Politische Magazine im deutschen Fernsehen. Etablierung und Stellenwert


Hausarbeit (Hauptseminar), 2021

39 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Fernsehmagazine im deutschen Fernsehen
2.1 Ursprung und Entwicklung von Magazinsendungen
2.2 Aufbau und Struktur von Fernsehmagazinen

3. Politmagazine im deutschen Fernsehen
3.1 Anspruch und Absichten der Politmagazine
3.2 Geschichtliche Periodisierung der Politmagazine

4. Politmagazine im Öffentlich-Rechtlichen
4.1 Das „Panorama“ – Ein Kampf um ein kritisches und unabhängiges Fernsehen
4.2 Das „ZDF-Magazin“ – Als Pendant zu den ARD-Magazinen

5. Das Aufkommen von Politmagazine im privaten Fernsehen

6. Politmagazine als Mittel für politische Meinungsbildung

7. Fazit

8. Quellenverzeichnis

9. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Politmagazine gehören mit zu den ältesten Sendeformaten in der deutschen Fernsehlandschaft. Durch das Aufklären und Kommentieren zu gesellschaftspolitischen Zuständen im eigenen Land, wurde sie jahrzehntelang zum Zentrum des politischen Journalismus im Fernsehen.1 Damit kann das politische Fernsehmagazin als fester Bestandteil des Informationsprogramms aufgezählt werden. Für Politiker waren sie damals ein Dorn im Auge, weil sie in Teilen als staatsgefährdend empfunden wurden. Deren Themenauswahl und bissige Moderation als politische Kampfansage gegen die Regierung aufgefasst wurde.2 Das Publikum hingegen nahm die Machart und den kritischen Stil der Magazine wohlwollend und mit Begeisterung auf. Deren Bedeutung für das deutsche Fernsehen zeigt sich mit der erst zögernden, dann aber immer zunehmenden Aufbruchsstimmung Anfang der sechziger Jahre.3 Ferner trug die Etablierung des Fernsehmediums zum Massenmedium selbst zur Expansion bei. Daraus resultierend stiegen die Zuschauerzahlen und die damit verbundenen Einnahmen. Außerdem verbesserten sich auch technischen Produktionsmittel, was sich auf die Qualität der Sendungen positiv auswirkte. Parallel dazu entstand ein Bewusstsein, das versuchte veraltete politische Strukturen und Verfestigungen der fünfziger Jahre zu überwinden. Gesellschaftspolitische Ereignisse wie z.B. die Globalisierung, der Ost-West-Konflikt, die Bildungskatastrophe, aber auch die Hoffnung in die Technik, besonders durch die Medien, alle Probleme lösen zu können, prägten maßgeblich den Aufbruch. Darüber hinaus wurden das Hinterfragen, die Kritik und das Misstrauen gegenüber dem politischen System immer stärker. Unter der neuen kritischen Öffentlichkeit gehörten auch die politischen Fernsehmagazine. Für die neue heranwachsende Generation hatten Politmagazine gegenüber andere Medienformate einen essenziellen Vorteil. Sie waren ein Bestandteil des allgemeinen Programms, das man von Zuhause aus direkt hören und visuell wahrnehmen konnte. Hingegen Zeitungen oder Zeitschriften erst am Kiosk gekauft werden mussten.4 Die öffentlich wirksame Bedeutung der Politmagazine nahm allerdings ab den siebziger Jahren stetig ab. Hinzu entstand mit Einführung des dualen Rundfunksystems ein Konkurrenzkampf zwischen den privaten und der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten.

