Wirtschaftsintegration Lateinamerika: Von der Importsubstitutionspolitik zur offenen regionalen Integration

Herausforderungen und Chancen lateinamerikanischer Wirtschaftsbündnisse anhand der Beispiele MERCOSUR und Andengemeinschaft


Seminararbeit, 2006

43 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. EINLEITUNG

II. DEFINITION ZENTRALER BEGRIFFE
2.1. LATEINAMERIKA
2.2. GLOBALISIERUNG ANHAND VERSCHIEDENER STUFEN DER WIRTSCHAFTSINTEGRATION

III. LATEINAMERIKANISCHE INTEGRATION ( 1 )
3.1. ALALC UND ALADI
3.2. START WEITERER INTEGRATIONSPROJEKTE
3.3. DAS SCHEITERN DER 1. INTEGRATIONSPHASE

IV. LATEINAMERIKANISCHE INTEGRATION ( 2 )
4.1. DAS KONZEPT DER „OFFENEN INTEGRATION“
4.2. MOTIVE FÜR DEN START DER 2. INTEGRATIONSPHASE

V . MERCOSUR ( MERCADO COMÚND ELSUR )
5.1. ENTSTEHUNG UND MITGLIEDER
5.2. ZIELE DES MERCOSUR
5.3. BISHERIGE ERFOLGE DES MERCOSUR
5.4. SCHWIERIGKEITEN AUF DEM WEG ZUR INTEGRATION
a) Ankündigung vs. Realität
b) Defizite und Disparitäten im intraregionalen Handel
c) Strategische Interessensgegensätze
d) Prinzipielles Dilemma

VI . DIE ANDENGEMEINSCHAFT ( COMUNIDAD AND INACAN )
6.1. ENTSTEHUNG & ZIELE
6.2. STÄRKEN UND ERFOLGE
6.3. SCHWÄCHEN UND HINDERNISSE

VII . FTAA & EU - EXTERNE KONKURRENTEN ODER WICHTIGE PARTNER ?
7.1. DAS PROJEKT EINER GESAMTAMERIKANISCHEN FREIHANDELSZONE (FTAA/ALCA)
7.2. ASSOZIATIONSVERHANDLUNGEN MIT DER EU AM BEISPIEL DES MERCOSUR

VIII. ABSCHLUSSBEMERKUNGEN
8.1. INSTABILITÄT DER POLITISCHEN UND WIRTSCHAFTLICHEN SYSTEME
8.2. SCHWACHE INSTITUTIONEN
8.3. MAKROÖKONOMISCHE ZUSAMMENARBEIT
8.4. ANSPRUCH VS. WIRKLICHKEIT
8.5. ZIVILGESELLSCHAFTLICHE EINBINDUNG UND SOZIALE KLUFT
8.6. EXTERNE BEZIEHUNGEN
8.7. CHANCE: DIENSTLEISTUNGEN
8.8. GEFAHR DES AUSEINANDERDRIFTENS?
8.9. FEHLEN EINER GROßEN VISION ODER VERTIEFUNG DER BESTEHENDEN PROZESSE?

IX . LITERATURVERZEICHNIS

I. . Einleitung

Der Amerika-Gipfel im November 2005 im argentinischen Mar del Plata endete anders als es sich die USA erhofft und erwartet hatten. Noch im Vorfeld gingen die Vereinigten Staaten davon aus, dass ihre Forderung nach der Wiederaufnahme von Verhandlungen für die Bildung einer gesamtamerikanischen Freihandelszone (FTAA) für den April 2006 bei den anderen Staaten des Kontinents auf Zustimmung stoßen würde.

Die nicht erfolgte Einigung als Folge des Widerstands der vier Mercosur-Staaten und Venezuelas kam dann doch relativ überraschend. Das zentrale Argument der Gegner lautete, dass das kontinentale Handelsprojekt vor allem der Absicherung der US- Hegemonie in der lateinamerikanischen und karibischen Region diente. Darüber hinaus würde die protektionistische US-Wirtschaftspolitik in manchen Bereichen fortgeschrieben und Asymmetrien der verschiedenen Ökonomien nicht berücksichtigt werden.

