Die Mehrgenerationenperspektive und das Genogramm


Referat (Ausarbeitung), 2006

35 Seiten


Leseprobe

Inhalt

1. Einführung

2. Die Mehrgenerationenperspektive
2.1. Bedeutung
2.2. Historische Entwicklung
2.3. Empirische Befunde zu generationsübergreifenden Kontinuitäten..
2.4. Dimensionen der Mehrgenerationen-Perspektive
2.5. Klinische Manifestationen mehrgenerationaler Prozesse
2.6. Verschiedene Generationen in der Familiendiagnostik

3. Das Genogramm als Technik der Mehrgenerationenperspektive
3.1. Erstellung
3.2. Genogramm-Interview
3.3. Interpretation

4. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einführung

In der systemischen Diagnostik und Familienberatung hat sich in den letzten Jahrzehnten ein Ansatz entwickelt, der versucht, alle relevanten Generationen in die Beratung bzw. Therapie mit einzubeziehen, die sogenannte Mehrgenerationenperspektive. Ein zentrales Instrument dieses Ansatzes ist das Genogramm, welches heutzutage in vielen Beratungsund Therapiesitzungen verwendet wird.

In der vorliegenden Ausarbeitung möchte ich die Grundlagen und verschiedenen Aspekte dieser beiden Themen erörtern.

2. Die Mehrgenerationenperspektive

In diesem Abschnitt möchte ich zunächst auf die Bedeutung der Mehrgenerationenperspektive im allgemeinen eingehen. Anschließend werde ich die historische Entwicklung und einige empirische Befunde zu generations- übergreifenden Kontinuitäten erläutern. Weiterhin möchte ich die verschiedenen Dimensionen dieser Perspektive beleuchten und die klinischen Manifestationen aufzeigen. Abschließend sollen die verschiedenen Generationen in der Familiendiagnostik beschrieben werden.

2.1. Bedeutung

Die Mehrgenerationenperspektive stellt eine Form der konfliktverarbeitenden Familientherapie dar. Sie ist systemisch orientiert und versucht nicht nur die horizontale Interaktionsstruktur der Familie zu verändern, sondern bearbeitet auch in vertikaler Richtung die familiären Beziehungsstrukturen im Hier und Jetzt. Man geht davon aus, dass verschiedene Entwicklungsepochen der Vergangenheit in der Gegenwart noch wirksam sind.

In der Begründung der Mehrgenerationenperspektive gehen die Autoren Massing, Reich und Sperling von 2 Basisannahmen aus:

1. Störungen und Konflikte der jeweiligen Kindergeneration ergeben sich regelmäßig aus unbewussten Konflikten zwischen Eltern und Großeltern (bzw. den Partnern und ihren Eltern), was durch vielfache intrafamiliäre Übertragungsprozesse geschieht.
2. In Familien spielen sich im wesentlichen über die verschiedenen Generationen immer wieder dieselben Konflikte ab; es besteht also ein intrafamiliärer Wiederholungszwang. (Man kann somit auch sagen, dass es nach dieser Perspektive keinen wesentlichen Unterschied zwischen dem Heute und dem Früher in Familien gibt.)

In der Mehrgenerationen-Familientherapie wird versucht, den intrafamiliären Wiederholungszwang aufzuheben. Dies geschieht, indem die Betroffenen dazu gebracht werden, den Konflikt dort wahrzunehmen, wo er tatsächlich liegt, und nicht da, wohin er aufgrund von Projektionen verschoben wurde. Die Probleme der Familieninteraktionen sollen somit an ihrem historischen Entstehungsort bearbeitet und aufgehoben werden. Das Ziel dabei ist der Versuch, eine Versöhnung der Familienmitglieder in ihrem Grundkonflikt zu erreichen, was nur durch folgende Voraussetzungen realisiert werden kann:

- Aufdecken des familiären Grundkonflikts
- emotionale Anerkennung dieses Konflikts von allen Beteiligten
- gemeinsame Trauer über die persönlichen Verhältnisse und Außenumstände von früher und darüber, dass keine andere Lösung möglich war
- gemeinsames Suchen nach einem neuen Weg für alle Beteiligten

Weiterhin sollen bei dieser Form der Familientherapie die Erlebnisdimensionen im therapeutischen Sinne intensiviert werden, was durch das Erinnern, Wiederholen und Durcharbeiten der angesprochenen Konflikte und ihren Umständen in direkter Konfrontation mit den beteiligten Personen realisiert werden kann.

