Immer wieder wird die Frage gestellt, welche von den vielen Kulturen der menschlichen Zivilisation denn die allgemeingültige für die gesamte Menschheit sei. Spätestens seit der Industriellen Revolution vor knapp 200 Jahren hat die sog. westliche Welt die „Führung“ der Erde übernommen, mit dem Selbstverständnis, mit ihrer liberalen, demokratischen Gesellschaftsform und ihrer Marktwirtschaft die ideale Gesellschaftsform für die ganze Menschheit zu sein. Andere Kulturen mit jeweils differenten Lebensformen erheben diesen Anspruch aber ebenso.
Doch das Phänomen der verschiedenen Kulturen besteht nicht nur international, sondern auch innerhalb einer Gesellschaft, in ihrer Binnenstruktur, wo sich die Konflikte mit der Kulturdifferenz besonders herauskristallisieren. Einerseits streben kulturelle Minoritäten die Gleichberechtigung an, verlangen also dieselben Rechte, die der Majorität eigen sind. Andererseits wollen ethnische Minderheiten jedoch nicht von der Mehrheit assimiliert und somit wiederum diskriminiert werden. Das Ziel von ethnischen Minderheiten ist das Recht, die Freiheit zu erhalten, mit der sie ihre ureigene Kultur erhalten und entfalten können – ebenso, wie die Mehrheit ihre Kultur frei entfalten kann. Somit kämpfen ethnische Minderheiten nicht ausschließlich für Gleichberechtigung, sondern für die Akzeptanz ihrer Andersartigkeit, für ihr Recht auf Verschiedenheit.
In einigen Fällen wollen ethnische Minderheiten jedoch auch Kulturen durchsetzen, die den demokratischen Staat hochgradig unterlaufen. Wie soll in solch einer Situation einer ethnischen Minderheit begegnet werden, die eine traditionell antidemokratische Kulturform hat? Besonders uns in den westlichen Industrieländern muß die Frage beschäftigen: Welche Urteilswege stehen uns überhaupt für andersartige Kulturen offen? Sollen und dürfen wir unsere Ideale von Toleranz, Freiheit, Demokratie und Menschenrechten der ganzen Welt mit ihren andersartigen Gesellschaften aufzwingen?
In dieser komplexen Debatte, die oft sehr polemisch und undifferenziert geführt wird, hat der Kanadier Charles Taylor mit seinem Essay »Multikulturalismus und die Politik der Anerkennung« 1992 einen besonderen Beitrag geleistet, indem er versuchte, Nüchternheit und Differenziertheit in die hitzige Auseinandersetzung zu bringen mit dem Versuch, konstruktive Antworten auf die multikulturellen Fragen zu geben. Taylors’ Ansatz wird in diesem Buch dargestellt und kommentiert.
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II. Darstellung der Argumentation von Charles Taylor
1. Identität und Anerkennung
2. Die Identitätsentwicklung im historischen Rückblick
3. Identitätsbildung durch Dialog
4. Die Politik der gleichheitlichen Anerkennung und die Politik der Differenz
5. Die Politik der allgemeinen Menschenwürde : die Varianten von Rousseau und Kant
6. Prozeduraler und substantieller Liberalismus
7. Das Problem des Multikulturalismus
III. Kommentare zu Taylors` Diskurs
1. Susan Wolf
2. Michael Walzer
3. Steven C. Rockefeller
IV. Eigener Kommentar
Zielsetzung & Themen
Das Hauptziel dieser Arbeit ist die Auseinandersetzung mit Charles Taylors Essay „Multikulturalismus und die Politik der Anerkennung“. Dabei steht die Frage im Vordergrund, wie westliche Demokratien mit der menschlichen Daseinsvielfalt umgehen können, um ein friedliches Miteinander zu ermöglichen, ohne dabei die fundamentalen Werte der Freiheit und Gleichheit aufzugeben.
- Grundlagen der Identitätsbildung durch Anerkennung und Dialog.
- Gegenüberstellung der Politik der gleichheitlichen Anerkennung und der Politik der Differenz.
- Analyse der philosophischen Ansätze von Rousseau und Kant hinsichtlich ihrer Tauglichkeit für moderne liberale Gesellschaften.
- Kritische Diskussion der Liberalismus-Modelle (prozedural vs. substantiell) unter Berücksichtigung der kulturellen Erhaltung von Minderheiten.
Auszug aus dem Buch
Identität und Anerkennung
Taylors` Ansatz stellt einen engen Zusammenhang zwischen der Identität und deren Anerkennung her. Den Begriff "Anerkennung" (S.13;Z.2f) verwendet er im Sinne von Wertschätzung und Achtung, mit "Identität" (S.13;Z.17) ist das Selbstverständnis des Menschen gemeint. Taylor stellt nun die These auf, daß die Identität eines jeden Menschen zu einem großen Teil von der Anerkennung anderer abhängt und geprägt wird - und demzufolge auch von der verweigerten Anerkennung, der "Nicht - Anerkennung" (S.13;Z.18f). So kann die Verkennung einem Menschen, einer Gruppe von Menschen als auch einem ganzen Volk immensen Schaden zufügen.