In dieser Seminararbeit soll geprüft werden, welchen Stellenwert tatsächlich Politmagazine im deutschen Fernsehen des 20. Jahrhunderts einnehmen. Der erste Teil widmet sich zunächst mit dem Medium Fernsehmagazin. Um zu verstehen, wie überhaupt Politmagazine entstanden sind, ist es wichtig sich im Allgemeinen mit dem Magazin zu beschäftigen. Dazu wird zunächst ein Definitionsansatz geschildert sowie eine allgemeine Übersicht der Funktion, Struktur und Geschichte des Fernsehmagazins. Der zweite Teil widmet sich explizit den Politmagazinen in den öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten. Darin wird ähnlich wie beim vorangegangenen Kapitel die Geschichte, deren Entwicklung, Arbeitsweise, Bedeutung sowie Krisen behandelt.5 Damit wird deutlich wie Inhalte, Produktionsbedingung sowie Gestaltungsmerkmale charakteristisch sind für die Fernsehmagazine, aber insbesondere der Politmagazine. Anhand von zwei ausgewählten Beispielen, dem Panorama und dem ZDF, soll anschließend gezeigt werden, wie sie als Politmagazin ihrer Rolle gerecht wurden und mit welchen Problemen sie zu kämpfen haben. Zudem wird der Blick auf die Politmagazine im privaten Fernsehen gelenkt werden, deren Rolle sich entscheidend auf das Handeln der öffentlich-rechtlichen Politmagazine auswirkte. Zum Schluss soll die Frage geklärt werden, ob Politmagazine in ihrer Funktion als politische Meinungsmacher wirken und eine politische Wirksamkeit auf die Zuschauer erzeugen. Eine weitere Betrachtung auf Politmagazine, wie etwa zu politischen Magazinen in der DDR, wäre möglich. Für das nötige Verständnis genügt aber eine Auseinandersetzung mit westdeutschen Politmagazinen. Der zeitliche Rahmen beschränkt sich hierbei von der Entstehungszeit bis Ende der achtziger Jahre. Bis heute laufen noch im Fernsehen Politmagazine mit der sich die Arbeit beschäftigt. Die Analysen zu diesen Formaten sind daher noch nicht abgeschlossen und könnten noch fortgesetzt werden. So werden zu den Sendungen empirischen Langzeitanalysen z.B. durch das Institut für Empirische Medienforschung durchgeführt. Sie stellen allerdings das Gesamtangebot an Informationsangebote dar. Eine Unterscheidung innerhalb der Politmagazine fällt oftmals weg. Ein genauere Magazinanalyse zum Format wurde unter anderem von Bernd Gäbler geführt.6 Diese Arbeit widmet sich vielmehr mit dem theoretischen und historischen Aspekt des Politmagazins. Hinsichtlich der Magazingeschichte ergibt sich ein weitgehend gut erforschter Untersuchungsstand. Darunter finden sich medienwissenschaftliche Publikationen von Medienforscher, die sich speziell mit dem Politmagazin befasst hatten und für diese Seminararbeit als wichtig erscheinen.7

2. Fernsehmagazine im deutschen Fernsehen

2.1 Ursprung und Entwicklung von Magazinsendungen

Der Begriff Magazin entstammt aus dem Arabischen Wort mahâzin und bedeutet so viel wie Vorrats- und Lagerhaus.8 Erst im 18. Jahrhundert wurde der Begriff im englischsprachigen Raum mit den Printmedien assoziiert: „[…] a periodical usually issued quarterly or monthly with tales or articles by various writers“9 Von da an wurden Magazine als Zeitschriften bezeichnet, die eine ganze Palette an Themen beinhalten, mit den sie den politischen, kulturellen und wissenschaftlichen Horizont des Lesers erweitern möchten. Dies versuchten sie mit unterhaltender, belehrender und leichtverständlicher Lektüre. Ein breites Themenspektrum und geringe Produktionskosten sorgten für eine große Menge an spezifischen Magazinangeboten.10 Ab 1930 fand das Magazin-Konzept auch im Hörfunk ihren Platz.11 Im halbstündigen Takt wurden Unterhaltungs-Shows und Fortsetzungshörspiele gesendet, die locker zusammengefügte, moderierte Teile sowie unterhaltende und informierende Elemente in Werbung oder Musik umfasste.12 Diese sogenannten Patronatsprogramme wurden von einem Werbetreiber, meistens aus der Konsumgüterindustrie bereits vorproduziert, aufgekauft und gesendet.13 In den 40er Jahren erkannte man, dass Magazinformate als Warenwerbung auch für den amerikanischen Fernsehmarkt geeignet waren, was zur Folge hatte, dass das Fernsehmagazin entstand. Großkonzerne produzierten mithilfe von Agenturen und Filmgesellschaften eigene Sponsorenprogramme für das Fernsehen. Die Kontrolle über die Werbeproduktionen wurde einfacher und die Unternehmen lockten somit viele Kunden an.14 NBC-Präsident Pat Weaver entwickelte eigens dafür einen Magazinplan für die NBC-Fernsehwerbung, in der die Werbeblöcke im Zentrum des Programmangebots standen. Große Zuschauergruppen sollen an ein Programm angebunden werden, das billig, unterhaltend sowie reizvoll war.15 Ein Grund weshalb Magazinsendungen im US-Fernsehen zunächst auf Unterhaltung ausgerichtet waren. Die US-Fernsehkultur in den vierziger Jahren kann nach Hickethier als reiner Konsumtempel für Warenwerbung zusammengefasst werden.16 Politische und kulturelle Magazinformate kamen erst später und wurden zuerst in den europäischen Fernsehprogrammen aufgenommen.17