In der Mehrgenerationenperspektive werden sowohl strukturverändernde als auch konfliktverarbeitende Prozesse wirksam, die sich in der Therapie wechselseitig bedingen und fördern. Es wird also nicht – wie bei anderen Ansätzen – davon ausgegangen, das man entweder im Hier und Jetzt oder in der Vergangenheit arbeiten kann. Die zentrale Annahme lautet stattdessen, dass das Frühere im Heute weiterhin wirksam ist und zwar unabhängig davon, ob das Bewusstsein es wahrhaben will oder nicht.

(vgl. Massing et al. 1994, S. 21-26)

2.2. Historische Entwicklung

Seit den 50er Jahren hat sich die Mehrgenerationenperspektive aus der Verbindung der Psychoanalyse mit systemtheoretischen Sichtweisen entwickelt, vor allem bei der Behandlung schwerer seelischer Störungen von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen sowie aus der Behandlung schwerer Partnerschaftskonflikte. Die psychoanalytisch-orientierten Forscher legten ihr Hauptaugenmerk eher auf die frühe Mutter-Kind-Interaktion und deren Wiederholungen im Erwachsenenalter, woraus später das sogenannte Kollusionskonzept entwickelt wurde.

Darüber hinaus konnten einige familientherapeutisch orientierte Forscher zusammen mit anderen zeigen, dass aus problematischen Beziehungen resultierende schwere Störungen die gesamte Entwicklung eines Menschen beeinflussen können und sich auch bis in das hohe Erwachsenenalter hinein erstrecken.

In den 50er Jahren beschrieben die Autoren Mendell und Fisher in den Grundkonflikten und Verhaltensweisen einer Familie mit depressiven Zügen gewissen Ähnlichkeiten über drei Generationen hinweg.

Später entwickelte sich aus dieser und weiteren Annahmen die Theorie des mehrgenerationalen Prozesses und somit auch das mittlerweile von Familientherapeuten aller Richtungen als Standardinstrument der Diagnostik verwendete Genogramm.

Die Mehrgenerationenperspektive wurde insbesondere von Framo in bezug auf Konflikte und Krisen in Paarbeziehungen weiterentwickelt. Andere Autoren beschäftigten sich vor allem mit den ethisch-existenziellen Dimensionen von Beziehungen, wie beispielsweise der generationsübergreifenden Dynamik von Loyalität, Verdienst und Vermächtnis.

Konzepte der Rollenzuweisung von Eltern auf Kinder und der Delegation weisen im deutschen Sprachraum auf unerledigte Konflikte zwischen den Eltern und den Großeltern hin. Dabei kommen bestimmte Persönlichkeitsanteile von Großeltern und Aspekte der Eltern-Großeltern-Beziehung in der jetzigen Eltern-Kind-Beziehung wieder zum Vorschein.[1] Weiterhin konnte beispielsweise ein erheblicher Einfluss der Großmütter (zumeist der mütterlichen Linie) auf die Entstehung und Aufrechterhaltung der Dynamik bei Anorexie-Patientinnen quantitativ belegt werden.

(vgl. Reich et al. 1996, S. 224 f.)

2.3. Empirische Befunde zu generationsübergreifenden Kontinuitäten

Durch zahlreiche entwicklungspsychologische Studien wird die Existenz und Wirksamkeit generationsübergreifender Kontinuitäten auch quantitativ belegt. Beispielsweise konnten Wiederholungen von Beziehungsmustern über mehrere Generationen und deren Reinszenierung in der aktuellen Eltern-Kind-Interaktion aufgezeigt werden.

