Die Kulturelle Stilforschung und deren Anwendungsmöglichkeiten in der Interkulturellen Kommunikation


Hausarbeit (Hauptseminar), 2007

24 Seiten, Note: 1,0


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Gliederung

I. Einleitung

II. Die Kulturelle Stilforschung und deren Anwendungsmöglichkeiten in der Interkulturellen Kommunikation
1. Kultureller Stil
1.1 Stilbegriff
1.2 Definition: Kultureller Stil
2. Arbeiten zum Kulturellen Stil
2.1 Kognitiver Stil
2.2 Lernstilforschung: Christoph Barmeyer
2.3 Intellektueller Stil: Johan Galtung
2.4 Wirtschaftsstilforschung: Günther Ammon
2.5 Mögliche Ursachen und Einflüsse
2.5.1 Sozialisation
2.5.2 Sprache
2.5.3 Strukturanalogie
2.5.4 Macht
2.5.5 Soziale Milieus: Richard Münch
3. Relevanz des Stilbegriffs für die Interkulturelle Kommunikation
3.1 Der Stilbegriff
3.2 Stilforschung
3.2 Interdisziplinäres Vorgehen der Stilforschung

III. Schluss

IV. Literaturverzeichnis

I. Einleitung

Das große Potenzial der wissenschaftlichen Disziplin der Interkulturellen Kommunikation liegt zweifelsohne in der Möglichkeit, Verhalten zu erklären, vorherzusagen und dadurch die zwischenmenschliche Interaktion zu erleichtern. Dazu bedarf es neben einem generellen Verständnis von Kultur und Achtsamkeit im Umgang mit anderen Menschen einer gewissen Basis an empirischem Wissen, die nur durch Komplexitätsreduktion und damit Kategorisierung erreicht werden kann. Dass dies immer die Gefahr der Übergeneralisierung und Stereotypenbildung, bzw.

- verstärkung mit sich bringt, darf dabei nicht vergessen werden.

Ziel dieser Arbeit ist es, einen neuen Ansatz der makroanalytischen Kulturbeschreibung vorzustellen, den der „kulturellen Stile“. Der „kulturelle Stil“ fungiert in diesem Fall als Aggregat der verschiedenen Funktionalstile (Wirtschaftsstil, Lernstil, Kognitiver Stil, etc.). Die Autorin möchte speziell auf Johan Galtungs Essay

„Struktur, Kultur und intellektueller Stil“, der vier intellektuelle Stile diskutiert, eingehen, die bisherige Bearbeitung des Themas in einigen wissenschaftlichen Disziplinen vorstellen und abschließend die Relevanz dieses Ansatzes für die Interkulturelle Kommunikation beleuchten.

Die Ausgangshypothese dieser Arbeit lautet, dass sich gesellschaftliche Werte auf verschiedenen Ebenen, u.a. der in diesem Fall relevanten Expressiven widerspiegeln.

II. Die Kulturelle Stilforschung und deren Anwendungsmöglichkeiten in der Interkulturellen Kommunikation

1. Kultureller Stil

1.1 Stilbegriff

Seinen Ursprung hat der Stilbegriff im Lateinischen „stilus“, einer Bezeichnung für den Schreibgriffel. Der Terminus erfuhr im Laufe der Zeit eine Erweiterung von der „Art zu schreiben“ zur „Art etwas zu tun“. Im 15. Jh. wurde er ins Frühneuhochdeutsche entlehnt und ist seitdem hier gebräuchlich.[1]

In der Kunstgeschichte gewann der Stilbegriff vor allem im 18. Jahrhundert an Relevanz. Seine Aufgabe ist es, verschiedene (zeitlich mehr oder weniger aufeinander folgende, oft auch überlappende) Epochen zu beschreiben.[2]

Vom Gebiet der Kunst wurde der Stilbegriff dann auf Musik, Literatur und Sprache übertragen. Verwendet wird er zunehmend auch im Bezug auf Wirtschaftsstile (siehe hierzu 2.4), Lernstile (2.2), Managementstile, Politikstile, etc.

Eine erste globale Erklärung für individuelle Stilunterschiede erfolgte mit dem Begriff des ‚Mentalstils’, der 1977 in der englischsprachigen Psychologie (‚mind style’) und 1991 in der deutschsprachigen Psychologie geprägt wurde (Metzler 2004: 443).

Der Begriff des ‚Stils’ ist äußerst flexibel. Man bezeichnet damit Individualstile (Mikrostilanalyse) aber auch größere Kollektive erfassende Tendenzen wie z.B. Epochenstile, Nationalstile (Makrostile).