Die Geschichte der Magazinsendungen in der Bundesrepublik wird nach Schumacher in einzelne Perioden eingeteilt. Die erste Zäsur fand zu Beginn der sechziger Jahre statt. Zuvor waren Magazine dort kaum präsent bzw. standen, wie jedes andere Informationsformat, in einer Aufbauphase.18 Sendungen wie die Tagesschau wurden bspw. bis 1956 nur dreimal in der Woche ausgestrahlt und als wöchentlicher zusammenschnitt am Sonntag im Wochenspiegel wiederholt. Nebendies standen noch zwei Regionalmagazine, ein Jugendmagazin sowie ein Familienmagazin im Programm. Die Fernsehära in der frühen Nachkriegszeit war mehr geprägt durch Unterhaltungssendungen. Die Sendezeit war noch ein Grund für die eher geringe Programmvielfalt in den fünfziger Jahren. So wurde das zweistündige Programm 1951 erst auf den Vormittag und ab 1956 auch auf den Vorabend ausgeweitet. Am Vorabend waren die Einschaltquoten höher als am Vormittag, da der Großteil zu diesem Zeitpunkt noch arbeitete. Die sechziger Jahre zeichnen sich durch das erste öffentlich wirksame Auftreten der politischen Magazine, dominiert vom Panorama und Report. Daneben berichtete Peter von Zahn im Reportagemagazin Reporter der Windrose berichten über die Sitten und Bräuche von fremden Völker.19 In der zweiten Zäsur, die ab der zweiten Hälfte der sechziger Jahre startet, entstanden die ersten Kulturmagazine. Wurden 1964 zuvor nur fünf Sendungen gezählt, waren es 1967 bereits 65.20 1971 folgten auch Unterhaltungsmagazine wie Vip-Schaukel und Bitte umblättern. Mit der dritten Zäsur ab Mitte der siebziger Jahre rückte das Unterhaltungsfernsehen wieder mehr in den Vordergrund. Bildungsorientierte Sendungen geraten immer mehr unter Druck. Eine Entpolitisierung von Polit- und Kulturmagazinen war zu befürchten, die dazu führte, dass sich das Programmangebot ausdifferenzierte. Ratgeber-, Verbraucher-, Freizeitmagazine und Magazine für Lebenshilfe wurden ausgestrahlt. Es entwickelten sich Subgenres zum Kulturmagazin wie Kino- oder Buchmagazine. Wirtschaftsmagazine und Nachrichtenmagazine wurden als Erweiterung zum Politmagazin produziert.21 Die Vielfalt an Programmangeboten verdankte man auch durch neue Produktionstechniken. Sie ermöglicht eine schnelle, kurze und kostengünstige Produktion von Kurzbeiträgen, auf deren Basis bspw. Nachrichten- und Werbespots gedreht wurden. 1982 kam mit der Einführung der Privatsender und Kabelkanäle die vierte Zäsur. Das Magazinangebot expandierte weiter und es entstand ein regelrechter Konkurrenzkampf zwischen den öffentlich-rechtlichen und den privaten Sendeanstalten. Zielgruppenspezifische Magazine treten vermehrt auf, die sich mehr an das Alltagsleben und aktuellen Trends orientierten. Die Dritten Programme strahlten dahingehend mittels Regionalmagazine und neuen Studiokonzepte aus, um eine neue Zuschauerschaft für sich zu gewinnen.

