Die Goldene Regel und das Ius Talionis


Studienarbeit, 2008

16 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0 Einleitung

1 Die Goldene Regel
1.1 Goldene Regel im Neuen Testament
1.1.1 Die matthäische Fassung
1.1.2 Die lukanische Feldrede
1.2 Homonymie und Synonymie

2 Das Ius Talionis
2.1 Die Frage nach dem eschatologischem Ius Talionis

3 Der Unterschied zwischen Goldener Regel und Ius Talionis

4 Literaturverzeichnis

0 Einleitung

„Alles, was ihr also von anderen erwartet, das tut auch ihnen! Darin besteht das Gesetz und die Propheten.[1] Dieses ziemlich prosaisch wirkende Zitat aus dem MtEv beinhaltet die wesentlichste Aussage menschlichen moralischen Handelns. Unter der Überschrift „Goldene Regel“ (im Folgenden abgekürzt mit „GR“) ist es in der Bibel zu finden. Gold – ein sehr wertvolles Metall – steht immer für das Besondere und Wichtige. Im Nachfolgenden Teil möchte ich herausarbeiten, welche Stellung die „GR“ für die menschliche Moral besitzt. Der zweite Abschnitt dieser Arbeit ist dem sog. „Ius Talionis“ (im Folgenden abgekürzt mit „IT“) gewidmet. Übersetzen könnte man diesen Begriff mit „Recht und Vergeltung“, dessen Ursprünge auch in der Heiligen Schrift zu finden sind. So können wir im ersten Buch des AT, der Genesis lesen: „Ja, einen Mann erschlage ich für eine Wunde und einen Knaben für eine Strieme. Wird Kain siebenfach gerächt, dann Lamech siebenundsiebzigfach.[2] Doch wird hier sofort deutlich, dass ein sehr strenger Unterschied zwischen „GR“ und „IT“ vorherrscht. Diese Differenz möchte ich im dritten Abschnitt meiner Arbeit behandeln.

1 Die Goldene Regel

Unter dem Begriff „GR“ versteht man im Allgemeinen einen für eine gesellschaftliche Gruppe wichtigen Merkspruch oder ein sehr markantes Motto. Zusammenfassen könnte man sie in dem bekannten Sprichwort: „Was du nicht willst, das man dir tu´, das füg´ auch keinem andren zu.[3] Ausdrücken möchte es eine moralische Regel, die vielen Religionen zu eigen ist. Jedoch muss sie vom Kant’schen Imperativ unterschieden werden, da sie sich auf den Einzelnen und sein direktes Gegenüber bezieht und nicht auf ein allgemeines Sittengesetz.[4] Für andere Philosophen ist die „GR“ der Kern der Moral, da sie an die menschliche Vorstellungskraft, Einfühlung, Gegenseitigkeit und Folgenbewusst-sein appelliert. Man kann die „GR“ egoistisch gesehen als eine Art Klugheitsregel verstehen und anders betrachtet könnte gesagt werden, dass sie die „einseitige Feindesliebe nicht[5] fordert. Verdeutlicht werden soll dies an einem Beispiel aus der Antike. Isokrates ruft den Tyrannen Nikokles von Zypern zur Mahnung auf, „er solle sich gegenüber den schwächeren Städten so verhalten wie die stärkeren sich ihm gegenüber verhalten sollten.[6] Und an seine Untergebenen richtet er die Worte: „Verhaltet euch gegenüber den anderen so, wie ich mich euch gegenüber verhalten soll.[7] Man sieht, dass es in diesen beiden Zitaten um das Gesetz der Unparteilichkeit geht und sich nicht von einer Über- oder Unterlegenheit leiten lässt. So lässt sich sagen, dass verschiedene Formulierungen der „GR“ Verwendung finden. Um diese korrekt zu erfassen ist ein Vergleich nur schwer zu umgehen. Wie wir unter Punkt 1.2 sehen werden, handelt es sich bei den Abfassungen der „GR“ um synonyme Sätze, die nicht leicht erkennbar sind, da das hier Gemeinte unzweideutig zur Sprache gebracht wird.[8] Unter Theologen wird die Meinung vertreten, dass es einen sachlichen Unterschied in der Verwendung der positiven Regel der Evangelien und der populären negativen Form: „Was du nicht willst, dass man dir tu´, das füg´ auch keinem andren zu.[9] gibt. Lässt sich hier tatsächlich ein wesentlicher Unterschied feststellen? Eine Antwort wird darauf nur schwerlich zu finden sein, da es um Unterlassung von Übeln und um das Tun von Gutem geht; Letzteres findet sich jedoch auch in der negativen Fassung.[10] Zwei Aussagen sollen den Gebrauch der negativen Formel unterstützen. B. Shaw gab auf die allgemeine Auffassung, dass sich die Menschen dahingehend einig sind, dass sie „verabscheuen, was sie sich nicht angetan wissen wollen [und über ihre Uneinigkeit darin], sobald die elementaren Bedürfnisse des Menschen gestillt sind[11], in seiner boshaften Antithese zur positiven Fassung der „GR“ folgende Antwort: „Behandle andre nicht so, wie du von anderen behandelt werden möchtest; denn ihre Ideale, Interessen und Vorlieben könnten andere sein.[12] Eine weitere Aussage bringt hingegen den Aspekt der Feindesliebe noch besser hervor. Es hat den Anschein, dass in der negativen Form unserer Regel deutlicher die Feindesliebe hervortritt, wenn man dem Feind kein Übel zufügen möchte. „Was man selbst nicht erleiden will, das fügt man ja vor allem dem Feind, nicht dem Freunde zu.[13] Nimmt man nun die positive Fassung als Pendant, könnte eine Falschinterpretation in dem Sinne hervortreten, dass „sie sich nur auf das Verhalten zu Freunden[14] beziehe. Im direkten Vergleich werden wir diesen Unterschied im Zusammenhang von Homonymie und Synonymie noch genauer betrachten.

