Das Psychobiographische Pflegemodell nach Erwin Böhm

„Verwirrt nicht die Verwirrten“


Hausarbeit, 2006
28 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Biographische Daten zu Erwin Böhm

3. Definitionen/ Begriffsklärungen
3.1. Demenz
3.2. Psychobiographie
3.3. Psychische Anteile vs. Kognitionen
3.3.1. Thymopsyche
3.3.2. Noopsyche
3.4. Aktivierende/ Re-Aktivierende Pflege nach Böhm
3.5. Übergangspflege und differentialdiagnostischer Ausgang
3.6. Pflegepersonen

4. Interaktionsstufen/ Erreichbarkeitsstufen

5. Analyse und Evaluation des Modells

6. Biographieforschung
6.1. Die Wurzeln des Menschen
6.2. Der Stamm – Charakterbildung
6.3. Die Äste – das Verhalten und Handeln
6.4. Copings und Altenbetreuung

7. Pflegediagnosen nach Böhm
7.1. Die Komponenten der Pflegediagnosen
7.2. Pflegepolitische Bemerkungen zu den Pflegediagnosen

8. Praxisbeispiel

9. Zusammenfassung/ Schlussfolgerungen

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Erwin Böhm, der Begründer des Psychobiographischen Pflegemodells, beschäftigte sich „mit einer Neuorientierung der geriatrischen Krankenpflege (…), um das Los der Patienten, aber noch mehr jenes der Betreuer zu erleichtern“. (Böhm 1994, S. 7) Ein zentraler Ansatz seiner Theorie stützt sich auf Fördern durch Fordern, das heißt, „Pflegen mit der Hand in der Hosentasche“. (Vgl. Böhm 19962) Er meint, darin liege die Schwierigkeit. Die meisten Menschen glauben, dass die Alten, die ihr Leben lang gearbeitet haben, das Recht hätten, sich auszuruhen. Fatal an dieser Einstellung sei jedoch, dass die Menschen dadurch dem natürlichen Prozess des Verfalls durch das Altern hingegeben und damit „zu Tode gepflegt“ würden. (Vgl. Böhm 19962) Böhm interpretiert dieses Phänomen als gesellschaftlich etabliertes Problem der Menschen. Es handelt sich damit meinem Verständnis nach nicht um ein persönliches oder individuelles Problem der einzelnen Pflegekraft. Es handelt sich eher um ein Phänomenen unserer Gesellschaft. Böhm sagt, uns würde es leid tun, den Menschen eigene Aktivitäten zuzumuten, sie allein ihr Bett machen zu lassen oder allein zu essen. (Böhm 19962, S. 11) „Im Umgang von Mensch zu Mensch hemmt meistens die Gefühlsbremse das rationelle Gas-geben. Man weiß (…), dass in der Altenbetreuung Fördern durch Fordern das Richtige wäre; was tut man aber, man legt den Alten in ein Bett, weil es gefühlsmäßig wehtut, wenn man ihn durch die Gegend jagen muss.“ (Böhm 19962, S. 11) Böhm publizierte, dass die eigene Erziehung (die der Pflegeperson) und dessen Normen und Werte einen entscheidenden Einfluss auf die Betreuung alter (kranker) Menschen und das Verhalten ihnen gegenüber haben. Seine These lautet demzufolge, die Voraussetzung, sich mit anderen Menschen zu beschäftigen, sei die kritische Auseinandersetzung mit sich selbst. (Vgl. Böhm 19962, S. 15)

