Sexualkundeunterricht in der Schule und der Einfluss der Digitalisierung. Eine Erhebung des Status quo in Bayern und NRW


Bachelorarbeit, 2021

104 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungs- und Tabellenverzeichnis

Vorstellung des Unternehmens KNOWBODY

Kurzzusammenfassung

Vorwort und Danksagung

1 Einleitung

2 Die Bedeutung von Sexualität, Gesundheit und schulischer Sexualaufklärung
2.1 Begriffsabgrenzung: Sexualität und sexuelle Gesundheit
2.2 Präventive und gesundheitsförderliche Sexualaufklärung
2.3 Kritik am Begriff Sexualaufklärung
2.4 Schulische Sexualaufklärung - Definition und Voraussetzungen

3 Sexualerziehung an Schulen in Deutschland
3.1 Das Schulrecht am Dreieck - Schule, Eltern und Staat
3.2 Sexualerziehung in Bayern und Nordrhein-Westfalen

4 Zeitgemäße Einflussfaktoren auf schulische Sexualerziehung
4.1 Bildungsdigitalisierung und digitale Medien in der Schule
4.2 Digitale Sexualaufklärung und Medienkompetenz

5 Ein Ländervergleich der schulischen Sexualerziehung mit Fokus auf digitalen Medien
5.1 Inhalte der Richtlinie für Schulen in Bayern
5.2 Inhalte der Richtlinie für Schulen in Nordrhein-Westfalen
5.3 Kritische Gegenüberstellung der Richtlinien

6 Aktueller Forschungsstand und Forschungsdesiderat zur schulischen Sexualaufklärung sowie Sexualität und Medien
6.1 Forschungsstand zur schulischen Sexualaufklärung
6.2 Forschungsstand zu Sexualität und Medien
6.3 Zusammenfassung des aktuellen Forschungsstandes

7 Fragestellung und Hypothesen

8 Methodik
8.1 Datenerhebung
8.2 Datenauswertung

9 Darstellung der Ergebnisse
9.1 Ergebnisse der Lehrer:innen
9.1.1 Fragen zur Schule und Sexualkunde
9.1.2 Fragen zur Ausbildung der Lehrkraft über Sexualität
9.1.3 Fragen zum Sexualkundeunterricht
9.1.4 Fragen zu den Themenfeldern im Sexualkundeunterricht
9.1.5 Ergänzende Fragen an die Lehrer:innen
9.2 Ergebnisse der Schüler:innen
9.2.1 Fragen zum Sexualkundeunterricht
9.2.2 Fragen zu den Themenfeldern im Sexualkundeunterricht
9.2.3 Ergänzende Fragen an die Schüler:innen

10 Diskussion der Ergebnisse

11 Resümee und Schlussfolgerungen

Literaturverzeichnis

Anhang

Abbildungs- und Tabellenverzeichnis

Abbildung 1: Beziehungen zwischen Konzepten der Gesundheitsförderung in Bezug auf Sexualität (vgl. Schaal et al. 2020: 71)

Abbildung 2: Die Rechtspositionen schulischer Sexualaufklärung in Deutschland (vgl. Müller 2017: 238)

Abbildung 3: Antworten der Lehrer:innen auf die Frage: Wird Sexualkunde an Ihrer Schule fächerübergreifend unterrichtet?

Abbildung 4: Antworten der Lehrer:innen auf die Frage: Wie viel Zeit konnten Sie in etwas auf Sexualkunde verwenden?

Abbildung 5: Antworten der Lehrer:innen auf die Frage: Wie wohl fühlen oder fühlten Sie sich bei der Unterrichtung von Sexualkunde?

Abbildung 6: Antworten der Schüler:innen auf die Frage: Bei wem bzw. worüber informierst du Dich außerhalb des Unterrichts über Sexualität?

Tabelle 1: Ein Vergleich der gesetzlichen Verankerung von Sexualerziehung in Bayern und NRW (vgl. Müller 2017: 242f).