Besonders relevant für die Familientherapie sind die auf Bowlby’s

„Attachment-Theorie“ basierenden Studien. Durch diese konnten Kontinuitäten zwischen dem Anpassungsverhalten der Mutter und ihren Eltern bis hin zum Mutter-Kind-Bindungsverhalten in der nächsten Generation vorhergesagt und generationsübergreifende Wiederholungen im unsicheren Bindungsverhalten aufgezeigt werden. Weiterhin konnten die Forscher feststellen, dass in einer Generation abgewehrte schmerzhafte Affekte in der folgenden eine große Rolle spielen können, was für die Entwicklung seelischer Störungen besonders bedeutsam ist.

Untersuchungen über die Wirkung von Unterbrechungen in diesen generationsübergreifenden Mustern erläutern, dass bei einer Kontinuität von schwierigen und leidvollen Bindungsmustern die Mütter auch eher dazu neigen, die ungünstige frühere mütterliche Betreuung zu verleugnen und ihre eigenen Eltern zu idealisieren. Wut hingegen wird nicht ausgedrückt. Liegt hingegen eine Unterbrechung dieser generationsübergreifenden Brückenbildung vor, kommt es kaum zu einer Idealisierung der Eltern und die zu dieser Beziehung gehörenden schmerzhaften Affekte werden auch nicht abgewehrt. Reich et al. (1996) formulieren dazu: „Mütter, die wesentlich positivere Beziehungserfahrungen als ihre Mütter machen, können die ungünstigen Umstände der eigenen frühen Mutter-Kind-Beziehung beschreiben und die dazugehörigen schmerzhaften Affekte zulassen.“ (S. 226)

Für eine Unterbrechung in dieser Kontinuität ist meistens eine dritte Beziehung verantwortlich. Dabei handelt es sich entweder um ein verfügbares alternatives Elternteil in der Kindheit oder um eine andere wesentliche emotional stabilisierende Beziehung, wie beispielsweise zu einem Psychotherapeuten. Als weitere mögliche Faktoren, die für eine Unterbrechung der Kontinuität eine große Rolle spielen, führen die Autoren folgende Punkte an:

- neue Erfahrungen in der Adoleszenz
- Unterstützung in einer neuen sozialen Umgebung
- supportive eheliche Beziehungen
- Schwiegerfamilien

All diese Ergebnisse zeigen, dass der Zyklus der neurotischen Wiederholungen unterbrochen werden kann, wenn die betreffenden Personen die abgewehrten Affekte im Kontext neuer Beziehungen durcharbeiten können. Die Mehrgenerationentherapie kann durch die Arbeit an diesen Konflikten die Grundlagen für Neuerfahrungen und Neubeginn in den Beziehungsmustern schaffen.

(vgl. Reich et al. 1996, S.226 f.)

2.4. Dimensionen der Mehrgenerationen-Perspektive

Die Autoren Reich et al. (1996) beschreiben 5 verschiedene Dimensionen, die einen Einfluss auf die Beziehungsmuster innerhalb einer Familie haben können:

- sozialhistorische Einflüsse
- Familiengefühl
- Trauma und Abwehr
- Identifikationen, Gegenidentifikationen und die Rückkehr des Verdrängten
- Loyalität, Verdienst und Vermächtnis

Im folgenden möchte ich die ersten drei Punkte etwas näher erläutern.

Sozialhistorische Einflüsse

Einen wesentlichen Einfluss auf die Entwicklung einer Familie besitzt nach wie vor das „Dritte Reich“. Beispielsweise kann es durch weiter bestehende und vorbewusst weitergegebene nationalsozialistische Wertvorstellungen und verwandten Ideologien zu Störungen bis in die Kindergeneration hinein kommen.