2.2 Aufbau und Struktur von Fernsehmagazinen

Für Magazinsendungen herrschen drei essenzielle Kriterien, die ein Fernsehmagazin ausmachen. Das erste Kriterium wäre die Periodizität. Unter dem Begriff Periodizität versteht man, die regelmäßige Ausstrahlung einer jeweiligen Magazinfolge.22 Die Regelmäßigkeit der Sendungen variiert dabei. Nachrichtenmagazine erschienen z.B. wochentäglich. Politmagazine hingegen nur in wöchentlichen bis dreiwöchentlichen Zeitabständen.23 Magazinsendungen haben den Anspruch, bestimmte Themen aufzugreifen. Diese Themen werden dann aus einem anderen Blickwinkel betrachtet und ausführlich behandelt.24 Weswegen sind sie frei losgelöst und von jeglichem Zwang und zeitlichen Druck entbunden. Insofern haben die jeweiligen Redaktionen auch mehr Zeit für eine gründliche und umfassende Recherche. Des Weiteren weisen Magazine auf einen zyklischen Charakter hin.25 Durch eine kontinuierliche Zeitsetzung, wann und auf welchem Sender das Magazin läuft, werden Programmplätze automatisch mit dem einem Magazin in Verbindung gebracht. Die Sendezeiten können den Fernsehabend strukturieren oder gar bestimmen, da sich der Konsument auf eine schlichte und klare Programmstruktur verlässt, die mit einem verlässlichen Angebot einher geht. Das Baukastenprinzip als zweites Kriterium, fügt die innere Struktur der Magazine, die auf unterschiedliche und voneinander unabhängige Magazinbeiträge baut, zusammen. Der Spielraum für die Gestaltung und Darstellung der Beiträge sind groß. Demnach kann ein Magazin journalistische Elemente in ihrer Sendung einfügen, wie z.B. Kommentare, eine Nachricht, eine Glosse, ein Interview, ein Statement oder eine Reportage.26 Diese Freiheit öffnet ein vielfältiges Angebot an Themen, die sowohl unterschiedliche Inhalte als auch Darstellungsformen aufweisen. Und trotzdem stehen sie all unter dem Magazin-Gesamtkonzept, das wiederum weitere Formen von Magazinen klassifiziert. Sie unterscheiden sich dabei in Inhalt, Funktion, Urheber, Adressaten und Distribution.27 Magazinjournalisten markieren sich deshalb häufig eine eigene Handschrift im Text, Bild oder Aufbau, damit sie ihr eigenes Markenzeichen hervorheben.28 Allerdings sehen einige Kritiker auch Nachteile hinter dem Magazinformat. Es wird von eine vermehrten Magazinisierung geredet, bei der nicht nur die Anzahl an Magazinsendungen zunimmt, sondern es auch zu einer zügigen Kleinteiligkeit der Beiträge führt, „die […] auch als nivellierte ‚Scherbenwelt‘ denunziert wird.“29 Das Runterrasseln von Informationen kann jedoch für den Zuschauer befreiend wirken. Die Intention eines Beitrags kann von ihn so erfasst werden, ohne dass dieser den Sinnzusammenhang hinter der Sendung verstehen muss.30 Durch das unabhängige Rezipieren von den Beiträgen können die Zuschauer bei der Rezeption von Fernsehmagazine ihre individuellen Bedürfnisse anpassen. Beim dritten Kriterium handelt es sich zwar nicht um eine zwingende, jedoch um ein wichtiges und charakteristisches Medium des Magazins, nämlich die Moderation. Der Moderator ist für die Zuschauer der Begleiter in der Sendung. Durch Begrüßung, Verabschiedung und Überleitung zum nächsten Beitrag, sorgten sie für einen reibungslosen Ablauf der Sendung.31 In Form eines Monologs oder eines Interviews ist der Moderator das bindende Glied zwischen den einzelnen Beiträgen. Dieser ist dahingehend wichtig, da er für den Zuschauer eine persönliche Bindung aufbaut:

„Er stellt den personalen Bezug zwischen Programm und Publikum dar; durch ihn kommt eine Sendung ins Haus; er ist das erkennbare, wiederkehrende ‚Menschliche‘ in einer Sendung voll unterschiedlicher Informationen, wechselnder Bilder und Beiträge.“32

