Die Liebe zwischen Mann und Frau ist eines der zentralen, wenn nicht sogar das zentrale Thema des mittelalterlichen Minnesangs. In der Regel besingt in den Minneliedern ein Mann seine Geliebte und betrauert, dass sie nicht vereint sein können oder dass die Frau ihn ablehnt. Die Lieder sind von Sehnsucht, Trauer und Verzweiflung geprägt, die die Minneherrinnen bei den Sängern auslösen. Doch in einzelnen Liedern – den sogenannten Frauenliedern
– kommen in Dialogen, Wechseln oder Monologen auch die Frauen zu Wort und äußern ihre Gedanken und Gefühle über ihre Liebesbeziehung. "Frauen, die in diesen Texten sprechen, sind durchaus unterschiedlich, wenn auch ihr Denken ausschließlich auf den Mann gerichtet ist", schreibt Heike Sievers über die Frauenlieder. Und nicht nur die Frauen sind
unterschiedlich, sondern auch die Intentionen der Dichter hinter den Frauenkonzeptionen. Diese Thesen sollen mit dieser Arbeit belegt werden.
Dazu werden die Lieder "Lieber bote, nu wirp alsô" von Reinmar dem Alten und "Under der linden" von Walther von der Vogelweide exemplarisch analysiert und miteinander verglichen. Es soll gezeigt werden, wie die Frauen in den beiden Liedern dargestellt werden und welche Unterschiede in den Liedern, ihren Darstellungen und Themen bestehen. Außerdem soll die Frage geklärt werden, warum die Dichter die Frauen und Frauenlieder auf diese unterschiedlichen Arten konzipiert haben.
Im ersten Teil der Arbeit soll Reinmars "Lieber bote, nu wirp alsô" analysiert werden. Dazu wird zunächst die Darstellung der Frau, der Liebesbeziehung und der Liedthemen betrachtet. Im Anschluss daran geht es um die Rolle und die Funktion des Boten, bevor im letzten Abschnitt die Hintergründe der ganzen Liedkonzeption untersucht werden. Im zweiten Teil soll dann Walthers "Under der linden" genauer betrachtet werden. Auch hier wird anfangs die Darstellung der Themen, der Frau und der Liebe im Vordergrund stehen. Ehedem es zu einem Fazit kommt, soll auch für Walthers Lied die Funktion der Gesamtkonzeption betrachtet werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Reinmars Lieber bote, nu wirp alsô (MF 178, 1)
2.1 Die Darstellung der Frau und der Themen im Lied
2.2 Die Rolle und Funktion des Boten
2.3 Die Hintergründe der Konzeption
3. Walthers Under der linden (L. 39, 11)
3.1 Die Darstellung der Frau und der Liebesbeziehung
3.2 Die Hintergründe der Konzeption
4. Fazit
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht und vergleicht die Konzeptionen weiblicher Figuren in den mittelhochdeutschen Minneliedern „Lieber bote, nu wirp alsô“ von Reinmar dem Alten und „Under der linden“ von Walther von der Vogelweide. Das zentrale Ziel ist es, die unterschiedlichen Darstellungen der Frauen, ihre jeweilige Rolle im Kontext der Minne-Dichtung und die Intentionen der Dichter hinter diesen Konzeptionen herauszuarbeiten und kritisch zu beleuchten.
- Analyse der Frauenrolle als lyrisches Rollen-Ich im Minnesang
- Gegenüberstellung des „dilemmatischen Frauenmonologs“ bei Reinmar und der erfüllten Liebe bei Walther
- Untersuchung der Funktion von Boten und Dialogstrukturen
- Reflexion über gesellschaftliche Normen, Minnekritik und männliche Projektionen
- Vergleich der Gattungsmerkmale und poetologischen Hintergründe
Auszug aus dem Buch
2.1 Die Darstellung der Frau und der Themen im Lied
Bei der Analyse des Botenliedes ist es zunächst wichtig, die inhaltlichen und sprachlichen Aspekte bei der Darstellung der Dame und der Situation zu betrachten. Zunächst sollte die Sprecherrolle an sich identifiziert werden. Da die meisten Minnelieder eine männliche Sprecherrolle haben, muss das Genus in Frauenliedern durch entsprechende Zusätze eindeutig kenntlich gemacht werden. Wird die Sprecherrolle als weiblich erfasst, spricht man in Frauenliedern von einem „Rollen-Ich“, da die Verfasser, zumindest im deutschen Minnesang, wahrscheinlich ausschließlich männlich sind und die Frauen daher nur lyrische Subjekte und fiktive Rollen sein können. Im Botenlied wird die Weiblichkeit der Sprecherrolle bereits in MF 178, 2 durch die pronominale Zuweisung sage ime deutlich.
Besonders in den ersten vier Strophen, MF 178, 1 bis MF 178, 7, werden immer wieder die Worte er und ime verwendet, was eine eindeutige verbale Indizierung dafür ist, dass es sich um eine Frauenrede handelt. Neben der Geschlechtszuweisung ist die ständige Wiederholung dieser Pronomen auch ein sprachliches Indiz für den engen Bezug und die Liebe, die die Dame für den Ritter empfindet. Sie ist vollkommen auf den Mann fokussiert und widmet ihm ihre ganzen Gefühle und Gedanken.
