"Die unendliche Geschichte" von Michael Ende. Ein Vergleich seines Romans und Wolfgang Petersons Verfilmung


Essay, 2015

8 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

2. Einleitung

„Ein Junge gerät beim Lesen einer Geschichte buchstäblich in diese Geschichte hinein und findet nur schwer wieder heraus.“1

Dieser Satz, von Michael Ende im Jahre 1990 in der Talkshow „Heut Abend“ mit Joachim Fuchsberger bezüglich der Entstehung seines Werkes Die unendliche Geschichte ausgesprochen, beschreibt den Grundstein und fasst in stark geraffter Weise den Kern der Handlung um das weltweit bekannte Abenteuer des jungen Bastian Balthasar Bux zusammen. Das in über 40 Sprachen übersetzte und inzwischen 10 Millionen Mal verkaufte Buch2, so Ende im Fernsehinterview, sei aus einer Aufforderung seines Verlegers heraus, endlich einmal wieder ein dickes Buch zu schreiben, entstanden. In den folgenden Jahrzehnten seit seiner Erscheinung im Jahre 1979 erfährt Endes Werk zahlreiche Adaptionen in den verschiedensten Medien, darunter auch Film. Die wohl erfolgreichste und mit 4,8 Millionen Kinobesuchern3 auch bekannteste Adaption ist Wolfgang Petersens Die unendliche Geschichte aus dem Jahre 1984.

Der folgende Essay soll sich mit der Gegenüberstellung des literarischen Originals und der filmischen Adaption beschäftigen und dabei auch Endes Stellung zu beiden Werken nicht außer Acht lassen. Als Grundlage hierfür dienen unter anderem die ungekürzte Hardcover-Fassung des Thienemann Verlags4, sowie die gleichnamige Verfilmung von Wolfgang Peterson.

3. Michael Endes „Unendliche Geschichte“

Gemäß den Prinzipien der klassischen Erzählforschung nach Vladimir Propps5 und Max Lüthis6 lässt sich die Handlung der Unendlichen Geschichte in verschiedene Erzählebenen, als auch verschiedene Handlungsebenen gliedern, was eine Untersuchung erschwert. Die Geschichte weist eine „Buch-im-Buch-Konstruktion“7 auf und ist von einer Verschmelzung der verschiedenen Handlungsebenen geprägt, aufgrund derer die Handlung nach Schnöbel in drei grundlegende Handlungsabschnitte eingeteilt werden kann:

Abschnitt 1: Handlung vor der Verschmelzung, S. 5-215.

Dieser Abschnitt charakterisiert sich vor allem durch eine strikte Trennung der Rahmen- und Binnenhandlung (vgl. die zwei unterschiedlichen Dimensionen). Auf der einen Seite steht unsere Lebenswirklichkeit - die Erde, im Buch als „Äußere Welt“ oder „Welt der Menschenkinder“ bezeichnet. Auf der anderen Seite befindet sich das märchenhafte Reich Phantásien. Der erste Handlungsstrang behandelt die Geschehnisse in Bastians Welt, der zweite die Ereignisse in Phantásien. Die beiden Handlungsstränge wurden optisch im Druck hervorgehoben, sodass Bastian und alle Ereignisse in unserer Welt in rot/orange festgehalten sind, alle Geschehnisse in Phantásien in blau.

Je weiter die Geschichte fortschreitet, desto stärker findet eine Annäherung zwischen beiden Strängen statt (ergo zwischen beiden „Welten“), die wiederum mit immer kürzeren gegenseitigen Brechungen einhergeht. Die letzten fünf Seiten vor Beginn der Verschmelzung weisen nicht weniger als zehn Brechungen zwischen der realen und der imaginären Welt auf (S. 207-214). Zu diesem Zeitpunkt findet man die höchste Dichte an wechselnder Erzähl- und Handlungsebene.

Abschnitt 2: Handlung während der Verschmelzung, S. 215-465.

Dieser Abschnitt ist ziemlich komplex und daher „nur nach einer zurückgreifenden Betrachtung des Prozesses möglich, der zu der Verschmelzung geführt hat.“8 Schnöbel kommt zu dem Schluss, dass die Verschmelzung einen Rollenwechsel Bastians zur Folge hat, die ihn vom Rezipienten (passive Rolle) zum Produzenten der Geschichte (aktive Rolle) werden lässt. Durch die Verschmelzung von Rahmen- und Binnenhandlung kann Die unendliche Geschichte nur noch durch ihn weitergeführt werden. Auch entsteht durch die Verschmelzung der bisherigen zwei Stränge ein neuer, dritter Strang, da nun Wirklichkeit und Phantasie eins geworden sind. Die Handlung des zweiten Abschnitts beginnt mit Bastians Austritt aus seiner realen Welt und endet mit der Wiederkehr in die selbige. Dementsprechend findet sich im zweiten Abschnitt ausnahmslos Blau als Farbe des Schriftbildes.

Abschnitt 3: Handlung nach der Verschmelzung, S. 465-Schluss.

Bei Bastians Rückkehr in seine richtige Welt wird der im zweiten Abschnitt gebildete dritte Strang wieder aufgelöst – das Schriftbild ist hier nun ausnahmslos rot/orange, was bedeutet, dass die phantasische Welt nun nicht mehr vorkommt. Der Protagonist kann einzig seine in Phantásien gemachten Erfahrungen mit in seine Welt nehmen, was durch das Ausmaß an Reife, die er zum Ende hin im Buch zeigt, verdeutlicht wird. Weder kommt es zu einer Fortsetzung des zweiten Strangs, noch zu einer Verschmelzung beider Stränge in der Realität. Dies ist einer der Hauptkritikpunkte Endes an der späteren Filmadaption – was später noch verdeutlicht werden soll.

