Fürsorgepflicht des Psychiaters oder Selbstbestimmung des Patienten? Zwischen Ethik und Recht


Hausarbeit (Hauptseminar), 2021

15 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Zahlen und Fakten
2.1 Gesamte Bevölkerung
2.2 Diagnosen
2.3 Stationäre Versorgung
2.4 Ambulante Versorgung
2.5 Unterbringung

3. Fürsorgepflicht
3.1 Ärztliche Rechte und Pflichten
3.2 Selbstbestimmungsunfähigkeit

4. Selbstbestimmung
4.1 Das Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit
4.2 Ethik und Recht

5. Anwendungspraxis
5.1 Schwierigkeiten bzgl. Feststellung der Selbstbestimmung
5.2 Zwangsmaßnahmen und Zwangsbehandlungen
5.3 Begründung der Zwangsmaßnahme
5.4 Begründung der Unterlassung einer Zwangsmaßnahme

6. Prävention/Vertrauensbildung

7. Fazit

Literatur

1. Einleitung

Agieren im besten Sinne für Menschen, die an der Psyche und/oder Sucht erkrankt sind, kann sich im Alltag sehr schwierig gestalten, wenn es darum geht, sie bestmöglich gesundheitlich zu unterstützen (Helmchen, 2020, S. 259). Es gelingt behandelten Ärzten*innen nicht immer ihre Patient*innen vor Gebrechen oder Leid zu bewahren, obwohl sie gesetzlich dazu verpflichtet sind (ebd.). Allerdings sind Patient*innen nicht immer mit den psychiatrischen Maßnahmen einverstanden, besitzen wenig bis überhaupt keine Krankheitseinsicht und/oder lehnen Psychiatrieaufenthalte gänzlich ab (ebd.). Seit 2012 arbeite ich bei Care24 Soziale Dienste gGmbH im Ambulant Betreuten Wohnen und begleite in Vollzeit 10 Menschen, die psychische Erkrankungen und zum Teil auch Doppeldiagnosen im Sinne einer gleichzeitig vorhandenen Suchterkrankung aufweisen. Care24 ist eine Tochtergesellschaft der Aids-Hilfe Düsseldorf, wodurch ein bestimmter Anteil der betreuten Klient*innen auch an einer HIV bzw. AIDS Erkrankung leidet. So ergab sich im Rahmen meiner Tätigkeit eine monatelange Betreuung eines 76 Jahre alten Mannes, welcher durch seine Alkoholproblematik sowie einer sehr ausgeprägten bipolaren Störung praktisch 14-tägig einen Krankenhausaufenthalt herbeiführte, indem er betrunken auf der Straße, im Treppenhaus als auch in seiner Wohnung stürzte. Die fortschreitende, alkoholbedingte Demenz im Sinne eines amnestischen Syndroms führte im häuslichen Wohnumfeld auch dazu, dass er durch Manipulation des Gasanschlusses am Herd einen folgenden Gasaustritt verursachte und somit einen Feuerwehreinsatz auslöste, welcher das ganze Haus in Panik versetzte und an den er sich kurz danach schon nicht mehr erinnern konnte. Die ewigen Klinikaufenthalte stabilisierten seinen physischen und psychischen Zustand relativ schnell, sodass er stets zügig auf eine Entlassung hin drängelte. Ein für 6 Wochen anberaumter stationärer Aufenthalt gegen seinen Willen, der durch die Einschaltung des sozialpsychiatrischen Dienstes der Stadt und eine gerichtliche Entscheidung auf Unterbringung gemäß § 1906 BGB zustande kam, wurde durch die Betreuungsrichterin entgegen der Einschätzung der Ärzte massiv verkürzt. Die Richterin war aufgrund einer starken Fassadenhaltung des Klienten und eines Gespräches über Fußball und Spielergebnisse der Ansicht, einen „rüstigen, voll orientierten Rentner“ vor sich zu haben, so dass der weitere Aufenthalt trotz der vorherigen akuten Eigen- und Fremdgefährdungslage auf nur wenige Tage verkürzt wurde. Im häuslichen Umfeld gab er sich dann schnell wieder dem Alkohol hin, aß nicht mehr regelmäßig im Sinne einer starken Unter- und Mangelernährung und stürzte erneut schwer. Einen Umzug in ein Pflegheim lehnte er vehement ab, sodass das Gericht diese Entscheidung unter der Hinzuziehung eines Verfahrenspflegers für ihn treffen musste. Im Ambulant Betreuten Wohnen kommen solche Erlebnisse recht häufig vor und daher habe ich mich zur Bearbeitung der festgelegten Aufgabe Nummer 6 zu dem Thema „Der Konflikt zwischen Fürsorgepflicht des Psychiaters (Recht auf Gesundheit) und der Selbstbestimmung des Patienten (Recht auf Krankheit bzw. Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit): Beschreiben Sie mögliche Konsequenzen für die Versorgung psychiatrischer Patienten“ entschieden. Um mich adäquat diesem Thema widmen zu können, werde ich im Kapitel 2 kurz die Statistik von 2020 bzgl. psychischer Erkrankungen in der Bundesrepublik anreißen. In Kapitel 3 und 4 konzentriere ich mich auf die Begriffsklärungen zu den Punkten „Fürsorgepflicht“ sowie „Selbstbestimmung“, welche zum Verständnis der Thematik notwendig sind. Um die Fragestellung beantworten zu können, werde ich in Kapitel 5 die Anwendungspraxis und die damit möglichen Problemfelder verdeutlichen, welche die Versorgungsschwierigkeiten bei psychisch kranken Menschen auslösen können. Das Fazit endet mit der Schilderung meiner beruflich bedingten Sichtweise meiner Meinung dazu.