Das Rollen-Ich im Botenlied tritt als „Minneherrin und damit als Adressatin der Werbung des Sängers auf, was implizit heißt: als Minnesang-Rezipientin.“ Sie singt zwar selbst über den Ritter und die Liebesbeziehung, jedoch ist das Lied als Antwort auf die Werbung des Ritters zu sehen. Dies bedeutet, dass der Mann, über den die Dame singt, mit dem Ich in den Sängerliedern von Reinmar identisch ist und dass die singende Frau diejenige ist, von der in den Sängerliedern die Rede ist. „Sie ist zugleich sowohl Rezipientin und Adressatin des Sangs als auch die Umworbene und die vom Sänger geliebte Frau“, schlussfolgert Sabine Obermaier. Reinmar wendet hier zwischen dem Frauen- und Sängerlied ein Verfahren der Querverweisung an.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Thematik des mittelalterlichen Minnesangs ein und stellt die Fragestellung bezüglich der unterschiedlichen Frauenkonzeptionen bei Reinmar dem Alten und Walther von der Vogelweide vor.
2. Reinmars Lieber bote, nu wirp alsô (MF 178, 1): In diesem Kapitel wird das Botenlied als klassischer Frauenmonolog analysiert, der die Frau in einem unauflösbaren Dilemma zwischen gesellschaftlicher Norm und persönlichem Wunsch zeigt.
2.1 Die Darstellung der Frau und der Themen im Lied: Dieser Abschnitt beleuchtet die sprachliche Identifizierung des weiblichen Rollen-Ichs und die psychologische Verfasstheit der Dame als Minneherrin.
2.2 Die Rolle und Funktion des Boten: Hier wird die paradoxe Rolle des Boten untersucht, der de facto als stummer Zuhörer fungiert und Reinmars Technik der Monologgestaltung unterstreicht.
2.3 Die Hintergründe der Konzeption: Dieses Kapitel ergründet die poetologischen Absichten Reinmars, die Kritik am Minnesang durch die weibliche Perspektive zu kanalisieren.
3. Walthers Under der linden (L. 39, 11): Der Fokus liegt auf der Analyse des Lindenliedes, welches ein neues Verständnis von Liebe und Gegenseitigkeit innerhalb der Minnedichtung etabliert.
3.1 Die Darstellung der Frau und der Liebesbeziehung: Dieser Teil kontrastiert das unbeschwerte, erfüllte Liebesglück bei Walther mit der Sorgenwelt der Reinmar'schen Frauenfigur.
3.2 Die Hintergründe der Konzeption: Es wird analysiert, wie Walther den Begriff der „Minne“ durch „Liebe“ ersetzt und mit erstarrten höfischen Konventionen bricht.
4. Fazit: Das Fazit führt die Ergebnisse zusammen und bestätigt die These, dass beide Dichter grundlegend unterschiedliche Konzepte von Weiblichkeit und Erotik entwerfen.
Schlüsselwörter
Minnesang, Reinmar der Alte, Walther von der Vogelweide, Frauenlied, Botenlied, Lindenlied, Frauenrolle, Rollen-Ich, Minnedilemma, gesellschaftliche Normen, Liebeskonzeption, höfische Liebe, mittelalterliche Literatur, Intertextualität, Frauenmonolog
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht die unterschiedliche literarische Gestaltung weiblicher Identitäten im deutschen Minnesang anhand von zwei exemplarischen Liedern von Reinmar dem Alten und Walther von der Vogelweide.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen umfassen die Rolle der Frau als lyrisches Ich, die Spannung zwischen gesellschaftlichem Pflichtbewusstsein und privater Gefühlswelt sowie die Kritik am Minnesang.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist der Nachweis, dass die Dichter durch die Konzeption der „Frauenrede“ bewusst unterschiedliche Intentionen verfolgen, von der Kritik an der höfischen Werbung bis hin zur Etablierung eines neuen Konzepts der gegenseitigen Liebe.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine vergleichende literaturwissenschaftliche Analyse, die den Textbestand der Lieder in Beziehung zu zeitgenössischer Sekundärliteratur und poetologischen Kontexten setzt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in zwei große Sektionen, die jeweils die Darstellung der Frau, die Funktion der Konstellationen und die poetologischen Hintergründe der beiden gewählten Lieder detailliert untersuchen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Neben den Namen der Dichter sind Begriffe wie „Frauenlied“, „Rollen-Ich“, „Minne-Dilemma“ und „Gegenseitigkeit“ für die theoretische Einordnung zentral.
Warum spielt der Bote in Reinmars Lied eine so zentrale Rolle für die Deutung?
Der Bote ist entscheidend, weil seine faktische Wortlosigkeit und Redundanz den Fokus vollständig auf die Introspektion und das Dilemma der singenden Frau lenkt, was den Text als Monolog entlarvt.
Inwiefern unterscheidet sich Walthers Konzept der Liebe von dem Reinmars?
Während Reinmars Frauenfigur in einem unlösbaren Konflikt mit der höfischen Norm steht, zelebriert Walthers „Mädchen“ ein selbstbestimmtes Liebesglück, das außerhalb ständischer Zwänge existiert.
Warum wählen die männlichen Dichter eine weibliche Sprecherrolle?
Die Wahl dient dazu, Gedanken und Gefühle, insbesondere in Bezug auf Sexualität und Kritik an gesellschaftlichen Konventionen, auszudrücken, die in der offiziellen Männerrede des Minnesangs gesellschaftlich unzulässig wären.
- Citation du texte
- Selina Krebs (Auteur), 2020, Die Konzeption der Frauen in "Lieber bote, nu wirp alsô" von Reinmar dem Alten und "Under der linden" von Walther von der Vogelweide, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1147638