Die "Theorie des Helfens" von Alice Salomon. Entwicklung der Sozialen Arbeit als Profession


Hausarbeit (Hauptseminar), 2021

15 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

2. Biografischer Hintergrund
2.1 Sozialstrukturelle Bedingungen zur Zeit von Alice Salomon

3. Die Theorie des Helfens
3.1 Die Kunst, zu leben
3.2 Die Kunst, zu helfen
3.3 Die Funktion des Helfens

4. Fazit

Literaturverzeichnis

Einleitung

Ich habe mich für Alice Salomon entschieden, da sie und ihr Wirken kaum noch Beachtung findet, ich ihre Theorien jedoch gerade in unserer heutigen Zeit als sehr wertvoll erachte. Heute würden wir vieles von dem was sie beschreibt, mit Begriffen wie „Lebensweltorientierung“ (Thirsch) „Empowerment“ (Herriger), Prozessorientierung“, „Selbstreflexion“ , oder „ Stadtteilorientierung“ belegen. Diese Begriffe beschreiben heute zwar komplexere Konzepte, die Grundgedanken sind jedoch bei Salomon bereits angelegt.

Salomon ist eine der Begründer*innen der Profession Soziale Arbeit und spielt eine entscheidende Rolle in der Entwicklung der Frauenbewegung sowie der staatlichen Wohlfahrtspflege zu Beginn des 20. (“Alice Salomons Theoretische Gedanken zur Sozialen ...”) Jahrhunderts. Ihre Arbeit erstreckt sich in Deutschland über drei Jahrzehnte hinweg. Mit ihren Theorien legt sie einen Grundstein zur Weiterentwicklung der Profession, als Basis für ein ethisch und fachlich korrektes Handeln im Sinne der Klient*innen. (“Alice Salomons Theoretische Gedanken zur Sozialen Arbeit ...”) Einen großen Teil macht die Qualifizierung der Fachkräfte für die Soziale Arbeit aus. (vgl. Engelke ,2009 S. 234)

Menschen werden geboren und wachsen heran, dies ist eine Natürlichkeit. Durch diese Selbstverständlichkeit wird kaum bedacht, wie viele Probleme und Herausforderungen zu bewältigen sind. Der Lebensbereich eines jeden Menschen befindet sich im stetigen Wandel. Die Aufgabe, diese Herausforderungen und Probleme in den Alltag und das Leben zu integrieren und mit ihnen zurechtzukommen, wird von Salomon als die Kunst des Lebens beschrieben.

Alice Salomon sagt dazu:

„Ein jedes Leben ist von Kämpfen und Ringen erfüllt. Denn die Welt, in die wir geboren werden, passt nicht wie ein Rock der nach Maß gemacht, oder wie ein Haus, das nach unseren Wünschen gebaut ist (…) Der Mensch hat sich damit abzufinden“ (Salomon 1926, S.80).

In der aktuellen Sozialarbeit wird nur noch selten beachtet, dass allein schon das Leben eine Kunst ist. Der Blick wird eher auf die Defizite und Probleme der Klient*innen gerichtet. In der „Theorie des Helfens“ hingegen richtet Alice Salomon den Fokus auf eine Verhaltensänderung der Klient*innen, sodass diesen ermöglicht wird, die Kunst zu leben, wieder auszuführen.

In dieser Hausarbeit soll der Frage nachgegangen werden, was Alice Salomons „Theorie des Helfens“ beinhaltet.

Im ersten Teil der Hausarbeit werde ich Alice Salomons Leben beschreiben, explizit werde ich auf den sozialkulturellen Hintergrund zur Zeit von Alice Salomon und ihren Beitrag zur Entwicklung der Sozialen Arbeit als Profession eingehen. Des Weiteren wird ein Blick auf die Situation der Frauen im Hinblick auf deren Rolle in der damaligen Gesellschaft sowie die Methoden und Theorien von Alice Salomon geworfen.

Das dritte Kapitel befasst sich mit dem Grundsatz Alice Salomons „Theorie des Helfens“, das unterteilt wird in: die Kunst zu leben, die Kunst zu helfen und die Funktion des Helfens.

Anhand von Beispielen werde ich versuchen die „Theorie des Helfens“ deutlich zu machen. Im Letzten Kapitel wird ein Fazit gezogen. In diesem wird noch einmal darauf eingegangen wie die „Theorie des Helfens“ von Salomon verstanden werden kann und welchen Beitrag sie zum Wandel des Rollenbildes der Frau zur damaligen Zeit sowie zur Professionalisierung der Sozialen Arbeit beigetragen hat. Das Fazit schließt mit einem kurzen Blick auf die Aktualität der Theorie in unserer jetzigen Zeit.

