Mein Interesse für die Psychomotorik wurde in Seminaren der Hochschule geweckt. Die sehr viel Freude bringende Praxis und die verschiedenen Ansätze der Theorie machten mich aufmerksam. Die Methoden der psychomotorischen Entwicklungsförderung begegnen einem zurzeit häufiger in Kindergärten, Schulen oder Einrichtungen für Kinder. Sei es ein Rollbrett oder ein Abendteuer-Spielplatz für den Kindergarten. Aber ist das schon Psychomotorik? Wieso heißt es nicht einfach Bewegungsförderung oder Spaß an der Bewegung? Durch die Beschreibung verschiedener Ansätze der Psychomotorik sollen die Grundfragen geklärt werden.
Begründet ist die psychomotorische Entwicklungsförderung in der Psychomotorischen Übungsbehandlung von ERNST JONNY KIPHARD. Als erstes gehe ich auf die allgemeinen Prinzipien und Merkmale näher ein, danach auf KIPHARDs Ansatz, wobei ich hier die geschichtliche Entwicklung mit einfließen lasse. Eine weitere Theorie ist der Kindzentrierte Ansatz von RENATE ZIMMER. Als dritter scheint mir der Verstehende Ansatz von JÜRGEN SEEWALD bedeutsam.
Dann die Frage nach dem Spiel. Niemand wird bestreiten, dass spielen für Kinder wichtig ist. Aber gibt es auch eine Theorie dazu? Viele Psychologen und Pädagogen der letzten Jahrhunderte haben sich schon Gedanken über das Spiel gemacht. Es bleibt immer noch aktuell. Das Spiel an sich begegnet jedem von uns in verschiedenen Lebensbereichen. Ich möchte die Meinungen einiger Autoren wie SCHILLER, HUIZINGA und PIAGET reflektieren, die für die Psychomotorik relevante Aspekte nennen. Ein Punkt meiner Ausführung soll dabei der Frage nachgehen, welche Faktoren das Spiel heutzutage behindern und Kinder dabei aufhalten, frei zu spielen.
Nach der Darstellung mehr historischer Gedanken zum Spiel werde ich dann auf das Spiel in der Psychomotorik eingehen. Einige Vorschläge und Anregungen von ZIMMER und BEINS werden diskutiert. Im dritten Teil dieses Kapitels beschreibe ich noch weitere Möglichkeiten des Spiels für die Psychomotorik und wie diese eingesetzt werden können. Allerdings beschränke ich mich hierbei auf Arbeitsfelder mit Kindern im Elementarbereich.