1.2 Definition: Kultureller Stil

Sowohl der Stilbegriff als auch der Kulturbegriff bereiten fortdauernd Definitionsschwierigkeiten und verfangen sich in Widersprüchen. Eine Definition des „kulturellen Stils“ bedeutet demzufolge eine Potenz der Schwierigkeiten. Dennoch sollen einige Versuche genannt werden.

Eigenheiten des kulturellen Stils „prägen die Art und Weise der Wahrnehmung der in einem solchen Kontext sozialisierten Ethnienmitglieder und reproduzieren sich auf diesem Weg mit entsprechenden Modifikationen als Konstituenten neuer Handlungen.“ (Bolten 2001: 134)

Alfred Müller-Armack, ein deutscher Nationalökonom (siehe 2.2), definiert Stil (allgemein) als „die in den verschiedenen Lebensgebieten einer Zeit sichtbare Einheit des Ausdrucks und der Haltung.“ (Müller-Armack 1981: 57) Oft wird auch die historische Komponente betont, so zeichnen sich laut Habermas (1981) kulturelle Stilmerkmale als Reflektoren des kulturellen Wissensvorrates aus und – in Assmanns Worten (2000) – als jene des kulturellen Gedächtnisses.

Dieser Arbeit liegt der erweiterte Stilbegriff nach Barmeyer zugrunde:

„Stil bezeichnet die konkreten menschlichen Ausdrucks-, Darstellungsund Handlungsweisen, die durch charakteristische Merkmale geprägt sind. Stil ist der Prozess menschlicher Aktivität, die nach bestimmten Mustern abläuft und innerhalb von Gruppen und Gesellschaften eine gewisse Homogenität aufweißt. Stil hat in Kommunikationsund Interaktionsprozessen folglich eine Ordnungsfunktion und umfasst sowohl strukturelle als auch semantische Merkmale. Stil wird also verstanden als Manifestation bestimmter konstanter oder regelmäßig wiederkehrender Merkmale und Eigenarten von Personen eines kulturellen Systems. Sie werden in den verschiedenen Bereichen jedoch nicht bewusst produziert, sondern stellen eher Selbstverständlichkeiten dar.“

(Barmeyer 2000: 140)

Analog zum Kulturbegriff soll der Stilbegriff jedoch keine Determiniertheit menschlichen Handelns suggerieren. Jedes Individuum besitzt die Möglichkeit eine große Variation von Verhaltensmustern zu realisieren:

„Style is a replication of patterning, whether in human behavior or in the artifacts produced by human behavior, that results from a series of choices made within some set of constraints.“ (Meyer 1979: 3)

Verschiedene Autoren (Ammon: 165, Bolten: 135) weisen darauf hin, dass ‚kulturelle Stile’ durchaus auch als „kommunikative Stile“ verstanden werden können. Eine solche Bezeichnung sei zulässig, da Kulturen Kommunikationsprodukte seien, sich in Kommunikation manifestieren und daher nur über die Analyse von Kommunikationsprodukten (im weitesten Sinne) erschließbar seien.

Trotz der semantischen Nähe von Stilund Kulturbegriff sind die beiden dennoch nicht beliebig austauschbar. „Stil“ besitzt in größerem Maße als „Kultur“ ein aktivsichtbares, individuelles Element und verweist damit mehr auf Praktiken und Artefakte als „Kultur“, die sich eher in Werten und Grundannahmen niederschlägt.[3]

Die charakteristische Besonderheit des Stils ist die Expressivität. Nicht dass eine Handlung vollzogen wird, ist von Interesse, sondern auf welche Art und Weise und mit welchen Mitteln dies geschieht. (vgl. Barmeyer 2000: 143f)

2. Arbeiten zum Kulturellen Stil

Neben den im Folgenden genannten Arbeitsfeldern der interkulturellen Stilforschung hat auch die interkulturelle Pragmatik als Teilgebiet der interkulturellen Linguistik etliche interessante Ergebnisse erbracht. Da dies den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde, muss ich jedoch auf eine genauere Schilderung verzichten.[4]

Alle im Folgenden vorgestellten Funktionalstile setzen sich zu unterschiedlichen Teilen aus ererbten und erlernten Faktoren zusammen. Ich nehme an, dass beispielsweise bei kognitiven Stilen mit höherer individueller Variation zu rechnen ist, als z.B. bei Wirtschaftsstilen, da letztere in stärkerem Maße von Bildungsinstitutionen vermittelt werden, während Denkmuster schon im frühkindlichen Alter geprägt werden.