Erwin Böhm, der selbst viele Jahre in verschiedenen psychiatrischen, v.a. psychogeriatrischen Einrichtungen gearbeitet hat, entwickelte sein Pflegekonzept auf der Grundlage dieser praktischen Erfahrungen. Sein Konzept stammt damit aus der Praxis. Eines der primären Ziele soll es sein, die Lebensqualität der Menschen zu steigern bzw. zu erhalten. Gleichzeitig gibt seine Theorie den Pflegekräften eine Leitlinie, eine gemeinsame Sprache, die sie in dem schwierigen Umgang mit demenziell erkrankten Menschen unterstützen soll und die pflegerische Arbeit transparent und damit nachvollziehbar macht. Von Bedeutung ist der rein pflegerische Schwerpunkt in der täglichen Arbeit. Böhm betont mehrfach, dass Pflegekräfte nicht weiterhin nur als verlängerter Arm der Medizin tätig werden sollen, nein, wir sollen selbst kreativ sein und zeigen, welch wichtige Arbeit Pflege leisten kann. Dies ist ein entscheidender Schritt in Richtung Professionalisierung der Pflege. (Vgl. Böhm 19962) Meinen derzeitigen Beobachtungen nach distanziert sich die Pflege zunehmend von der reinen Berufung zur aufopfernden Versorgung und Betreuung Alter und Kranker. Wissenschaftlich erforschtes und belegbares Wissen werden immer häufiger als Grundlage einer professionellen Gesundheits- und Krankenversorgung gefordert. Ich denke, dass das Böhmsche Konzept, das sich auf der Grundlage einer jahrelangen und weiterhin anhaltenden Forschungsarbeit in verschiedenen Pflegeeinrichtungen etabliert hat, einen bedeutenden Weg in Richtung Akademisierung und Professionalisierung aufzeigt. Die Grundlage dafür bieten verschiedenste Studien, die zur Konzeptentwicklung beigetragen haben, die anhaltende Forschungsarbeit und das tief greifende Pflegeverständnis.

Böhm beobachtete Menschen in den verschiedensten Institutionen der Pflege und Gesundheits-versorgung. Auf diesen mündet sein Pflegekonzept. Laut Böhm kennt sein Modell zwei Umsetzungsmöglichkeiten: die Übergangspflege und das Psychobiographische Pflegemodell für Langzeitpflegestationen. Ein bedeutendes Ziel der Pflege nach dem Böhmschen Modell ist, zu verhindern, dass der alte Mensch dekompensiert. Ist der Patient den alltäglichen Anforderungen gewachsen, stellt die Übergangspflege einen therapeutisch-pflegerischen Ansatz dar. (Vgl. Vogelauer & Pfusterer 2006) Diesen Ansatz kann ich auch in der Langzeitpflege erkennen, nur ist hier die Zielsetzung von Vornherein eine andere. In der Langzeitpflege wird der Patient in der Regel nicht wieder in sein gewohntes Umfeld und seine eigene Wohnung zurückgehen können. Meiner Erfahrung nach führt meist der massive Abbau von Fähigkeiten, welche die alleinige Bewältigung des alltäglichen Lebens erforderlich machen (Kochen, Waschen, Einkaufen u. v. a. m.) zum Einzug in eine Pflegeeinrichtung zur Langzeitversorgung. Diesem Umstand kommt hinzu, dass die Angehörigen meist nicht mehr in der Lage sind, die Pflege zu übernehmen. Häufig berichten sie über massive Ängste um den Angehörigen, wenn dieser allein ist.

Nichtsdestotrotz bin ich davon überzeugt, dass die Pflege in Langzeiteinrichtungen einen therapeutisch-pflegerischen Ansatz haben sollte. Die Menschen, die wir pflegen, sollen ja durch den Einzug in eine Langzeitpflegeeinrichtung nicht alle Fähigkeiten verlernen, sondern sie erhalten und bestmöglich fördern. So interpretiere ich die Aussage von Böhm „pflegen mit der Hand in der Hosentasche“ (Böhm 2004).

Mittels meiner Arbeit stelle ich das Psychobiographische Pflegemodell von Erwin Böhm vor. Ich gehe dabei auch auf die kulturellen, historischen und sozialen Hintergründe der Theorie ein. In der Folge wende ich einzelne Aspekte der Theorie auf die vier zentralen Begriffe Mensch; Gesundheit/ Krankheit; Umgebung/ Umwelt und Pflege an. Im Anschluss stelle ich kurz einige biographische Daten vor, um den Kontext, in dem die Theorie entwickelt wurde, zu verdeutlichen. Des Weiteren habe ich einen Schwerpunkt auf die Vorstellung der Pflege-diagnosen nach Böhm, basierend auf seinem Pflege(-prozess)-modell zur psychobiographischen Pflege, gesetzt. Zum Abschluss versuche ich die Ansätze der Böhmschen Theorie mittels eines kurzen, aber prägnanten Beispiels aus meiner eigenen Praxis verdeutlichen.

