Welche Positionierungen innerhalb des Spannungsverhältnisses zwischen den antinomischen Grundbegriffen ergeben sich aus den Folgerungen, die aus der Theorie der kognitiven Entwicklung nach Piaget gewonnen werden können?
Professionelles pädagogisches Handeln im Rahmen schulischen Unterrichts findet im Spannungsfeld zwischen antinomischen Grundbegriffen (beispielsweise Freiheit und Zwang) statt, wodurch der Pädagoge in ein Dilemma gerät: Jede Handlung – sei sie nun bewusst oder unbewusst – stellt eine Positionierung innerhalb des beschriebenen Spannungsfeldes dar. Die Folgen dieser Positionierung sind dabei oft ungewiss. Es ist nahezu unmöglich einzuschätzen und noch schwerer umzusetzen, wie die Unterrichtsgestaltung dem Lernerfolg des größten Teils der Schülerinnen und Schüler am besten dienen würde. Eine arbiträre, nicht durch (didaktische) Überlegungen bestimmte Positionierung in Bezug auf die Grundbegriffe, hätte vermutlich negative Folgen für den Lernerfolg. Eine Möglichkeit, diesem Dilemma zu begegnen, besteht darin, einen bestimmten theoretischen Standpunkt einzunehmen und für die Positionierung nutzbar zu machen. Im Rahmen dieser Hausarbeit möchte ich aufzeigen, dass die Orientierung an dem entwicklungstheoretischen Modell nach Piaget eine Positionierung im Spannungsverhältnis der Antinomien ermöglicht.
Zunächst werden einige der Antinomien pädagogischen Handelns vorgestellt, deren Auswahl auf Grundlage der Relevanz der Folgerungen aus der kognitiven Entwicklungstheorie für eine Positionierung bezüglich eben jener geschah. Daraufhin wird als theoretischer Standpunkt die Entwicklungstheorie nach Piaget eingenommen und umrisshaft dargestellt. Im Anschluss wird thesenartig festgehalten, welche Folgerungen aus dieser Theorie gezogen werden können. Schließlich werden hierauf aufbauend eine Positionierung bezüglich der Grundbegriffe vorgenommen und offenbleibende Probleme thematisiert.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Antinomien pädagogischen Handelns
2.1 Zwang und Freiheit
2.2 Interaktion und Organisation
2.3 Nähe und Distanz
3. Theorie der kognitiven Entwicklung nach Piaget
3.1 Funktionen der Entwicklung
3.2 Verlauf der Entwicklung in Stufen
4. Folgerungen aus der Theorie der kognitiven Entwicklung
5. Positionierung im Spannungsverhältnis der Antinomien
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht, inwieweit die kognitive Entwicklungstheorie nach Jean Piaget dazu beitragen kann, professionelles pädagogisches Handeln innerhalb der inherenten Spannungsfelder (Antinomien) zu strukturieren und zu begründen.
- Antinomien des pädagogischen Handelns nach Werner Helsper
- Grundlagen der kognitiven Entwicklungstheorie nach Jean Piaget
- Stufenmodell der geistigen Entwicklung und seine Implikationen
- Synthese von Entwicklungstheorie und pädagogischem Dilemma
- Rolle der Lehrkraft als Vermittler im Lernprozess
Auszug aus dem Buch
3. Theorie der kognitiven Entwicklung nach Piaget
Jean Piagets (1896 – 1980) Interesse galt weniger den Verhaltensinhalten als vielmehr den dem kindlichen Verhalten zu Grunde liegenden allgemeinen Strukturen. Dabei werden Strukturen zunächst als hypothetische Konstrukte angesehen: Mit ihrer Hilfe können die strukturellen Gemeinsamkeiten inhaltlich verschiedenen Verhaltens dargestellt und die Übereinstimmungen der Zeitpunkte des Auftretens dieser unterschiedlichen Verhaltensweisen erklärt werden. (vgl. Piaget 1973, S. 7)
„Ein Schema kennzeichnet eine typische Art und Weise, wie mit bestimmten Gegebenheiten der Umwelt umgegangen wird. […] Diese Schemata sind aufeinander bezogen und untereinander zu einer Struktur verknüpft. Erst das Vorhandensein einer kognitiven Struktur ermöglicht eine sinnvolle und erfolgreiche Auseinandersetzung mit der Umwelt.“ (Langfeldt/Nothdurft, S. 80 – 81)
Veränderungen im Laufe der Entwicklung betreffen hauptsächlich die Strukturen; jede Entwicklungssequenz kann erklärt werden, durch eine Abfolge von Strukturen: Die genetisch höhere Struktur ist als Ausgangsstruktur deriviert, nachfolgende Strukturen sind den vorausgehenden stets überlegen. (vgl. Schwarz, S. 6 – 7) Erkenntnisse und Einsichten werden nicht durch eine einfache Abbildung der physikalischen Realität gewonnen, sondern resultieren aus einem aktiven Regelkreis des positiven und negativen Feedbacks in der Interaktion zwischen dem Organismus und seiner Umwelt. (vgl. Garz, S. 84)
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung stellt die Problematik der pädagogischen Antinomien dar und führt in das Ziel der Arbeit ein, das Modell von Piaget als Lösungsweg für professionelle pädagogische Entscheidungen zu nutzen.