Nach dieser diplomatischen Niederlage für die USA scheint es mehr als fraglich, wann und mit wie vielen beteiligten Staaten die FTAA-Verhandlungen fortgesetzt werden. Denn vor allem die südamerikanischen Staaten streben vielmehr nach einer Vertiefung ihrer eigenen Integrationsbemühungen, als dass sie ihre Hoffnungen weiter auf das Zustandekommen ein kontinentales Projekt konzentrieren würden.

Die vorliegende Seminararbeit beschäftigt sich thematisch mit den regionalen und subregionalen Integrationsbestrebungen der lateinamerikanischen Länder. Beginnend mit der 1. Wirtschaftsintegrationsphase der 60-er und 70-er Jahre zeichnet sie hauptsächlich den Weg und das Scheitern der ALALC (Lateinamerikanische Freihandelsvereinigung) nach und erläutert den wirtschaftspolitischen Paradigmenwechsel, der nach der Schuldenkrise der 80-er Jahre zum Wiedererstarken der Integrationssysteme geführt hat.

Behandelt werden weiters das Konzept und die Ziele der 2. Integrationsphase ab den 1990-er Jahren, wobei bei der Evaluation das Augenmerk im Wesentlichen auf die beiden dominanten südamerikanischen Wirtschaftsbündnisse, MERCOSUR und Andengemeinschaft, gelegt wird. Diese Einschränkung wird einerseits vorgenommen, um den Rahmen der Arbeit zu begrenzen und andererseits deshalb, weil diese beiden Integrationssysteme Parallelen und Überschneidungen aufweisen und sich daher für einen Vergleich gut eignen.

Als besonders essentiell erachte ich es, Erfolge bzw. Hindernisse und Schwierigkeiten der Wirtschaftskooperationen zu eruieren, um anschließend auf generelle Stärken und Schwächen von lateinamerikanischen Integrationsbündnissen schließen zu können.

Konkreter gefasst, konzentriert sich diese Seminararbeit auf die Beantwortung der folgenden forschungsleitenden Fragestellung:

1. Welche besonderen Merkmale weisen die derzeitigen lateinamerikanischen Integrationsprozesse auf?

2. Welche Herausforderungen können daraus für die Zukunft abgeleitet werden und wie könnten etwaige Mängel beseitigt werden?

In Anlehnung an diese zentrale Fragestellung stellt sich der Aufbau der Arbeit folgendermaßen dar:

Das erste, auf die Einleitung folgende Kapitel (II) widmet sich der Definition von zentralen Begriffen, indem der Terminus „Lateinamerika“ und die verschiedenen „wirtschaftlichen Integrationsstufen“ erläutert werden.

Darauf aufbauend folgt in Teil III die Behandlung der 1. lateinamerikanischen Integrationsphase, wobei hier schwerpunktmäßig auf die Import-Substitutionslogik der ALALC und die Ursachen für ihren Misserfolg eingegangen wird.

In Kapitel IV werden die Logik und die Motive für den „offenen Regionalismus“ behandelt, der sich seit den 1990-er Jahren durchgesetzt hat.

In einem weiteren Schritt (Kapitel V & VI) wird näher auf die Erfolge und Misserfolge der südamerikanischen Integrationsbewegungen MERCOSUR und Andengemeinschaft eingegangen, wobei hier der Schwerpunkt mehr auf dem MERCOSUR liegt, da dieser das bedeutendste Wirtschaftskooperationsprojekt Lateinamerikas darstellt.

Die explizite Behandlung der außenpolitischen Beziehungen und Standpunkte Lateinamerikas zum gesamtamerikanischen Freihandelsprojekt FTAA und zur EU am Beispiel der Assoziationsverhandlungen mit dem MERCOSUR wird in den Mittelpunkt des VII. Abschnitts gestellt.

Im abschließenden VIII. Part liegt der Fokus auf der Beantwortung der eingangs formulierten zentralen Fragestellung. Am Ende der Arbeit findet sich dann noch die Bibliographie zur verwendeten Literatur.

Die Literaturrecherche über die Thematik hat ergeben, dass durchaus ein brauchbarer Stamm an Datenmaterial vorhanden ist. Eine möglichst aktuelle Analyse über die Entwicklung der lateinamerikanischen Integrationssysteme kann hauptsächlich aus Artikeln politikwissenschaftlicher Fachzeitschriften und Papers von internationalen Organisationen wie ECLAC (UN-Wirtschafskommission für Lateinamerika und die Karibik), der Interamerikanischen Entwicklungsbank (IADB) oder SELA (Lateinamerikanisches Wirtschaftsbündnis) gewonnen werden.