Tabelle 2: Möglichkeiten von Digitalisierung im schulischen Unterricht (vgl. Krautz 2021: 160ff)

Tabelle 3: Inhalte der Richtlinie zur Familien- und Sexualerziehung für Schulen in Bayern mit Fokus auf digitalen Medien (vgl. Schmidt 2019)

Tabelle 4: Inhalte der Handreichung für Sexualerziehung an Schulen in Nordrhein-Westfalen mit Fokus auf digitalen Medien (vgl. Nordrhein-Westfalen 1999: 11ff)

Tabelle 5: Anzahl der teilnehmenden Schüler:innen und Lehrer:innen aus Bayern und NRW an den Online-Befragungen

Tabelle 6: Antworten der Lehrer:innen: Ausführlichkeit besprochener Themenfelder im Unterricht mit Angabe der Mittelwerte.

Tabelle 7: Antworten der Lehrer:innen: Themen die bei ihren Schüler:innen auf das meiste Interesse stoßen.

Tabelle 8: Antworten der Schüler:innen: Themenfelder im Unterricht die nicht besprochen wurden in Prozentangaben.

Tabelle 9: Antworten der Schüler:innen: Themenfelder im Unterricht die ausreichend besprochen wurden in Prozentangaben

Tabelle 10: Antworten der Schüler:innen: Themenfelder im Unterricht worüber Sie gerne noch mehr dazu erfahren möchten in Prozentangaben.

Tabelle 11: Antworten der Schüler:innen: Themenfelder im Unterricht worüber Sie in der Schule nicht sprechen möchten in Prozentangaben.

Tabelle 12: Antworten der Schüler:innen auf die Frage: Was wünscht du dir für den Sexualkundeunterricht an deiner Schule?

Vorstellung des Unternehmens KNOWBODY

Die vorliegende Bachelorarbeit wird in Kooperation mit KNOWBODY UG angefertigt, weshalb in diesem Kapitel zunächst eine kurze Vorstellung des Unternehmensprofils stattfindet. KNOWBODY ist eine haftungsbeschränkte Unternehmergesellschaft mit Sitz in Bochum. Sie wird von den beiden Unternehmerinnen sowie Gründerinnen Carolin Strehmel und Vanessa Meyer vertreten. Diese entwickeln eine Sexualkunde-App mit modernem, digitalem und anschaulichem Material für den Unterricht an weiterführenden Schulen. Anfang Juli 2021 wurde die App erstmalig von einer Pilotklasse in der 9 Jahrgangsstufe an einem Gymnasium in Dortmund getestet. Insgesamt besteht die App aus acht Modulen wie „Beziehungen“, „Körper“, „Geschlecht“ sowie „Sexualität und Medien“ und mehr. Ziel der App ist es Lehrer:innen in der Unterrichtsvorbereitung zu entlasten und Hemmschwellen für alle Beteiligten abzubauen. Außerdem sollen die Schüler:innen eine gute sexuelle Aufklärung erhalten, indem Sexualkunde enttabuisiert wird, wissenschaftlich korrekte Informationen die Basis bilden und zugleich Mythen aufgedeckt werden.

Kurzzusammenfassung

Hintergrund

Sexuell übertragbarer Infektionen nehmen zu. Pädagogisch ausgebildete Lehrkräfte für Sexualität fehlen. Der pornographische Konsum im Internet wächst. Negative Auswirkungen bezüglich der fortschreitenden Digitalisierung auf unsere Gesundheit sind bekannt. Der Bildungsföderalismus stellt eine immense Herausforderung dar. Digitale Bildung wird unterschiedlich in den deutschen Bundesländern gehandhabt. Genannte Punkte erfordern einen digital, kongruent und aktuell gestalteten schulischen Sexualkundeunterricht für Kinder und Jugendliche.