Hickethier vergleicht den Moderator mit einem der Erzähler, der mit seinen Erzählungen das Geschehen zusammenfasst.33 Wie ein Journalist führt er das Gespräch, kreiert Beiträge und kommentiert auf aktuelle Geschehnisse. Der Unterschied ist jedoch, dass der Moderator über das Programm seine Zuschauer abholt und mit ihnen kommuniziert.34 Dessen Personalisierung erweckt auch einen Wiedererkennungseffekt. Durch sein regelmäßiges erscheinen, bleibt er in den Köpfen der Zuschauer hängen. Der Moderator allein kann der Grund sein, weshalb die Sendung überhaupt angeschaut wird. Die meisten Sendungen führen Einzelmoderationen durch, darüber hinaus herrschen jedoch weitere Moderationsformen. Eine wäre die Doppelmoderation, bei der zwei Moderatoren im wechselseitigen Dialog über die Inhalte berichten und diskutieren. In Sendungen wie Die Reporter steht bspw. nicht der Moderator, sondern der Reporter vor der Kamera.35 Ob Reporter, Einzel- oder Doppelmoderation, der Moderator bleibt ein essenzieller Bestandteil des Magazins. Während die Periodizität und das Baukastenprinzip rein formale Gestaltungsmittel sind, wird durch die Moderation ein eignes Image für die jeweiligen Magazinsendungen gepflegt, um so die Unterschiede und Absichten der Magazine kenntlich zu machen.

Nachdem die Systematik hinter dem Magazinformat erläutert wurde, soll nun erklärt werden, wie ein Beitrag, der den Großteil einer Magazinsendung ausmacht, aufgebaut ist. Ein typischer Magazinbeitrag lässt sich in einer Dreier-Struktur einteilen: dem Ausgangsproblem, die Argumentation und das Resümee.36 In der Sendung wird ein Ausgangsproblem entweder gleich in der Anmoderation oder in der ersten Beitragssequenz aufgeworfen. Das Problem wird im gesamten Verlauf durch verschiedene Methoden argumentativ aufgearbeitet wie z.B. durch ein Expertenbericht oder Augenzeugenbericht: „Äußerungen die (unmittelbar) zur Beantwortung der Quaestio [Frage] beitragen, müssen auch diese Quaestio-typischen Beschränkungen erfüllen; sie bilden die ‚Hauptstruktur‘ des Textes“37 Es soll eine reale Frage im Text gestellt werden, die durch die Texthandlung beantwortet wird. Diese Dreier-Struktur will mit dem Zuschauer in einer quasi-dialog Struktur stehen. Mit der Ausgangsfrage wird nicht erwartet, dass der Zuschauer sie gleich beantwortet. Sie sollen jedoch zu Beginn sich positionieren. In der Abmoderation oder der letzten Sequenz des Beitrags werden die vorgestellten Argumente zu einem Schlusswort zusammengefasst. Indem die Argumente gegeneinander abgewogen werden, wird am Ende ein häufig moralisches Fazit gezogen.38

Derzeit gibt es im bundesdeutschen Fernsehen weiterhin etwa 200 Magazine, die sich mit unterschiedlichen Themen befassen.39 Das Spektrum an Magazinformate ist breit gefächert, sodass Buchwald sie daher alle unter Spartenmagazine zusammenfasst.40 Spartenmagazine orientieren sich an die spezifischen Interessen der Zuschauergruppen. Neben Politmagazine gibt es Wirtschaftsmagazine, Kultur-, Gesundheits-, Wissenschaftsmagazine bis hin zu diversen Ratgeber-Magazine.41 Es wird zwar besonders Wert auf Information und Unterhaltung gelegt, allerdings spielt die didaktische Vermittlung eine viel wichtigere Rolle, da sie versuchen die Zuschauer, die aus unterschiedlichen Alter- & Sozialschichten herkommen, eine Lebens- und Orientierungshilfe mitzugeben. Themen, die sehr komplex und kaum durschaubar sind, sei es bei der Gesetzgebung oder bei wissenschaftlichen und technischen Fragen, können durch Spartenmagazine zusammengefasst und verdeutlicht werden:

„Die Fähigkeit, komplizierte Sachverhalte mit allen gestalterischen Möglichkeiten des Fernsehens für ein breites Laienpublikum zu erklären, ist eine der wichtigsten Voraussetzungen für journalistische Arbeit in Sparten-Magazinen.“42

Ob Polit-, Wirtschafts- oder Ratgebermagazine, gerade für Zuschauer, die weder Zeit noch die Lust haben sich mit komplexen Themen intensiv auseinanderzusetzen oder das nötige Verständnis dafür fehlt, können Magazine aushelfen und gewinnen als Fernsehformat somit an Attraktivität.

