Gottfried Kellers „Sieben Legenden“ und die Vorlage Ludwig Theobul Kosegartens

Ein Vergleich


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005

28 Seiten, Note: sehr gut (5,5)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Ludwig Theobul Kosegarten

3. Die Werke: Entstehung und Entwicklung

4. Der Vergleich
4.1. Räumlichkeiten und Naturräume
4.2. Entwicklung unnatürlicher zu natürlichen Figuren
4.3. Weltlichkeit vs. Geistlichkeit
4.4. Die Jungfrau Maria und der Teufel
4.5. Farbsymbolik

5. Ironie und Humor bei Keller

6. Zusammenfassung

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Beim Lesen einer Anzahl Legenden wollte es dem Urheber vorliegenden Büchleins scheinen, als ob in der überlieferten Masse dieser Sagen nicht nur die kirchliche Fabulierungskunst sich geltend mache, sondern wohl auch die Spuren einer ehemaligen mehr profanen Erzählungslust oder Novellistik zu bemerken seien, wenn man aufmerksam hinblicke.“[1]

Mit dieser Anzahl Legenden, die Gottfried Keller im Vorwort zu seinen „Sieben Legenden“ erwähnt, soll sich die vorliegende Arbeit beschäftigen. Es handelt sich dabei um die Legenden des protestantischen Pastors und Dichters Ludwig Theobul Kosegarten, die Keller als Vorlage für seine, im Jahre 1872 erschienenen, „Sieben Legenden“ dienten.

In dieser Arbeit sollen Kellers „Sieben Legenden“ mit der Vorlage Kosegartens verglichen werden. Dabei soll auf Unterschiede in Struktur, Inhalt, Sprache, Motivation, Intention und Aussage der beiden Versionen der jeweiligen Legende eingegangen werden. Des Weiteren soll nach Gründen für diese Unterschiede gesucht werden.

Im ersten Teil dieser Arbeit werde ich mich mit den beiden zu vergleichenden Werken und deren Entstehung und Entwicklung befassen und ausserdem kurz den relativ unbekannten Autor Ludwig Theobul Kosegarten vorstellen.

In einem zweiten Teil sollen die beiden Werke dann unter verschiedenen Gesichtspunkten verglichen werden, wobei auf Räumlichkeiten und Naturräume, die Entwicklung unnatürlicher zu natürlichen Figuren, den Unterschied zwischen Weltlichkeit und Geistlichkeit, die Jungfrau Maria, den Teufel und auf die Farbsymbolik eingegangen wird.

2. Ludwig Theobul Kosegarten

(Gotthard) Ludwig Theobul[2] Kosegarten wurde am 1. Februar 1758 in Grevesmühlen als Sohn des Pastors Bernhard Christian Kosegarten geboren. Während seines Studiums der Theologie arbeitete er als Hauslehrer auf Rügen und in Mecklenburg und nach Beendigung des Studiums als Pastor in Altenkirchen. Ab 1808 war er Professor für Geschichte und ab 1816 Professor für Theologie in Greifswald, wo er am 26. Oktober 1818 starb.[3]

Sein Werk umfasst Gedichte, Reiseberichte, Romane und eine Autobiographie. Seine Gedichte über die Schönheit der Landschaft Rügens wurden von diversen Komponisten – darunter auch Franz Schubert – vertont. Als Dichter pflegte er vor allem die Lyrik und die idyllische Epik.

Bei Goethe und Schiller stand Kosegarten in eher geringem Ansehen. Seine Werke wurden von ihnen als geschmacklos und fratzenhaft bezeichnet. Auch Keller spricht vom „läppisch frömmelnden und einfältiglichen Stil“ Kosegartens.[4]

