Die Antithesen Mt 5,17-48 - Abschaffung oder Radikalisierung der Tora?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2002

34 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Vorbereitende Schritte
2.1 Kontextabgrenzung
2.2 Kontexteinordnung
2.3 Segmentierung

3 Sprachlich-syntaktische Analyse
3.1 Phonetische Analyse
3.2 Analyse der Textsyntax: Satzarten und Satzverbindungen
3.3 Analyse der Satzsyntax: Prädikation und Deixis

4 Semantik
4.1 Analyse der Sinnlinien und Motive – Textsemantik
4.1.1 Die Antithesen – eine bekannte rhetorische Sprachform?
4.1.2 Stellungnahme Jesu zu Gesetz und Propheten
4.1.3 Verhältnisbestimmung von Lehre und Tun
4.1.4 „Überfließt eure Gerechtigkeit mehr“
4.2 Wortsemantik
4.2.1 Gericht
4.2.2 Gesetz
4.2.3 Gerechtigkeit

5 Pragmatik
5.1 Auf den Spuren des impliziten Lesers
5.1.1 Syntaktische Leerstellen
5.1.2 Semantische Unbestimmtheiten
5.1.3 Intertextuelle Bezüge
5.2 Die Logik des Textes und die Überzeugung seines Leser
5.2.1 Die Intention und Instruktionen der Antithesen
5.2.2 Die sprachlichen Mittel der Antithesen
5.2.3 Die in den Antithesen vorausgesetzte Autoritätsstruktur
5.3 Rekonstruktion des historischen Kontextes
5.3.1 Zur Sprechsituation Jesu
5.3.2 Zur Sprechsituation des Mt

6 Literatur

1 Einleitung

Die für Mt 5,21-48 charakteristische Formulierung „Ihr hörtet, dass gesagt wurde ... Ich aber sage euch“ hat die christliche Auslegungstradition häufig so verstanden, dass Mt die alttestamentlichen Gebote oder auch das AT insgesamt aufhebt.[1] Der Ausdruck ‚Antithesen’ ist ein Relikt dieses vorurteilsbeladenen Denkens gegenüber dem jüdischen Gesetz in der christlichen Theologie, das auch heute noch bei vielen christlichen Theologen zu einem verengten Vorverständnis führt. Die sogenannten Antithesen sind Teil der Bergpredigt und zählen damit zu einem der zentralsten Texte des NT überhaupt, dies gilt insbesondere für Modelle neutestamentlicher Ethik. Angesichts dieser Bedeutung von Mt 5,17-48, ist es von großer Wichtigkeit christliche Vorurteile gegenüber dem jüdischen Gesetzesverständnis abzubauen. Meine exegetische Auseinandersetzung mit den Antithesen konzentriert sich daher im wesentlichen auf die Vermittlung von jüdischem und christlichem Gesetzesverständnis. Vorweg kann festgehalten werden, dass es Mt sicherlich nicht um die Aufhebung des AT’s ging, zumal dies in der heutigen Form gar nicht existierte. Sein Ziel war es auch nicht alttestamentliche Gebote aufzuheben, sondern vielmehr ihre wahre Bedeutung freizulegen.

In der Auswahl der Literatur habe ich bevorzugt auf Beiträge zurückgegriffen ,die sich der oben benannten Problematik bewusst gestellt und es sich zum Ziel gesetzt haben, die jüdischen bzw. frühjüdischen Wurzeln der Antithesen herauszuarbeiten. Die unter Umständen einseitig projüdische Darstellung sehe ich allerdings als kein größeres Problem ja sogar als notwendig an, da in der Geschichte des Christentums der Diskurs vom antinomistische Konsens auf erdrückende Weise beherrscht wurde.

Im wesentlichen habe ich mich bei meiner Erarbeitung am Reader „Methoden für die Exegese neutestamentlicher Texte“ von Karl Löning orientiert. Der Umfang und die Komplexität von Mt 5,17-48 erforderte eine gezielte Auswahl der zu behandelnden Themen. Daher konnte ich auf viele Aspekte der sogenannten Antithesen nicht eingehen. Im Blickpunkt meiner Arbeit steht vor allem die Vorrede 5,17-20, da Mt, bevor er sich in den Antithesen mit den einzelnen Geboten genauer beschäftigt, hier explizit Stellung zum Gesetz nimmt. Die V17-20 bilden darüber hinaus mit V48 die maßgebliche Klammer um die Antithesen und formulieren die Grundintention von Mt 5,17-48. Die Forderung nach mehr Gerechtigkeit in V20 stellt bei der Auseinandersetzung mit dem Gesetz das Grundmotiv der Antithesen dar. Was das ‚Mehr’ der jesuanischen Gerechtigkeit ist und inwiefern diese auf jüdische Traditionen zurückgreift bzw. neue Perspektiven verarbeitet stellt einen weiteren Schwerpunkt dieser Arbeit dar. Auf die jeweiligen Antithesen wird nur vereinzelt eingegangen.

2 Vorbereitende Schritte

2.1 Kontextabgrenzung

Eine Abgrenzung des zu bearbeitenden Teiltextes Mt 5,17-48 erfolgt nach vorne in den Versen 5,17-20 und nach hinten in Vers 48.

5,17-20 thematisiert den folgenden Teiltext 5,20-48 indem er eine Stellungnahme zum Gesetz andeutet. Den konkreteren Ausführungen in den Antithesen wird eine generelle Haltung zur Tora vorangestellt. 5,17-20 ist daher auf das Folgende hingeordnet.

Die Veränderung der Handlungsträger von 5,13-16 nach 5,17-20 ist ein weiterer Aspekt, der eine Abgrenzung des zu bearbeitenden Teiltextes vom vorhergehenden Text nahe legt. 5,13-16 beschäftigt sich mit der Sendung und Aufgabe der Jünger. In 5,17ff lenkt Mt den Blick des Lesers auf den Sprecher Jesus, d.h. im Zentrum steht nun die Sendung und Aufgabe Jesu.

In 5,17-20 werden die rahmenden Elemente für den folgenden Teiltext gesetzt. Die Stellungnahme Jesu zum Gesetz ist dabei als entscheidende Klammer für 5,21-48 anzusehen, d.h. der mt Jesus führt sich („η̃λθον“) in V17 als autoritativer Tora-Ausleger ein, der nicht kam um das „Gesetz [νόμον] oder die Propheten [προφήτας]“ „aufzulösen, sondern zu erfüllen [καταλυ̃σαι, αλλα πληρω̃σαι]“. Aus dieser Konstellation ergibt sich die für alle ‚Antithesen’ typische Formulierung des „Ich aber sage euch [εγω δε λέγω υμι̃ν]“. Daneben fungieren das „Gesetz“( V17 u. V18 „νόμου“) und die „Propheten“(V17) als Rahmen, an dem sich der mt Jesus abarbeitet. V19 expliziert die Einheit von Leben und Lehre, der in der folgenden Tora-Auslegung eine zentrale Rolle zugewiesen wird. Das „mehr [πλει̃ον]“ an „Gerechtigkeit [δικαιοσύνη]“ in V20 ist als weitere Klammer für das Folgende zu betrachten. „Letztlich wird die größere Gerechtigkeit durch die Antithesen erläutert und konkretisiert. Man darf vermuten, daß die Vollkommenheit am Ende des 5.Kapitels ein Zielpunkt ist, auf den hin die Gedankenführung verläuft (48).“[2]

5,48 ist als Schlussfolgerung („ου̃ν“) aus dem vorhergehenden Text formuliert. Da 5,47 schon mit der Wendung „Was tut ihr Überragendes [περισσον]?“ auf 5,20 „Wenn nicht überfließt [περισεύση] eure Gerechtigkeit mehr“ zurückgreift, bezieht sich die Forderung nach Vollkommenheit in V48 sowohl auf die letzte Antithese als auch auf die gesamten Antithesen. „Mt 5,48 ist demnach als Unterschrift unter der bisherigen Toraauslegung des mt Jesus zu deuten (...).“[3] Mit V48 endet der erste Teil der Bergpredigt und die damit verbundene Auseinandersetzung mit dem Gesetz. Die Vollkommenheitsforderung ist sein Fazit.

2.2 Kontexteinordnung

Mt 5,17-48 ist in seiner Bedeutung nur im kompositionellen Rahmen Mt 4,23-25 und 9,35 zu erfassen. Hier wird das sprachliche und nichtsprachliche Handeln Jesu erörtert. Mt 4,23 betont den Zusammenhang von Lehre/Verkündigung (διδάσκων/κηρύσσων) und Heilen (θεραπεύων) der in 9,35 fast wörtlich wiederholt wird. In 4,23-25 wird die zentrale Frage nach der Verbundenheit von Wort und Tat des Handeln Jesu aufgeworfen. Die Einheit von Verkündigen und Handeln wird programmatisch und zusammenfassend hier bereits erzählt, und zwar in einer Weise, die aufhorchen lässt. Der dadurch erzeugte Spannungsbogen wird in der fast formelhaften Wiederholung von 4,23 in 9,35 beendet. Mt 5,1 – 9,34 dient der Konkretisierung der in 4,23-25 aufgeworfenen Fragen.

Mt 5,17-48 ist Teil der Lehre auf dem Berg (5,1f; 7,28f), die sich mit der Lehre (Mt 5,2 „εδίδασκεν“; 7,28 „διδαχη̃“ und 7,29 „διδάσκων“) Jesu auseinandersetzt. Der anschließende Wunderzyklus (8,1-9,35) beschäftigt sich mit der Praxis Jesu. Zwar konzentriert sich 5,17-48 auf die Lehre Jesu doch bleibt der Zusammenhang zwischen Lehre und Tun immer der übergeordnete Kontext, wie dies 5,19 als Teil der Überschrift von 5,21-48 expliziert.

Die Einleitung der Lehre auf dem Berg ist durch den Aufstieg (Mt 5,1 „ανέβη“) deutlich von 4,23-25 zu unterscheiden, ebenso wie die Schlusswendung durch den Abstieg (Mt 8,1 „καταβάντος“). Im Kontext der Israel-/Moses-Typologie, die in Kapitel 1-2 und in 4,25 benutzt wird, rezipiert Mt mit der Wendung „hinaufstieg er auf den Berg“ eine im Buch Exodus in mancherlei Variation vielfach belegte Wendung (vgl. etwa Ex19,3.12; 24,15.18; 34,1-2.4).[4] Dadurch wird Jesus nicht zum neuen Moses stilisiert, der das alte Gesetz abschafft, zumal in der typologischen Bibelauslegung der Antityp nicht den Typ aufhebt, sondern es wird vielmehr die Vollmacht, mit der der mt Jesus die Tora auslegt, hervorgehoben. Das Motiv des Berges, welches in der Bibel traditionell als Ort eines Offenbarungsgeschehens gilt, ist daher in der weiteren Betrachtung von Mt 5,17-48 als autorisierende Rahmenkulisse für die Toraauslegung in den ‚Antithesen’ zu berücksichtigen.

Das zentrale Thema der Lehre auf dem Berg wird durch Repitition des Schlüsselwortes „δικαιοσύη“ (fünfmal in Mt 5-7) angedeutet. Mt benutzt Wiederholungen als literarische Mittel, um wichtige Hinweise zu geben, wie das Evangelium gelesen werden will.[5] Gerechtigkeit bzw. das ‘Mehr’ an Gerechtigkeit (vgl.5,20) ist daher der inhaltliche Rahmen für die Lehre auf dem Berg.

2.3 Segmentierung

Die benutzte Übersetzung entspricht dem Münchener Neuen Testament, da sie sich in Bezug auf die Syntax streng am griechischen Original orientiert. So entspricht jedem Hauptsatz im Deutschen ein Hauptsatz im Griechischen. Das Gleiche gilt für die Nebensätze. Außerdem werden hier die Partizipien wörtlich wiedergegeben und nicht in Nebensätze oder sogar Hauptsätze – wie z.B. in der Einheitsübersetzung – aufgelöst.

[...]


[1] Vgl. Frankemölle, H.: Die sogenannten Antithesen des Matthäus (Mt 5,21ff)., S.295.

[2] Gnilka,, J.: Das Matthäusevangelium, S.141.

[3] Frankemölle, H.: Matthäus, S.235.

[4] Vgl. ebd., S.205f.

[5] Vgl. Luz, U.: Das Evangelium nach Matthäus, S.21

Ende der Leseprobe aus 34 Seiten

Details

Titel
Die Antithesen Mt 5,17-48 - Abschaffung oder Radikalisierung der Tora?
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster  (Katholisch-Theologische Fakultät)
Note
1,3
Autor
Jahr
2002
Seiten
34
Katalognummer
V11480
ISBN (eBook)
9783638176330
Dateigröße
549 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Antithesen, Abschaffung, Radikalisierung, Tora
Arbeit zitieren
Frank Dreyer (Autor), 2002, Die Antithesen Mt 5,17-48 - Abschaffung oder Radikalisierung der Tora?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/11480

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