3. Politmagazine im deutschen Fernsehen

3.1 Anspruch und Absichten der Politmagazine

Unter Politmagazine fallen all jene Magazine, die wegen ihrer Aufmachung und Selbstauskunft einen Schwerpunkt auf die politische Berichtserstattung legen.43 Sie werden höchstens wöchentlich ausgestrahlt und können von der aktuellen Berichtserstattung unabhängig sein. Pro Sendungen werden mehrere Beiträge, meist drei bis vier Einzelbeiträgen, aufgezeigt. Wie jedes andere Magazinformat, können auch Politmagazine verschiedene Form-Elemente hinzufügen. Häufig sind es Nachrichten, Kommentare, Statements oder Interviews. Doch was macht ein Politmagazin aus? Festzuhalten bleibt, dass sich ein solches Format mit dem Thema Politik auseinandersetzt. Themen wie Sport, Musik, Literatur oder sonstiges kommen nicht unbedingt vor. Politische Darstellung oder Vermittlung findet aber nicht ausschließlich in Politmagazinen statt. Der Begriff Politik ist breit aufgefasst. Zum einen gibt es den engen politischen Begriff, der jegliche staatbezogene Handlung beschreibt. Alle nichtstaatliche Handlungsformen werden als politikfreie Räume definiert.44 Zum anderen gibt es den weiten politischen Begriff, der macht- und gesellschaftsbezogenes soziales Handeln definiert. Ferner geht es um Machtgebrauch und interessengeleitetes Handeln.45 Politik kann demnach auch in Sport oder in Kultur auftreten, weil sie z.B. das Bewusstsein zu bestimmen Themen erweckt. Hierfür gibt es aber eigene Magazine. Politmagazinen verwenden in dem Kontext den engen Politikbegriff. Dabei liegt der Fokus im gesellschaftspolitischen Bereich.46 Zu beachten wäre jedoch, dass sie untereinander nochmals eigene Schwerpunkt setzen, z.B. berichtete Kennzeichen D besonders über Ost-West-Verhältnis, während Weltspiegel sich hauptsächlich mit Themen aus dem Ausland widmete. Somit ist das übergeordnete Konzept Politik zwar gegeben, jedes Politmagazin ist aber in ihrer inhaltlichen und formalen Gestaltung frei. Dabei geht es nicht nur um das Berichten von aktuellen Themen, wie sie bei Nachrichtenmagazinen vorzufinden sind, sondern um „die Erläuterung und kritische Bewertung von Motiven; um die nicht offen zutage tretenden Strömungen, Absichten und Strategien hinter politischen Entscheidungen und Prozessen.“47 Aufgrund den wöchentlichen Abständen zwischen den Sendezeiten, herrscht keine Pflicht zur Tagesaktualität der Beitragsthemen. Man spricht von einer latenten Aktualität. Das Redaktionsteam sucht sich deshalb Themen aus, worüber zwar berichtet wurde, jedoch noch aktuell sind. Magazine berichten daher in erster Linie über Langzeitereignisse. Ein Vorteil dieser Latenz ist, dass der Recherchezeitraum viel länger, gründlicher und umfassender sein kann. Deren Recherche besteht darin, brisante Themen rauszufinden, die umstritten sind oder Missstände anprangern. Dabei begegnen sie auf Personen oder Institutionen, denen sie Willkür und Bedenklichkeit in ihrem Handeln vorwerfen können.48 Auch hier ist der Moderator nicht wegzudenken. Gerade dort entwickelt sich ein regelrechter Personenkult um die Moderatoren. Moderatoren wie Gert von Paczensky, Gerhard Löwenthal oder Claus Hinrich Casdorff identifizierte man mit den jeweiligen Magazinen. Ihre teils verbale, aber auch nonverbale Art der Moderation repräsentiert das Image der Sendung.49 Nicht selten stehen sie und ihre Redaktion öffentlich in Kritik. Als kritischer Stimmungsmacher verfügten sie über ein Avantgarde-Bewusstsein und lösten damit eine gewisse Unbequemlichkeit gegen die politische Landschaft aus.50 Sie sehen es in ihrer Pflicht durch ihren Beitrag gesellschaftliche Missstände aufzuzeigen und lösbar zu machen:

„Diejenigen, welche die massenattraktive Spielart des zeitkritischen Journalismus jeweils nach außen vertreten, die Moderatoren, bilden wiederum die Hauptzielscheibe der Kritik nach außen […] und sind jederzeit für eine Personendebatte gut.“51