3. Die Werke: Entstehung und Entwicklung

Kosegartens Legendensammlung

Die Legenden Kosegartens sind im Jahre 1804 in zwei Bänden erschienen. Die aus-schliessliche Quelle für Kosegartens Legenden ist die aus dem 13. Jahrhundert stammende „Lombardica historia“, auch bekannt unter dem Namen „Legenda Aurea.“ Die Eugenia-Legende ist dort unter dem Titel „De sanctis Protho et Jacinto“ zu finden, „Die Jungfrau und der Böse“ ist bei „De assumtione sanctae Mariae virginis“ enthalten, die Vitalis-Anekdote tritt als Bestandteil der Vita des heiligen Johannes Eleemosinarius auf und die Legende der Dorothea ist in „Quaedam Legendae a quibusdam aliis superadditae“ enthalten. Die Legende des Ritters Walter von Birberg sowie die Legende der Musa sind den mittelalterlichen deutschen Passionalen nacherzählt und die Quelle der Legende der Nonne Beatrix lässt sich nicht mit Bestimmtheit nachweisen.[5]

Kellers „Sieben Legenden“

Gottfried Kellers „Sieben Legenden“ sind im Jahre 1872 erschienen. Ursprünglich waren die Legenden als Teil des Galatea-Zyklus gedacht, den Keller seit 1851 plante. Daraus entstand dann später das Sinngedicht. Im ursprünglichen Galatea-Zusammenhang sollten die Legenden in den Erzählerwettstreit von Lucie und Reinhart eingebaut werden.

Als klar wurde, dass die Legenden als selbständiges Werk erscheinen würden, sollte das Legendenbüchlein eigentlich, als Anspielung auf alte Heiligenbilder, „Auf Goldgrund“ genannt werden. Selbmann ist ausserdem der Meinung, dass der Titel „Auf Goldgrund“ auch auf ein Gedicht von Kellers Konkurrenten C.F. Meyer anspiele. Keller habe diesen Titel wählen wollen, um zu zeigen, dass auch er für einmal historische Stoffe behandle, wie Meyer es in der Regel tue[6].

Keller war der Meinung, dass die im Jahre 1804 erschienenen Legenden Kosegartens in einem läppisch frömmelnden, einfältigen Stile verfasst seien. Keller wollte sie deshalb umerzählen, den Fragment-Charakter eliminieren und die „süsslich-heiligen Worte“ entfernen.[7]

Keller überarbeitete seine „Sieben Legenden“ mehrfach. Beim Vergleich der Galatea-Fassung[8] mit der Endfassung[9] fällt auf, dass viele erotische Anspielungen und Hiebe gegen Religion und Kirche entfernt worden sind.

Dennoch reagierten die ersten Leser und Kritiker zum Teil mit Unverständnis auf die „Sieben Legenden“. Der spöttisch-humoristische Ton Kellers sei herauszuhören und er mache aus dem Stoff etwas Perverses.[10]

4. Der Vergleich

4.1. Räumlichkeiten und Naturräume

Kellers Figuren agieren in Räumen und an Orten, die von Keller im Allgemeinen sehr detailliert beschrieben werden. Auch die „Sieben Legenden“ weisen eine Vielzahl von Naturräumen und Naturbeschreibungen auf. Zum Teil werden Naturbeschreibungen und Begriffe aus der Natur eingesetzt, um dem Leser den seelischen Zustand oder bestimmte Charaktereigenschaften der Figuren zu vermitteln. Dies soll im Folgenden an Kellers Legenden aufgezeigt werden. Ausserdem werde ich untersuchen, ob bei Kosegarten ähnliche Naturbeschreibungen zu finden sind.

Jahreszeiten

Allgemein lässt sich sagen, dass bei Keller Veränderungen meist im Frühling und im Herbst stattfinden. So entdeckt Eugenia das Kloster an einem „klaren Frühlingstag“, die Luft mit „Balsamdüften“ erfüllt.[11] Gebizo schliesst seinen Handel mit dem Teufel an einem „herrlichen Ostermorgen“[12] ab. Auch als er seine Frau dem Teufel überbringt, blühen in der dunklen Wildnis am See, die Tannen „ mit Purpurknospen, wie es nur in den üppigsten Frühlingen geschieht.“[13] Zendelwalds Ritt zum Turnier führt durch „das sommergrüne Land“[14] und Beatrix verlässt ihr Kloster in einer „mondhellen Juninacht“,[15] um ihre Sehnsucht nach der Welt zu stillen. Sie kehrt „in einer Herbstnacht“[16] ins Kloster zurück und wandert „durch die brausenden Winde (...) und das fallende Laub.“[17] Dorothea zeigt Theophilus ihre Schale an einem „hellsten Frühlingsmorgen.“[18] Musa stirbt „an einem rauhen Herbsttage“[19], der sich, kurz bevor sie stirbt, plötzlich in einen Frühlingstag wandelt, an dem „alle Zweige mit jungem Grün bekleidet“[20] sind und der Boden mit Blumen bedeckt ist.