II. Definition zentraler Begriffe

2.1. Lateinamerika

Der Begriff Lateinamerika bezeichnet im Allgemeinen die spanischund portugiesischsprachigen Länder des amerikanischen Kontinents, südlich der USA gelegen. Daraus folgt, dass sich Lateinamerika von Rio Grande del Norte bis zum Kap Hoorn erstreckt und den Bereich von Mexiko, Mittelund Südamerika und der Karibik umfasst.[1]

2.2. Globalisierung anhand verschiedener Stufen der Wirtschaftsintegration

Für das System von Nationalstaaten, welche durch den Markt miteinander verbunden sind, sind der vollständige Freihandel bzw. nationalstaatliche Systeme von Schutzzöllen kennzeichnend. Durch präferentielle Handelsvereinbarungen werden bereits etwas kooperativere Ökonomieprozesse zwischen Staaten in Gang gesetzt. Hierbei erfolgt bereits eine unvollständige Reduktion von Zöllen zwischen den Mitgliedern.

Die nächste Stufe an Wirtschaftsintegration wird als Freihandelszone bezeichnet, in der die Innenzölle zwischen den Mitgliedern bereits vollständig abgebaut werden, aber weiterhin unilaterale Außenzölle existieren. Die Schaffung eines gemeinsamen Außenzolltarifs ist hingegen das Ziel einer vollständigen Zollunion.

Schafft es ein Integrationsbündnis, sich zu einer Angleichung der nationalstaatlichen Wirtschafts-, Finanzund Sozialpolitik durchzuringen, kann das Ziel eines gemeinsamen Marktes erreicht werden. Eine Integrationsstufe über dem Markt steht die Währungsunion, die eine gemeinsame Währung oder zumindest unwiderruflich fixierte Wechselkurse vorsieht.

Die höchste Integrationsstufe stellt die Ausgestaltung einer politischen Union dar: Hierbei handelt es sich, wenn gemeinsame politische Institutionen wie Parlament, Regierung und Gerichtsbarkeit existieren.[2]

III. Lateinamerikanische Integration ( 1 )

3.1. ALALC und ALADI

Inspiriert durch den bereits rasch ersichtlichen Erfolg der im Jahr 1957 gegründeten Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) wurde drei Jahre danach, 1960, mit der Lateinamerikanischen Freihandelsvereinigung ALALC ein erstes lateinamerikanisches Integrationsprojekt aus der Taufe gehoben.

Der Start der ALALC erfolgte mit sechs südamerikanischen Ländern und Mexiko, im Verlauf der folgenden Jahre traten noch weitere vier subkontinentale Staaten bei.

Die Hauptzielsetzung des ersten Versuchs einer wirtschaftspolitischen Kooperation und Zusammenarbeit in Lateinamerika bestand in der Schaffung einer Freihandelszone zwischen den beteiligten Ländern. Ursprünglich wurde im Vertrag von Montevideo/Uruguay festgelegt, dass sämtliche intraregionalen Zollschranken bis Ende 1973 abgebaut werden sollten. Diese Umsetzungsfrist wurde in weiterer Folge jedoch bis Ende 1980 prolongiert.[3]

Die ALALC basierte auf der Logik eines „nach innen gerichteten“ Integrationsschemas. Daraus leitet sich der Ansatz ab, eine in den Nationalökonomien bereits weitgehend praktizierte importsubstituierte Industrialisierung auf subregionaler Ebene einzuführen. Dies bedeutet, dass jene industriellen Konsumgüter, welche vorerst importiert worden waren, durch eigene Produktion ersetzt werden, um nationale bzw. subregionale Industrialisierungsprozesse zu verstärken, die Möglichkeiten eines grö- ßeren Marktes zu nützen und die Außenabhängigkeit zu verringern.[4]

Die Integration blieb also lediglich auf den Produktionssektor beschränkt. Ferner wurden die hohen Außenzölle zum Rest der Welt weitgehend aufrechterhalten.

Als sich das abermalige Scheitern der Beseitigung von Zollschranken (Frist bis 1981) abzuzeichnen begann und damit die Anfangseuphorie über die ALALC endgültig verblasste, wurden Verhandlungen über eine modifizierte Nachfolgeorganisation aufgenommen.

