Um sich in seine Patientinnen und Patienten hineinversetzen zu können, stellt sich der Therapeut Dr. Mustermann die ihm geschilderten traumatischen Situationen bildlich vor. Nach einiger Zeit dieser Methodik wird er jedoch selbst zum Patienten: Die Traumata seiner Patienten werden zu seinen eigenen. Ohne die traumatischen Situationen selbst erlebt zu haben, belasten ihn die immer wiederkehrenden Bilder, die er selbst nur aufgrund von Beschreibungen seiner Patientinnen und Patienten in seinem Kopf erzeugt hat. Er zeigt Symptome einer Posttraumatischen Belastungsstörung. Bei diesem beschriebenen Phänomen handelt es sich um die in der Wissenschaft umstrittene Sekundäre Traumatisierung (ST).
Therapierende kümmern sich um traumatisierte Personen – doch wer kümmert sich um traumatisierte Therapierende? Es ist nicht nur relevant, dass traumatisierte Personen eine Therapie zur Linderung ihrer Symptomatik erhalten; gleichzeitig ist es wichtig, dass Therapierende sich schützen, um nicht selbst sekundär traumatisiert und womöglich berufsunfähig zu werden. Die Grundlage dafür ist, diese Art der Traumatisierung an sich und die Schutz- und Risikofaktoren ebenjener zu kennen.
Daher widmet sich die vorliegende wissenschaftliche Arbeit der Prävention der Sekundären Traumatisierung bei Therapierenden. Die untersuchte Fragestellung lautet konkret:
„Wie können sich Therapierende vor einer Sekundären Traumatisierung schützen, die durch Schilderungen traumatischer Ereignisse durch traumatisierte Personen entstehen kann?“
Zur Beantwortung werden in Kapitel 2 zunächst die Grundlagen der Sekundären Traumatisierung erläutert. Dabei wird die ST definiert und von anderen Begriffen abgegrenzt. Zusätzlich wird diese Art der Traumatisierung innerhalb der PTBS eingeordnet und gleichzeitig unter einem anderen Blickwinkel von dieser differenziert. Das Kapitel 3 thematisiert die vorhandenen bzw. nicht vorhandenen empirischen Belege der ST und stellt dabei ältere sowie aktuelle Meta-Analysen und deren Ergebnisse vor. Darauffolgend werden erste Erkenntnisse der Schutz- und Risikofaktoren zusammengetragen. Die wissenschaftliche Arbeit endet mit einer Diskussion der Inhalte und Studien, in der die anfangs eingeführte Fragestellung final beantwortet wird – ergänzt um einen Ausblick.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Sekundäre Traumatisierung
2.1 Definition und Begrifflichkeiten
2.2 Prävalenz
2.3 Symptome und Diagnostik
2.3.1 PTBS: Vergleich ICD-11 und DSM-5
2.3.2 Vergleich PTBS und Sekundäre PTBS
2.3.3 Unterschiede Patient*in und Therapeut*in
2.3.4 Fragebogen
3 Meta-Analysen
4 Risikofaktoren
5 Schutzfaktoren
6 Diskussion
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit widmet sich der Prävention von Sekundärer Traumatisierung bei Therapierenden, die durch die Auseinandersetzung mit traumatischen Inhalten ihrer Patientinnen und Patienten gefährdet sind. Das Ziel ist es, die Schutz- und Risikofaktoren dieses Phänomens zu identifizieren und Möglichkeiten zur beruflichen Selbstfürsorge sowie zur Prävention einer psychischen Belastung aufzuzeigen.
- Phänomenologie und wissenschaftliche Abgrenzung der Sekundären Traumatisierung.
- Diagnostische Einordnung im Kontext von DSM-5 und ICD-11.
- Analyse empirischer Belege durch Meta-Analysen zur Trauma-Exposition.
- Identifikation relevanter Risiko- und Schutzfaktoren für Therapierende.
- Strategien zur präventiven Arbeitsorganisation und Selbstfürsorge.