Denn Taylor weist auf die suggerierende Wirkung von Nichtachtung hin : die Erzeugung von Selbstverachtung in dem nicht - anerkannten Menschen. Durch Nichtanerkennung wird der verkannten Person oder Minderheit ein vermeintlicher Spiegel vorgehalten, in dem ihre eigene, angeblich minderwertige Existenz projiziert wird. Schließlich nimmt der nach Anerkennung Strebende - laut Taylor - dieses falsche Spiegelbild der Verachtung zu seiner Identität auf. Diese suggerierte Selbstverachtung "deformiert" (S:13;Z.21) letztlich die Identität der Minderheit, und führt schließlich zu einer "destruktiven Identität" (S.14;Z.21). Taylor bezeichnet die Verkennung als Waffe der Majorität zur Unterdrückung von Minderheiten, indem sie Selbstverachtung produziert und damit die Minderheit durch Selbstzweifel und - haß zersetzt und ihr ihre vermeintliche Unfähigkeit und Abhängigkeit "beweist".
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die globale Heterogenität menschlicher Kulturen und das daraus resultierende Spannungsfeld zwischen dem Wunsch nach Anerkennung von Minderheiten und dem Anspruch liberaler Demokratien auf universelle Werte.
II. Darstellung der Argumentation von Charles Taylor: Dieses Kapitel erläutert Taylors Thesen zu Identitätsbildung, die historische Entwicklung vom Ehrbegriff zur Würde sowie die Differenzierung zwischen Universalismus und der Politik der Anerkennung unterschiedlicher kultureller Identitäten.
III. Kommentare zu Taylors` Diskurs: Die Beiträge von Susan Wolf, Michael Walzer und Steven C. Rockefeller erweitern Taylors Argumentation kritisch, indem sie unter anderem die Rolle des Feminismus, die Nuancen des Liberalismus und die ökologische Dimension der Anerkennung in den Fokus rücken.
IV. Eigener Kommentar: Der Autor bewertet Taylors Ausführungen, plädiert für die globale Durchsetzung der Menschenrechte und reflektiert über die Möglichkeiten eines prozeduralen Liberalismus, der kulturelle Vielfalt innerhalb eines universellen Rahmens zulässt.
Schlüsselwörter
Multikulturalismus, Politik der Anerkennung, Identität, Liberalismus, Universalismus, Politik der Differenz, Menschenrechte, Authentizität, Kultur, Diskriminierung, Minoritäten, Würde, Ethnozentrismus, Dialog, Selbstverwirklichung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit behandelt die philosophische Debatte um den Multikulturalismus, primär basierend auf dem Essay von Charles Taylor zur Politik der Anerkennung.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen umfassen Identitätsentwicklung, das Spannungsfeld zwischen staatlichem Liberalismus und kultureller Identität sowie die Frage nach universellen Menschenrechten versus kulturellem Relativismus.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es zu untersuchen, wie moderne Gesellschaften den Respekt vor kultureller Differenz mit dem Erhalt liberaler demokratischer Grundwerte vereinbaren können.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt die methodische Analyse und philosophische Kommentierung des Primärtextes von Charles Taylor sowie eine vergleichende Diskussion mit anderen zeitgenössischen Denkern.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden Taylors Konzepte der Anerkennung, die historische Entwicklung der Würde, die Unterscheidung zwischen prozeduralem und substantiellerem Liberalismus sowie die konstruktive Kritik durch Fachkollegen detailliert dargestellt.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Schlüsselwörter sind Identität, Anerkennung, Multikulturalismus, Liberalismus, Universalismus und Menschenrechte.
Wie bewertet der Autor Taylors Einbezug des Feminismus?
Der Autor greift über die Kommentatorin Susan Wolf auf, dass der Vergleich zwischen Feminismus und kulturellen Minderheiten problematisch sein könnte, da Frauen keine spezifische kulturelle Tradition im gleichen Sinne besitzen.
Welchen Stellenwert räumt der Autor der Ökologie ein?
In Anlehnung an Steven C. Rockefeller betont der Autor, dass das Konzept der Anerkennung auf die Biosphäre ausgeweitet werden sollte, da die Missachtung der Natur letztlich die existentiellen Grundlagen des Menschen gefährdet.
- Quote paper
- Kulturwissenschaftler M.A. Adrian Flasche (Author), 1995, Charles Taylor. Multikulturalismus und die Politik der Anerkennung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/11456