Albert Renger-Patzsch. Programmatik - Umsetzung - Werk


Hausarbeit, 1999
17 Seiten, Note: 1

Leseprobe

Inhaltsangabe

I) Einleitung

II) Programmatik
Möglichkeiten der Fotografie
Anspruch
Grenzen der Fotografie

III) Umsetzung und Werk
Umsetzung
Die Wirkung des Ausschnitts
Werk
Kritik an ARP

IV) Fazit

V) Literaturliste

I) Einleitung

Albert Renger-Patzsch gilt fotohistorisch als der eigentliche Vertreter der "neusachlich"-realistischen Fotografie im Deutschland der 20er Jahre (weitere neusachliche Fotografen sind Karl Blossfeldt, Hans Fisler, August Sander und Helmar Lerski). In folgender Hausarbeit soll Renger-Patzsch' fotografische Programmatik näher betrachtet werden, denn er hat sich mehrfach dazu schriftlich geäußert. Dabei soll beantwortet werden, ob seine Programmatik mit der Neuen Sachlichkeit identisch ist, oder ob es möglicherweise Unterschiede gibt. Was will Renger-Patzsch mit seinem Stil zu fotografieren bezwecken und zeigen? In welcher Tradition steht sein Ansatz - oder bricht er vielmehr mit bisherigen Fotostilen?

Darüber hinaus soll untersucht werden, wie Renger-Patzsch seine Programmatik umgesetzt hat und welche Werke aus dieser Programmatik heraus entstanden sind. Ist seine Umsetzung programmtreu, ist es diesem Fotografen gelungen, seinen programmatischen, also theoretischen Anspruch in die Praxis seiner Fotografien umzusetzen? Oder gibt es möglicherweise Differenzen und Inkonsequenzen zwischen philosophischem Anspruch und fotografischer Praxis?

II. Programmatik

Albert Renger-Patzsch (ARP) hat seine programmatischen Aussagen hauptsächlich in folgenden zwei Essays festgelegt: in dem 1927 erschienenen Aufsatz "Ziele" sowie in der 1937 veröffentlichten Schrift "Meister der Kamera erzählen". Darüber hinaus existiert eine weitere, späte Abhandlung aus dem Jahre 1966 mit dem Titel "Ein Vortrag, der nicht gehalten wurde". Im Folgenden wird überwiegend auf diese drei Essays Bezug genommen.

Da ARP ein Vertreter der Neuen Sachlichkeit ist, wendet er sich gegen das Konstruieren und Montieren, wie es beim Bauhaus geschieht, ebenso wie gegen alle Formen des Piktoralismus sowie des Surrealismus. Damit steht er konträr zu seinen zeitgenössischen Kollegen Man Ray und Moholy-Nagy: ARP geht es gerade nicht um fotografische Effekte, sondern um Effektvermeidung, um einen "schnörkellosen Verismus" (Ronte, in: Wilde/Weski (Hrsg.), München 1997, S.7), der die Wirklichkeit schonungslos darstellen soll. Hiermit grenzt er seine Fotografie resolut sowohl von der Malerei als auch vom Piktoralismus ab. Fotografie ist bei ARP das visuell geleitete Erkenntnisinteresse, eine quasi 'wissenschaftliche' Fotografie mit dem Anspruch der Dokumentation.

Fotografie kann für ihn nur mündig sein, wenn sie sich von der Malerei und allem Künstlerischen löst und mit den ihr eigenen Mitteln, die ihr ihre Technik ermöglicht, abbildet: "Das Geheimnis einer guten Photographie ... beruht in ihrem Realismus." (aus: "Ziele" (1927). Renger-Patzsch, in: Weski/Wilde (Hrsg.), München 1997, S.165). In diesem Zusammenhang spricht ARP auch von einer "fotografischen Fotografie", deren Aufgabe die "Wiedergabe der Wirklichkeit" sein soll, und zwar mit den ausschließlichen "Mitteln der Fotografie." Wichtig ist dabei, daß der Fotograf keinen künstlerischen Anspruch mehr erhebt, sondern eine entschieden nicht-künstlerische Haltung einnimmt, indem er eine Annäherung an die Wirklichkeit mit einer "dienenden" und "objektiven" Darstellung versucht. (vgl. Janzen, in: Weski/Wilde (Hrsg.), München 1997, S.9) Dokumentation und Abbildung anstatt Kunstwollen ist bei ARP das Ziel seiner Fotografie.

Möglichkeiten der Fotografie

Zu den Möglichkeiten der Fotografie äußert sich ARP folgendermaßen, indem er das menschliche Auge mit der Kamera vergleicht und schlußfolgert, daß das Auge subjektiv sehe, daß es mit Vergnügen Dinge betrachte, die ihm wesentlich erscheinen, während es die ihm unwesentlich erscheinenden Dinge völlig übersehe. Die Kamera dagegen sieht - laut ARP - in ihrer Aufnahme Wesentliches und Unwesentliches mit gleicher Deutlichkeit und Schärfe:

"Dem starren Liniengefüge moderner Technik, dem luftigen Gitterwerke der Krane und Brücken, der Dynamik 1000pferdiger Maschinen im Bilde gerecht zu werden, ist wohl nur der Photographie möglich... [, und zwar ermöglicht aus ihrer] mechanischen Wiedergabe der Form. (...) Die absolut richtige Formwiedergabe, die Feinheit der Tonabstufung vom höchsten Spitzlicht bis zum tiefsten Kernschatten gibt der technisch gekonnten photographischen Aufnahme den Zauber des Erlebnisses."