4. Wolfgang Petersens „Die Unendliche Geschichte“

Anders als das Buch, das von einer Vielzahl von sagen-, märchen- und mythenhaften Gestalten bevölkert ist, die sich durch eine Vielzahl von Handlungssträngen im Land Phantasien, wo das Nichts und das Nirgendwo zu Hause sind, hangeln – eine Geschichte, die sich verzweigt und verästelt und mit der Phantasie der Leser rechnet –, ist der Film.9

Diese Kritik aus dem Jahre 1988 spiegelt größtenteils die Meinung Michael Endes über die Filmversion seines Meisterwerks und spricht der bis zu jenem Zeitpunkt wohl teuersten Nachkriegsproduktion den Kultstatus ab. Aufgrund von heftigen Meinungsverschiedenheiten zwischen Regisseur, Autor und Produzent Bernd Eichinger wird am Ende der Autor Michael Ende nicht mehr berücksichtigt und das Drehbuch wird vom Filmemacher fertig geschrieben. Das Ergebnis dieser Zerstrittenheit zieht beachtliche Konsequenzen bzw. Änderungen der Filmversion nach sich, was nicht zuletzt dem persönlichen Ziel des Produzenten Bernd Eichingers geschuldet ist, einen Film „für den amerikanischen Kinobesucher“10 zu machen, um die hohen Produktionskosten auszugleichen. Michael Ende zieht zum Schluss seinen Namen zurück und dass aus dem Glücksdrachen Fuchur in der Filmversion Falkor wird, sind nur eine der wenigen Änderungen gegenüber der Originalvorlage.

Handlung und Struktur der Filmversion

Der Film behandelt den weiter oben erwähnten ersten Abschnitt vor der Verschmelzung und endet mit dem Beginn des zweiten. Es fehlt demnach also der komplette dritte Handlungsstrang (der Strang nach der Verschmelzung der ersten beiden). Petersen lässt zudem die Handlung der Geschichte früher anfangen als im Buch, vermutlich um das im zweiten und dritten Abschnitt ausgelassene Verhältnis zwischen Vater und Sohn besser anzudeuten und zu kompensieren.

Wie in der textuellen Vorlage zeichnet sich auch der Film durch eine immer raschere Annäherung der beiden Dimensionen an. Der beispielsweise ohne Narration erfolgende Schrei des lesenden Bastian bei der Schildkröte Morla und der Blick Atréjus in den Spiegel der Wahrheit, in dem er den lesenden Bastian erblickt, machen die fortschreitende Verschmelzung beider Welten deutlich. Der Höhepunkt dieser Verschmelzungen bildet Bastians scheinbare Rückkehr in seine eigene Welt auf dem Rücken Falkors. Gerade diese Sequenz löste bei Michael Ende heftige Kritik aus und veranlasste ihn dazu, den Film als komplette Fehlinterpretation seiner Geschichte zu deklarieren.11 Der entscheidende Punkt ist, dass es in der literarischen Version bewusst zu keiner Verschmelzung in der Realität kommen kann, da dies die Geschichte in eine andere Richtung führen würde. Michael Ende bezeichnet dies im Interview bei Fuchsberger als um eines Filmeffekts willen zerstörte Logik der eigentlichen Geschichte.

[...]


1 Michael Ende 1990 bei Fuchsberger 2/5. (YouTube) (Abgerufen: 29.11.15)

2 Abbenhaus, T.: Michael Ende und seine Bücher – „Die unendliche Geschichte“ auf http://www.zauberspiegel-online.de/index.php/phantastisches/gedrucktes-mainmenu-147/4231-michael-ende-und-seine-bcher-die-unendliche-geschichte (abgerufen: 27.11.2015).

3 http://www.imdb.com/title/tt0088323/business (abgerufen: 27.11.15).

4 © 1979, 2004 by Thienemann Verlag GmbH, Stuttgart / Wien.

5 vgl. Schnöbel, Erzählung und Märchen, S. 21-28.

6 ebd., S. 29-38.

7 vgl. ebd., S. 12.

8 Schöbel, Erzählung und Märchen, S. 9.

9 Lukasz-Aden, G. & Strobel, C.: Der Kinderfilm von A bis Z. München: Wilhelm Heyne Verlag 1988. S. 98f.

10 Pfau, Phantásien in Halle 4/5, S. 47.

11 Michael Ende 1990 bei Fuchsberger 3/5. (YouTube) (Abgerufen: 29.11.15)

Ende der Leseprobe aus 8 Seiten

Details

Titel
"Die unendliche Geschichte" von Michael Ende. Ein Vergleich seines Romans und Wolfgang Petersons Verfilmung
Hochschule
Oregon State University  (German Department of Oregon State University)
Note
1,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
8
Katalognummer
V1146230
ISBN (eBook)
9783346527974
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Die unendliche Geschichte, unendliche, Geschichte, Michael, Ende, Michael Ende, Film, Buch, Film-Buch-Vergleich
Arbeit zitieren
Jannik Streeb (Autor:in), 2015, "Die unendliche Geschichte" von Michael Ende. Ein Vergleich seines Romans und Wolfgang Petersons Verfilmung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1146230

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