2. Zahlen und Fakten

2.1 Gesamte Bevölkerung

In der Bundesrepublik Deutschland waren im Jahr 2020 etwa 27,8 % der Menschen von einer psychischen Erkrankung beeinträchtigt (DGPPN, 2020, S. 1). Das betrifft ca. gut 17,8 Millionen Menschen (ebd.). Rund 18,9 % davon haben aus diesem Grund den Kontakt zu passenden Anlaufstellen gesucht (ebd.). Erkrankte Menschen mit psychischen Diagnosen haben im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung eine deutlich geringere Lebenserwartung (ebd.). Laut Statistik starben 2018 rund 9300 erkranke Menschen, davon wurden 50 % - 90 % der Selbsttötung auf eine psychische Störung hergeleitet (ebd.).

2.2 Diagnosen

„Zu den häufigsten Erkrankungen zählen Angststörungen (15,4 %), gefolgt von affektiven Störungen (9,8 %, unipolare Depression allein 8,2 %) und Störungen durch Alkohol- oder Medikamentenkonsum (5,7 %)“ (DGPPN, 2020, S. 1). Psychische Erkrankungen werden dabei zu den vier wichtigsten Beeinträchtigungen gezählt (ebd.).

2.3 Stationäre Versorgung

Insgesamt standen 2018 deutschlandweit ca. 56.617 Krankenhausbetten in 393 psychiatrischen Fachkliniken zur stationären Behandlung zur Verfügung, davon werden in der Regel rund 800.000 im Jahr benutzt (DGPPN, 2020, S. 2). In der Regel verweilen Patient*innen durchschnittlich 24,2 Tage in einer psychiatrischen Fachklinik (ebd.). Ebenso hat die Bunderepublik Deutschland rund 14.693 tages- und nachtklinische medizinische Behandlungsmöglichkeiten in 411 Einrichtungen mit dem Schwerpunkt „Psychiatrie und Psychotherapie“, sowie jährlich ca. 160.000 teilstationäre Plätze (ebd.). „Die häufigsten Behandlungsdiagnosen in psychiatrischen Kliniken und Fachabteilungen sind Störungen durch psychotrope Substanzen (34 %), gefolgt von affektiven Störungen“ (ebd.).