Dass die Ergebnisse Barmeyers (vgl. 2.2) dennoch eine starke Korrelation von kulturellen Stilen und Lernstilen (auch hier ist große individuelle Variation zu erwarten, beginnt der Lernprozess doch spätestens bei der Geburt) ergeben, ist ein Hinweis darauf, dass sich individuelle Unterschiede in empirischen Studien über Gesamttendenzen ausgleichend aufheben. Grundvoraussetzung hierfür ist jedoch eine möglichst hohe Anzahl an Befragten (= n ).

2.1 Kognitiver Stil

Der kognitive Stil besteht, wie schon erwähnt, zu erheblichen Teilen aus ererbten Faktoren. Wie genau sich kognitive Stile entwickeln, darüber ist in der Literatur kaum etwas zu finden. Speziell der Anteil der Sozialisationskultur an dieser Entwicklung wäre ein spannendes Thema.

Schon bei der Terminologie „Kognitiver Stil“ (Cognitive Style) scheiden sich die Geister.

„...(Yet) there is a general consensus that cognitive style represents a superordinate construct which accounts for individual differences in a variety of cognitive, perceptual, and personality variables which influence the method of perceiving, organizing, and interpreting information.“ (Shade 1997: 63)

Riding, Professor der Pädagogik an der Universität Birmingham, unterscheidet kognitive Aktivitäten in vier Kategorien: Wahrnehmung[5], kognitive Prozesse, mentale Bildgebung (‚imagery’) und die Konstruktion von Persönlichkeit. (Riding 1998: 15) Andere Autoren wählen eine Untergliederung in drei Gruppen: die Orientierung und Informationsverarbeitung bei der Wahrnehmung (perceptual processing orientation), Informationsorganisation (type of representations or organization of the information) und die Verteilung und Überwachung der Informationsverarbeitung (allocation and monitoring of the processing strategies).[6]

All diese Subkategorien des kognitiven Stils scheinen vom kulturellen Umfeld beeinflusst zu werden. Man spricht daher in der Literatur z.B. von „selektiver Wahrnehmung“, „Wahrnehmungsschemata“, „variierender Bedeutungsverleihung“ und „Stereotypisierung“.[7] Auf Grund dessen erscheint eine Unterordnung des kognitiven Stils unter den kulturellen Stil trotz aller zu erwartenden individueller Variation legitim.

Olivia Saracho, Barbara Shade, Joan Timm u.a. bestätigen diese Annahme:

„Some studies indicate a relationship between ethnicity and cognitive style. The cognitive style of Mexican-American children was assumed to be influenced by the degrees to which individuals have adopted Mexican rural values, Anglo, middle-class values or a combination of the two value systems.“ (Saracho 1997: 118)

Innerhalb dieser Untergruppen werden nun meist eindimensionale bipolare Modelle angewendet. Die bekannteste dieser binären Kategorien ist field independence – field dependence von Herman Witkin und seinen Kollegen[8].

Weitere Kategorien sind assimilator – explorer von Piaget (1969) und visualizer – verbalizer von Paivios (1971). Die Informationsorganisation betreffend sind u.a. die Kategorien abstractness – concreteness von Goldstein und Scherer (1941) und Pettigrews broad – narrow thinkers zu nennen. In Bezug auf die Persönlichkeitskonstruktion soll auf die Theorien von Kagan (1966) reflectivity - impulsivity , Hudsons (1966)

convergent und divergent thinkers und Pasks (1969) holistic – serialistic styles [9] hingewiesen werden. (Robinson Shade 1997: 63f)

Ein Beispiel für ein zweidimensionales Modell ist Ridings Cognitive Style Analysis (CSA) , das auf den beiden orthogonalen Dimensionen Wholisitc-Analytic und Verbal- Imagery beruht. Ein vierdimensionales Modell liefern Myers und Briggs mit ihrem Type Indicator ( MBTI ) . Er basiert auf den folgenden vier Dichotomien:

Extraversion Introversion Sensing Intuition

Feeling Thinking

Judging Perceiving

Die zu untersuchenden Personen werden auf Grund von Antworten auf Textfragen, bzw. ihrem Verhalten nun entweder den Extremen zugeordnet oder in anderen Tests in einem Koordinatensystem zwischen den Extremen positioniert.

Dass es sich bei all diesen Modellen nur um Hilfskonstruktionen handeln kann, die den unendlich komplexen Vorgang der menschlichen Kognition anschaulicher machen sollen, und die keinesfalls verallgemeinert werden sollten, wird von allen Quellen betont. Ebenso betont wird die Wertneutralität dieser Einteilungen. Untersuchungen haben darüber hinaus die Unabhängigkeit der Zugehörigkeit zu verschiedenen Kategorien und des Intelligenzquotienten bewiesen.[10] Zu kritisieren ist, dass die meisten Tests zur Einordnung der Testpersonen auf Selbsteinschätzungstests beruhen und daher als begrenzt objektiv bezeichnet werden müssen.

