Eine zentrale Thematik des Strickerschen Märe „Die eingemauerte Frau“ ist die Grenze zwischen zwei Räumen sowie deren Überschreitung.
Anhand verschiedener Ansichten zum Geschehen auf der Raumebene des Märe bietet sich eine Betrachtung dessen mittels Jurij Lotmanns Theorie zu Raumsemantik an. Hierin beschäftig sich Lotmann mit Texten, in denen eine Figur die ‚Grenze‘ zwischen zwei disjunkten (voneinander deutlich unterschiedenen), semantischen Feldern‘ überschreitet, diese bezeichnet er als Sujets. Lässt sich auch das Märe Die eingemauerte Frau als sujethaltig einordnen? Wie stellen sich die Räume dar? Wo liegt die Grenze, wird diese überschritten, und wenn ja, von wem? Um diesen Fragen nachzugehen, soll zuerst ein Einblick in Lotmanns Raumsemantik gegeben werden, woraufhin das Märe aus dieser Perspektive betrachtet und analysiert wird.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Lotmanns Theorie zur Raumsemantik
3. Applikation der Raumsemantik Lotmanns auf Die eingemauerte Frau
3.1. Gegensatzpaare innerhalb des Märe
3.2. Die Grenze
3.3. Der die Grenze überschreitende Held
4. Fazit
6. Bisherige Arbeiten
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht das mittelalterliche Märe "Die eingemauerte Frau" des Strickers mithilfe der raumsemantischen Theorie von Jurij Lotman. Ziel ist es, die narrative Struktur auf ihre Sujethaftigkeit zu prüfen, indem die Rolle der räumlichen Grenzen und die Identität des handlungstragenden Subjekts analysiert werden.
- Raumsemantische Analyse nach Jurij Lotman
- Strukturierung von Gegensatzpaaren (Oben/Unten, Innen/Außen)
- Untersuchung des mittelalterlichen Grenzbegriffs im literarischen Kontext
- Dekonstruktion der Heldenrolle und Identifizierung von Gott als aktivem Akteur
- Diskussion von Reue, Heiligwerdung und göttlicher Kontingenz
Auszug aus dem Buch
3.3. Der die Grenze überschreitende Held
Auf Basis der Betrachtung der Räume und deren Grenze kann nun in einem letzten Schritt der die Grenze überschreitende Held in den Blick genommen werden. Durch die Annahme der Mauer als raumsemantische Grenze mag die eingemauerte Frau im ersten Moment als die Figur, welche die Grenze überschreitet, erscheinen, doch die neue Festlegung der Grenze, zwischen dem Raum Gottes und dem Raum des Teufels, macht hier eine genaue, textnahe Betrachtung notwendig. Wer ist der aktive Part, der diese Grenzüberschreitung bewirkt?
Im Märe wird dieses Moment folgendermaßen beschrieben:
„dô si vernam den untrôst, [...] Dô vuoren die tîvel von dem wege, die si heten in ir pflege. Dô quam der heilige geist Und brâhte ir sînen volleist. Ir groziu übel, diu verswant, dô viel ir hôchvart zehant. Ir übel und ir boeœser muot, diu zergiengen; si wart alsô guot“. (EF, V. 155-122)
Auffällig an dieser Darstellung ist, dass die Ehefrau stets als passiv beschrieben wird: „[K]eine klar ausgedrückte innere Reue bereitet gemäß christlicher Tradition dem Eingreifen der göttlichen Macht den Boden, mit keiner Silbe wird vorher von einem Gesinnungswandel aus eigener Kraft erzählt. Der Hl. Geist greift vielmehr ungerufen 'aus freien Stücken' ein.“ Nicht die Ehefrau erscheint hier als Handlungsträger, vielmehr geschieht der Wandel mit ihr, ohne, dass sie dazu beiträgt. Ihre Einmauerung verhindert schließlich auch eigene äußere Aktivität und zwingt sie zur Bewegungslosigkeit. Der aktive Handlungsträger muss Macht über den Teufel, wie auch den Heiligen Geist haben, um diese Grenze überwinden zu können.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Thematik des Ehepaarkonflikts im Märe "Die eingemauerte Frau" und Vorstellung der Forschungsfrage zur Raumsemantik.