Ein weiteres sehr nachhaltig wirkendes Thema können Erfahrungen mit dem Krieg sein, insbesondere der Tod von Angehörigen, Vertreibung und Flucht. Auch die Wiedervereinigung Deutschlands mit den hierbei neu gewonnen Möglichkeiten, aber auch dem Verlust von Sicherheiten, vertrauten Bindungen und Orientierungen sowie dem Zwang zu einer teilweise völligen Umstellung gewohnter Lebensweisen, wird in einigen Familien noch große Kreise nach sich ziehen. Beispielsweise wurden Familientherapeuten vor einigen Jahren mit einer zunehmenden Zahl von Behandlungsfällen mit bulimischen Essstörungen in der Kindergeneration konfrontiert, welche oft eine Orientierungslosigkeit in den durch die Vereinigung hervorgerufenen familiären Rollenumkehrungen widerspiegelten.

Während in früheren Zeiten eher die materielle Absicherung und die Einbindung in traditionelle Zugehörigkeiten zu Gruppen und sozialen Schichten im Vordergrund von Paarund Familienbeziehung standen, sind die Wünsche heute vor allem auf Glück, Geborgenheit und Bestätigung in der eigenen Familie gerichtet.

Ein weiterer sozialhistorischer Einfluss ist die Verschiebung des Verhältnisses der Generationen zueinander. Beispielsweise können Groß- und Urgroßeltern aufgrund der erhöhten Lebenserwartung in immer größerem Ausmaß die Geburt und die ersten Lebensjahre ihrer Enkel miterleben. Durch die somit gegebene Vielfalt von Identitätsangeboten in unserer Gesellschaft ist im Vergleich zu früher auch die Vielfalt an Generationszugehörigkeiten gewachsen.

Als mögliche diagnostische Fragestellungen, um die sozialhistorischen Einflüsse auf eine Familie zu erfassen, nennen die Autoren folgende Beispiele:

- Aus welchem soziokulturellen Milieu stammt die Familie?

Welche Veränderungsprozesse fanden und finden hier statt?

- Welche Veränderungen hat es hier in der Kernfamilie und der Großelterngeneration gegeben?
- Wie prägten die politischen Veränderungen das Leben der letzten drei Generationen?
- Waren Familienmitglieder in diese Ereignisse verstrickt? Wenn ja, wie?
- Welche Wertvorstellungen, Ideale und Rollenanforderungen sind mit diesem Hintergrund und dessen Verarbeitung verbunden?
- Welche Wertvorstellungen, Ideale und Rollenanforderungen sind mit dem soziokulturellen Hintergrund der Familie und dessen Veränderung verbunden?

(vgl. Reich et al. 1996, S. 227 ff.)

Familiengefühl

Die Bedeutung des Familiengefühls beschreiben die Autoren Reich et al. (1996) folgendermaßen: „Ein Familiengefühl ist in allen familienähnlichen Lebensgemeinschaften notwendig, um den Ausgleich zwischen den individuellen Wünschen und den Erfordernissen des Familiensystems nach Aufrechterhaltung und Kohäsion zu gewährleisten.“ (S. 229)

[...]


[1] Man bezeichnet diesen Effekt auch als das sogenannte „Großvater-Syndrom“.

Ende der Leseprobe aus 35 Seiten

Details

Titel
Die Mehrgenerationenperspektive und das Genogramm
Hochschule
Hochschule Zittau/Görlitz; Standort Zittau
Veranstaltung
Diagnostik
Autor
Jahr
2006
Seiten
35
Katalognummer
V114498
ISBN (eBook)
9783640161102
ISBN (Buch)
9783640161249
Dateigröße
522 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Mehrgenerationenperspektive, Genogramm, Diagnostik
Arbeit zitieren
Diplom-Kommunikationspsychologin (FH) Julia Fischer (Autor), 2006, Die Mehrgenerationenperspektive und das Genogramm, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/114498

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