Inhalt

Eingangs wird Sexualität und sexuelle Gesundheit betrachtet. Im Anschluss wird der sexuelle Gesundheitsaspekt auf präventive und gesundheitsförderliche Bildungskonzepte übertragen. Schulische Sexualaufklärung soll verstanden sowie kritisch hinterfragt werden. Der Blick auf Sexualerziehung in Deutschland mit speziellen Fokus auf Bayern und NRW legt den Grundstein für gegenwärtige Entwicklungen der Digitalisierung. Richtlinien und Handreichungen zur sexuellen Erziehung aus Bayern und Nordrhein-Westfalen werden kritisch und inhaltlich vorgestellt. Zuletzt wird der aktuelle Stand der Forschung zur schulischen Sexualaufklärung sowie Sexualität und Medien dargelegt, um im Anschluss Hypothesen bilden zu können.

Methodik

Der empirische Teil der Bachelor-Thesis basiert auf zwei quantitativen Fragebögen für Schüler:innen und Lehrer:innen von dem Unternehmen KNOW- BODY. Die Datenergebnisse stammen aus dem Zeitraum vom 8. Oktober 2020 bis 17. Mai 2021, mit insgesamt 81 teilnehmenden Lehrer:innen und 90 Schüler:innen aus Bayern und NRW. Aufgrund niedriger Rücklaufquoten kann nicht von Repräsentativität gesprochen werden.

Ergebnisse

Größtenteils wird Sexualkunde nicht fächerübergreifend, vermehrt im Fach Biologie und hauptsächlich von Lehrer:innen unterrichtet die selbst keine pädagogische Ausbildung genossen haben. In NRW haben Lehrer:innen mehrere Tage für Sexualkundeunterricht Zeit, wohingegen in Bayern nur Stunden zur Verfügung stehen. Insgesamt bewerten Schüler:innen aus NRW den Sexualkundeunterricht besser als Schüler:innen in Bayern. „Sexualität und Medien“ wird in beiden Bundesländern am wenigsten gelehrt und Schüler:innen wünschen sich ebenso das jenes so bleibt, obwohl 64 % das Internet als Informationsquelle außerhalb des Unterrichts nutzen.

Diskussion

Der schulische Sexualkundeunterricht unterscheidet sich eindeutig zwischen Bayern und NRW. Interesse an digitalen Medien für den Einsatz im Sexualkundeunterricht besteht in beiden Ländern kaum. Es sei angemerkt, dass die sexuelle Aufgeklärtheit von Jugendlichen nicht so hoch ist, wie einige Studienergebnisse dies widerspiegeln und die Inhalte der Richtlinien über Sexualbildung praktisch so nicht in der Schule umgesetzt werden.

Schlussfolgerung

Eine erfüllende Sexualität sowie sexuelle Gesundheit kann sowohl für den menschlichen Körper als auch Geist eine Bereicherung sein. Demnach fehlt im Hinblick auf die einhergehende Digitalisierung all unserer Lebenswelten der Einbezug dessen in den Sexualkundeunterricht aller deutschen Länder. Der Eingangsfrage, ob der schulische Sexualkundeunterricht in Deutschland digital, kongruent und aktuell ist, kann demnach nicht zugestimmt werden.

Vorwort und Danksagung

„Es bleibt also auch im 21. Jahrhundert für Jede nachwachsende Generation eine Aufklärungslücke, insbesondere wenn es um lust-, identitäts- und beziehungsbezogene Fragen rund um Sexualität geht.“

Döring (2020)

Nach Jahren voller sexuellem Unwohlsein stirbt die Hoffnung auf ein Gefühl von Normalität im Umgang mit dem eigenen sexuellen Wesen, zwischenmenschlichen Beziehungen und einer manifestierten, negativ verschlossenen Grundeinstellung. Zu selten wird bereits im kindlichen Alter offen über Geschlechtsorgane, Gefühle, Ängste, zwischenmenschliche Kommunikation, Identitäten und verschiedene sexuelle Orientierungen gesprochen. Zu häufig wird im Anschluss an die Schule weiter so „rumgewurschtelt“ und kein Raum, keine Zeit und kein Ort für Austausch geboten. Zu selten wird in der Schule erörtert, welche Nachteile und Auswirkungen hormonelle Verhü­tungsmittel für Frauen haben können. Zu selten erklärt, wie sich in einer westlichen Welt, die nach Gleichberechtigung der Geschlechter strebt, das Prinzip des Datings und Kennenlernens ändert. Zu oft wird gar nicht miteinander kommuniziert. Hundertmal wird deswegen gedacht, dies ist nicht „normal“, jenes fühlt sich nicht gut an, aber das wird schon so sein sollen. Zu häufig werden von Grund auf ungesund verankerte Selbstverständlichkeiten akzeptiert und von Generation zu Generation weitergetragen. Es wird traumatisiert und kritisiert, jedoch nichts getan. Zu häufig wird das Verhalten in partnerlichen Gemeinschaften akzeptiert, obwohl das eigene Ich mit jenem sexuellen Verhalten unglücklich ist. Zu spät wird manchmal in jahrelangen Freundschaften Sexualität als Thema nur oberflächlich angeschnitten. Dutzendfach werden sexualisierte Gewaltakte nicht ernst genommen. Zu selten ist nun einmal zu selten und zu oft ist nun einmal zu oft. Wohlwissend es geht auch anders.

Freiheit, Glück, Wohlbefinden, Zufriedenheit, Gesundheit und Akzeptanz sind Emotionen, Gefühle und Zustände, die beim Kennenlernen seiner eigenen Sexualität entstehen. Elementar für jeden Menschen ist jenes Gefühl, gut normal und vollständig zu sein. Menschen im eigenen Umfeld, die offen, nicht wertend und mitfühlend agieren, wenn sexuelle Unwissenheit oder Probleme angeschnitten werden, weisen eine gesunde enttabuisierte Haltung zu Sexualität auf. Es braucht eine Gesellschaft, die Sexualität lebt und nicht marginalisiert. Wieso hat man Sexualität im Alltag als wundervolle Art von Kommunikation, Bindung und Nähe zwischen Menschen ausgegrenzt? Wieso ist Sexualität immer noch ein tabuisiertes Thema, welches doch voller Potentiale und Möglichkeiten für den Einzelnen steckt? Wieso scheinen Menschen, die sich in ihrer eigenen Sexualität gefunden haben, glücklicher und zufriedener denn je zu sein? Wie stark wird unser sexuelles Verlangen geprägt durch den Ort, die Menschen, die Zeit und die Politik, in welcher wir leben? Fragen, die im Rahmen der vorliegenden Arbeit nicht zu beantworten sind, jedoch als grundlegender Denkanstoß zu betrachten sind.

Anliegen dieser Bachelor-Thesis ist es, an die aktuelle Bedeutung von Sexualität und sexueller Gesundheit anzusetzen sowie sexuelle Gesundheit als Teil des Erziehungs- und Bildungsauftrages der Schulen zu betrachten. Hierbei werden die beiden Bundesländer Bayern und Nordrhein-Westfalen miteinander verglichen. Dabei wird der Fokus besonders auf die Digitalisierung und ihre neuen digitalen Medien gesetzt, welche aktuell all unsere Lebenswelten tangieren.

Die Idee der Arbeit stammt aus der intrinsischen Motivation, dieses Thema näher aufzuarbeiten. Zu Dank bin ich nichtsdestotrotz dem Verein WirHa- benLust e.V. verpflichtet, welcher mir mitsamt seiner Mitglieder zahlreichen interdisziplinären Input gegeben und eine Austauschplattform eröffnet hat. Des Weiteren möchte ich mich bei allen teilnehmenden Schüler:innen und Lehrer:innen aus Bayern und Nordrhein-Westfalen bedanken, die an der Umfrage mit voller Offen- und Vertrautheit teilgenommen haben. Für intensive Stunden voller Diskussionen, Leidenschaft und Gespräche danke ich ganz besonders meinen Mitbewohnerinnen Naomi Bamba, Viktoria Eberhardt und Sandra Paff. Wertschätzung geht auch an all die männlichen Türöffner, welche mir sowohl in negativer als auch in positiver Weise meine sexuellen Lücken Stück für Stück mit Wissen gefüllt haben.

1 Einleitung

Die aktuelle epidemiologische Lage in Deutschland bezüglich sexuell übertragbarer Infektionen (STI) zeigt auf, dass die Zahl der HIV-Neudiagnosen steigt sowie ein vermehrtes Wachstum an Syphilisinfektionen und Gonokokkeninfektionen vorliegt (vgl. Bremer et al. 2017: 954). Gerade einmal 11 % aller unter 25-Jährigen werden jährlich auf Chlamydien getestet (vgl. ebd.: 954). Dies zeigt auch die geringe Bekanntheit und das fehlende Wissen über Chlamydien bei den 18- bis 35-Jährigen (vgl. Matthiesen et al. 2021). Beispielsweise sind ebenso wenig Menschen in Deutschland nicht über ihren HIV-Status informiert (vgl. Brockmeyer 2021). Weshalb Nordrhein-Westfalen im Rahmen der Bildungs- und Erziehungsarbeit, die Notwendigkeit erkannt hat, Schüler:innen über HIV und AIDS zu informieren und aufzuklären (vgl. Kultusministerium Nordrhein-Westfalen 1987).

Aufgrund dessen sind ausgebildete, fachkundige und willige Lehrkräfte für die schulische Sexualaufklärung erforderlich (vgl. Schmidt 2014: 261). Der Sexualkundeunterricht ist jedoch nicht mehr nur ausschließlich an das Fach Biologie gebunden, sondern vielmehr multiperspektivisch zu verstehen, womit einige Lehrkräfte immer noch überfordert sind (vgl. Hierholzer 2021: 152ff). Dies liegt auch daran, dass angehende Lehrer:innen heutzutage immer noch eine eher zufällige sexualpädagogische Bildung erhalten, da diese stark von den Eigenangeboten sowie dem persönlichen Interesse der Dozenten abhängt (vgl. Siemoneit 2021: 65f). Martin schreibt insofern zu Recht kritisch, dass „Bildungsangebote mit sexualitätsbezogenen Inhalten in den Grundqualifikationen zu erzieherischen, lehrenden oder pädagogischen Berufen und in den entsprechenden Studiengängen fehlen“ (Martin 2017: 165), wobei doch Sexualität heutzutage als ein Querschnittsthema im Bereich Bildung präsent ist.

Ebenso notwendig bei sexueller Bildung ist die Vermittlung von Medienkompetenz (vgl. ebd.: 164). Denn die fortschreitende Digitalisierung und einhergehende digitale Revolution schafft ihre ganz eigene Dynamik mit dem Wissen, dass die Nutzung digitaler Medien negative Auswirkungen auf unsere Gesundheit hat (vgl. Brunner 2018: 133f). Kurzsichtigkeit, zu langes Sitzen, die Zunahme von Schlafstörungen, immer mehr internetabhängige Jugendliche und das Gefühl des „nie richtig ankommen“ sind nur einige die Brunner anführt (vgl. ebd.: 133ff). Nun besteht aber das Wissen, dass das Leben der 14- bis 17-Jährigen heutzutage überwiegend online stattfindet (vgl. Calmbach et al. 2016: 172ff). Das Internet gewinnt von Jahr zu Jahr, mit aktuell 59 % an befragten Jugendlichen, als Medium zur Aneignung von Wissen über Sexualität erheblich an Bedeutung (vgl. Thaiss 2020). Damit einhergehend besteht durch die erhöhte Anzahl an Darstellungen von Sexualität und Pornographie im Internet die Notwendigkeit für Lehrer:innen, ihre Schüler:innen über dessen Ziele und Hintergründe aufzuklären und zu informieren (vgl. Kuhle et al. 2012: 18ff). Die Wirkung auf und die Nutzung pornographischer Inhalte durch Jugendliche ist anhand empirischer Langzeitstudien zwar nicht erforscht, dennoch ist bekannt, dass der Konsum bei mangelnder emotionaler und kognitiver Reife negative Wirkungen mit sich bringt (vgl. ebd.: 24ff).

Zudem ist die Ausformung der Schulpolitik in Deutschland reine Ländersache, womit der Bildungsföderalismus auch unterschiedliche Auswirkungen auf die Bildungsleistung der Schüler:innen in den Ländern hat (vgl. Schlicht 2011: 22f). So ist beispielsweise digitale Bildung besonders im Bundesland Nordrhein-Westfalen bereits früh ein gänzlich wichtiges politisches Thema gewesen, welches strukturell fest etabliert ist (vgl. Förschler 2021: 18). In Bayern dagegen stehen dagegen noch weitere große Schritte aus, die in den nächsten Jahren getan werden müssen (vgl. Sailer et. al. 2017: 1). Dies verdeutlicht, dass die deutschen Bundesländer auch hinsichtlich der Implementierung ihres pädagogischen Konzeptes bezüglich der Anwendung digitaler Medien im Unterricht nicht identisch voranschreiten (vgl. Zieher 2019: 34).

Benannte Problemfelder, wie die der Zunahme sexuell übertragbarer Infektionen, der fehlenden sexualpädagogischen Ausbildung der Lehrer:innen sowie einhergehender Gefahren der Digitalisierung am Beispiel Pornographie aber auch der Bildungsföderalismus in Deutschland, stellen nur einen geringen Bruchteil an Problematiken dar, die unter anderem Folge und Ursache eines ungenügenden schulischen Sexualkundeunterrichts, sexueller Bildung und Erziehung sind. Die dringliche Fragestellung dieser Thesis ist daher, ob der schulische Sexualkundeunterricht in Deutschland digital im Kontext zum progredienten technologischen Wandel der Gesellschaft einschließlich des Bildungssektors, kongruent im Vergleich der beiden Bundesländer sowie aktuell in Bezug auf gesetzliche, rechtliche und weisungsgebende Rahmenbedingungen ist.

Ziel dieser Arbeit ist es daher, sowohl die Bedeutung von Sexualität als auch sexueller Gesundheit innerhalb der Bevölkerung herauszuarbeiten. Außerdem möchte diese Thesis konkreten Bezug auf die Chancen schulischer Sexualaufklärung für sexuelle Gesundheit nehmen. Folgend soll der Ort Schule als Möglichkeit für Sexualerziehung und -bildung charakterisiert werden. Im Nachgang werden zeitgemäße Einflussfaktoren wie die der Digitalisierung, der Nutzung digitaler Medien, Chancen digitaler Sexualaufklärung und digitaler Gesundheitskompetenz vorgestellt. Darüberhinaus wird ein Vergleich von Recht, Gesetz, Handreichungen und Richtlinien der beiden Bundesländer Bayern und Nordrhein-Westfalen angestrebt, um Differenzen in der Handhabung von sexueller Bildung und digitalem Wandel aufzuzeigen. Die anschlie­ßende empirische Erhebung soll darstellen, inwiefern Diskrepanzen im schulischen Sexualkundeunterricht zwischen den beiden Bundesländern bestehen und ein Abbild der aktuellen Situation von Lehrerschaft und Schülerschaft geben. Bedarfe, Wünsche und Notwendigkeiten, besonders unter dem Aspekt des technologischen Wandels, sollen ermittelt werden.

2 Die Bedeutung von Sexualität, Gesundheit und schulischer Sexualaufklärung

“[...] sexuality is a source of pleasure and wellbeing and contributes to overall fulfilment and satisfaction.”