(aus: "Ziele" (1927). Renger-Patzsch, in: Weski/Wilde (Hrsg.), München 1997, S.165)

Zudem biete die Kamera gegenüber dem menschlichen Auge den weiteren Vorteil, daß ihr Foto das Blickfeld abgrenze, wodurch der Betrachter zur Konzentration auf den abgebildeten Gegenstand gezwungen werde.

Fotografieren will ARP das "Wesen der Dinge", und zwar mit einem vorurteilsfreien Blick auf die ihn umgebende Welt, und demzufolge formuliert er 1937:

"Man sollte wohl in der Fotografie vom Wesen des Gegenstandes ausgehen und mit rein fotografischen Mitteln versuchen, diesen darzustellen, ganz gleich, ob es ein Mensch, eine Landschaft, eine Architektur oder sonst etwas ist, während heute häufig eine Vergewaltigung des Gegenstandes zu formalen Spielereien üblich ist. Da das deutsche Wort Sachlichkeit heute fast das Gegenteil bedeutet, muß ich ein Fremdwort nennen, um meine dienende Stellung gegenüber dem Motiv richtig zu bezeichnen: Objektivität."

(aus: "Meister der Kamera erzählen", ARP. In: Weski/Wilde (Hrsg.), München 1997, S.166f)

Mit den "Dingen" meint ARP seine Motive, die er fotografiert. Er ist hauptsächlich bekannt für seine Industrie-, Architektur- und Technikfotos, hat aber genauso auch Pflanzen, Bäume, Tiere, Gesteine, Landschaften (das zersiedelte Ruhrgebiet, die Halligen), Städte (Lübeck, Hamburg) als auch Produktwerbefotos gemacht.

Anspruch

In seinem Anspruch will Renger-Patzsch das Aussehen der Dinge in Form, Material und Oberfläche exakt - gleichsam phänomenologisch - erfassen, mit einem nüchternen, wissenschaftlichen, analytischen Blick, dem fokussierenden Sehen, das die visuelle Erkenntnis konkretisieren, d.h. das Wesen der Dinge aufzeigen soll. Sehen soll mit Verstehen verbunden werden, es soll hierdurch gar zu einer Gegenstandsdurchdringung kommen - die Idee von einer Fotografie, "...die sich in ihrer Gegenstandsreferenz absolut setzt, ohne auf die Person des Autors zurückzuweisen." (Janzen, in: Weski/Wilde (Hrsg.), München 1997, S.9) Das Verständnis für den Gegenstand hat für ARP primäre Wichtigkeit, denn:

"...die Erkenntnis des Gegenstands ist die Vorbedingung [,] (...) die Erkenntnis [ist] das primäre Problem. Diese bestimmt dann die Form. Wenn alles in Ordnung sein soll, müßte die Form der Erkenntnis angemessen sein. Die Fotografie teilt dieses Problem mit ihrem Bruder, dem Journalismus."

(aus: "Ein Vortrag, der nicht gehalten wurde", ARP 1966. In: Weski/Wilde (Hrsg.), München 1997, S. 169f)

Seine Prioritätensetzung für den Gegenstand geht soweit, daß der Fotograf 1963 bekennt: "Aber ganz offen gestanden: die Fotografie interessiert mich schon lange nicht mehr, dafür aber der Gegenstand in immer höheren Maße." (zit.n. Janzen, in: Weski/Wilde (Hrsg.), München 1997, S.9)

Diese 'wissenschaftliche' Fotografie, die sich auf Form, Struktur, Ornamentik und tektonischem Aufbau konzentriert, auf Grundmuster, Gesetzmäßigkeiten und Ordnungen, ist auf der Suche nach einer Ordnung in der dinglichen Welt. Und diese fokussierende Kamera erfaßt die Dinge mit einem analytischen, scheinbar emotionslosen, nüchternen Blick.

[...]

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Albert Renger-Patzsch. Programmatik - Umsetzung - Werk
Hochschule
Universität Lüneburg  (Kulturwissenschaften)
Veranstaltung
Seminar Geschichte der Fotografie im 20. Jahrhundert
Note
1
Autor
Jahr
1999
Seiten
17
Katalognummer
V11453
ISBN (eBook)
9783638176118
ISBN (Buch)
9783638746663
Dateigröße
505 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Albert, Renger-Patzsch, Programmatik, Umsetzung, Werk, Seminar, Geschichte, Fotografie, Jahrhundert
Arbeit zitieren
Kulturwissenschaftler M.A. Adrian Flasche (Autor), 1999, Albert Renger-Patzsch. Programmatik - Umsetzung - Werk, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/11453

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