2. Biographische Daten zu Erwin Böhm

Um einen kleinen Einblick in das Leben von Erwin Böhm zu gewähren und vorzustellen, auf welcher Grundlage er das Psychobiographische Pflegemodell entwickelt hat, stelle ich nun einige biographische Daten dar. Meines Erachtens können dadurch Rückschlüsse darauf gezogen werden, in welchem historischen, kulturellen und sozialen Kontext die Theorie entwickelt wurde. Darüber hinaus gibt sie Aufschlüsse über die berufliche Sozialisation von Erwin Böhm.

Erwin Böhm wurde am 16.5.1940 in Österreich geboren. 1963 legte er sein Examen als Krankenpfleger ab. Im Anschluss arbeitete er in verschiedenen Psychiatrien, v.a im Bereich Psychogeriatrie. Bereits 1970 absolvierte er eine Weiterbildung zum Unterrichtspfleger. Schon zu dieser Zeit erarbeitet Böhm die ersten Ansätze zur Entwicklung eines psychobiographischen Paradigmas. Im Jahre 1974 bekam er die Position des Oberpflegers im Psychiatrischen Kranken-haus Wien. Im Rahmen dieser Position und seiner dortigen Tätigkeit ist es möglich, dass die „Übergangspflege“ 1979 erstmals als Modellprojekt gestartet wird. Darüber hinaus war Böhm von 1980 bis 1982 Pflegedienstleiter der Abteilung "Übergangspflege" beim Kuratorium für psychosoziale Dienste in Wien. 1983 entwickelt Böhm die re-aktivierende Pflege. Ab 1987 beschäftigte er sich mit der Erforschung der Urkommunikation. Seit 1994 fungiert Böhm als Fortbildungsbeauftragter des Österreichischen Krankenanstaltenverbundes.

(Vgl. http://www.tagespflege-aktiv-leben.de/html/erwin_bohm.html; Vgl.: Hausemer 2004)

1990 wurde die „Österreichische Gesellschaft für Geriatrische und Psychogeriatrische Fach-krankenpflege und angewandte Pflegeforschung gegründet.

Aufgrund seines Engagements in der Umstrukturierung und seine Bemühungen um die Profes-sionalisierung der Altenpflege wird Böhm 2000 zum Professor ernannt. Im Jahre 2001 gründet Böhm das das Europäische Netzwerk für Psychobiographische Pflegeforschung (ENPP) mit Sitz in Bochum. Es wurde gegründet, um die Böhmsche Theorie zu verbreiten und das Modell in die Praxis umzusetzen. Darüber hinaus bietet es Interessenten und Betroffenen sowie deren Angehörigen Praxisberatung und Unterstützung in der Übergangspflege und Beratung von Angehörigen an. (Vgl. http://www.enpp.at/enpp.php)

Die Entwicklung und Verbreitung des Böhmschen Konzeptes war jedoch nicht immer einfach. Erst durch die jahrelange Forschungsarbeit, die Böhm geleistet hat und als Argumentations-grundlage für das Bestehen seines Konzeptes dienen kann, ist es mit der Zeit anerkannt worden. Ich denke, dass zu diesem Umstand auch noch das Phänomen des nicht sehen wollens hinzukommt. Ich habe den Eindruck, dass in unserem Gesundheitswesen das Problem der steigenden Lebenserwartung und der damit verbundenen höheren Anzahl an Dementen gern ausgeklammert wird, man will es nicht sehen und sich nicht damit beschäftigen. Dementsprechend schwierig erscheint dann die Anerkennung der Arbeit eines Menschen, der sich jahrelang damit ausein-andergesetzt hat, weil er erkannte, von welch entscheidender Bedeutung dieses Phänomen ist.

3. Definitionen/ Begriffsklärungen

An dieser Stelle definiere ich jene Begriffe, die für das Verständnis des Böhmschen Modells von Bedeutung sind. Da es der verbesserten, im Sinne einer professionalisierten Auseinandersetzung mit Dementen konzipiert wurde, ist die Definition von Demenz unumgänglich. Des weiteren definiere ich jene Begriffe, die Böhm in seinem Konzept aufgestellt und geprägt hat. Von Bedeutung sind hier Begriffe wie Psychobiographie, Aktivierung/ Re-Aktivierung u. a.

