Im folgenden Teil meiner Hauptseminarsarbeit möchte ich gern die Funktionen der mittelalterlichen Literatur und ihre Wirkung auf den Zuschauer am Beispiel des Wolframschen „Parzival“ analysieren und erläutern.
Dem realen, sowie auch dem fiktiven Zuschauer soll hierbei eine besondere Aufmerksamkeit zugesprochen werden, da sich erst aus seiner Wissens- und Handlungsperspektive die Absichten, die der Autor bezweckt, entfalten können. Der Zuschauer gilt folglich als Adressat der zweckgebundenen Literatur.
Gern möchte ich die Termini Zuhörer und Leser synonym verwenden, da, wie in Kapitel I. 2 beschrieben werden soll, die Leserschaft nur einen sehr geringen Prozentsatz darstellt und die Zuhörerschaft folglich vordergründig behandelt werden muss – die Funktionen der Literatur aber gleichermaßen auf das entsprechende Auditorium wirken.1
Ziel meiner Arbeit ist es, nachzuweisen, dass mittelalterliche Literatur immer an einen Zweck gebunden war und intertextuelle Verweise und Sentenzen, sowie Belege und Einschübe, zur Gemeinschaftsstiftung notwendig und dienlich waren.
Mein Interesse gilt hier dem „Parzival“, weil ich bei meinem ersten Lesen dieses mittelalterlichen Romans sehr bewusst und eindeutig feststellen konnte, dass Wolfram ein Spiel mit seinen Zuschauern anstrebt und sie ins Handlungsgeschehen einbindet. Sie werden zu Mitspielern auf einer Basis der Gemeinsamkeit; sie erfüllen in der Handlung eine sinnstiftende Funktion.
Wolfram strebt in seinem Werk deutlich die Bildung einer Zuhörergemeinschaft an, um in diesem Bunde miteinander agieren zu können. Dieses Vorgehen hat mir imponiert, so wie auch die zeitliche Einordnung, denn bereits um 1200 wurde folglich improvisierend Literatur vorgetragen. Nicht der sture Psalm- oder Bibelvortrag war am mittelalterlichen Hof vordergründig, wie oft vermutet wird, sondern das gemeinsame Literaturspektakel.
Hier sehe ich einen aktuellen Bezug zur Gegenwart der mich erstaunt. Auch heute wird der Improvisation viel Aufmerksamkeit zugemessen. In diversen Fernsehsendungen und Lesungen ist sie nämlich genau das, was angestrebt wird und was das Publikum erwartet.
Das dieses auch im Mittelalter der Fall war, beeindruckt mich und deshalb möchte ich mein Interesse auf den folgenden Seiten genau dieser Situation widmen.
Ich beziehe mich im Folgenden auf die überarbeitete Lachmann-Übersetzung sowie auf seine 16teilige Gliederung der Handlung.
Inhaltsverzeichnis
Vorwort
I. Das Werk und sein Publikum
I. 1 Das Werk „Parzival“ und seine Einordnung in der mittelalterlichen Literatur
I. 2 Das höfische Publikum und der geistlichen Leser
I. 3 Der reale und der fiktive Zuhörer
I. 4 Die Erzählerinstanz
I. 5 Die Vortragssituation um 1200
II. Verweise, Einschübe, Sentenzen und Anspielungen im „Parzival“, sowie die damit verbundene Funktion für den mittelalterlichen Zuhörer
II. 1 Direkt den Vortrag und die Zuhörer betreffende Verweise
II. 1. A Erzähler-Reden und Hörer-Anreden
II. 2 Indirekt den Zuhörer betreffende Verweise
II. 2. A Sachliche Erläuterungen und Sentenzen
II. 2. B Literarische Anspielungen
II. 2. C Historische Verweise und politische Zusammenhänge
II. 2. D „Fachexpertenexkurse“ und magische Motive
II. 2. E Geographische Bezüge und Orient-Belege
III. Der gewollte Umgang des Erzählers mit den Zuhörern der „Parzival“-Erzählung, sowie seine Ziele und Zwecke
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Funktionen und die Wirkung von intertextuellen Verweisen, Sentenzen, Belegen und Einschüben im mittelalterlichen Roman „Parzival“ von Wolfram von Eschenbach auf das zeitgenössische Auditorium. Dabei steht die zentrale Frage im Mittelpunkt, wie der Erzähler durch diese gezielten rhetorischen Mittel eine Kommunikationsgemeinschaft stiftet und die Zuhörerschaft aktiv in das Handlungsgeschehen einbindet.
- Die Rolle des Publikums und die Vortragssituation um 1200.
- Die Funktion der Erzählerinstanz und ihre Interaktion mit den Rezipienten.
- Analyse direkter und indirekter Verweise als Mittel zur Sinn- und Verstehensstiftung.
- Die Bedeutung von Literatur- und Historienbezügen für die Autoritätsbildung des Erzählers.
- Der gezielte Einsatz von Humor, Sentenzen und Ortsbezügen zur Einbindung der Zuhörerschaft.