2.4 Ambulante Versorgung

Laut Statistik wird deutlich, dass es vierteljährlich ca. 1,5 Millionen Patient*innen von rund 3770 Psychiater*innen und Psychotherapeut*innen ambulant behandelt werden (DGPPN, 2020, S. 2). Erwachsene psychisch erkrankte Menschen konnten 2019 auf ungefähr 28.067 Psychotherapeut*innen zurückgreifen (ebd.). „Die häufigsten Behandlungsdiagnosen für ambulante Richtlinien-Psychotherapie sind neurotische, Belastungs- und somatoforme Störungen (82 %) sowie affektive Störungen (70 %)“ (ebd.).

2.5 Unterbringung

„Im Jahr 2016 gab es 56.048 zivilrechtliche Unterbringungen nach dem Betreuungsrecht (§ 1906 Absatz 1 Nummer 1 BGB und § 1906 Absatz 1 Nummer 2 BGB) und 83.418 öffentlich-rechtliche Unterbringungsverfahren nach den Psychisch-Kranken- bzw. Unterbringungsgesetzen der Länder (PsychKG) im Jahr 2015“ (DGPPN, 2020, S. 3). 2018 erfolgten 10.171 strafrechtliche Verwahrungen nach § 63 und § 64 StGB (Maßregelvollzug), was deutlich macht, dass seit 1998 die Anzahl auf das Doppelte anstieg (ebd.).

3. Fürsorgepflicht

3.1 Ärztliche Rechte und Pflichten

In der Bundesrepublik Deutschland sind die ärztlichen Rechte und Pflichten im Bürgerlichen Gesetzbuch (BGB) und im Strafgesetzbuch (StGB) fest verankert (Lehmann, 2015, S. 21). Psychiater*innen müssen psychisch kranke Menschen, die Fürsorge benötigen, medizinisch helfen (Helmchen, 2020, S. 259). „Diese psychiatrische Hilfe zielt darauf, im objektiv „besten Interesse“ des Patienten zu handeln, also all jenes indizierte, d. h. evidenz- und erfahrungsbasierte Wissen einzusetzen, das das subjektive Leiden und gefährliche Verhaltensstörungen des Patienten bestmöglich mildert oder beseitigt und sein subjektives „Wohlbefinden“ fördert“ (ebd.). „So erlaubt § 630d Abs. 1 S. 3 BGB (Behandlungsvertrag, Einwilligung in medizinische Maßnahmen) in Notsituationen eine unaufschiebbare Behandlung, sofern sie am Interesse und den mutmaßlichen Optionen der Betroffenen ausgerichtet ist“ (Lehmann, 2015, S. 21). Der § 677 BGB beinhaltet, dass die Behandlung bei einem medizinischen Notfall im Interesse der betroffenen Person liegen muss bzw. dem mutmaßlichen oder wirklichen Willen dieser zu entsprechen hat (ebd.). Die unterlassene Hilfeleistung nach § 323c StGB bestimmt, dass ausnahmslos jeder Mensch verpflichtet ist, Hilfe zu leisten, wenn ein anderer Mensch in Not gerät (ebd.). „Ärztinnen und Ärzte, die eine Behandlung übernommen haben, unterliegen einer besonderen Pflicht zur Hilfeleistung, der sogenannten Garantenpflicht“ (ebd.). Dies bedeutet, dass die Mediziner*innen sich dafür einsetzen müssen, ihre Patient*innen vor gesundheitlichen Schäden zu bewahren bzw. zu schützen (ebd.). Laut § 13 Abs. 1 StGB wird die sogenannte „Garantenpflicht“ (Begehen durch Unterlassen) in dem Gesetz geregelt (ebd.). Die Unterlassung der Hilfeleistung nach § 95 StGB, bestimmt verpflichtend, erforderliche Hilfeleistung zu erbringen, wenn ein Mensch unter Gefahr für Leib und Leben steht (ebd.). Dies gilt nach § 2 StGB insbesondere für Ärzte*innen (ebd.). „Das nationale ZGB – OR bestimmt mit Art. 419 (Geschäftsführung ohne Auftrag), dass Entscheidungen, die für andere zum Beispiel in Notsituationen getroffen werden, an deren Interesse und mutmaßlichen Optionen ausgerichtet sein müssen“ (ebd.) (Anmerkung: Deckungsgleich mit § 677 BGB – ZGB damals zu DDR Zeiten nach Recherche). Nach Art. 128 bzgl. Unterlassung der Nothilfe, wird jeder dazu bestimmt, Menschen zu helfen, die sich in Lebensgefahr, z. B. durch ein Unglück, befinden (ebd.). „Für behandelnde Ärztinnen und Ärzte ist die Garantenpflicht durch Art. 11 StGB (Begehen durch Unterlassen) geklärt“ (ebd.).