3.1. Demenz/ demenzielle Erkrankungen

Im ICD 10 wird Demenz folgendermaßen definiert: „Demenz (F00-F03) ist ein Syndrom als Folge einer meist chronischen oder fortschreitenden Krankheit des Gehirns mit Störung vieler höherer kortikaler Funktionen, einschließlich Gedächtnis, Denken, Orientierung, Auffassung, Rechnen, Lernfähigkeit, Sprache und Urteilsvermögen. Das Bewußtsein ist nicht getrübt. Die kognitiven Beeinträchtigungen werden gewöhnlich von Veränderungen der emotionalen Kontrolle, des Sozialverhaltens oder der Motivation begleitet, gelegentlich treten diese auch eher auf (…)“

(http://www.dimdi.de/static/de/klassi/diagnosen/icd10/htmlamtl/fr-icd.htm?gf00.htm+)

Schätzungen zufolge leiden rund 1,2 Mio. Menschen in Deutschland an Demenz. Weltweit geht man von ca. 24 Mio. Erkrankten aus.

(http://www.alzheimer-forschung.de/web/aktuelles/index.htm?showid=1383&archivemode=)

Ich denke, diese Zahlen verdeutlichen, wie wichtig es in der heutigen Gesellschaft für uns alle ist, sich mit dem Thema Demenz auseinanderzusetzen. Gerade wir Pflegekräfte sollten daher den Anspruch haben, eine professionelle Altenbetreuung anbieten und leisten zu können.

3.2. Psychobiographie

Mittels professioneller Gespräche mit dem Erkrankten, seinen Angehörigen und Bekannten werden biographische Informationen erhoben. Welche existentiellen Ereignisse gab es im Leben des Betroffenen, wie ist dieser aufgewachsen, was hat ihn geprägt. Ziel ist nicht nur die reine Erhebung von Daten, sondern speziell herauszufinden, welche Bewältigungsmechanismen (= Copings) der Betroffene im Laufe seines Lebens erworben hat. Von besonderer Bedeutung sind jene Erlebnisse und Copings, welche die Kindheit, die Jugendzeit und die Zeit als jungen Erwachsenen betreffen. Böhm bezeichnet diesen Abschnitt, der die ersten 25 Lebensjahre eines Menschen umfasst, als Prägungszeit. Bei den Gesprächen mit dem Betroffenen und/ oder seinen Angehörigen, sollte es sich nicht nur um Konversationen zur reinen Datenerhebung handeln; nein, denn sie fördern auch das Kennen lernen und Vertrauen. Klar sollte auch sein, dass nur ein Gespräch zur Anamneseerhebung nicht ausreichen kann, diesem müssen sich noch viele weitere anschließen. (Vgl. Böhm 1994)

Meinem Verständnis nach legt die Analyse der Psychobiographie den Grundstein für die Interaktion des Dementen und der Pflegeperson und hat daher einen sehr hohen Stellenwert im Böhmschen Konzept und demzufolge in unserer täglichen Arbeit. Durch den zunehmenden Verlust der kognitiven Leistungen und das Zurückschreiten des Erkrankten in vergangene Zeiten (v.a. die Prägungszeit) werden Erlebnisse aus der Prägungszeit von entscheidender Bedeutung. Ist sich die Pflegekraft darüber nicht bewusst und/ oder kennt sie die zentralen Ereignisse und Gewohnheiten des Erkrankten in seiner Prägungszeit nicht, kann sie auf jene nicht eingehen. Sie wird nicht verstehen, warum er z.B. das tägliche Duschen verweigert oder Lebensmittel im Schrank hamstert. Nur die Pflegekraft, die sich intensiv und professionell mit der individuellen Biographie auseinandergesetzt hat, kann entsprechend auf die Situation und das Erleben des Erkrankten eingehen und ihn dementsprechend fördern, im Sinne einer Aktivierung/ Re-Aktivierung.

