Im ersten Teil der vorliegenden Arbeit möchte ich mich den Konsequenzen widmen, die Brecht vollzieht: dem radikalen Bruch mit der Tradition der Dramatik und Erarbeitung einer Dramentheorie, die er selbst episch oder anti-aristotelisch nennt.
Der zweite Teil versucht die Frage zu beantworten, in wieweit sich diese Theorie in der Umsetzung des Leben des Galilei widerspiegelt, einem Stück, das von den bürgerlichen Kritikern des brechtschen V-Effektes gerade wegen dessen scheinbaren Fehlen positiv rezensiert wurde.
Inhaltsverzeichnis
1. Einführung
2.1. Kritik des aristotelischen Theaters
2.2. Theorie der Verfremdung
2.3. Mittel der Verfremdung
2.4. Historisierung
2.5. Unterhaltungstheater – Lehrtheater
3.1. Leben des Galilei – Entstehung
3.2. Epische Elemente in Leben des Galilei
3.3. Historisierung in Leben des Galilei
3.4. Einfühlung und Distanz in Leben des Galilei
4. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht Brechts Theatertheorie der Verfremdung und deren spezifische praktische Anwendung im Drama "Leben des Galilei". Dabei steht die Analyse im Vordergrund, wie der Autor durch bewusste Distanzierung und historische Einordnung gesellschaftskritische Reflexion beim Zuschauer anregt und das klassische Identifikationstheater überwindet.
- Theatertheoretische Grundlagen des epischen Theaters
- Vergleich zwischen aristotelischer Einfühlung und verfremdender Distanz
- Die Rolle der Historisierung zur Darstellung von Veränderbarkeit
- Entwicklung des Dramas "Leben des Galilei" in verschiedenen Fassungen
- Verantwortung von Wissenschaftlern im gesellschaftlichen Kontext
Auszug aus dem Buch
3.2. Epische Elemente in Leben des Galilei
Auf den ersten Blick scheint es in Brechts Leben des Galilei nicht viele epische Elemente zu geben. Es ist offensichtlich, dass in diesem Stück, vergleicht man es mit anderen Dramen Brechts, die V-Effekte nicht so deutlich zum Tragen kommen.
Untersucht man aber genauer, wird man auch hier fündig.
Außer den in 2.3. beschriebenen theaterpraktisch zu realisierenden Mitteln der Verfremdung, bestimmt im Leben des Galilei an vielen Stellen nicht die Form, sondern der Inhalt das Epische. Wenn zum Beispiel in der Rauferei zwischen Andrea als Vertreter des neuen Denkens und Cosmo als Vertreter der alten Weltanschauung das ptolemäische Modell zerbricht, so ist das ein stückimmanenter Verfremdungseffekt.23
In der ersten Szene führt Galilei die Verfremdung praktisch vor, indem er seinem kleinen gelehrigen Schüler das kopernikanische Weltbild anhand eines Apfels und eines Stuhles erklärt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einführung: Hinführung zur Fragestellung des radikalen Bruchs mit der traditionellen Dramatik durch Bertolt Brecht.
2.1. Kritik des aristotelischen Theaters: Auseinandersetzung mit der Katharsis-Theorie und der Forderung nach Distanz statt emotionaler Identifikation.
2.2. Theorie der Verfremdung: Erläuterung der Technik, Vorgänge als erklärungsbedürftig und veränderbar darzustellen.
2.3. Mittel der Verfremdung: Vorstellung praktischer Instrumente wie Distanzierung in der Schauspieltechnik und den Einsatz von V-Effekten.
2.4. Historisierung: Analyse des Konzepts, historische Distanz zu nutzen, um die Gegenwart kritisch zu beleuchten.
2.5. Unterhaltungstheater – Lehrtheater: Diskussion über die angestrebte Synthese aus didaktischem Anspruch und künstlerischer Unterhaltung.
3.1. Leben des Galilei – Entstehung: Einblick in die Entstehungsgeschichte des Stücks im dänischen Exil.
3.2. Epische Elemente in Leben des Galilei: Untersuchung der stückimmanenten Verfremdungseffekte und epischen Strukturen.
3.3. Historisierung in Leben des Galilei: Untersuchung der Funktion des 17. Jahrhunderts als Spiegel der eigenen politischen Zeitumstände.
3.4. Einfühlung und Distanz in Leben des Galilei: Analyse der moralischen Ambivalenz des Protagonisten und der Verlagerung des Schwerpunkts auf die Verantwortung der Wissenschaft.
4. Fazit: Zusammenfassende Bewertung der Entwicklung der Galilei-Figur und der Wirksamkeit brechtscher Theorieanwendung.
Schlüsselwörter
Bertolt Brecht, Verfremdung, Episches Theater, Leben des Galilei, Historisierung, Einfühlung, Katharsis, Dramentheorie, Wissenschaftsverantwortung, Gesellschaftskritik, V-Effekt, Dialektik, Theaterpädagogik, Politische Bildung, Antiaristotelisch.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Hausarbeit befasst sich mit Bertolt Brechts Theatertheorie der Verfremdung und deren spezifischer Umsetzung in seinem Drama "Leben des Galilei".
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Im Zentrum stehen der Gegensatz zwischen aristotelischem Einfühlungstheater und Brechts epischem Theater, die Konzepte der Historisierung sowie die ethische Verantwortung von Wissenschaftlern.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Brecht durch technische und inhaltliche Mittel Distanz beim Zuschauer erzeugt, um ihn zu kritischem Denken über politische und gesellschaftliche Zustände anzuregen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die primär auf Brechts eigenen Theaterschriften und der Textanalyse des Dramas "Leben des Galilei" basiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Fundierung der Verfremdung und deren Anwendung im Stück, wobei besonders auf die Szenenstruktur, die Historisierung und die Entwicklung der Figur Galilei eingegangen wird.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Verfremdung, Episches Theater, Historisierung, Verantwortung, V-Effekt und gesellschaftspolitische Wirklichkeit.
Warum ist die Unterscheidung zwischen den Fassungen des Stückes wichtig?
Die verschiedenen Fassungen spiegeln Brechts sich wandelnde Sicht auf die Verantwortung der Wissenschaft wider, insbesondere nach den historischen Entwicklungen im Zweiten Weltkrieg.
Wie bewertet der Autor Brechts Darstellung des Galilei?
Galilei wird nicht als strahlender Held, sondern als ambivalenter Charakter dargestellt, dessen Handeln im Kontext der gesellschaftlichen Verhältnisse kritisch hinterfragt wird.
- Quote paper
- Lena Otter (Author), 2004, Brechts Theatertheorie der Verfremdung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/114767