Die 1980 gegründete ALADI (Lateinamerikanische Integrationsvereinigung) wurde von den bisherigen ALALC-Mitgliedern und Kuba[5] gebildet und beschränkte sich im Wesentlichen auf wirtschaftspolitische Koordinierungsmaßnahmen zwischen den beteiligten Ländern. Gegenwärtig spielt sie nach wie vor eine gewichtige Rolle bei der Artikulation und Angleichung der verschiedenen Integrationsprozesse.[6]

Infolge der Schwächen der ALALC hat sich unter anderem herauskristallisiert, dass es unter den herrschenden Rahmenbedingungen nicht möglich ist, einen gemeinsamen lateinamerikanischen Markt mit regionaler Orientierung unter Einbindung aller Länder an einem einzigen Projekt zu begründen.

Mit der Gründung des Andenpaktes im Jahr 1969 begann eine Periode von Teilstrategien, aus denen sich verschiedenste subregionale Integrationsprozesse entwickelten. Diese versuchten, im Rahmen ihrer eigenen besonderen Voraussetzungen und Ziele, die sich besser mit ihren Interessen deckten, voranzukommen.[7]

3.2. Start weiterer Integrationsprojekte

Motiviert durch die gemeinsame Angst, von den größeren Staaten in der ALALC ü- bervorteilt zu werden und bereits zermürbt von den Verteilungskonflikten in der gro- ßen Gruppe, gründeten Bolivien, Ekuador, Kolumbien, Peru, Venezuela (ab 1973) und anfänglich auch Chile[8] mit dem Andenpakt ein eigenes, sub-regionales Integrationssystem.[9] Als oberste Zielsetzungen galten die Liberalisierung des regionalen Handels sowie die Verwirklichung einer Freihandelszone zwischen den teilnehmenden Ländern.

Ähnliche Ansätze, wie den bereits erwähnten, lagen den beiden weiteren signifikanten, in den 60-er Jahren formierten, Integrationsschemen zu Grunde: Der im Jahr 1960 von fünf mittelamerikanischen Ländern geschaffene „Gemeinsame zentralamerikanische Markt“ (MCCA) versuchte über eine Freihandelszone sein namensgebendes Ziel zu erreichen, während die 1973 gegründete „Karibische Gemeinschaft“ freien Handel zwischen 15 Mitgliedsstaaten anstrebte.

Schließlich wurde im Jahr 1975 das „Lateinamerikanische Wirtschaftsbündnis“ (SELA) mit 26 lateinamerikanischen und karibischen Mitgliedern ins Leben gerufen. SELA unterschied sich in seiner Zielsetzung von anderen Integrationsbündnissen jedoch insofern, als dass es die Unterstützung sämtlicher Integrationsprojekte in Lateinamerika sowie die Umsetzung und Förderung von wirtschaftlicher und sozialer Kooperation und Entwicklungsprojekten als seine vorrangigen Aufgabenbereiche betrachtete.[10]

3.3. Das Scheitern der 1. Integrationsphase

Das jähe Ende sämtlicher Integrationsbemühungen wurde zu Beginn der 80-er Jahre durch die aufkommende Verschuldungskrise eingeläutet. Infolge der international gewandelten Rahmenbedingungen (starker Zinsanstieg, Rohstoffpreisverfall) und nur geringfügig gemeisterten internen Adaptierungen der Produktionsstrukturen musste 1982 ein Großteil der lateinamerikanischen Staaten die Zahlungsunfähigkeit gegenüber den internationalen Gläubigern erklären.[11]

Diese Verschuldungskrise zwang die Länder dazu, möglichst rasch Handelsüberschüsse zu erwirtschaften. Infolgedessen ergriffen die nationalen Ökonomien unilaterale Maßnahmen, die sowohl intraregionale als auch externe Importe beschnitten.[12] Durch die fortdauernde Missachtung der subregionalen Vereinbarungen wurden die lateinamerikanischen Integrationssysteme zu nutzlosen Kooperationsmechanismen degradiert.

Darüber hinaus sind weitere politische und wirtschaftliche Gründe in die Ursachenforschung für das Scheitern der 1. Integrationsphase einzubeziehen.