3.3. Psychische Anteile vs. Kognitionen

Vergleiche ich die Definition von Demenz und die Sichtweise von Böhm zur Altenbetreuung (Böhm 2004, S. 26ff), verstehe ich sein Konzept folgendermaßen: durch den zunehmenden Abbau der kognitiven Leistungsfähigkeit des Dementen bei Erhalt des Bewusstseins, werden Elemente des Erlebens und Empfindens bedeutender. Böhm (2004, S. 27f) geht weiterhin davon aus, die menschliche Psyche in zwei Bereiche geteilt ist. Er definiert die „Welt der Dinge“ (Noopsyche) und die „Welt der Gefühle“ (Thymopsyche). Er sagt, dass sich die Spaltung dieser Bereiche im Alter besonders bemerkbar mache. Der Mensch lebe in einer Mischung aus thymopsychischen Empfindungen und noopsychischen Reaktionen (Copings). Mit Fortschreiten der Erkrankung gehe der noopsychische Anteil mehr und mehr verloren, die Welt wird in erster Linie gefühlsmäßig gesehen und empfunden. Es werden in diesem Zusammenhang Vergleiche zur kindlichen Entwicklung vorgenommen. Böhm geht, in Anlehnung an die Freudsche Theorie davon aus, dass sich das Kind vom thymopsychischen Gefühlswesen durch die Ausprägung und Entwicklung des Über – Ich zum Ich entwickelt. Diese Entwicklung sieht er bei dem Dementen ähnlich. Dieser entwickelt sich mit zunehmendem Verlust der kognitiven Leistungen zurück zu den Grundtrieben und Bedürfnissen. Der Alte benötigt dann seine früheren Rituale. Findet er diese nicht vor, kann es zu Angstsymptomen kommen, die sich durch Schreien, Weinen und Aggressionen bemerkbar machen. (Vgl. Böhm 2004, S. 28f)

3.3.1. Thymopsyche

Laut Böhm ist die Thymopsyche jener der Anteil der Seele, der überwiegend mit den Gefühlen zu tun hat. Gerade der thymopsychische Anteil ist es, der in der Anwendung des Psychobio-graphischen Modells einen deutlichen Schwerpunkt in der Altenbetreuung setzt. Die Thymo-psyche ist zuständig für Stimmung, Befindlichkeit, Triebe, Gefühlsausbrüche. (Vgl. Prell 2002)

3.3.2. Noopsyche

Darunter versteht Böhm den rationalen, kognitiven Anteil, d.h. auch alle Gedächtnisleistungen. Die Noopsyche ist zuständig für das Sensorium (Urteilsvermögen), für die Intelligenz und für das Denken.

Die thymopsychische Biographie besteht vorwiegend aus Geschichten des Lebens (Stories), Folkloresituationen (Wissen des Volkes, Sprüche/ Lebensweisheiten aus der Prägungszeit der Dementen; Vgl. Böhm 2004, S. 263) und denen sich daraus ergebenden Copings (Verhaltens-mustern, Lebensbewältigungsstrategien).

Das Hauptwerkzeug zur Eruierung einer Biographie ist das Gespräch. Wir Pflegekräfte müssen lernen, auf der jeweiligen Erreichbarkeitsstufe des Klienten zu kommunizieren. Wir müssen erkennen, welche Erlebnisse und Gefühle für den Erkrankten von Bedeutung sind, denn dieses Wissen benötigen wir, um den Menschen wirklich aktivieren bzw. re-aktivieren zu können. Bevor jedoch ein solches Gespräch beginnen kann, muss die Reanimation der Altenseele, das wecken beginnen. Jemand, der keinen Grund darin sehen wird weiterzuleben, wird auch keine Lust haben aufzustehen oder etwas zu erzählen. Und an dieser Stelle müssen wir angreifen. Die Erkrankten müssen wieder Freude am Leben haben und einen Grund darin sehen aufzustehen und sich zu bewegen.

3.4. Aktivierende/ Re-Aktivierende Pflege nach Böhm

Allgemein versteht Böhm unter Aktivierung jene Pflegeimpulse, „die einen noch geistig mobilen Menschen nicht hindern sollten, das zu tun, was er tun will (oder noch kann), auch dann, wenn es länger dauert als mit unserer Hilfe.“ (Böhm 2004, S. 256) Gemeint ist also allgemein das Erkennen und Nutzen der Ressourcen des Erkrankten durch die Pflegeperson. Zu erkennen, ob ein Mensch noch aktiviert werden kann, liegt in der Hand der Pflegekraft. Mittels Analyse, in welcher Interaktionsstufe sich der Mensch befindet, kann eingeschätzt werden, wie fortgeschritten die Erkrankung des Einzelnen ist. Kann ein Mensch nicht mehr aktiviert werden, dient die Re-Aktivierung dem Fördern von Ressourcen, mit dem Ziel des bestmöglichen Aufrechterhaltens dieser.