„Werdet meine Nachahmer, wie auch ich Christus nachahme!“[15] Paulus macht uns Mut, er fordert eindringlich dazu auf, dass wir uns dem Maßstab – und dieser ist kein anderer als Christus Jesus selbst – unterwerfen, egal was kommen mag. „Die Forderung, mit gleichem Maß zu messen, schließt nicht nur Egoismus in diesem Sinne aus. Sie beinhaltet auch, die Mitmenschen, die anderen, mit gleichem Maß messen.[16] So kann man den Sinn der „GR“ am besten in der biblischen Mahnung zusammenfassen, „kein Ansehen der Person zu kennen.[17] Daraus ergibt sich auch die Mahnung des Jakobusses, dass die Reichen nicht vor den Armen bevorzugt werden sollen.[18]

1.1 Goldene Regel im Neuen Testament

Nachdem oben ein allgemeiner Überblick über die „GR“ gegeben wurde soll nun dargestellt werden, welchen Standpunkt sie im NT, besonders im Mt- und LkEv, hat. Sucht man in den Evangelien nach der Aussage dieser Regel kann sie leicht überlesen werden. In den beiden genannten Evangelien steht sie im Zusammenhang der Bergpredigt bzw. der lukanischen Feldrede.

1.1.1 Die matthäische Fassung

Eine besondere Position und somit resümierende Funktion besitzt unsere Regel im MtEv, da sie mit dem Wort `ουν´ eingeleitet wird.[19] So wird deutlich, dass sie innerhalb der Bergpredigt zur „Kurzformel matthäischer Ethik[20] wird. Jesus wird uns durch den Evangelisten als der neue Mose vorgestellt, der auf der `Kathedra´ des Berges, sozusagen auf dem `Lehrstuhl´ Platz nimmt.[21] In diesem Zusammenhang können wir auch die „GR“ als Unterschrift für die Jüngerschaft verstehen, da Nachfolge und Berufung für alle möglich ist: „So bildet sich vom Hören her ein umfassenderes Israel – ein erneuertes Israel, das das alte nicht ausschließt oder aufhebt, aber überschreitet ins Universale hinein.[22] Vermutlich lag dem Evangelisten eine Fassung vor, die sich in der Quellensammlung „Q“ befunden hat und dort im Zusammenhang mit dem Gebot der Liebe zum Feind zu finden war, wie es etwa in Lk 6,27 ff der Fall ist. Jedoch reicht die Tradition der „GR“ weiter in die Vergangenheit zurück als es die Spruchquelle „Q“ tut. Wichtig dabei erscheint mir, dass sie auch im zeitgenössischen Judentum anzutreffen ist, wie es Gnilka an einem Beispiel von Rabbi Hillel bezeugt. Von diesem Rabbi wird erzählt, dass er von einem Proselyten um eine möglichst kurze Zusammenfassung der Gesetze JHWH gebeten wurde und zwar in dem Zeitraum in dem ich „auf einem Bein stehe“.[23] Der Rabbi gab ihm darauf folgende Antwort: „Was für dich verhasst ist, tue deinem Nächsten nicht. Das ist die gesamte Thora.[24] Aus dem Griechischen hat das Judentum diese Formulierung übernommen. Zu finden war sie dort häufig in der Sophistik, die für ihre „moralisch-anthropologischen Sentenzen[25] bekannt war. Übereinstimmung kann darin gefunden werden, dass Herodot als ältester Zeuge in der griechischen Literatur genannt werden kann: „Ich will nicht tun, was ich am Nachbarn tadle.