Dennoch finden diese kognitionspsychologischen Modelle starke Anwendung in der pädagogischen Praxis und hier auch im interkulturellen Rahmen.

Barbara Shade und ihre Koautoren stellen in ihrem Buch „Culture, Style and the Educative Process“ aus den verschiedenen Dimensionen einen „African-American Cognitive Style“, einen „Indian Cognitive Style“, einen „Native American Cognitive Style“ und einen „Hmong Cognitive Style“ zusammen, anhand derer sie Lehrern konkrete Ratschläge liefern, wie sie in ihrem Unterricht gezielt auf die Bedürfnisse der kognitiven Stile ihrer Schüler eingehen können.

Diese pädagogischen Ratgeber finden sich vor allem für den Nordamerikanischen Markt und überschneiden sich daher mit keiner der von Galtung (vgl. 2.3) behandelten Kulturen. Dennoch gilt die Kognitionspsychologie als ein vielversprechendes Forschungsgebiet, deren Ergebnisse die interkulturelle Stilforschung nur bereichern können.

[...]


[1] Vgl.: Kluge. Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. 2002. 24. erw. Auflage. Berlin. S. 884

[2] Es handelt sich also um einen diachronen Vergleich. Der kulturelle Stil hingegen soll eine synchrone Kategorisierung ermöglichen.

[3] So spricht man etwa von „Fahrstil“, nicht aber von „Fahrkultur“, von einem „Schreibstil“, nicht aber von einer individuellen „Schreibkultur“ und auch „Unternehmensstil“ und „Unternehmenskultur“ sind keinesfalls Synonyme.

[4] Eine gute Einführung liefert Clyne, der sich ebenfalls auf Galtung bezieht: Clyne, Michael 1993: Pragmatik, Textstruktur und kulturelle Werte. Eine interkulturelle Perspektive. In: Schröder, Hartmut (Hrsg.): Fachtextpragmatik. Tübingen. S. 3-18

[5] Den Anstoß hierzu gab Witkin mit seinen Arbeiten zur Regelmäßigkeiten in der menschlichen Informationsverarbeitung ab 1940.

[6] U.a. bei J. P. Guilford, J. C. Campion and A. L. Brown, L.J. Ausburn & F. B. Ausburn, J. Bieri

[7] Mehr dazu bei Goldstein, E. Bruce: Wahrnehmungspsychologie. 2002. Heidelberg. Sowie bei Berry, John W.: Perception. 1992. In: Berry, John W. u.a. (Hrsg.): Cross-Cultural Psychology: Research and Applications. New York. S. 131-161.

[8] H. A. Witkin, C. A. Moore, D. A. Goodenough, P. W. Cox 1977: Field-dependent and field-independent cognitive styles and their educational implications. In: Review of Educational Research, 47: 1-64

[9] Paska Theorie weist etliche Übereinstimmungen mit E. T. Halls Dimension der polychronen und monochronen Zeitorganisation auf.

[10] U.a. Eagle (1965), Blaha, Fawaz and Wallbrown (1979), Frederico and Landis (1980). Es ist anzumerken, dass aber auch eine scheinbar „objektive“ Bewertung nach dem Intelligenzquotienten es nicht wirklich ist. Denn sowohl das Konzept des Intelligenzquotienten als auch das Testverfahren sind westliche Erfindungen und reflektieren westliche Standards und Prioritäten.

24 von 24 Seiten

Details

Titel
Die Kulturelle Stilforschung und deren Anwendungsmöglichkeiten in der Interkulturellen Kommunikation
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Institut für Interkulturelle Kommunikation)
Veranstaltung
Hauptseminar
Note
1,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
24
Katalognummer
V114605
ISBN (Buch)
9783640163861
Dateigröße
669 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
"Gut durchkomponiert. Klare, konsistente Argumentation. Eigenständige und kreative Leistung. Stilistisch, formal tadellos."
Schlagworte
Kulturelle, Stilforschung, Interkulturellen, Kommunikation, Hauptseminar, Interkulturelle Kommunikation, IKK, Johan Galtung, kultureller Stil
Arbeit zitieren
Eva Schlör (Autor), 2007, Die Kulturelle Stilforschung und deren Anwendungsmöglichkeiten in der Interkulturellen Kommunikation, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/114605

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