2. Biografischer Hintergrund

Alice Salomon wird 1872 als das vierte von sechs Kindern geboren. Schon früh entwickelt sie den Wunsch eine sinnvolle Tätigkeit auszuüben, anders als es die damalige Zeit und Gesellschaft vorgibt. Ihr Vater war ein im Lederhandel tätiger jüdischer Geschäftsmann und er verstirbt als Alice 14 Jahre ist. (vgl. Salomon 1983; Wieleer 1987; Maier 1988b; Eggemann 1999) ihre Mutter stammt aus einer schlesischen Bankiersfamilie. Salomon wächst in Berlin auf, wird auf der „Zimmermannsche Höhere ­Töchterschule“ in unmittelbarer Nachbarschaft eingeschult und besucht diese bis zu ihrem 15. Lebensjahr. Das letzte Schul­jahr wiederholt Salomon freiwillig, weil ihr bewusst ist, dass mit dem Ende der Schul­zeit gleichzeitig auch die Zeit des Lernens beendet ist (vgl. Kuhlmann 2000, S. 51).

Nach dem Abschluss der Schule bereitet sich Salomon auf die Aufnahmeprüfung für das Lehrerinnenseminar vor. Ihre Mutter verweigert jedoch ihre Zustimmung (vgl. Müller 1988, S. 125), sodass Salo­mon nur eine Kunstschule für Nadelarbeit besuchen kann. Salomon verbringt in dieser Zeit täglich mehrere Stunden damit, vor einem Stickrahmen sitzend Stickarbeiten auszuü­ben. Sie betrachtet diese Zeit im Nachgang als ein „Fluch“ und stickte „alle Träume für ein besseres Leben in das Leinen hinein“ (vgl. Kuhlmann 2007, 16 ff.).

Diese Zeit des Wartens endet erst mit einer Einladung zur Gründungsversammlung der „Mädchen- und Frauengruppe für soziale Hilfsarbeit“ (im folgenden „Gruppen“ genannt) im Jahr 1893. Diese Gruppen bestehen aus sozialpolitisch engagierten Bürger*innen. Sie woll­en freiwillige Dienste in wohltätigen Einrichtungen organisieren (vgl. Kuhlmann 2000, S. 55). Auf diesen Versamm­lungen trifft Salomon mit Vertreter*innen der Frauenbewegung (u.a. Jeanette Schwerin) sowie mit Sozialreformer*innen (z.B. G. Schmoller und M. Sehring) zusammen. Im Rahmen der Arbeit der Gruppen sammelt Salomon erste Erfahrungen im sozialpäd­agogischen Berufsbereich. Sie arbeitet ehrenamtlich in einem Mädchenhort und besucht Familien, die einen Unterstützungsantrag bei einer privaten Wohlfahrtszentrale gestellt haben. Parallel dazu nimmt sie an Vorlesungen in Soziologie und Staatsbürgerkunde teil, wel­che ebenfalls Bestandteil der Arbeit der Gruppen sind (vgl. Kuhlmann 2008, S. 5 ff).

!983 geht ihr großer Wunsch in Erfüllung und sie schließt sich Jeanette Schwerin und den „Mädchen und Frauengruppen“ für soziale Hilfsarbeit in Berlin an. Sie kümmert sich dort zu Anfang um junge Arbeiterinnen. Sie ist von der Frauenbewegung fasziniert und beschließt, auf Ehe und Familie zu verzichten und sich ganz und gar der Wohlfahrtspflege zu widmen. Sie tritt 1899 nach dem Tod von Schwerin deren Nachfolge als Vorsitzende der „Gruppen“ an. Im gleichen Jahr übernimmt sie die Leitung der Jahreskurse für Frauen zur Ausbildung in der sozialen Arbeit. Da sie erkannt hat, das die Soziale Arbeit“systematischer Vorbereitung bedurfte, dass Kenntnisse der rechtlichen und ökonomischen Struktur der Gesellschaft sowie der menschlichen Seite der Armut nötig waren “ (Salomon (1983, S.55), beschließt Salomon, auch wieder Zeit in ihre eigene Ausbildung zu stecken und studiert Nationalökonomie und Sozialwissenschaft. Sie studiert ohne Abitur und schließt ihr Studium 1906 mit der Promotion (Dissertationsthema: Die Ursachen der ungleichen Entlohnung von Männern und Frauenarbeit) ab. (vgl. Engelke 2009, S 236ff.)