3.2 Selbstbestimmungsunfähigkeit

Die Zwangsmaßnahme einer psychisch erkrankten Person gegen den freien Willen in eine psychiatrische Einrichtung ist nur zu begründen, „wenn das Betragen der Patientin oder dem des Patienten eine schwerwiegende Gefährdung für sich und/oder andere darstellt“ (Helmchen, 2020, S. 260). Diese Notlösung, die als „Ultima Ratio“ bezeichnet wird, findet Anordnung, wenn eine Selbstbestimmungsunfähigkeit besteht (ebd.). „Ist eine Selbstbestimmungsunfähigkeit nicht zu belegen, dann darf der psychisch kranke Patient nicht gegen seinen Willen behandelt werden“ (ebd.). Die Kompetenz des behandelnden Arztes bzw. der behandelnden Ärztin setzt voraus, dass er die Selbstbestimmungsfähigkeit der erkrankten Person ausreichend erfassen kann, um die berufsbedingt besonders gebotene Fürsorgepflicht auszuüben (ebd.). Tritt der Notfall ein, sollte bei der anschließenden Wiederherstellung der Gesundheit bzw. bei ausreichend wiedererlangter psychischer Stabilität mit allen Betroffenen diese Sondersituation abschließend reflektiert werden (ebd.).

4. Selbstbestimmung

4.1 Das Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit

Psychisch kranke Menschen haben laut UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) das Recht, über Entscheidungen bzgl. ihrer Lebensgestaltung selbst zu bestimmen (DGPPN, 2014, S. 1). Dies beinhaltet auch Entscheidungen in Bezug auf medizinische Behandlungen (ebd.). Durch dieses Menschenrecht sollen menschenunwürdige Behandlungen bei psychisch erkrankten Patient*innen verhindert werden (ebd.). Das Recht auf die freie Entfaltung der Persönlichkeit durch Autonomie ist Grundlage für eine positive medizinische Behandlung (ebd.).

[...]

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Fürsorgepflicht des Psychiaters oder Selbstbestimmung des Patienten? Zwischen Ethik und Recht
Hochschule
Fachhochschule Düsseldorf
Note
1,3
Autor
Jahr
2021
Seiten
15
Katalognummer
V1146034
ISBN (eBook)
9783346526595
ISBN (Buch)
9783346526601
Sprache
Deutsch
Schlagworte
fürsorgepflicht, psychiaters, selbstbestimmung, patienten, zwischen, ethik, recht
Arbeit zitieren
Litza Feld (Autor:in), 2021, Fürsorgepflicht des Psychiaters oder Selbstbestimmung des Patienten? Zwischen Ethik und Recht, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1146034

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Fürsorgepflicht des Psychiaters oder Selbstbestimmung des Patienten? Zwischen Ethik und Recht



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden