untersucht. Des Weiteren wurden Aussteigerinnen und Turnerinnen im Hinblick auf ihre Trainings- und Wettkampfaktivitäten und auf Leistungen im Sport bzw. Turnen verglichen. Der dritte Aspekt lag auf der sozialen Integration der Mädchen in Gleichaltrigengruppen im Sportverein. Hierbei wurden objektive und subjektive Bewertungen der sportlichen Leistungen verglichen und daraus Folgerungen für das Selbstwertgefühl abgeleitet. (vgl. Menze, 1994, S. 195)

2.4.1 Fluktuation als Funktion des Alters und der Bildungskarriere

Das Alter spielt eine große Rolle, ob und wie lange das Turnen weiterhin betrieben wird. Je älter die Mädchen werden, desto seltener führen sie ihre sportliche Karriere im Turnen fort. Selbes gilt für den Einstieg in die Sportart. Besonders junge Mädchen steigen in das Turnen ein – später ist ein Einstieg eher selten. Das Turnen nimmt bereits in jungem Alter einen breiten Raum in der Sportvereinsbiografie ein. Außerdem spielen der besuchte Schultyp und die damit zusammenhängende soziale Herkunft der eigenen Familie eine große Rolle. 61% der Dabeibleiberinnen und 42% der Aussteigerinnen besuchen das Gymnasium. Hauptschüler hingegen sind eher in Sportarten aktiv, die geringere motorische Qualifikationen erfordern. (vgl. Menze, 1994, S. 196-198)

2.4.2 Teilnahme am Übungsbetrieb, Wettkampfausrichtung und Integration in den Wettkampfbetrieb

Ein erfolgreich absolvierter Wettkampf ist sehr motivierend, wirkt darüber hinaus aber auch positiv auf die Bindung an den Sportverein ein. Erfolgreiche Wettkampfsportlerinnen sind mit ihrer Übungsgruppe weitestgehend zufriedener und nehmen häufiger regelmäßig am Übungsbetrieb teil. Bleibt der Erfolg aus, lässt sich eine „Flucht der Mißerfolgler“ (Menze, 1994, S. 199) beobachten. Das Training ist häufig sehr stark auf den Wettkampf ausgerichtet. Hat eine Turnerin unter Zeitmangel oder Mangel an motorischen Fähigkeiten zu leiden, bleibt im Training oftmals keine sportliche Alternative und sie wird zum Austritt „gezwungen“. Aussteigerinnen nehmen nie (31%) oder selten (65%) am Training teil, wohingegen Dabeibleiber zu 90% mindestens einmal und zu 51% sogar zweimal in der Woche trainieren. Ein weiterer Motivationsfaktor scheint der Wettkampfteilname an sich zu sein. 64% der Aussteigerinnen gibt an noch nie an einem Mannschaftswettkampf teilgenommen zu haben. Demgegenüber stehen auf Seiten der Dabeibleiber nur 11%. (vgl. Menze, 1994, S. 199f)

2.4.3 Objektive und subjektive sportliche Leistungsfähigkeit

Zur objektiven Beurteilung der sportlichen Leistungsfähigkeit werden die Faktoren Sportnote, Ehrenurkunden, Siegerurkunden, Schwimmabzeichen und ähnliche Leistungsnachweise herangezogen. Dabei zeigt sich, dass Turnerinnen bessere Sportnoten haben und häufiger andere sportliche Leistungsnachweise erbringen. Ihre subjektive Leistungsfähigkeit schätzen Turnerinnen zu 67% mit „begabt“ oder „sehr begabt“ (Aussteigerinnen 40%) und zu 33% für „etwas begabt“ (51% Aussteigerinnen) ein. Nur 39% der Aussteigerinnen (81% Turnerinnen) glauben, dass ihre Leistungen im Bereich Gerätturnen / Gymnastik besser als die ihrer Mitschülerinnen seinen. Dies lässt darauf schließen, dass deren sportliche Erfahrungen nicht dazu führen konnten, dass sie ein positives Begabungsbild entwickelt haben. Dieser Trend gilt ähnlich für die Leichtathletik und andere Individualsportarten. (vgl. Menze, 1994, S. 200f)

2.4.4 Die soziale Einbindung in den Turnverein am Beispiel der Gleichaltrigengruppe

Für die Entwicklung im Jugendalter ist die Beziehung zu Gleichaltrigen von zentraler Bedeutung. Es erfolgt zum einen die Ablösung von den Eltern, zum anderen bieten Gleichaltrige möglicherweise Unterstützung. Es somit wichtig, dass Jugendliche sich bei Gleichaltrigen integrieren und von diesen akzeptiert fühlen. Für diesen Prozess ist ein positives Selbstbild entscheidend. Aussteigerinnen besitzen vermutlich aufgrund ihrer vermeintlich schlechteren Leistungen im Turnen und dem damit verbundenen geringeren Selbstbild, was zu einer schlechteren Integration in Gleichaltrigengruppen führen kann. Dass nur 39% der Aussteigerinnen Probleme mit Freundinnen aus der Vereinsgruppe (Turnerinnen 67%) besprechen würden, unterstützen diese Behauptung. (vgl. Menze, 1994, S. 201f)

3 Sportlicher Wettkampf

Wie im vorangegangenen Kapitel erwähnt, hat der Wettkampf für Sportler eine immens wichtige Rolle. Darüber hinaus besitzt er vielerlei gesellschaftliche Funktionen. Hierzu zählen kulturelle, kommerzielle, soziale und sportpolitische Aufgaben. (vgl. Kim, 1995, S. 35)

In der modernen Industriegesellschaft ist das Leistungsprinzip in vielen Lebensbereichen verbreitet. Im modernen Wettkampf- und Leistungssport spiegelt sich dieses gesellschaftliche Prinzip besonders deutlich wieder. Die heutige Leistungsgesellschaft funktioniert zwar nach dem Leistungsprinzip, gewährt aber nicht allen Teilen der Gesellschaft die gleichen Chancen Leistung zu erbringen und von deren sozialen Belohnung zu profitieren. Hierbei spielt die soziale Herkunft eine große Rolle. (vgl. Kim, 1995, S. 35f)

Der Leistungssport bietet den gesellschaftlich Benachteiligten eine Perspektive des sozialen Aufstiegs. Diese Art der Anerkennung der eigenen Leistung bleibt vielen Menschen in Ausbildung und Beruf verwährt, da sie oder er nur ein kleines Rädchen im Getriebe ist und die individuelle Leistung kaum wahrgenommen wird. (vgl. Kim, 1995, S. 36f)

[...]

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Details

Titel
Dropout-Problematik mit Schwerpunkt im (weiblichen) Kunstturnen
Hochschule
Technische Universität Darmstadt  (Institut für Sportwissenschaften)
Veranstaltung
Seminar Trainingswissenschaften
Note
1
Autor
Jahr
2008
Seiten
36
Katalognummer
V114374
ISBN (eBook)
9783640152551
ISBN (Buch)
9783640154692
Dateigröße
591 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Dropout-Problematik, Schwerpunkt, Kunstturnen, Seminar, Trainingswissenschaften
Arbeit zitieren
Daniel Jäger (Autor), 2008, Dropout-Problematik mit Schwerpunkt im (weiblichen) Kunstturnen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/114374

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