Unter Re-Aktivierender Pflege versteht Böhm den gezielten Einsatz alter Triebe, Motive und Copings. Sie dient der physischen und psychischen Mobilisierung des Menschen, durch die gezielte Wiederbelebung der Altenseele. Hintergrund dessen ist die Annahme, dass nur jene Menschen, die sich psychisch angeregt fühlen, einen Grund haben, sich zu bewegen und aufzustehen. Daher muss laut Böhm erst die Seele des Menschen re-aktiviert werden, damit dieser einen Grund hat aufzustehen und zu leben. Diese kann nur auf der Grundlage einer intensiven Auseinandersetzung mit der individuellen Biographie und Psychobiographie erfolgen. Wie der einzelne re-aktiviert werden kann, ist von seinem individuellen Befinden, seiner Biographie und der emotionalen Erreichbarkeitsstufe/ Interaktionsstufe abhängig und bedarf einer intensiven Auseinandersetzung und Analyse. (Böhm 2004, S. 274)

3.5. Übergangspflege und differentialdiagnostischer Ausgang

Ist es möglich gewesen, den Patienten zu Re-Aktivieren, ist der nächste Schritt der Versuch, den Erkrankten wieder in sein häusliches Milieu einzugliedern. Diese Reintegration erfolgt im Rahmen der sog. Übergangspflege nach Böhm. Die Erkrankten werden durch geschultes Pflege-personal in ihrer häuslichen Umgebung psycho-sozial nachbetreut. Dabei handelt es sich folglich um eine psychische Pflegeform, die das Ziel verfolgt, die psychischen Symptome aufgrund des Übergangs ins häusliche Milieu zu erforschen und zu verbessern. Dazu dient auch der sog. Differentialdiagnostische Ausgang, mit Hilfe dessen Lebensantriebe wiedererweckt werden sollen. (Vgl. Böhm 2004, s. 278f)

3.6. Pflegepersonen

Wenn ich im Zusammenhang mit dieser Arbeit von Pflegepersonen spreche, dann meine ich damit die dreijährig examinierten Krankenschwestern/ -pfleger und Altenpfleger/ -innen. Doch auch die Pflegehelfer sind an dieser Stelle nicht auszuklammern. Wir alle gehören zum Team der Pflege und sollten uns im Rahmen unserer Tätigkeit um das Wohl unserer Patienten kümmern.

4. Interaktions-/ Erreichbarkeitsstufen

Immer häufiger werden Pflegekräfte und Ärzte in ihrer täglichen Arbeit mit dem Phänomen der steigenden Lebenserwartung konfrontiert. Durch den im Alter auftretenden zunehmenden Verlust kognitiver Fähigkeiten, steigt dementsprechend die Zahl der desorientierten und verwirrten alten Menschen stetig an. Folge dessen ist, dass die Ansprüche, die an uns Pflegekräfte gestellt werden, immer anspruchsvoller werden. Hinzu kommt das Problem, dass die Kassen des Staates leer sind, so dass die Gewährleistung einer langfristigen Gesundheitsversorgung immer schwieriger wird. Der Begründer des psychobiographischen Pflegemodells, Erwin Böhm, hat einen ganzheitlichen Ansatz für die Pflege und Betreuung der Menschen geschaffen, die demenziell erkrankt sind. Sein Modell fördert ein vertieftes Pflegeverständnis. Es soll dazu beitragen, die Professionalität und Kreativität der Pflege zu fördern. Ziel ist es, den Umgang mit den alten Menschen zielgerichteter und differenzierter zu gestalten.

Böhm geht davon aus, dass jeder Mensch bis zum 25. Lebensjahr die wichtigsten Stufen der Sozialisation durchläuft (= Prägungszeit). Diese Stufen durchlaufen auch die Alten, demenziell Erkrankten, je nach Fortschreiten ihrer Erkrankung, jedoch in umgekehrter Reihenfolge. Diesen Prozess des pathologischen Abbaus nennt er Regression. Um zu verdeutlichen, was Böhm unter dem Begriff der Prägung zusammenfasst, gehe ich an dieser Stelle auf die 10 Punkte, was Prägung für Böhm bedeutet, ein (Vgl. Böhm 1996, S. 39f)3:

Prägungen sind laut Böhm erlernte, sich wiederholende, eingespielte Verhaltensnormen, die nicht negativ besetzt sind (Altgedächtnis), sondern das Resultat einer biologischen Reifung darstellen. Sie sind stets als in jeder Generation unterschiedlich (Erziehung, Umwelt etc.) zu verstehen. Darin liegt meines Erachtens ein entscheidender Grund, warum die Arbeit mit dem Böhmschen Konzept eine stete Evaluierung dessen voraussetzt. Nicht nur, dass die Prägungen bei jedem einzelnen Menschen individuell sind, nein sie verändern sich auch von Generation zu Generation. Eine anhaltende Auseinandersetzung mit entscheidenden Erlebnissen und den Umständen, unter denen ein Mensch aufgewachsen ist, sind bedeutende Elemente für die Interaktion mit dem Erkrankten. Das heißt also, dass geriatrische Arbeit generationsspezifisch ist.

Des weiteren beruhen Prägungen auf den Richtlinien der Erziehung und sind abhängig von den Eltern, der Umwelt des Betroffenen während seiner Prägungszeit (Hort, Schule) sowie der jeweiligen Ethik dieser Zeit. Weiterhin schreibt Böhm, dass Prägungen fest im Über Ich manifestiert sind. Sie sagen uns Menschen, was zum guten Ton gehört und wie sich der Einzelne in der jeweiligen Gesellschaft verhalten sollte, um als anständig zu gelten. Doch auch heute noch, so Böhm, ist von Bedeutung, in welcher primären Ghettosituation dieser Mensch aufgewachsen ist. Dieser Umstand präge jeden Einzelnen individuell. Darüber hinaus geht Böhm davon aus, dass demenziell Erkrankte nicht in der Lage sind, sich an die Gewohnheiten und Bedürfnisse anderer Menschen anzupassen. Ich verstehe das so, dass Menschen, die an Demenz erkrankt sind, die Empathie verlieren, sich in andere Menschen hineinzuversetzen und sie zu verstehen und damit die Fähigkeit verlieren, sich an bestimmte Gegebenheiten oder andere Menschen anzupassen. Ich denke weiterhin, dass jeder, der sich professionell mit Dementen beschäftigt und sie begleitet, um diesen Umstand wissen sollte, denn dieses Wissen ermöglicht mir erst zu verstehen, wie mein Gegenüber denkt. Zu den Gedächtnisleistungen der Dementen äußert sich Böhm folgendermaßen: Leistungsorientierte Reaktionen sind nur vom Altgedächtnis zu erwarten. Das Altgedächtnis unterstützt den Menschen, einen erfolgreichen Ich-Prozess einzuleiten, der das psychische Gleichgewicht stabilisiert.

Zusammenfassend lässt sich also an dieser Stelle feststellen, dass viele Faktoren von Bedeutung sind, um die individuelle Prägung des Einzelnen zu analysieren und zu verstehen. Ich denke daher, dass eine anhaltende Reflexion der eigenen Tätigkeit, genaue Beobachtung der Erkrankten, die regelmäßige Schulung der betreuenden Pflegepersonen und die ständige Evaluierung der persönlichen Anwendung des Böhmschen Konzeptes entscheidend sind für eine erfolgreiche Interaktion mit dem Erkrankten.

In der Folge gehe ich nun auf die einzelnen emotionalen Erreichbarkeits-/ Interaktionsstufen nach Böhm ein. Sie dienen der professionellen Pflegekraft in der täglichen Arbeit, das Verhalten und Erleben des Erkrankten zu verstehen und ihn entsprechend zu fördern, im Sinne einer aktivierenden bzw. re-aktivierenden Pflege.

[...]

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
Das Psychobiographische Pflegemodell nach Erwin Böhm
Untertitel
„Verwirrt nicht die Verwirrten“
Hochschule
Alice-Salomon Hochschule Berlin
Veranstaltung
Pflegewissenschaften
Note
1,3
Autor
Jahr
2006
Seiten
28
Katalognummer
V114540
ISBN (eBook)
9783640153091
ISBN (Buch)
9783640156047
Dateigröße
589 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Psychobiographische, Pflegemodell, Erwin, Böhm, Pflegewissenschaften
Arbeit zitieren
Franziska Misch (Autor), 2006, Das Psychobiographische Pflegemodell nach Erwin Böhm, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/114540

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