2. Lotmanns Theorie zur Raumsemantik: Erläuterung der literaturwissenschaftlichen Grundlagen von Jurij Lotman zur Definition von Sujet, semantischen Feldern und Grenzüberschreitungen.
3. Applikation der Raumsemantik Lotmanns auf Die eingemauerte Frau: Praktische Anwendung der Theorie auf das Werk unter Berücksichtigung topografischer und topologischer Kontraste.
3.1. Gegensatzpaare innerhalb des Märe: Analyse der vertikalen Achsen sowie der Innen-Außen-Dichotomien und ihrer symbolischen Bedeutung für die Charaktere.
3.2. Die Grenze: Kritische Gegenüberstellung des mittelalterlichen Grenzverständnisses mit dem theoretischen Modell der Impermeabilität nach Lotman.
3.3. Der die Grenze überschreitende Held: Untersuchung der aktiven Handlungsträgerschaft im Moment der Bekehrung und Befreiung der Protagonistin.
4. Fazit: Zusammenfassende Erkenntnis, dass Gott als zentraler Akteur die Grenzüberschreitung vollzieht und das Märe als revolutionäres Sujet einzuordnen ist.
6. Bisherige Arbeiten: Auflistung thematisch verwandter Studien im Rahmen des wissenschaftlichen Kontextes.
Schlüsselwörter
Jurij Lotman, Raumsemantik, Die eingemauerte Frau, Der Stricker, Märe, Grenzüberschreitung, Mittelalterliche Literatur, Sujet, Gottesdarstellung, Kontingenz, Bekehrung, Topologie, Erzähltheorie, Innenraum, Außenraum.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die räumliche Struktur und die narrative Dynamik des mittelalterlichen Märe "Die eingemauerte Frau" unter Anwendung der erzähltheoretischen Konzepte von Jurij Lotman.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Zentrum stehen die Kategorien der Raumsemantik, wie die Konstituierung komplementärer Räume, die Bedeutung von Grenzen im mittelalterlichen Text und die Analyse von Handlungsträgerschaft.
Welches primäre Ziel verfolgt die Analyse?
Es soll geklärt werden, ob das Märe als "Sujet" im Sinne Lotmans klassifiziert werden kann und wer oder was als eigentlicher Akteur die Grenzüberschreitung innerhalb der Handlung bewirkt.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Verwendet wird eine literaturwissenschaftliche Analyse, die theoretische Grundlagen der Raumsemantik (Lotman) mit textnaher Interpretation und mittelalterlicher Begriffsgeschichte verbindet.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Definition von Gegensatzpaaren (Oben/Unten, Innen/Außen), die Problematisierung des mittelalterlichen Grenzbegriffs sowie die Identifizierung des handelnden Helden.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Die Untersuchung wird durch Begriffe wie Raumsemantik, Grenzüberschreitung, Sujet, mittelalterliche Erzählliteratur und göttliche Kontingenz definiert.
Warum wird die Ehefrau als passive Figur eingestuft?
Die Analyse zeigt, dass der entscheidende Wandel der Figur – die Bekehrung durch den Heiligen Geist – ohne explizite Eigenleistung oder bewusste Bußhandlung der Frau erfolgt, was sie als passives Objekt göttlichen Wirkens kennzeichnet.
Welche Rolle spielt die "Mauer" im Kontext der Raumtheorie?
Die Mauer fungiert zwar als physische Trennung, deckt sich jedoch nicht vollständig mit der abstrakten, impermeablen Grenze nach Lotman, da ihre Funktion im Laufe der Erzählung eine andere Bedeutung gewinnt.
Wie definiert die Arbeit den "Helden" des Märe?
Überraschend für die klassische Lesart identifiziert der Autor Gott als den aktiven Handlungsträger, da dieser die entscheidende Grenze zwischen Besessenheit und Glauben überschreitet.
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- Anonym (Author), 2021, Die Räume im Strickerschen Märe "Die eingemauerte Frau". Betrachtung mithilfe von Lotmans Theorie zur Raumsemantik, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1146684