Für das Bürgertum werden sie, neben den Printmedien, zu einer inoffiziellen Kontrollinstanz, weswegen sie gerade bei den Betroffenen äußerst unbeliebt waren. Dass Politmagazine häufig im Kreuzfeuer standen, ist schlussendlich auf das Engagement der Moderatoren zurückzuführen. Meinungsbeiträge und Stellungsnahmen führen dazu, dass sie zur Symbolfigur politischer Meinungslager werden. Ob und wie sie ihren Anspruch gerecht werden, soll in den nachfolgenden Kapiteln geklärt werden.

3.2 Geschichtliche Periodisierung der Politmagazine

Bevor politische Magazine auf Sendung gingen, zeichneten sich politischen Beiträge im Fernsehen durch kurze Diskussionen mit Experten sowie Filmeinblendungen zu konfliktären Themen der Zeit aus.52 Bereits Mitte der fünfziger Jahre sendete der NWDR Im Kreuzfeuer, in der Journalisten Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens interviewten. Das Filmstudio zeigte auf eine kritische und zugleich satirische Art und Weise die bundesdeutschen Verhältnisse.53 Politische Fernsehsendungen, die dagegen Magazincharakter besaßen, traten erst gegen Ende der fünfziger Jahre auf. Es ging weiterhin, um das deutsch-deutsche Verhältnis mit dem Anliegen, über regelmäßige Veränderung zu berichten. Mit Panorama – Worüber man spricht, worüber man sprechen sollte erschien 1957 die erste politische Magazinsendung. Die Sendung nahm dabei das britische Panorama zum Vorbild. Jedoch hatten sie keinen wirklichen politischen Orientierungspunkt, weshalb sie in den Unterhaltungsprogrammen unterging.54 Durch den Aufbruch einer kritisch medialen Öffentlichkeit in den sechziger Jahren, konnten sich politische Magazine wieder neu etablieren. Hickethier beschrieb dies als eine Phase des Umbaus, der aufgrund der Durchsetzung des Fernsehens als Massenmedium mit der Ausweitung des Programmangebots einherging.55 Die ersten politischen Magazine dieser neuen Ära waren Anno und Panorama, jedoch bleibt anzumerken, dass es umstritten ist, welches Politmagazin zuerst ausgestrahlt wurde. Im Oktober 1960 machte zwar Anno den Start der politischen Magazine der sechziger Jahre. Ab 1962 wurde sie dann zu Report umbenannt. Das Panorama, dass erst im Juni 1961 startete, hatte aber bereits 1957/58 eine Vorläufersendung Panorama – worüber man spricht, worüber man sprechen sollte mit zwölf Folgen, die der späteren Sendereihe jedoch kaum ähnelte.56 Die beiden Abendprogramme, die jeweils 14 täglich gesendet wurden, sollten grundsätzlich über politische Hintergrundinformation berichten. Daneben wurden aber zunächst ebenso Beiträge über Kunst und Kultur ausgestrahlt oder Kurzfilme sowie Dokumentarfilme aus dem Ausland präsentiert.57 Hartmann ist der Ansicht, dass beide Magazine im Wesentlichen Beiträge zum gleichen Themenaspekt sendeten, gleichzeitig aber aus unterschiedlichen Perspektiven berichteten:

„[…] ein zusätzliches Hintergrundwissen zu aktuellen Fragen und Problemen internationaler und nationaler Art zu erlangen und in Auseinandersetzung mit der spezifischen Art der Darbietung, die von einer eher deskriptiven Berichtserstattung bis zu provokant kritischen Sichtweise reicht, eine eigen Meinung bilden“58

[...]


1 Vgl. GÄBLER 2015, S. 5.

2 Vgl. HODENBERG 2006, S. 308.

3 Vgl. HICKETHIER 1988, S. 100.

4 Vgl. ebd., S. 102.

5 Anhand einer Periodisierung soll die Geschichte des Politmagazins dargestellt werden. Hierbei wird nicht auf die Geschichte von jedem einzelnen Magazin genau eingegangen, sondern durch das Aufzeigen wichtiger Ereignisse die grundlegende Entwicklung und den Charakter hinter dem Politmagazin dargestellt.