Auszug aus dem Buch
2.3.3 Unterschiede Patient*in und Therapeut*in
Es ist verwunderlich, dass Therapierende ohne direkte Exposition sensorischer Reize der berichteten traumatisierenden Ereignisse dennoch unter Symptomen des Clusters „Wiedererleben“ leiden (Daniels, 2008, S. 100). Erhebliche Unterschiede zwischen Patient*in und Therapeut*in ergeben sich nach Daniels (2008, S. 100) in den drei Dimensionen „Vorhersehbarkeit“, „Kontrolle“ und „Wissen“. Sonach können Therapierende die therapeutische Sitzung und damit die Konfrontation mit den berichteten traumatischen Ereignissen vorhersehen; wenn nicht sogar auf den Tag genau planen. Für Traumatisierte tritt die traumatische Situation jedoch plötzlich ein – das Ereignis konnte nicht vorhergesehen werden. Ferner können Traumatisierte den Verlauf der traumatischen Situation wenig beeinflussen (Daniels, 2008, S. 100), sie fühlen sich oftmals hilflos oder sind entsetzt. Dieses Gefühl der Hilflosigkeit in der peritraumatischen Situation war noch im DSM-IV ein A2-Kriterium zur Diagnose einer PTBS (Frommenberger et al., 2013, S. 125). Nicht zuletzt besteht ein großer Wissensunterschied zwischen Patientinnen und Patienten und Therapierenden. Letztere können PTBS-Symptome als solche identifizieren und entsprechend reagieren (Daniels, 2008, S. 100).
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung führt in das Phänomen der Sekundären Traumatisierung bei Therapierenden ein und leitet die Forschungsfrage bezüglich präventiver Schutzmaßnahmen her.
2 Sekundäre Traumatisierung: Dieses Kapitel definiert den Begriff, beleuchtet die Prävalenz und vergleicht das Symptombild sowie die diagnostische Erfassung zwischen verschiedenen Klassifikationssystemen.
3 Meta-Analysen: Hier werden wissenschaftliche Studien untersucht, um die empirische Evidenz für Sekundäre Traumatisierung bei der therapeutischen Arbeit zu prüfen.
4 Risikofaktoren: Es werden zentrale Faktoren identifiziert, die die Wahrscheinlichkeit für die Entwicklung einer Sekundären Traumatisierung erhöhen, wie etwa Kontakthäufigkeit oder persönliche Vorbelastungen.
5 Schutzfaktoren: Das Kapitel erläutert präventive Ansätze, darunter Arbeitsorganisation, Supervision und Copingstrategien, die dem Entstehen traumatischer Symptome entgegenwirken können.
6 Diskussion: Die Arbeit schließt mit einer kritischen Reflexion der Studienlage, bewertet die wissenschaftliche Kontroverse um das Phänomen und gibt einen Ausblick auf künftige Forschungsbedarfe.
Schlüsselwörter
Sekundäre Traumatisierung, PTBS, Therapierende, Psychotherapie, Trauma-Exposition, Prävention, Risikofaktoren, Schutzfaktoren, Selbstfürsorge, DSM-5, ICD-11, Psychische Belastung, Supervision, Coping, Berufsunfähigkeit
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Phänomen der Sekundären Traumatisierung bei psychotherapeutisch tätigen Personen, die im Rahmen ihrer Berufsausübung indirekt mit den Traumata ihrer Patienten konfrontiert werden.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen umfassen die Definition und Symptomatik der Sekundären Traumatisierung, die diagnostische Abgrenzung zur primären PTBS sowie die Analyse von Risiko- und Schutzfaktoren im beruflichen Kontext.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, die Forschungsfrage zu beantworten, wie sich Therapierende durch spezifische Maßnahmen und Einstellungen vor einer durch die therapeutische Arbeit verursachten Sekundären Traumatisierung schützen können.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer Literaturanalyse, wobei insbesondere Ergebnisse aus Meta-Analysen und empirischen Studien (wie etwa von Daniels, Hensel et al. und Püttker et al.) ausgewertet und gegenübergestellt werden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Fundierung, die Auseinandersetzung mit vorhandenen Meta-Analysen sowie die detaillierte Darstellung von Risikofaktoren (z.B. Empathie) und Schutzfaktoren (z.B. Supervision und Arbeitsorganisation).
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Sekundäre Traumatisierung, Prävention, psychotherapeutische Arbeit, Trauma-Exposition und Selbstfürsorge charakterisiert.
Warum ist die Unterscheidung zwischen Patient und Therapeut in der Arbeit wichtig?
Die Arbeit arbeitet heraus, dass Therapeuten durch ihr fachliches Wissen und die Vorhersehbarkeit der Sitzungen über andere Ressourcen verfügen als die Patienten, was einen wesentlichen Faktor bei der Betrachtung der psychischen Belastung darstellt.
Welche Rolle spielt der im Anhang erwähnte Fragebogen?
Der Fragebogen (FST) dient als Instrument zum Screening für Therapierende, um die Inzidenz und Belastungsdauer der Sekundären Traumatisierung innerhalb der beruflichen Praxis systematisch zu erfassen.
- Citation du texte
- Jenny Smolka (Auteur), 2021, Prävention sekundärer Traumatisierung im therapeutischen Setting, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1146241