Auszug aus dem Buch
I. 3 Der reale und der fiktive Zuhörer
Im Wolframschen „Parzival“ gibt es viele Bezüge zum Publikum, welches in dem Roman als Mitspieler fungiert. Anreden, Bezüge, Sentenzen und Kritiken werden direkt an das Auditorium gerichtet. Nun stellt sich jedoch die Frage, inwiefern das angesprochene Publikum überhaupt existent ist. Eberhard Nellmann hat hierzu einige interessante Thesen aufgestellt. Laut seinen Untersuchungen kann das im Roman vorgestellte Publikum nicht ohne weiteres mit dem realen Publikum gleichgesetzt werden, da „es zunächst nichts anderes als der Partner des Erzählers, geschaffen – ebenso wie dieser – vom Autor Wolfram, und in seinen positiven Zügen sicher eher Wunschbild als Abbild einer uns nicht mehr greifbaren Wirklichkeit“ ist.
Nicht der real existierende Hörer wird vom Autor des Romans angeredet, vielmehr ist in den Roman eine fiktive Vortragssituation hineingedichtet worden.
Das fiktive Auditorium erhält durch die Erzählung eine Idealität, die der Idealität der Romanhelden nahe kommt, dadurch, dass es soweit es positiv gezeichnet wird, durch eine besondere Affinität zu den Protagonisten der Erzählung charakterisiert wird.
Durch seinen Erzähler schmeichelt Wolfram den realen Hörern, die sich bemühen, den fiktiven ähnlich zu werden, und gewinnt sie so für sich. Er lässt sie des Öfteren den Abstand, der sie von den Protagonisten trennt für einige Momente vergessen und hebt sie auf die selbe Ebene, auf der die Hauptcharaktere agieren. Mit dieser Form der Publikumsbeeinflussung durch die Schaffung eines Idealpublikums ist Wolfram innerhalb der erzählenden deutschen Dichtung bahnbrechend.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Das Werk und sein Publikum: Dieses Kapitel erläutert die literarische Einordnung des „Parzival“, die Bedeutung des höfischen Auditoriums sowie die theoretische Unterscheidung zwischen realem und fiktivem Zuhörer.
II. Verweise, Einschübe, Sentenzen und Anspielungen im „Parzival“, sowie die damit verbundene Funktion für den mittelalterlichen Zuhörer: Hier werden die verschiedenen Arten der Erzählereingriffe – von direkten Anreden bis hin zu historischen und literarischen Verweisen – analysiert und ihre jeweilige Funktion für die Gemeinschaftsstiftung und das Verständnis der Handlung dargelegt.
III. Der gewollte Umgang des Erzählers mit den Zuhörern der „Parzival“-Erzählung, sowie seine Ziele und Zwecke: Das abschließende Kapitel resümiert die rhetorischen Strategien Wolframs und bestätigt die These, dass alle intertextuellen und außer-textlichen Bezüge zweckgebunden zur Einbindung und Unterhaltung des Publikums dienten.
Schlüsselwörter
Parzival, Wolfram von Eschenbach, Mittelalterliche Literatur, Rezeption, Erzählerinstanz, Intertextualität, Zuhörerschaft, Kommunikationsgemeinschaft, Artusroman, Rhetorik, Literaturgeschichte, Vortragssituation, Sentenzen, Fiktion, Idealpublikum
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Hausarbeit untersucht die erzählerische Gestaltung des Romans „Parzival“ und analysiert, wie der Autor Wolfram von Eschenbach verschiedene rhetorische Mittel einsetzt, um eine Brücke zwischen der Erzählung und seinen Zuhörern zu schlagen.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Im Zentrum stehen die Funktion der Erzählerrede, der Einfluss von Literatur- und Geschichtsbezügen auf das Verständnis der Zuhörer sowie die Rolle der Vortragssituation in der mittelalterlichen höfischen Gesellschaft.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Ziel ist es nachzuweisen, dass mittelalterliche Literatur nicht für den stillen Leser, sondern primär für ein Publikum geschaffen wurde und dass intertextuelle Verweise und Einschübe notwendige Instrumente zur Gemeinschaftsstiftung und Sinnvermittlung darstellten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse durchgeführt, die sich auf die Untersuchung von Erzähltexten, den Einbezug der Forschungsliteratur (u.a. zu den Erzähltechniken bei Wolfram) sowie die Interpretation von Anreden und Kommentaren im Text stützt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine detaillierte Untersuchung der „Erzählerrede“ und Hörer-Anreden sowie eine Analyse indirekter Verweise wie Sachkommentare, literarische Anspielungen (z.B. auf Hartmann von Aue) und zeitgeschichtliche Bezüge.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit zeichnet sich besonders durch Begriffe wie Parzival, Erzählerinstanz, Kommunikationsgemeinschaft, Intertextualität und Publikumseinwirkung aus.
Welche Rolle spielen die "Fachexpertenexkurse" im Werk?
Sie dienen der Quellenlegitimation, indem Wolfram sich auf Autoritäten wie Kyot oder Flegetanis beruft, um seinem Roman einen höheren Wahrheitsgehalt und eine besondere Glaubwürdigkeit im Kontext der mittelalterlichen Weltanschauung zu verleihen.
Warum wird der Erzähler im Text als "Antiparzival" bezeichnet?
Der Erzähler präsentiert sich oft als Mann der bürgerlichen Durchschnittlichkeit, der arm und hungrig ist, was in einem humoristischen Kontrast zum idealen, ritterlichen Helden Parzival steht und somit Sympathie beim Publikum erzeugt.
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- Katharina Giers (Author), 2006, Die Funktion intertextueller Verweise, Sentenzen und Belege für den mittelalterlichen Zuhörer im Wolframschen „Parzival“, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/114679