Vom Umgang mit Gewalt in der Familie Platter


Seminararbeit, 2006
28 Seiten, Note: befriedigend

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die betrachteten Personen
2.1. Thomas Platter (1499?-1582)
2.2. Felix Platter (1536-1614)

3. Gewalterfahrungen im Kindesalter
3.1. Verwahrlosung und mangelnde Betreuung
3.2. Arbeit

4. Gewalterfahrungen im Jugendalter

5. Beziehung zu den Eltern

6. Physische vs. psychische Gewalt

7. Emotionaler Umgang mit erlebter Gewalt in den beiden Lebensbeschreibungen

8. Schlusswort

9. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Der schlug mich grusam übell, nam mich vill malen by den oren und zoch mich vom herd uff, das ich schrei, wie ein geiss am messer stäket ...“[1]

Diese Arbeit beschäftigt sich mit dem Umgang mit Gewalt in der Familie Platter. Es wird nicht die ganze Familie betrachtet, sondern nur die beiden Familienmitglieder, die eine umfassende Lebensbeschreibung verfasst haben: Thomas Platter und sein Sohn Felix.

Thomas Platters Lebensbeschreibung, 1572 verfasst, gilt als eine der bekanntesten und am häufigsten gedruckten Autobiographien des 16. Jahrhunderts.[2] Sie erschien in Dutzenden von Ausgaben und wurde in fünf Sprachen übersetzt. Sie gehört zu den wichtigsten Dokumenten über die ländliche Kindheit, die Zustände an Schulen und die Begleitumstände der Reformation.[3] Sie ist bekannt für ihren bildhaften[4] und realistischen Erzählstil und die Dynamik des Lebensverlaufs und gilt als eine der vitalsten und interessantesten Autobiographien der Frühen Neuzeit.[5] Felix Platter will es dem Vater gleichtun und verfasst ebenfalls eine Lebensbeschreibung.

Die beiden Autobiographien sollen in dieser Arbeit auf Elemente der Gewalt untersucht werden. Dabei werden sowohl die körperliche als auch die psychische Gewalt betrachtet. Zunächst werden das Kindes– und das Jugendalter von Thomas und Felix Platter untersucht. Dabei wird auf Aspekte der Verwahrlosung und auf Gewalterfahrungen bei der Arbeit und innerhalb der Familie eingegangen. Des Weiteren soll die Beziehung der beiden Protagonisten zu ihren Eltern betrachtet und auf Aspekte der Gewalt untersucht werden. Im sechsten Kapitel wird dann explizit zwischen physischer und psychischer Gewalt unterschieden: Die einzelnen Gewalterfahrungen werden nochmals zusammengefasst und der physischen bzw. der psychischen Gewalt zugeordnet. Abschliessend wird auf die Sprache eingegangen die in den beiden Lebensbeschreibungen verwendet wird. Es wird untersucht, wie erlebte Gewalt von den beiden Autoren beschrieben wird.

Diese Arbeit soll sich vor allem der Frage widmen, unter welchen Umständen welche Gewalterfahrungen gemacht werden, wie damit umgegangen bzw. darüber geschrieben wird und inwiefern sich die unterschiedlichen Lebensräume bzw. Lebensumstände der beiden Autoren im Hinblick auf Gewaltausübung unterscheiden.

2. Die betrachteten Personen

Nicht die ganze Familie Platter wird in dieser Arbeit betrachtet, sondern nur die beiden Mitglieder der Familie, die eine umfassende Lebensbeschreibung verfasst haben. Im Folgenden werden die beiden etwas ausführlicher vorgestellt.