6 Vgl. GÄBLER 2015.

7 Vgl. KREUZER/SCHUMACHER 1988; HICKETHIER 1998; BUCHWALD 2002. Speziell zu den einzelnen Magazinsendungen: WINCKLER 1997; MICHAEL 2005; LAMPE 2000.

8 Vgl. HAACKE 1966, S. 235.

9 Ebd., S. 235.

10 Vgl. ZIEGERT 1995, S. 3.

11 Vgl. LERG 1972, S. 171.

12 Vgl. KREUZER 1988, S. 9.

13 Vgl. LERG 1972, S. 171-172.

14 Vgl. BODDY 1987, S. 347-348.

15 Vgl. ebd., S. 348.

16 Vgl. HICKETHIER 1988, S. 96.

17 Vgl. SCHUMACHER1991, S. 217.

18 Vgl. ebd., S. 217.

19 Vgl. REUFSTECK/NIGGEMEIER 2005, S. 984-985.

20 Vgl. SCHUMACHER 1991, S. 223. Darunter: studio frankfurt, Studi III oder Perspektiven.

21 Vgl. HALL 1979, S. 306. Allein in den öffentlich-rechtlichen Programmen wurden 200 unterschiedliche Magazine oder magazinähnliche Sendungen erfasst.

22 Vgl. WEGENER 2001, S. 54

23 Vgl. ebd., S. 54.

24 Vgl. BUCHWALD 2002, S. 195.

25 Vgl. NEVERLA 1992, S. 64-66.

26 Vgl. KREUZER 1988, S. 10.

27 Vgl. ebd., S. 10.

28 Vgl. BUCHWALD 2002, S. 195.

29 KREUZER 1988, S.11.

30 Vgl. WEGENER 2001, S. 56.

31 Vgl. SCHUMACHER 1988, S.129.

32 BUCHWALD 2002, S. 206.

33 Vgl. HICKETHIER 1997, S.514.

34 Vgl. SCHUMACHER 1988, S.137.

35 Vgl. REUFSTECK/NIGGEMEIER 2005, S. 984-985.

36 Vgl. STEIGER 2009, S.110.

37 Ebd., S. 110.

38 Vgl. ebd., S. 110. Politische Magazine gehen fast genauso voran. Es beginnt mit einer konkreten Ausgangsfrage, die meist eine Problematik beinhaltet. Im Mittelteil des Beitrags wird sie kontrovers diskutiert. Am Schluss wird dann an die Ausgangsfrage geknüpft und sich moralisch dazu positioniert.

39 Vgl. ORDOLFF 2005, S. 230.

40 Vgl. BUCHWALD 2002, S. 198.

41 Vgl. ebd., S. 198.

42 Ebd., S. 198

43 Vgl. ebd., S. 195.

44 Vgl. GEISSNER 1988, S. 142.

45 Vgl. ebd., S.142-143. Eine Ressortierung fällt weg und hebt damit den Unterschied zwischen privat und öffentlich auf.

46 Vgl. BUCHWALD 2002, S. 197.

47 Ebd. S. 197.

48 Vgl. WEGENER 2001, S. 173.

49 Vgl. KAMMANN 1989, S. 9.

50 Vgl. HODENBERG 2006, S. 305.

51 KAMMANN 1989, S. 9.

52 Vgl. HICKETHIER 1998, S. 172.

53 Vgl. ebd., S. 172.

54 Vgl. WEGENER 2001, S. 62.

55 Vgl. HICKETHIER 1988, S. 98.

56 Vgl. LAMPE 2000, S. 16-17.

57 Vgl. SCHUMACHER 1991, S. 222.

58 HARTMANN 1993, S. 92.

Ende der Leseprobe aus 39 Seiten

Details

Titel
Politische Magazine im deutschen Fernsehen. Etablierung und Stellenwert
Hochschule
Universität Stuttgart
Veranstaltung
Massenkultur im 20. Jahrhundert
Note
1,3
Autor
Jahr
2021
Seiten
39
Katalognummer
V1146733
ISBN (eBook)
9783346525741
ISBN (Buch)
9783346525758
Sprache
Deutsch
Schlagworte
politische, magazine, fernsehen, etablierung, stellenwert
Arbeit zitieren
Hoang Phan Viet (Autor:in), 2021, Politische Magazine im deutschen Fernsehen. Etablierung und Stellenwert, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1146733

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