2. Antinomien pädagogischen Handelns: Dieses Kapitel definiert pädagogisches Handeln als einen von Macht- und Kompetenzunterschieden geprägten Prozess und erläutert die zentralen Spannungsfelder zwischen Zwang, Organisation und Nähe.
3. Theorie der kognitiven Entwicklung nach Piaget: Das Kapitel bietet eine theoretische Übersicht zu den zentralen Begriffen Piagets, wie Schemata, Assimilation, Akkommodation und dem stufenförmigen Verlauf kognitiver Strukturen.
4. Folgerungen aus der Theorie der kognitiven Entwicklung: Hier werden aus den theoretischen Erkenntnissen fünf konkrete didaktische Richtlinien abgeleitet, die sich an der entwicklungsspezifischen Reife des Kindes orientieren.
5. Positionierung im Spannungsverhältnis der Antinomien: Das Fazit der Arbeit überträgt die erarbeiteten Folgerungen auf die eingangs beschriebenen Antinomien und reflektiert die Möglichkeiten und Grenzen einer theoriegestützten pädagogischen Praxis.
Schlüsselwörter
Pädagogisches Handeln, Antinomien, Kognitive Entwicklung, Jean Piaget, Konstruktivismus, Stufenmodell, Adaption, Assimilation, Akkommodation, Lehr-Lern-Verhältnis, Autonomie, Zwang, Professionalität, Pädagogik, Unterrichtsgestaltung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Herausforderung, professionelles pädagogisches Handeln in einem Umfeld zu gestalten, das durch unauflösbare Gegensätze (Antinomien) wie Freiheit und Zwang oder Nähe und Distanz geprägt ist.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Zentrale Themen sind die pädagogische Handlungstheorie, die kognitive Entwicklung nach Jean Piaget und die Verknüpfung dieser psychologischen Erkenntnisse mit der praktischen Schulgestaltung.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsfrage?
Das Ziel ist es aufzuzeigen, wie die Orientierung am Modell der kognitiven Entwicklung nach Piaget Pädagogen dabei helfen kann, bewusste Positionierungen innerhalb des antinomischen Spannungsfeldes vorzunehmen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretisch-analytische Arbeit, die primär auf einer Literaturanalyse und der Interpretation bestehender entwicklungstheoretischer Erkenntnisse basiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung der Antinomien nach Werner Helsper, die Erläuterung des piagetschen Stufenmodells und die Ableitung konkreter didaktischer Folgerungen für den Unterricht.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Antinomien, kognitive Entwicklung, Piaget, pädagogisches Handeln, Konstruktivismus und Professionalität definiert.
Wie unterscheidet sich die Rolle des Lehrers nach der Arbeit von einer rein instruktiven Rolle?
Der Lehrer wird nicht mehr als bloßer Wissensvermittler gesehen, sondern als Moderator, der das Interesse des Kindes weckt und das Lernumfeld so gestaltet, dass eigenständige Problemlösungen innerhalb der kognitiven Stufen möglich sind.
Wie geht die Arbeit mit der Problematik von Zwang und Freiheit um?
Die Arbeit schlägt vor, die Autonomie des Kindes durch eine entwicklungsgerechte Gestaltung zu fördern, wobei die Lehrkraft vor allem in frühen Phasen stärker vorstrukturierend eingreift und sich mit zunehmender Reife des Kindes sukzessive zurückzieht.
Inwiefern bleibt die Frage nach der tatsächlichen Verinnerlichung von Moral offen?
Der Autor stellt kritisch fest, dass eine rein kognitive Theorie nicht final klären kann, ob moralische Werte tatsächlich tiefgreifend verinnerlicht wurden oder ob Schüler lediglich aus Anpassungsdruck äußere Regeln imitieren.
- Arbeit zitieren
- Sebastian Grünberg (Autor:in), 2017, Antinomien pädagogischen Handelns und die Theorie der kognitiven Entwicklung nach Piaget, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1146779