[26] Belege, die ähnliche Formulierungen wie o. g. besitzen, lassen sich auch bei Konfuzius finden. Dort wird deutlich der Bezug zur Nächstenliebe herausgestellt, wie es auch Lukas versucht.[27] Matthäus ist bestrebt seinen Lesern eine Bestimmung an die Hand zu geben, die „durch alle Zeiten und für alle Völker[28] gültig ist. Das Verlangen nach einer Bestimmung sittlichen Handelns ist jedoch schon älter als das MtEv und wird in den neutestamentlichen Schriften schon in Mk 12,28 gefordert. Die „GR“ kann somit als der Kern „der durch Jesus interpretierten Schrift[29] bezeichnet werden und in diesem Sinne nur in ihrer positiven Anwendung zur Geltung kommen, wenn man für sich selbst nur das Gute will. Wir sehen somit, dass ein deutlicher radikaler Charakter zu vernehmen ist, der Privilegien nicht zulässt und den Mitmenschen als Bruder und Nächsten annehmen lässt.[30]

[...]


[1] Mt 7,12.

[2] Gen 4,23 f.

[3] vgl. Tob 4,15.

[4] vgl. Wolbert, S. 62.

[5] ebd. S. 67.

[6] ebd.

[7] ebd.

[8] vgl. ebd.

[9] ebd.

[10] ebd. S. 68.

[11] ebd.

[12] ebd.

[13] ebd.

[14] ebd.

[15] 1 Kor 11,1.

[16] Wolbert, S. 70.

[17] ebd.

[18] Jak 2,1-7: „Meine Brüder, haltet den Glauben an unseren Herrn Jesus Christus, den Herrn der Herrlichkeit, frei von jedem Ansehen der Person. Wenn in eure Versammlung ein Mann mit goldenen Ringen und prächtiger Kleidung kommt, und zugleich kommt ein Armer in schmutziger Kleidung, und ihr blickt auf den Mann in der prächtigen Kleidung und sagt: Setz dich hier auf den guten Platz!, und zu dem Armen sagt ihr: Du kannst dort stehen!, oder: Setz dich zu meinen Füßen! – macht ihr dann nicht untereinander Unterschiede und fällt Urteile aufgrund verwerflicher Überlegungen? Hört, meine geliebten Brüder: Hat Gott nicht die Armen in der Welt auserwählt, um sie durch den Glauben reich und zu Erben des Königreichs zu machen, das er denen verheißen hat, die ihn lieben? Ihr aber verachtet den Armen. Sind es nicht die Reichen, die euch unterdrücken und euch vor die Gerichte schleppen? Sind nicht sie es, die den hohen Namen lästern, der über euch ausgerufen worden ist?“

[19] vgl. Gnilka, S. 264.

[20] ebd.

[21] vgl. Ratzinger – Benedikt XVI., S. 95.

[22] ebd.

[23] zitiert bei Gnilka, S. 265: Fiebig, Bergpredigt 143.

[24] ebd.

[25] vgl. Gnilka, S. 265.

[26] ebd.

[27] ebd.

[28] ebd.

[29] ebd. S. 266.

[30] vgl. ebd.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Die Goldene Regel und das Ius Talionis
Veranstaltung
Ausgewählte Fragen zur Fundamentalmoral und zur Moral der Person
Note
1
Autor
Jahr
2008
Seiten
16
Katalognummer
V114651
ISBN (eBook)
9783640165704
ISBN (Buch)
9783640166091
Dateigröße
446 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Goldene, Regel, Talionis, Ausgewählte, Fragen, Fundamentalmoral, Moral, Person
Arbeit zitieren
Martin Baier (Autor), 2008, Die Goldene Regel und das Ius Talionis, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/114651

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