Viele lateinamerikanische Staaten standen in den 70-er Jahren unter der Herrschaft von Militärdiktaturen. Eine engere wirtschaftliche Verflechtung bzw. das Ziel eines gemeinsamen Marktes wurde von den Regimes aufgrund der Furcht vor politischem Machtund Kontrollverlust daher naturgemäß skeptisch betrachtet.[13] Aus diesem Grund waren diese auch nicht unbedingt davon angetan, eigene Einflussund Souveränitätsrechte an Integrationsorgane abzutreten.

Aufgrund der Aufrechterhaltung der hohen Zölle und nichttarifären Handelsbarrieren gegenüber Drittländern und der Abschottung von extraregionalen Märkten sowie der Beschränkung der wirtschaftlichen Integration auf den Produktionssektor blieben die Möglichkeiten der Integrationsschemen beschränkt.[14]

Hinzu kam, dass sich durch strenge nationale politische Verpflichtungen zum Schutz des Heimatmarktes sogar Verhandlungen zu assoziierten Staaten hinsichtlich einer Marktöffnung als äußerst mühsam erwiesen.[15]

Anzuführen sind als Gründe des Scheiterns weiters die gewachsenen Oligopolstrukturen und das lediglich mangelhafte Vorhandensein von technologischen Entwicklungsanreizen aufgrund unzureichender subregionaler Arbeitsteilung.[16]

Während also die subregionalen Integrationsprozesse im Lateinamerika der 80-er Jahre dahinsiechten, versuchten die einzelnen Länder mit einer vorübergehenden Abschottung ihrer nationalen Ökonomien und einer strengen Sparpolitik ihre Finanzen wieder in Ordnung zu bringen. Als Konsequenz aus der Verschuldungskrise und der aus den fehlgeschlagenen Integrationsprozessen gewonnen Erfahrungen änderte sich auch das wirtschaftspolitische Paradigma in der Region. An die Stelle der subregionalen Marktorientierung ohne Sicht auf die Potentiale des Weltmarktes trat eine auf Deregulierung, Liberalisierung und Weltmarktöffnung ausgerichtete neoliberale Wirtschaftsauffassung.

IV. Lateinamerikanische Integration ( 2 )

4.1. Das Konzept der „offenen Integration“

Nachdem Lateinamerika, enttäuscht vom weitgehenden Misserfolg des „alten Regionalismus“ und zurückgeworfen durch die „verlorene Dekade“ der 80-er Jahre, langsam wieder auf den demokratischen Weg zurückgefunden hatte, verstärkten sich die Rufe nach einer neuen Art der wirtschaftspolitischen Kooperation zwischen den Staaten.

Da die Abschottung vom Weltmarkt und die Beschränkung der Integrationsbestrebungen auf eine importsubstituierte Industrieproduktion letztlich nicht im erhofften Maße fruchteten, setzte man ab Beginn der 90-er Jahre auf einen auf Offenheit orientierten Ansatz.

Das Konzept des offenen Regionalismus sollte laut CEPAL[17] erreichen, dass intraregionale Kooperation und Integration maßgeblich zur Entwicklung der Region beiträgt und darüber hinaus den Wandel der Produktionsstrukturen vorantreibt. In diesem Kontext sollte die Integration an den spezifischen Zielen der Stärkung der Einbindung der Länder in die internationale Wirtschaft, der Förderung der Verbindung produktiver Strukturen und der Stimulierung der kreativen Interaktion zwischen öffentlichen und privaten Akteuren orientiert sein.

Zur gleichen Zeit sollte die neue Integrationslogik – außer sich in Übereinstimmung mit den Zielen der nationalen Wirtschaftspolitiken und Entwicklungsstrategien zu befinden – einerseits Netto-Gewinne für alle teilnehmenden Länder bringen, andererseits sowohl von nationalen politischen Projekten und als auch von den verschiedenen Bevölkerungsschichten getragen werden.[18]