Für die Frauenbewegung und die Schulreform stellt sich das Jahr 1908 als ein Schlüssel­jahr herausstellen, da in diesem Jahr die Aufhebung des preußischen Vereinsge­setzes sowie die preußische Mädchenschulreform stattfinden (vgl. Kuhlmann 2007, S. 7).

Durch diese Reform können Frauen offiziell zum Studium zugelassen werden. Im Zuge dieser Entwicklungen eröffnet Salomon im selben Jahr die soziale Frauenschule und wird deren erste Leiterin Nach dem Ersten Weltkrieg steigt der Bedarf an Frauenschulen und gut ausgebildeten Wohlfahrtspflegerinnen sprunghaft an. Für die Gewährleistung allgemeiner Ausbildungs­standards bei den neu gegründeten Schulen wird 1920 die Nationale Konferenz der sozia­len Frauenschulen ins Leben gerufen, deren erste Vorsitzende Salomon wird.

1925 grün­det Salomon die Deutsche Akademie für soziale und pädagogische Frauenarbeit, welche Weiterbildungsmöglichkeiten für Führungskräfte in der sozialpädagogischen Praxis anbietet Salomon nimmt national wie international eine führende Rolle innerhalb der bürgerlichen Frauenbewegung als auch innerhalb der Schulen für soziale Arbeit ein Im Zuge der Machtergreifung der Nationalsozialisten wird Salomon 1933 sämtli­cher öffentlicher Ämter enthoben. Obwohl sie Deutschland nicht verlassen will, wird sie nach einigen kurzen Auslandsaufenthalten 1937 von den Nazis vor die Wahl gestellt, auszureisen oder in ein Konzentrationslager überstellt zu werden .

Salomon emigriert über England in die USA und lebt fortan in New York. Nach Aberkennung der deutschen Staatsbürgerschaft 1939 wird sie 1944 US-amerikanische Staatsbürgerin Aufgrund ih­res fortgeschrittenen Alters kann sie in den USA ihre publizierenden und dozierenden Tä­tigkeiten nicht mehr ausüben. Salomon stirbt 1948 in New York, ohne je wieder deutschen Boden betreten zu haben. (vgl. Engelke 2009, S. 237 ff.)

2.1 Gesellschaftliche Bedingungen zur Zeit von Alice Salomon

Die gesellschaftlichen Bedingungen, Strukturen, soziale Probleme, Herausforderungen, soziale Ungerechtigkeiten und Armut mit denen Alice Salomon sich in ihrer Zeit auseinandersetzt, sind in unserer heutigen Zeit weiterhin akut und präsent. Zurzeit Salomon herrscht die Auffassung und wird auch so proklamiert, das vom biologischen Standpunkt aus gesehen jeder gesellschaftliche Zustand legitim ist und die Schwachen der Gesellschaft kein Recht haben, sich zu beklagen oder gar eine Änderung zu verlangen. Gegen diese Auffassung plädiert Salomon für den Schutz der Schwachen. (vgl. Salomon 1928, S.14) (vgl. Engelke 2009, S.239)

Aktuell zeigt sich auch bei uns aufgrund der weltweiten Pandemie der Unterschied und die Schere zwischen Arm und Reich sehr deutlich. Kinder aus armen Familien bleiben bei der Bildung auf der Strecke, da sie nicht über Endgeräte verfügen, um am Onlineunterricht teilzunehmen. Arme Familie, die in sozialen Brennpunkt Ballungsgebieten leben, können sich nicht so schützen, was Hygiene Maßnahmen angeht. Sie leben im engsten Raum in sogenannten Brennpunkt Siedlungen, müssen sich demzufolge Wasch-und Toilettenräume mit mehreren Menschen teilen. Die Zahl der häuslichen Gewalt ist hoch, seit der Verhängung der Ausganssperren und der Schließung von Freizeitorten usw. Unsere Gesellschaft befindet sich im Wandel. Es finden große Veränderungen und auch Verbesserungen statt, doch können diese nicht von allen Menschen adaptiert werden.

Diese soziale Schichtung führt damals wie heute dazu, dass viele Klassen der Bevölkerung in Zeiten von Krankheit, Alter, Arbeitslosigkeit in wirtschaftliche Notlagen geraten. Diese Massennotlage trifft vor allem die Städte. Das Zusammenballen vieler Menschen auf kleinstem Raum, beengte Wohnverhältnisse, ungenügende Hygiene führen zu gesundheitlichen Schäden, zu Seuchen und hoher Sterblichkeit (vgl. Engelke 2009, S 240). Diese Menschen brauchen besondere Unterstützung. Daher ist es, im Hinblick auf Alice Salomons „Theorie des Helfens“, interessant und sinnvoll auf die sozialstruktureIlen Bedingungen zu ihrer Zeit sowie auf die Begründung und Anfänge der sozialen Arbeit zu schauen.

