(...)
Angehörige der Nazi-Organisationen hatten „schlagartig“ den größten Judenpogrom der Weltgeschichte durchgeführt. Das NS-Regime zeigte nun sein wahres Gesicht: die bisher verübte Vertreibungspolitik gegen die Juden wandelte sich in eine hemmungslose Vernichtungspolitik, deren Grundlage die „Reichskristallnacht“ bildete. Die Bilanz dieser einen Nacht ist erschütternd: 250 Synagogen waren abgebrannt oder zerstört, desweiteren wurden 7500 jüdische Geschäfte geplündert und demoliert. Im Laufe der Ausschreitungen wurden fast 26000 Juden festgenommen und in Konzentrationslager verschleppt. Die Zahl der Todesopfer durch Mord, als Folge von Mißhandlung, Schrecken und Verzweiflung ging – die Selbstmorde nicht gerechnet – in die Hundert
Was waren jedoch die Hintergründe einer derartigen Tat? Was gab den Nationalsozialisten Anlaß, derart radikal vorzugehen? Und welche Rolle spielte dabei Reichspropagandaminister Dr. Joseph Goebbels, der auf dem „Kameradschaftsabend“ der „alten Kämpfer“ in München am Abend des 9. November eine „beispiellose antisemitische Brandrede“ hielt? Im folgenden soll die Judenverfolgung bis 1938, die Reichskristallnacht und deren Auswirkungen erörtert werden, wobei besonderes Augenmerk auf Joseph Goebbels und seinem Schuldanteil an den Geschehnissen liegt.
Die Literaturlage hat sich vor allem seit 1988, als sich die Reichspogromnacht zum 50. Mal jährte, erheblich verbessert. Zu diesem Zeitpunkt wurden aufgrund vermehrter Beschäftigung und Erforschung des Themas neue Ansätze und Aspekte herausgearbeitet, die sich nun auch in der Literatur finden. So zum Beispiel bei Wilfred Mairgünther oder Hermann Graml, die in ihren Darstellungen die Vorgeschichte, die eigentliche Tat und die Hintergründe hervorheben. Auf gleiche Art und Weise verfährt Hans-Jürgen Döscher, der sein Buch „Reichskristallnacht“ zusätzlich mit dem verschiedensten Quellenmaterial ausgestattet hat. Die wichtigsten Ergebnisse dieser Forschungsarbeiten werden nun auf den folgenden Seiten vorgestellt, wobei der beschränkte Umfang der Arbeit eine dem Thema angemessene und ausführliche Betrachtung nicht erlaubt.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Hauptteil
2.1. Judenverfolgung 1933-1938
2.2. Die Inszenierung des Pogroms: Von einem Attentat zur reichsweiten Zerstörung jüdischen Besitzes
2.3. Der Ablauf der „Reichskristallnacht“ und anschließende Reaktionen
2.4. Die Konferenz vom 12. November 1938 im Reichsluftfahrtministerium
2.5. Die Rolle des Joseph Goebbels innerhalb der Reichspogromnacht
2.6 Die „Endlösung“ ab 1942
3. Schlußbetrachtung
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht die historischen Hintergründe und den Verlauf der Reichspogromnacht im November 1938, wobei ein besonderer Schwerpunkt auf der Rolle von Reichspropagandaminister Joseph Goebbels und seinem maßgeblichen Anteil an der Inszenierung dieser Gewaltakte liegt.
- Die systematische Ausgrenzung und Judenverfolgung zwischen 1933 und 1938
- Die Rolle des Attentats von Herschel Grynszpan als Auslöser für den Pogrom
- Die Organisation und Durchführung der Gewaltmaßnahmen im November 1938
- Die politische Instrumentalisierung der Zerstörungen durch das NS-Regime
- Der Übergang von der Vertreibungspolitik hin zur physischen Vernichtung (Endlösung)
Auszug aus dem Buch
2.2 Die Inszenierung des Pogroms
Am Morgen des 7. November 1938 betrat ein junger Mann, der siebzehnjährige Jude Herschel Grynszpan, die deutsche Botschaft in Paris und erschoß dort den Gesandtschaftsrat Ernst vom Rath, ohne daß vorher ein Wortwechsel stattgefunden hätte. Über die Motive des Juden, dessen Familie die polnische Staatsbürgerschaft besaß, wird nach wie vor heftig spekuliert. Als primärer Auslöser des Attentats gilt jedoch eine polizeiliche Ausweisungsverfügung vom 28. Oktober 1938, die etwa 17 000 Juden polnischer Abstammung betrifft, denn nahezu 10 % aller Juden im Großdeutschen Reich waren polnischer Nationalität.
Am 7. November schritt der junge Herschel zur Tat und lieferte damit Hitler und Goebbels einen hochwillkommenen „casus belli“. Für Joseph Goebbels Grund genug die Schüsse mit der gleichen „begeisterten Empörung“ zu begrüßen, wie 1933 den Reichstagsbrand, der damals die ideale Gelegenheit geboten hatte, unliebsame Abgeordnete aus dem Parlament zu vertreiben.