Die neue Integrationslogik zielt nicht mehr darauf ab, den Weltmarkt durch einen abgeschotteten größeren Regionalmarkt zu ersetzen, sondern versucht durch den Abbau von Zöllen, nichttarifären Handelsbarrieren und der Öffnung der Märkte die Wettbewerbsfähigkeit der Ökonomien zu erhöhen und damit den Einfluss der Region im Weltmarkt bzw. in internationalen Foren (z.B. WTO) zu fördern. Anstelle des im alten Regionalismus praktizierten Aufbaus von künstlichen Schutzschranken für den nationalen bzw. regionalen Handel dienen kooperative Wirtschaftsabkommen vielmehr als Lernschritt im Hinblick auf eine gleichberechtigte Integration in den Weltmarkt.[19]

Konstatiert werden kann also, dass regionale, subregionale und bilaterale Freihandelsabkommen fortan nicht mehr als Hindernisse betrachtet wurden, sondern als Werkzeuge zum Aufbau einer möglichst offenen und gerechten internationalen Handelsordnung. Die Logik der Integration hatte sich von einem nach „innen“ gerichteten zu einem nach „außen“ orientierten Ansatz verschoben.

Nachdem der Paradigmenwandel nun theoretisch behandelt worden ist, stellt sich im Folgenden die Frage nach den Ursachen und Motiven für die Hinwendung Lateinamerikas zum neuen Integrationskonzept.

4.2. Motive für den Start der 2. Integrationsphase

Zu Beginn dieser Ursachenforschung ist grundsätzlich mal festzuhalten, dass die lateinamerikanischen Staaten die Öffnung der nationalen Ökonomien zu Drittländern sowie die Kreation bzw. Wiederbelebung von subregionalen Integrationsforen nach den Erfahrungen der Vergangenheit sowie der Verschuldungskrise zu Beginn relativ skeptisch beäugten.[20]

Daraus abzuleiten ist, dass der Abbau der staatlichen Wirtschaftstätigkeit zugunsten von Privatisierungen und verstärkter Exportorientierung und hin zu einem Freihandel mit übereinstimmender Wirtschaftspolitik eher im Kontext des Drucks zu sehen ist, den der IWF als maßgeblicher Kreditgeber ausüben konnte.[21]

Einen weiteren Aspekt, warum die lateinamerikanischen Länder nach Jahren der Unilateralität wieder vermehrt auf Kooperation setzten, stellte die globale Entwicklung dar. Das Voranschreiten der Globalisierung und die geplante Vertiefung von ökonomischen Zusammenschlüssen in anderen Weltregionen (z.B. Europäisches Binnenmarktprojekt, NAFTA, FTAA[22]) brachten die Region aufgrund der wachsenden Konkurrenzsituation zunehmend in Bedrängnis. Man befürchtete naturgemäß, als Einzelstaaten mit den neuen dominierenden Wirtschaftsblöcken nicht Schritt halten zu können, und dadurch weltwirtschaftlich marginalisiert zu werden.[23]

Bei der Neustrukturierung der lateinamerikanischen Integrationssysteme besteht eine nicht zu vernachlässigende Parallele zum Europäischen Einigungsgedanken dahingehend, dass die Schaffung einer Zone des Friedens und Wohlstandes als essentielles Ziel des Integrationsprozesses betrachtet wurde.[24]

[...]


[1] Wikipedia – Die freie Enzyklopädie, www.wikipedia.org/wiki/lateinamerika, 24.02. 06.

[2] Altvater, Elmar (1999): Grenzen der Globalisierung : Ökonomie, Ökologie und Politik in der Weltgesellschaft. Münster : Westfälisches Dampfboot, 600 S.

[3] Diaz Porta, Elena; Hebler, Martin; Kösters, Wim (2001): Mercosur: Probleme auf dem Weg zu einer Zollunion. Arbeitshefte des Lateinamerika-Zentrums, Nr. 69, S.3.

[4] Schuster, Sandra (2005): Stop and Go – Wirtschaftsverhandlungen zwischen der EU und dem MERCOSUR. In: Lateinamerika-Nachrichten, 07/2005, S.51.

[5] Anm.: Kuba ist der ALADI am 26.08.1999 beigetreten.

[6] Ferrero Costa, Eduardo (1995): Die Integration in Lateinamerika: Charakteristiken, Situation und Perspektiven. In: Mols, Manfred u.a.: Die internationale Situation Lateinamerikas in einer veränderten Welt. Frankfurt: Vervuert-Verlag, S. 158.

[7] Ebenda, S. 158.

[8] Anm.: Chile trat 1976 aus dem Andenpakt aus, da das Regime von Pinochet eine neoliberale und damit mit den Zielen des Paktes nicht konforme Wirtschaftspolitik vertrat.