Bereits vor dem Eintreten der Reformbewegungen im Bereich der Mädchenbildung, gelingt es einigen Frauen aus Langeweile und fehlendem Lebenssinn, sich entgegen den gesellschaftlichen Normen weiterzubilden. Zu ihnen gehört auch Alice Salomon. Sie besucht unter anderem Vorlesungen und Vorträge und tritt in den „Bund Deutscher Frauenvereine“ (BDF) ein. Unter diesem Einfluss entsteht die Idee, ehrenamtliche Tätigkeit in der Wohlfahrtspflege als qualifiziertes Berufsfeld für Frauen anzuerkennen. Salomon bietet einen Jahreskursus für ehrenamtliche Berufsarbeit in der Wohlfahrtspflege mit verbindlichen Teilnahmebedingungen an und legt so einen Grundstein für die berufsmäßige Ausübung der Sozialarbeit. Mit der Gründung der ersten Schule für soziale Frauenarbeit in Berlin 1908 setzt sich diese Idee weiter fort.

Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass Alice Salomon sich dafür einsetzt, eine konzeptionelle, professionelle und anerkannte Ausbildung für Frauen in der Sozialarbeit zu schaffen (vgl. Engelke ,2009, S. 336).

Nach dem ersten Weltkrieg kommt es zu einem wirtschaftlichen Kollaps und es ist der gemeindlichen Armenpflege mit ihren ehrenamtlichen Helfern nicht möglich, die ständig wachsende Not durch Arbeitslosigkeit, Elend, Verwaisen, Vermögensverlust, Armut und Mittellosigkeit aufzufangen. Ein neues Fürsorgesystem muss entwickelt werden, um der Bedürftigkeit gerecht zu werden. Zunächst entstehen Berufe wie zum Beispiel Familienfürsorgerin, Fabrikhelferin oder Jugendleiterin (vgl. Berger 2011, S. 42 f.; Sagebiel 2010, S. 44-47). Frauen sollen und wollen aus Salomons Sicht an der Gestaltung der Gesellschaft, der Neugestaltungen von sozialen Anforderungen und an politischen Entscheidungen teilnehmen (vgl. Kuhlmann 2008, S. 21-23).

Da Hilfstätigkeit und Wohlfahrtspflege in der damaligen Gesellschaft als eine durchaus legitime Arbeit/Beschäftigung für Frauen außerhalb der familiären Pflichten gilt, macht es sich Salomon zum Ziel, Frauen einen Weg aufzuzeigen, sich in eine helfende Beschäftigung ausbilden zu lassen. Dies entspricht dem gesellschaftlichen Bild der Frau außerhalb von Ehe und Familie, da mütterliche Fürsorglichkeit als gottgegebene Charaktereigenschaft der Frau angesehen wird. (vgl. Kuhlmann 2008, S. 22) Und auch hier finden wir wieder Parallelen zu unserer aktuellen Situation. Die Corona-Krise verschärft die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern.

„Viele Befunde deuten auf eine Retraditionalisierung des Geschlechterverhältnisses hin- also, das sich alte Geschlechterrollen in der Zeit des Lockdowns wieder verstärken“ (Heike Ohlbrecht Sozialwissenschaftlerin MDR. DE).

Aufgrund der Pandemie und der damit einhergehenden Einschränkungen, bleibt es wieder vermehrt den Frauen/Müttern überlassen zu Hause im Homeoffice zu arbeiten und sich gleichzeitig um Kinder und Haushalt zu kümmern. Wie sich diese aktuelle Lage nach der Pandemie weiter gestaltet, wird sich erst noch zeigen.

[...]

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Die "Theorie des Helfens" von Alice Salomon. Entwicklung der Sozialen Arbeit als Profession
Hochschule
Technische Hochschule Köln, ehem. Fachhochschule Köln
Note
1,0
Autor
Jahr
2021
Seiten
15
Katalognummer
V1147086
ISBN (eBook)
9783346539427
ISBN (Buch)
9783346539434
Sprache
Deutsch
Schlagworte
theorie, helfens, alice, salomon, entwicklung, sozialen, arbeit, profession
Arbeit zitieren
Beatrice Schöppe Marinotti (Autor:in), 2021, Die "Theorie des Helfens" von Alice Salomon. Entwicklung der Sozialen Arbeit als Profession, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1147086

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