Das sinnliche Empfinden der Figuren scheint bei Keller also meist im Frühling geweckt zu werden, während der Herbst die Aufhebung oder den Tod des sinnlichen Empfindens oder auch das Alter oder das Ende des Lebens symbolisiert.

Aussenräume, Nacht und Mondschein

Interessant ist, dass in Kellers „Sieben Legenden“ Kontakte bzw. trauliche Gespräche zwischen Mann und Frau meist an Orten stattfinden, die ausserhalb gesellschaftlicher Kontrolle und moralischer Wertung liegen. Oft sind diese Orte einem Garten ähnlich – sind also reine Naturräume – und die jeweiligen Kontakte finden nachts – meist bei Mondschein – statt.

So sucht Eugenia ihre Statue nachts auf, als der Mond gerade „ sein taghelles Licht zwischen die Säulen der Vorhalle“[21] hineinwirft. Im Mondglanz sieht sie Aquilinius ihre Statue küssen. In der Legende „Die Jungfrau und der Teufel“ erprobt der Teufel seine Verführungskünste nachts in einem herrlichen Garten, über dem ein „Sternenhimmel funkelte, so hell, dass man bei seinem Lichte hätte lesen können.“[22] Bertrade führt Zendelwald nach seinem (bzw. Marias) Sieg in „ein stilles Erkergemach, das vom Mondschein erfüllt“[23] ist, um ihm dort für sein Kommen und seine Neigung zu danken. Der fremde Baron versucht, Beatrix in einem anmutigen gartenähnlichen Gehölz zu verführen. Vitalis und Jole treffen sich in einem leer stehenden Haus, ausserhalb von Joles Elternhaus und vom Kloster des Vitalis. Dorothea lockt Theophilus in eine Laube, ausserhalb ihres Elternhauses, um ihm ihre Schale zu zeigen.

Das Verlassen der gesellschaftlich kontrollierten Räume, die Flucht vor moralischer Wertung, das Aufsuchen von Aussenräumen – v.a. Naturräumen, die eben von der gesellschaftlichen Kontrolle entbunden sind, ist typisch für den Realismus. In Naturräumen sind die gesell-schaftlichen Normen aufgehoben und Verführung und Traulichkeit sind erlaubt. Es wäre undenkbar, dass die Gespräche zwischen Jole und Vitalis, beispielsweise in ihrem Elternhaus stattfinden würden. Die Nacht bzw. der Mondschein lässt ein Gefühl der Heimlichkeit auf-kommen, woraus ein noch grösserer Abstand von der gesellschaftlichen Kontrolle entsteht.

Da Natur- und Aussenräume als gesellschaftlich nicht kontrollierte Räume vor allem im Realismus eine Rolle spielen, ist es nicht verwunderlich, dass sie bei Kosegarten fast gänzlich fehlen. Auch kommen bei Kosegarten keine Liebesgeschichten und somit auch keine traulichen Gespräche vor, da diese für das Ziel, das mit seinen Legenden angestrebt wird, nicht wichtig sind. So ist der Statuen-Besuch der Eugenia bei Kosegarten nicht vorhanden. Zu einer Verführung der vermeintlichen Frau des namenlosen Ritters durch den Teufel kann es gar nicht kommen, da allein der Anblick der Jungfrau Maria den Teufel niederschmettert und wehrlos macht. Walter von Birberg gewinnt bei Kosegarten ein Turnier, jedoch führt dies nicht zu einer Hochzeit und somit zu keinem Kontakt zwischen Mann und Frau. Der Baron, der Beatrix beim Spiel „gewinnt“ und sie dann zu verführen versucht, tritt bei Kosegarten auch nicht auf und auch die Figur der Jole ist bei ihm nicht vorhanden. Ebenso verhält es sich mit Theophilus, der bei Kosegarten nicht als Liebender, sondern lediglich als Schreiber des Landvogts auftritt. So ist auch diese Lauben-Szene bei Kosegarten nicht zu finden.