[9] Diaz Porta, Elena; Hebler, Martin; Kösters, Wim (2001): Mercosur: Probleme auf dem Weg zu einer Zollunion. Arbeitshefte des Lateinamerika-Zentrums, Nr. 69, S.3.

[10] Institut für Iberoamerika-Kunde (1992): Lateinamerika-Jahrbuch. Frankfurt am Main : Vervuert, S.33.

[11] Boris, Dieter (2001): Zur politischen Ökonomie Lateinamerikas – Der Kontinent in der Weltwirtschaft des 20. Jahrhunderts. VSA-Verlag: Hamburg, S.13.

[12] Bulmer-Thomas (2001): Regional Integration in Latin America and the Carribean. In: Bulletin of Latin American Research, Vol. 20, No.3, S.360.

[13] Schuster, Sandra (2005): Die Mühlen der regionalen Integration – Soziale Aspekte unter den Rädern der Wirtschaftsliberalisierung. In: Lateinamerika-Nachrichten, 373/374, 07/2005, S. 35.

[14] Bulmer-Thomas (2001): Regional Integration in Latin America and the Carribean. In: Bulletin of Latin American Research, Vol. 20, No.3, S.360.

[15] Devlin, Robert; Ffrench-Davis, Ricardo (1999): Towards an Evaluation of Regional Integration in Latin America in the 1990-s. Blackwell Publishers Ltd., S.269.

[16] Schuster, Sandra (2005): Die Mühlen der regionalen Integration – Soziale Aspekte unter den Rädern der Wirtschaftsliberalisierung. In: Lateinamerika-Nachrichten, 373/374, 07/2005, S. 35.

[17] UN-Wirtschaftskommission für Lateinamerika und Karibik

[18] Vgl.: ECLAC (1990): Changing production patterns with social equity. The prime task of Latin American and Carribean Development in the 1990s, Santiago de Chile, S.158.

[19] Mols, Manfred u.a.: Die internationale Situation Lateinamerikas in einer veränderten Welt. Frankfurt: Vervuert- Verlag, 1995, S.58.

[20] Bulmer-Thomas (2001): Regional Integration in Latin America and the Carribean. In: Bulletin of Latin American Research, Vol. 20, No.3, S.361.

[21] Schuster, Sandra (2005): Die Mühlen der regionalen Integration – Soziale Aspekte unter den Rädern der Wirtschaftsliberalisierung. In: Lateinamerika-Nachrichten, 373/374, 07/2005, S. 37.

[22] Anm.: FTAA (engl.) ALCA (span.) = Área de Libre Comercio de las Américas (Gesamtamerikanische Freihandelszone)

[23] Schuster, Sandra (2005): Die Mühlen der regionalen Integration – Soziale Aspekte unter den Rädern der Wirtschaftsliberalisierung. In: Lateinamerika-Nachrichten, 373/374, 07/2005, S. 38.

[24] Devlin, Robert; Ffrench-Davis, Ricardo (1999): Towards an Evaluation of Regional Integration in Latin America in the 1990-s. Blackwell Publishers Ltd., S.274.

Ende der Leseprobe aus 43 Seiten

Details

Titel
Wirtschaftsintegration Lateinamerika: Von der Importsubstitutionspolitik zur offenen regionalen Integration
Untertitel
Herausforderungen und Chancen lateinamerikanischer Wirtschaftsbündnisse anhand der Beispiele MERCOSUR und Andengemeinschaft
Hochschule
Universität Salzburg  (Institut für Politikwissenschaften)
Veranstaltung
Internationale Organisationen und Regime
Note
1,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
43
Katalognummer
V114622
ISBN (eBook)
9783640162055
ISBN (Buch)
9783640163908
Dateigröße
627 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wirtschaftsintegration, Lateinamerika, Importsubstitutionspolitik, Integration, Internationale, Organisationen, Regime
Arbeit zitieren
Mag Stefan Fersterer (Autor), 2006, Wirtschaftsintegration Lateinamerika: Von der Importsubstitutionspolitik zur offenen regionalen Integration, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/114622

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Wirtschaftsintegration Lateinamerika: Von der Importsubstitutionspolitik zur offenen regionalen Integration



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden