Das Konzept der Lebensbewältigung versteht sich als ein Theorie-Praxis-Modell, das nicht nur theoretische Grundlagen darlegt, sondern auch konkrete Handlungsaufforderungen an die Soziale Arbeit stellt. Gerade deshalb ist es auch für die Praxis Sozialer Arbeit anschlussfähig.
Im ersten Teil der Arbeit werde ich zunächst Böhnischs Theorie der Lebensbewältigung anhand der acht Theoriedimensionen der Topografie von Cornelia Füssenhäuser (2018b) aufschlüsseln. Zuerst bestimme ich den Gegenstand Sozialer Arbeit generell, in diesem Zusammenhang stelle ich die drei Zonen des Bewältigungshandelns bzw. die Handlungsdimensionen vor, in denen Soziale Arbeit Hilfe zur Lebensbewältigung leisten soll und auf die ich den Fokus lege. Anschließend definiere ich den Wissenschaftscharakter genauer, lege das Theorie-Praxis-Verhältnis dar und gehe auf die gesellschaftlichen und sozialen Rahmenbedingungen von Sozialer Arbeit ein. Anknüpfend daran diskutiere ich die Lebenslagen und Lebensweisen der Adressat_innen und spreche die Organisation und Institutionen Sozialer Arbeit an. Abschließend konkretisiere ich die professionellen Handlungsmuster, wobei ich vor allem auf die Handlungsaufforderungen der Theorie der Lebensbewältigung in Form von professionellen Arbeitsprinzipien und Methoden eingehe, und erläutere schließlich ethische Fragestellungen, die sich ergeben.
Im Rahmen dieser Hausarbeit werde ich herausarbeiten, wie familienbezogene Probleme vor dem Hintergrund heutiger Bewältigungsherausforderungen mit Hilfe des Bewältigungskonzepts aufgeschlossen werden können und welche Anhaltspunkte sich aus der Bewältigungsperspektive für die Beratungspraxis in der EB mit Eltern ergeben.
Inhaltsverzeichnis
1. Lebensbewältigung – eine Theorie der Sozialen Arbeit
1.1 Gegenstand und Aufgabe Sozialer Arbeit
1.1.1 Psychodynamische Dimension: Bewältigungsverhalten
1.1.2 Soziodynamische Dimension: Bewältigungskulturen
1.1.3 Gesellschaftspolitische Dimension: Bewältigungslage
1.2 Wissenschaftscharakter
1.3 Theorie/Praxis-Verhältnis
1.4 Gesellschaftliche und soziale Rahmenbedingungen
1.5 Adressat_innen
1.6 Organisation und Institutionen
1.7 Professionelle Handlungsmuster
1.8 Ethische Fragestellungen
2. Lebensbewältigung und Erziehungsberatung
2.1 Bewältigungskonstellationen der modernen Familie
2.2 Erziehungsberatung als Hilfe zur Thematisierung
2.3 Gründe für Erziehungsberatung mit Eltern
2.4 Das Konzept der Lebensbewältigung in der Erziehungsberatung
3. Fazit
Zielsetzung & Themen
Das Hauptziel dieser Arbeit besteht darin, das von Lothar Böhnisch entwickelte Konzept der Lebensbewältigung theoretisch zu fundieren und für die praktische Anwendung in der Erziehungsberatung (EB) anschlussfähig zu machen, um familienbezogene Problemlagen besser zu verstehen und professionelle Beratungsansätze abzuleiten.
- Theoretische Herleitung der Lebensbewältigung als Paradigma Sozialer Arbeit.
- Analyse der psychodynamischen, soziodynamischen und gesellschaftspolitischen Dimensionen des Bewältigungshandelns.
- Identifikation von Bewältigungskonstellationen und -herausforderungen in modernen Familienstrukturen.
- Reflexion über professionelle Handlungsprinzipien in der Erziehungsberatung.
- Untersuchung der ethischen Implikationen sozialpädagogischen Handelns im Kontext von Gerechtigkeit und Macht.
Auszug aus dem Buch
1.1.1 Psychodynamische Dimension: Bewältigungsverhalten
Im Vordergrund steht dann die Frage nach der psychosozialen Handlungsfähigkeit von Menschen in diesen kritischen Lebenssituationen und wie diese biografisch bewältigt werden. Dies erklärt Böhnisch anhand seines „Grundmechanismus der Bewältigung“ und spricht dabei von Bewältigungsverhalten (vgl. Böhnisch 2019, S. 20).
Lebensbewältigung versteht sich dabei als „das Streben nach psychosozialer Handlungsfähigkeit in kritischen Lebenskonstellationen“ (ebd.). Eine Lebenskonstellation wird als kritisch empfunden, wenn die bisherigen personalen und sozialen Ressourcen nicht genügen und somit die psychosoziale Handlungsfähigkeit gefährdet ist (vgl. Böhnisch 2012, S. 223). Diese Handlungsfähigkeit ist bedingt durch Selbstwert, soziale Anerkennung und Selbstwirksamkeit (als den eigenen Anspruch, soziale Situationen unter Kontrolle zu haben und positive soziale Reaktionen dafür zu erhalten). Sind diese drei Komponenten also nicht ausreichend vorhanden, muss die eigene Handlungsfähigkeit „um jeden Preis“ gesucht werden (vgl. Böhnisch 2019, S. 20 f.). Damit knüpft Böhnisch an die Logik des Coping-Konzepts aus der Stressforschung an und transformiert und erweitert dieses durch sozialpädagogische Aspekte (vgl. Böhnisch/Schröer 2013, S. 27).
Immer dort, wo Menschen die soziale Orientierung verloren haben, sich wertlos fühlen und keine soziale Anerkennung bekommen, wo sie wenig Möglichkeiten haben, etwas zu bewirken, auf sich aufmerksam zu machen und – vor allem – ihre innere Hilflosigkeit nicht aussprechen zu können, setzt ein somatisch angetriebener psychosozialer Bewältigungsmechanismus der Abspaltung ein, der antisoziale oder selbstdestruktive Züge annehmen kann und die Betroffenen zur Klientel werden lässt. (Böhnisch 2019, S. 18)
Zusammenfassung der Kapitel
1. Lebensbewältigung – eine Theorie der Sozialen Arbeit: Dieses Kapitel führt in das theoretische Modell der Lebensbewältigung ein und analysiert die für die Soziale Arbeit zentralen Dimensionen (psychodynamisch, soziodynamisch, gesellschaftspolitisch), um Handlungsfelder und ethische Leitlinien zu begründen.
2. Lebensbewältigung und Erziehungsberatung: Hier wird der Transfer des theoretischen Modells auf das Arbeitsfeld der Erziehungsberatung vollzogen, indem spezifische familiäre Bewältigungskonstellationen untersucht und daraus abgeleitete professionelle Beratungsmethoden diskutiert werden.
3. Fazit: Das Fazit fasst die Relevanz des Konzepts für die Praxis zusammen, weist auf die Grenzen professioneller Intervention bei unfreiwilligen Klientel-Gruppen hin und betont die Notwendigkeit politischer Lobbyarbeit in der Erziehungsberatung.
Schlüsselwörter
Lebensbewältigung, Soziale Arbeit, Erziehungsberatung, Psychosoziale Handlungsfähigkeit, Abspaltungsverhalten, Familienkonflikte, Bewältigungskultur, Soziale Gerechtigkeit, Professionelle Handlungsprinzipien, Empowerment, Bewältigungslage, Gesellschaftlicher Wandel, Risikogesellschaft, Selbstwirksamkeit, Theorie-Praxis-Modell.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Konzept der Lebensbewältigung nach Lothar Böhnisch als theoretisches Modell für die Soziale Arbeit und wendet dieses spezifisch auf das Arbeitsfeld der Erziehungsberatung an.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die psychosoziale Handlungsfähigkeit von Menschen, das Verständnis von Bewältigungsverhalten in kritischen Lebenssituationen sowie die Rolle professioneller Beratung bei familialen Konflikten.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, das Bewältigungskonzept theoretisch zu fundieren und daraus konkrete Ansätze für die Beratungspraxis in der Erziehungsberatung abzuleiten, um Familien effektiver bei der Bewältigung ihrer Herausforderungen zu unterstützen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische Hausarbeit, die auf einer fundierten Literaturanalyse basiert und das Modell von Lothar Böhnisch anhand der acht Theoriedimensionen von Cornelia Füssenhäuser strukturell aufschlüsselt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert zunächst die verschiedenen Dimensionen der Lebensbewältigung (psychodynamisch, soziodynamisch, gesellschaftspolitisch) und überträgt diese anschließend auf die spezifischen Herausforderungen der modernen Familie sowie die Aufgaben und Methoden der Erziehungsberatung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind Lebensbewältigung, Erziehungsberatung, psychosoziale Handlungsfähigkeit, Abspaltung, Empowerment, soziale Anerkennung und Bewältigungskultur.
Wie wird das Konzept der Abspaltung in der Arbeit definiert?
Die Abspaltung beschreibt einen Bewältigungsmechanismus, bei dem Betroffene ihre innere Hilflosigkeit nicht thematisieren können und diese stattdessen durch antisoziales oder autoaggressives Verhalten nach außen projizieren.
Welche Rolle spielt das Familiengericht in der Beratungspraxis?
Das Familiengericht stellt einen besonderen Zwangskontext dar, in dem die Klienten häufig nicht aus eigenem Antrieb kommen und ihre Bereitschaft zur psychologischen Auseinandersetzung fehlt, was eine spezifische Herausforderung für das Konzept der Lebensbewältigung darstellt.
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- Anonym (Autor), 2021, Soziale Arbeit als Hilfe zur Lebensbewältigung am Beispiel der Erziehungsberatung, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1148059