Überhaupt sind Naturbeschreibungen bei Kosegarten nur sehr spärlich vorhanden, während die „Sieben Legenden“ Kellers über eine reichhaltige Naturszenerie verfügen. Wie gesagt, verwendet Keller seine Naturbeschreibungen unter anderem, um dem Leser den seelischen Zustand seiner Figuren zu vermitteln. Auch Charaktereigenschaften oder bestimmte Handlungen der Figuren werden durch die Naturszenerie unterstützt. In Kosegartens Legenden jedoch, stehen nicht die Figuren und deren seelischer Zustand im Mittelpunkt, sondern ihre Heiligkeit, ihr Martyrium, ihre Hinwendung zum Christentum etc. Naturszenen treten bei Kosegarten nur auf, wenn die Macht und Stärke Gottes demonstriert werden soll. Dabei wird Gott auch deutlich als Urheber des jeweiligen Naturschauspiels dargestellt. So trifft in Kosegartens „Legende der heiligen Dorothea“ plötzlich „ein Donnerstrahl“[24] das Götzenbild des heidnischen Gottes Apollo, den Dorothea anbeten soll, und zermalmt es. Diese göttlich motivierte Naturszenerie, nimmt Keller nur im „Tanzlegendchen“ auf, als die allerhöchste Trinität die von Erdenleid ergriffenen Himmelsbewohner und die singenden Musen „mit einem lang hinrollenden Donnerschlage zum Schweigen“[25] bringt.

[...]


[1] Vgl. Keller 2002, S. 3

[2] Sein Taufname „Gotthard“ wurde von Kosegarten graecisiert. Er war der Meinung, „Gotthard“ bedeute soviel wie „Gottes Rat.“ (Theobul) Vgl. Beck, S.5

[3] Vgl. Beck, S.5 ff. und Dörr, S.14 ff.

[4] Vgl. Beck, S.11

[5] Vgl. Beck, S.33-95

[6] Vgl. Selbmann, S.100

[7] Vgl. Selbmann, S.100

[8] Keller, Gottfried: Galatea-Legenden. Im Urtext herausgegeben von Karl Reichert. Insel-Verlag. Frankfurt am Main 1965

[9] Keller, Gottfried: Sieben Legenden. Philipp Reclam Verlag. Stuttgart 2002

[10] Vgl. Selbmann, S.101

[11] Vgl. Keller 2002, S.8

[12] Vgl. Keller 2002, S.22

[13] Vgl. Keller 2002, S.25

[14] Vgl. Keller 2002, S.33

[15] Vgl. Keller 2002, S.41

[16] Vgl. Keller 2002, S.46

[17] Vgl. Keller 2002, S.46

[18] Vgl. Keller 2002, S.71

[19] Vgl. Keller 2002, S.83

[20] Vgl. Keller 2002, S.83

[21] Vgl. Keller 2002, S.11

[22] Vgl. Keller 2002, S.26

[23] Vgl. Keller 2002, S.39

[24] Vgl. Kosegarten, Bd.1, S.185

[25] Vgl. Keller 2002, S.86

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
Gottfried Kellers „Sieben Legenden“ und die Vorlage Ludwig Theobul Kosegartens
Untertitel
Ein Vergleich
Hochschule
Universität Basel
Veranstaltung
Keller, Meyer, Realismus
Note
sehr gut (5,5)
Autor
Jahr
2005
Seiten
28
Katalognummer
V114658
ISBN (eBook)
9783640165742
ISBN (Buch)
9783640166114
Dateigröße
500 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gottfried, Kellers, Legenden“, Vorlage, Ludwig, Theobul, Kosegartens, Keller, Meyer, Realismus
Arbeit zitieren
Alma Lanz (Autor), 2005, Gottfried Kellers „Sieben Legenden“ und die Vorlage Ludwig Theobul Kosegartens , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/114658

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