2.1. Thomas Platter (1499?-1582)

Thomas Platter im Alter von 81 Jahren. Porträt von Hans Bock d. Ä., 1581. (In: Hartmann, Alfred: Thomas Platter. Lebensbeschreibung. Basel 1999).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Nach eigenen Angaben wird Thomas Platter an der Herrenfasnacht

10. Februar) im Jahre 1499 in Grächen geboren.[6] Der Vater Anthoni Platter stirbt kurz nach Thomas’ Geburt und Thomas lebt, nach der zweiten Heirat der Mutter Amilli Summermatter, bis zu seinem sechsten Lebensjahr bei Schwestern seines Vaters. Thomas hat mindestens fünf ältere Geschwister und mehrere jüngere Halbgeschwister aus der zweiten und dritten Ehe seiner Mutter. Im siebten und achten Lebensjahr muss Thomas als Verdingkind bei diversen Bauern Kühe und Ziegen hüten. Im Alter von etwa zehn Jahren schliesst er sich seinem Vetter Paulus Summermatter und dessen Gruppe fahrender Schüler an, um mit diesen für etwa zehn Jahre von Schule zu Schule zu reisen, ohne viel zu lernen. 1523 tritt er in Zürich in die Schule von Myconius[7] ein. In der Schule lernt er Latein und eignet sich zusätzlich im Selbststudium die griechische und die hebräische Sprache an. Eine Predigt Ulrich Zwinglis überzeugt ihn vom reformierten Glauben. 1527 zieht Thomas nach Basel, wo er beim Seiler Hans Stähelin arbeitet. Nach dem ersten Kappeler Krieg (1529) setzt er in Zürich bei Myconius seine Studien fort und heiratet dessen Magd Anna Dietschi. Mit ihr lebt er zunächst in Visp, zieht später nach Basel, wo er sich 1531 endgültig niederlässt. Die beiden ersten Töchter (Margaretha und Margaretha), 1531 und 1533 geboren, sterben beide im Kindesalter an der Pest. Die dritte Tochter (Ursula) wird 1534 geboren. 1536 kommt der Sohn Felix zur Welt. 1544 wird Thomas Schulmeister an der Münsterschule „auf Burg“. 1551 stirbt Ursula an der Pest. Am 20. Februar 1572, kurz nachdem Thomas seine Lebensbeschreibung vollendet hat, stirbt auch seine Frau Anna, worauf er, zwei Monate nach Annas Tod, die junge Esther Gross heiratet. Mit ihr hat er noch sechs Kinder. Am 26. Januar 1582 stirbt Thomas Platter im Alter von 82 Jahren in Basel.[8]

2.2.Felix Platter (1536-1614)

Felix Platter im Alter von 30 Jahren. Ganzfigurenbildnis im Regenzzimmer der Universität Basel. Von Hans Bock d. Ä., 1584. (In: Lötscher, Valentin: Felix Platter und seine Familie. Basel 1975).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Felix Platter, Sohn des Thomas Platter und der Anna Dietschi, wird am

28. Oktober 1536 in Basel geboren. Seine Kindheit verbringt er in Basel mit seinen Eltern und seiner Schwester Ursula. Schon von klein auf muss er in der Druckerei seines Vaters mithelfen. Auch wird er von seinem Vater intensiv unterrichtet und gefördert. Schon bald wird klar, dass Felix den Arztberuf ergreifen wird. Für sein Medizinstudium reist er im Jahre 1552 nach Montpellier. Im Jahre 1557 heiratet er die Basler Schererstochter Margarete Jeckelmann. Die Ehe bleibt kinderlos. 1571 wird Felix Stadtarzt und Professor für praktische Medizin in Basel. Er ist sechsmal Rektor der Universität und gründet ein anatomisches Theater und den botanischen Garten in Basel. Er stirbt am 28.7.1614 in Basel.

3. Gewalterfahrungen im Kindesalter

Der Schwerpunkt dieses Kapitels soll bei den Gewalterfahrungen liegen, die die beiden Platter vor ihrem zehnten Lebensjahr gemacht haben. Bei Thomas finden wir mehr dieser Erfahrungen als bei Felix, weswegen Felix in diesem Kapitel etwas vernachlässigt wird. In diesem und in den beiden folgenden Kapiteln wird noch nicht explizit zwischen physischer und psychischer Gewalt unterschieden.

Gewalt wird allgemein als verletzende Zwangseinwirkung auf eine andere Person definiert. Diese Zwangseinwirkung kann körperlicher oder psychischer Art sein.[9] Als psychische Gewalt gilt unter anderem die Drohung mit körperlicher Gewalt und die Androhung bzw. der Vollzug eines Entzugs von Liebe und Aufmerksamkeit. Physische sowie psychische Gewalt können schwerwiegende Folgen im seelischen Bereich nach sich ziehen.[10]

3.1. Verwahrlosung und mangelnde Betreuung

Wenige Tage nach seiner Geburt wird Thomas von der Mutter weggegeben und wächst bei Verwandten des Vaters auf, wo er, aus heutiger Sicht, oft zu wenig betreut wird und so mehrfach in Lebensgefahr gerät. Frenken sieht in diesem Weggabeerlebnis und auch in der Tatsache, dass Thomas nie gestillt wurde, eine erste Erfahrung von psychischer Gewalt.[11] Er begründet dies mit folgender Aussage Thomas Platters in dessen Lebensbeschreibung:

„Als sy minen gnäsen was, hand iren die brist we than, das sy mich nit hat mögen seigen; han ouch sunst nie kein frowen milch gsogen, wie mier min mutter sälig selber gsagt hatt; das was mins ellentz ein anfang.[12]

Frenken sieht in der frühen Weggabe von Thomas und auch in der Verweigerung oder Unmöglichkeit des Stillens eine emotionale Ablehnung des Kindes durch die Mutter.[13] Dem ist entgegenzusetzen, dass im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit das Weggeben der Kinder in andere Familien, besonders für Bauernfamilien, nichts Ungewöhnliches war. Nur so war die ausreichende Versorgung und Ernährung aller Kinder gewährleistet.[14] Dennoch muss die Frage gestellt werden, warum ausgerechnet Thomas weggegeben wird: Kurz nach dem Tod von Thomas’ Vater, also auch kurz nach der Weggabe des kleinen Thomas, heiratet die Mutter erneut. Mit ihrem Ehemann, Heintzman am Grund, hat sie noch weitere Kinder, die, wie es scheint, nicht weggegeben werden. Warum also nur Thomas? Und warum in einem Alter, in dem er noch nicht fähig ist, im Haus oder auf dem Feld mitzuarbeiten? Ob die leiblichen Geschwister von Thomas auch in solch jungem Alter weggegeben wurden, geht aus der Lebensbeschreibung nicht hervor.

Die erste Kindheitserinnerung Platters ist keine positive. Das etwa zweijährige Kind wird nachts allein im Haus der Tante Margret zurückgelassen. Thomas steht auf und läuft in den Schnee hinaus, um anschliessend in einem Nachbarhaus die Wärme zweier Männer zu suchen. Die Tatsache, dass Thomas sich an diese Situation der mangelnden Betreuung so genau erinnert, lässt Frenken auf ein frühkindliches Trauma schliessen.[15] Auch für Schnidrig ist klar, dass die Tatsache, dass sich Thomas an scheinbar belanglose Ereignisse seiner Kindheit zurückerinnert, darauf hindeutet, dass diese Erlebnisse stark prägend waren und Thomas’ Seele stark und nachhaltig beeindruckt haben.[16]

Im Alter von etwa sieben Jahren fällt Thomas in einen Kessel mit heisser Milch und verbrennt sich am ganzen Körper. Erfahrungen dieser Art muss Felix keine machen. Er wird als Kind von einer Amme betreut. Von Verwahrlosung und mangelnder Betreuung kann hier nicht gesprochen werden. Die Amme wird sogar ausgetauscht, weil ihr verstümmelter Finger Felix mit Ekel erfüllt und ihn vom Essen abhält, was wir aus Felix’ Lebensbeschreibung entnehmen können:

„Mein muter hatt ein vorgengere mit einem abgestimleten finger, welche auch meinen pflegt; deren wolt ich kein gnodt haben, unnd wan sy mir pappen mit gemeltem finger instreich, fieng ich an zeweinen, auch zu zeiten die pappen wider zegeben, also dass man letstlich gespüren kont, dass ich ab gemeltem finger ein unlust hatt, derhalben auch dise warteren abschaffen musst (...).“[17]

Im Allgemeinen erfährt Felix mehr Fürsorge von seinen Eltern als Thomas. Während Thomas schon früh auf sich allein gestellt und grossen Gefahren ausgesetzt ist und nur von der Tante Fransy wirkliche Zuwendung erfährt, hat Felix eine Amme, wird früh schulisch gefördert und seine Gesundheit wird geschützt (während Pestepidemien in der Stadt Basel wird er evakuiert[18]). Hierbei ist natürlich von Bedeutung, dass Felix, im Gegensatz zu Thomas, in städtischen Verhältnissen und in zunehmendem Wohlstand aufwächst.[19]

3.2. Arbeit

Auch die Gefahren, welchen Thomas während seiner Arbeit als Geisshirt ausgesetzt ist, können, aus heutiger Sicht betrachtet, als Gewalterfahrungen bezeichnet werden – wird doch Thomas von seinen jeweiligen Meistern bewusst diesen Gefahren ausgesetzt und dies in einem Alter, in dem er der gefährlichen Arbeit körperlich bei weitem noch nicht gewachsen ist. Im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit war es allerdings nicht ungewöhnlich, dass Kinder aus bäuerlichen Verhältnissen auf dem Hof mitarbeiteten. Die Arbeitskraft des Kindes galt mit seinem siebten Lebensjahr als soweit entwickelt, dass es für seinen Lebensunterhalt selbst sorgen konnte.[20] Spätestens mit zehn Jahren wurden Kinder als vollwertige Arbeitskräfte betrachtet.[21]

[...]


[1] Vgl. Hartmann, S. 35

[2] Vgl. Velten 1995, S. 103

[3] Vgl. Bellwald, S. 180

[4] Vgl. Müller 1995, S. 51

[5] Vgl. Velten 2001, S.136

[6] In diversen Sekundärtexten wird dieses Datum als zu früh angesetzt betrachtet. Hartmann schlägt 1507 als Geburtsdatum vor (vgl. S. 153). Auch für Meyer ist 1499 als Geburtsdatum eindeutig zu früh angesetzt. Er schlägt 1504 vor (vgl. S. 18).

[7] Oswald Myconius, eigentlich Geißhüsler. Geboren1488, gestorben 1552.

[8] Wenn davon ausgegangen wird, dass Thomas Platter tatsächlich 1499 geboren wurde.

[9] Vgl. Brockhaus Psychologie, S. 220

[10] Vgl. Wenniger, S. 150

[11] Vgl. Frenken, S. 197 ff.

[12] Vgl. Hartmann, S. 25

[13] Vgl. Frenken, S. 200

[14] Vgl. Van Dülmen 1999, S. 110

[15] Vgl. Frenken, S. 202 ff.

[16] Vgl. Schnidrig, S. 16

[17] Vgl. Lötscher 1976, S. 54

[18] Vgl. Lötscher 1976, S. 62

[19] Vgl. Miville-Seiler, S. 105

[20] Vgl. Martin/Nitschke, S. 454

[21] Vgl. Epperlein, S. 236 ff.

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
Vom Umgang mit Gewalt in der Familie Platter
Hochschule
Universität Basel  (Historisches Seminar )
Veranstaltung
Gewalt um 1500
Note
befriedigend
Autor
Jahr
2006
Seiten
28
Katalognummer
V114661
ISBN (eBook)
9783640165773
ISBN (Buch)
9783640166145
Dateigröße
540 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Umgang, Gewalt, Familie, Platter
Arbeit zitieren
Alma Lanz (Autor), 2006, Vom Umgang mit Gewalt in der Familie Platter, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/114661

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