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Inhaltsverzeichnis
1 Begründung des Themas
2 Psychomotorische Grundsätze und Konzepte
2.1 Allgemeine Prinzipien
2.1.1 Körper-, Material- und Sozialerfahrung
2.1.2 Didaktische Grundsätze in der Psychomotorik
2.1.3 Die Persönlichkeit des Psychomotorikers und die Rolle der Erwachsenen
2.1.4 Rahmenbedingungen der Förderung
2.2 Die Psychomotorische Übungsbehandlung nach KIPHARD und ihre Entwicklung
2.3 Der Kindzentrierte Ansatz nach ZIMMER
2.4 Der Verstehende Ansatz nach SEEWALD
3 Das Spiel
3.1 Allgemeine Merkmale des Spiels
3.1.1 HUIZINGA (1872-1945)
3.1.2 SCHEUERL (*1919)
3.2 Verschiedene Vertreter und ihre Theorien
3.2.1 SCHILLER (1759 - 1805)
3.2.2 FRÖBEL (1782-1852)
3.2.3 PIAGET (1896 - 1980)
3.2.4 KRAPPMANN (*1936)
3.3 Was behindert das Spiel heutzutage?
3.4 Verschiedene Typen des Spiels
3.4.1 Sensomotorische Spiele (Spiele mit etwas)
3.4.2 Symbolspiel (Spiel als etwas)
3.4.3 Regelspiel (Spielen um etwas)
3.4.4 Lernspiel
4 Das Spiel in der Psychomotorik
4.1 ZIMMER
4.1.1 Rahmenbedingungen für das Spiel
4.1.2 Das Symbolspiel
4.1.3 Das sinnvolle Kinderspiel
4.2 BEINS
4.2.1 Verschiedene Spiele
4.2.2 Allgemeine Merkmale
4.2.3 Kindergarten
4.3 Weitere Möglichkeiten des Spiels in der Psychomotorik
4.3.1 Das Spiel als Therapie
4.3.2 Spiele im Wasser
4.3.3 Tischspiele
4.3.4 Spiele an Automaten
5 Die Kindergruppe
5.1 Rahmenbedingungen
5.1.1 Institutionelle Voraussetzungen
5.1.2 Räumlichkeiten und Ausstattung
5.1.3 Anthropologische Voraussetzungen
5.1.4 Ablauf und Prinzipien der Stunden
5.2 Einzelne bedeutungsvolle Situationen
5.2.1 Das „Ungeheuer“ Ismet
5.2.2 Spiele auf dem Trampolin
5.2.3 Spiele mit Wasser
5.2.4 Bewegungslandschaft „Dschungel“
5.2.5 Bewegungslandschaft „Wiese“
5.2.6 Markus und Simon
5.3 Einordnung der Stunden in psychomotorische Theorien
5.4 Auswirkungen der Förderung auf das Verhalten der Kinder
6 Reflexion und konstruktive Kritik
Zielsetzung & Themen
Das Hauptziel dieser Arbeit ist es, die Bedeutung des Spiels für die psychomotorische Entwicklungsförderung von Kindern zu beleuchten und anhand einer Kindergruppe in der Praxis zu reflektieren, um aufzuzeigen, wie Bewegung und Spiel die psychische und soziale Entwicklung positiv beeinflussen können.
- Grundlagen und theoretische Ansätze der Psychomotorik
- Die Funktion und Typologie des kindlichen Spiels
- Einflussfaktoren, die das Spiel von Kindern heute behindern
- Praktische Umsetzung von Spielsituationen in einer Kindergruppe
- Analyse der Auswirkungen von psychomotorischer Förderung auf das kindliche Verhalten
Auszug aus dem Buch
3.1.1 HUIZINGA (1872-1945)
JOHANN HUIZINGAs Buch „Homo Ludens“ spielt eine bedeutende Rolle bei der Entwicklung von Spieltheorien und der Spielforschung allgemein. Übersetzt heißt der Titel „Der spielende Mensch“. Er stellt das Spiel als wichtigen Baustein der Kultur dar, der fast alle Bereiche des Lebens untermauert. Das Spiel ist mehr „als eine rein physiologische Erscheinung oder eine rein physiologisch bestimmte psychische Reaktion“ (HUIZINGA, 1938, S. 143). Es hat Sinn und bedeutet etwas. Deshalb stelle ich im Folgenden einige Merkmale vor, die für HUIZINGA das Spiel charakterisieren. Ich orientiere mich dabei an der Zusammenstellung von NESTLE (2005) und HUIZINGAS Aufsatz in SCHEUERL (1975).
Für HUIZINGA ist Spielen zunächst freies und freiwilliges Handeln, weil es keine physische Notwendigkeit besitzt, noch eine sittliche Pflicht ist. Der Mensch kann sich selbst entscheiden, ob er spielen möchte oder nicht. Spielt ein Kind, so tritt es aus dem normalen Alltag für eine begrenzte Zeit heraus. Das heißt, es gibt einen Anfang und ein Ende. Das Spiel findet meistes in einem abgeschlossenen Raum statt und hat sein Ziel in sich selbst. Diese Darlegung meint aber nicht, dass das Spiel überflüssig sei. Im Gegenteil, es „schmückt“ und ergänzt das Leben und ist insofern unbedingt nötig.
Ein weiteres Merkmal nach HUIZINGA ist, dass das Spiel wiederholbar ist. Viele Spiele charakterisiert geradezu das immer Wiederkehrende. Das kann im Kinderspiel das Aufbauen eines Turmes sein, das regelmäßige Würfeln oder das Üben einer bestimmten Szene im Rollenspiel. Es gelten Regeln und feste Ordnungen, an die sich der halten muss, der mitspielen möchte. Das schafft die „zeitweilige begrenzte Vollkommenheit“ (Huizinga, 1938, S. 146) im verworrenen Leben. Die kleinste Abweichung kann das Spiel verderben und es wertlos machen.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Begründung des Themas: Einleitung in die Thematik der Psychomotorik und Darstellung des Forschungsinteresses an der Bedeutung des Spiels.
2 Psychomotorische Grundsätze und Konzepte: Überblick über theoretische Grundlagen und Ansätze nach Kiphard, Zimmer und Seewald.
3 Das Spiel: Analyse von Spieltheorien verschiedener Vertreter sowie Kategorisierung von Spieltypen.
4 Das Spiel in der Psychomotorik: Vertiefende Betrachtung der praktischen Anwendung und Einbindung des Spiels in psychomotorische Settings.
5 Die Kindergruppe: Vorstellung des Praxisteils mit Beobachtungen zu einzelnen Kindern und Reflexion der angewandten Methoden.
6 Reflexion und konstruktive Kritik: Kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Arbeit und den Beobachtungen in der Gruppe.
Schlüsselwörter
Psychomotorik, Kinderspiel, Entwicklungsförderung, Psychomotorische Übungsbehandlung, Selbstkonzept, Symbolspiel, Regelspiel, Kindorientierung, Rollentheorie, Bewegungserziehung, Sozialkompetenz, Selbstwirksamkeit, Motologie, Wahrnehmung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die zentrale Bedeutung des Spiels in der psychomotorischen Entwicklungsförderung von Kindern und verknüpft dabei theoretische Konzepte mit praktischen Beobachtungen in einer Kindergruppe.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Die Arbeit behandelt die Grundlagen der Psychomotorik, verschiedene Spieltheorien, gesellschaftliche Einflussfaktoren auf das kindliche Spiel sowie die Anwendung dieser Erkenntnisse in der therapeutischen und pädagogischen Praxis.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie durch gezielte, kindzentrierte Bewegungsangebote und das Medium Spiel das Selbstkonzept und die soziale Kompetenz bei Kindern mit Entwicklungsdefiziten gestärkt werden können.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine fundierte Literaturrecherche zu psychomotorischen Theorien sowie auf eine qualitative Beobachtungsstudie in zwei Kindergruppen, ergänzt durch Fragebögen an Eltern und Psychomotoriker.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische fundierte Darstellung der Psychomotorik-Konzepte, eine detaillierte Auseinandersetzung mit Spieltheorien (u.a. Huizinga, Piaget, Fröbel) und die anschließende Übertragung dieser Erkenntnisse auf den Praxisteil mit Fallbeispielen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen zählen Psychomotorik, Selbstwirksamkeit, kindzentrierter Ansatz, Symbolspiel und die Bedeutung der Persönlichkeit des Psychomotorikers.
Wie spielt das „Ungeheuer Ismet“ eine Rolle für die Analyse?
Ismet zeigt beispielhaft, wie ein Kind durch das Spiel in eine machtvolle Rolle schlüpfen kann, um sprachliche Defizite zu kompensieren und angstbesetzte Situationen eigenständig zu verarbeiten.
Warum betont die Autorin die Bedeutung des „Sinnvollen Kinderspiels“?
Weil Kinder oft einen eigenen, für Außenstehende nicht immer sofort ersichtlichen Sinn in ihr Spiel legen, den man als Therapeut wahren und unterstützen muss, anstatt ihn durch zu starre Lernziele zu zerstören.
Welche Rolle spielt die „Hängebrücke“ in der Bewegungslandschaft?
Sie dient als komplexes Fallbeispiel, das soziale Interaktionen und die Notwendigkeit von Verhandlungen zwischen den Kindern (z.B. bei Begegnungen in der Mitte) provoziert und so Kompetenzen zur Konfliktlösung fördert.
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- Judith Berzins (Author), 2006, Die Bedeutung des Spiels in der psychomotorischen Entwicklungsförderung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/114763