Als die Nachricht über das Attentat Deutschland erreichte, kam es bereits in der Nacht zum 8. November vereinzelt zu pogromartigen Ausschreitungen durch fanatische Nationalsozialisten, was einmal mehr verdeutlicht, daß aufgestaute Zerstörungswut, vermischt mit antisemitischen Kampfparolen, der Nährboden für antijüdische Angriffe war.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in das Thema ein, skizziert das Ausmaß der Reichspogromnacht und definiert das Ziel der Arbeit, insbesondere den Einfluss von Joseph Goebbels zu beleuchten.
2. Hauptteil: Der Hauptteil analysiert chronologisch die Verschärfung der Judenpolitik, die Abläufe des Pogroms und die daraus resultierenden administrativen Entscheidungen bis hin zur systematischen Vernichtung.
2.1. Judenverfolgung 1933-1938: Dieses Kapitel erläutert die schrittweise Entrechtung und wirtschaftliche Ausschaltung der jüdischen Bevölkerung durch NS-Gesetze wie die Nürnberger Gesetze.
2.2. Die Inszenierung des Pogroms: Von einem Attentat zur reichsweiten Zerstörung jüdischen Besitzes: Hier wird der Zusammenhang zwischen dem Attentat in Paris und der ideologischen Ausnutzung durch die NS-Führung zur Entfachung des Terrors untersucht.
2.3. Der Ablauf der „Reichskristallnacht“ und anschließende Reaktionen: Das Kapitel beschreibt den konkreten zeitlichen Ablauf der Ausschreitungen sowie die Reaktionen der Bevölkerung und der internationalen Presse.
2.4. Die Konferenz vom 12. November 1938 im Reichsluftfahrtministerium: Es wird die zentrale Konferenz unter Görings Leitung beschrieben, die den Übergang zu radikalen wirtschaftlichen und sozialen Vernichtungsmaßnahmen einleitete.
2.5. Die Rolle des Joseph Goebbels innerhalb der Reichspogromnacht: Fokus auf der persönlichen Motivation und der aktiven Rolle Goebbels bei der Anstiftung und Rechtfertigung der Pogromereignisse.
2.6 Die „Endlösung“ ab 1942: Darstellung des Weges von der Diskriminierung und Enteignung hin zur systematischen Ausrottung der europäischen Juden ab 1942.
3. Schlußbetrachtung: Zusammenfassung der historischen Erkenntnisse über die Verflechtung von Terror, Ideologie und dem Streben des Nationalsozialismus nach dem Krieg.
Schlüsselwörter
Reichspogromnacht, Reichskristallnacht, Joseph Goebbels, Nationalsozialismus, Judenverfolgung, Antisemitismus, Endlösung, Wannseekonferenz, Arisierung, NS-Regime, Konzentrationslager, Herschel Grynszpan, Judenfeindlichkeit, Massenvernichtung, NS-Ideologie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die Ereignisse rund um die sogenannte Reichspogromnacht vom November 1938 und bettet diese in den Kontext der nationalsozialistischen Judenpolitik ein.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Themen umfassen die Stufen der Judenverfolgung vor 1938, die Rolle von Joseph Goebbels bei der Inszenierung des Pogroms sowie die darauffolgenden staatlichen Maßnahmen zur Enteignung und Ausgrenzung.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage dieser Arbeit?
Das primäre Ziel ist es, den Schuldanteil von Joseph Goebbels zu untersuchen und aufzuzeigen, wie das NS-Regime das Attentat von Herschel Grynszpan taktisch für die Radikalisierung der Judenverfolgung nutzte.
Welche wissenschaftliche Methode wurde für diese Arbeit angewandt?
Die Arbeit basiert auf einer fundierten Literaturanalyse und der Auswertung zeitgenössischer Dokumente sowie historischer Forschungen, um ein kohärentes Bild der Ereignisse zu zeichnen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine historische Aufarbeitung der Diskriminierung, den Ablauf des Pogroms, die administrativen Beschlüsse der Konferenz vom 12. November 1938 und den Prozess der Radikalisierung bis hin zur „Endlösung“.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren den Inhalt dieser Publikation?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Reichspogromnacht, Joseph Goebbels, Antisemitismus, Judenverfolgung, Arisierung, NS-Regime und Endlösung.
Welche Rolle spielte Joseph Goebbels konkret während der Novembertage 1938?
Goebbels agierte laut der Arbeit als der „unbezweifelbare Initiator“ der Pogromnacht, indem er die antisemitische Stimmung gezielt anheizte und Hitler als treibende Kraft zur weiteren Eskalation instrumentalisierte.
Inwiefern beeinflusste das Münchner Abkommen die Eskalation im November 1938?
Hitler sah sich durch das Abkommen in seinen Expansionsplänen kurzzeitig gehindert und nutzte die Pogromstimmung als „Fanal“, um gleichzeitig ein Zeichen nach innen zu setzen und die eigene Handlungsfähigkeit zu demonstrieren.
Welche Bedeutung hatte die Konferenz vom 12. November 1938 im Reichsluftfahrtministerium?
Diese Konferenz markierte den offiziellen Übergang von einer bloßen Verfolgungspolitik hin zu einer staatlich organisierten existenziellen Vernichtung, bei der unter anderem wirtschaftliche Bußzahlungen und Berufsverbote beschlossen wurden.
- Quote paper
- M.A. Mia Gerhardt (Author), 1998, Die Reichspogromnacht, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/114431