World Association for Sexual Health (2014)

„Durch Sexualaufklärung können negative Folgen von Sexualität vermieden werden, als auch die Lebensqualität, Gesundheit und das Wohlbefinden der kindlichen Persönlichkeit präventiv verbessert werden.“

Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (2011)

Um die Relevanz schulischer Sexualaufklärung zu verdeutlichen, wird im folgenden Kapitel zunächst sowohl das begriffliche Verständnis von Sexualität aus sexualwissenschaftlicher Perspektive näher beleuchtet als auch eine begriffliche Abgrenzung zu sexueller Gesundheit hergestellt. Die Sexualaufklä­rung wird in die Theorie von sexueller Gesundheitsförderung eingebettet, um die Relevanz des Sexualkundeunterrichts und einhergehender positiver Aspekte auf die Gesundheit von Schüler:innen zu verdeutlichen. Der Einfachheit halber wird zwischen den Begriffen Sexualpädagogik, Sexualerziehung, und Sexualaufklärung nicht scharf getrennt, jedoch kritisch Bezug zu verwendeten Fachtermini genommen. Abgerundet wird der erste Passus mit dem Übertragen bestehender inhaltlicher Konzepte von Sexualaufklärung in der Schule auf einen rechtlichen und methodischen Vergleich der zwei einwohnerstärksten Bundesländer Bayern und Nordrhein-Westfalen. Inwiefern somit vorhandene Sexualitätskonzepte in den einzelnen Bundesländern umgesetzt und rechtlich verankert werden, soll anhand von Unterschieden und Gemeinsamkeiten aufgezeigt werden.

2.1 Begriffsabgrenzung: Sexualität und sexuelle Gesundheit

Sielert schreibt, dass große Schwierigkeit besteht, eine Realdefinition für Sexualität zu finden, er jedoch Sexualität als allgemeine auf Lust bezogene Lebensenergie beschreibt, die sich des Körpers bedient und aus vielfältigen Quellen gespeist wird sowie ganz unterschiedliche Ausdrucksformen kennt und in verschiedenster Hinsicht sinnvoll ist (vgl. Sielert 2005: 36ff). Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) versteht einen allumfassenden Ansatz, welcher Sexualität als menschliches Potential und allgemeine Lebensenergie erklärt (vgl. BZgA 2011: 5). Hierholzer dagegen, blickt aus einer erziehungswissenschaftlichen Perspektive auf Sexualität und verdeutlicht, dass Sexualität „[...] in jedem (sozial-)pädagogischen Setting mit zu berücksichtigen und mitzudenken“ (Hierholzer 2021: 11f) ist und menschliche Sexualität eine in sozialen Bedingungen eingebettete Sozialhandlung ist (vgl. ebd.: 11f).

Im Jahr 1975 wurde bei einem Treffen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) in Geneva erstmalig der Begriff der sexuellen Gesundheit definiert. „Sexual health is the integration of the somatic, emotional, intellectual, and social aspects of sexual being, in ways that are positively enriching and that enhance personality, communication, and love.” Fundamental ist das Recht auf sexuelle Information sowie das Recht auf Vergnügen und Freude. Zusätzlich beinhaltet das Konzept der sexuellen Gesundheit drei Grundbestandteile. Zu Beginn wird die Fähigkeit, sexuelles sowie reproduktives Verhalten in Konkordanz zur sozialen und persönlichen Moral genießen als auch kontrollieren zu können, genannt. Des Weiteren wird der Faktor der Freiheit in Bezug auf Angst, Scham, Schuld, falschen Überzeugungen und anderen psychologischen Einflüssen sowie schädlichen sexuellen Beziehungen aufgeführt. Als dritten Eckpfeiler nennt die WHO in ihrem Bericht das Freisein von organischen Störungen, Krankheiten und Mängeln, die behindernd, störend oder beeinträchtigend auf Sexual- und Fortpflanzungsfunktionen wirken könnten (vgl. World Health Organization, 1975). Die WHO schärft ihre eigene Definition von sexueller Gesundheit auf Respekt, Schutz und Erfüllung der sexuellen Rechte aller Personen nach, damit diese erreicht und erhalten werden können. Ein Recht ist unteranderem der Anspruch auf sexuelle Bildung (vgl. World Health Organization, 2006).

Die World Association for Sexual Health (WAS) definiert in ihrer aktuellen Version von 2014 sexuelle Gesundheit als einen Zustand des körperlichen, emotionalen, geistigen und sozialen Wohlbefindens in Bezug auf Sexualität. Sexuelle Gesundheit meint nicht nur die Abwesenheit von Krankheit, Dysfunktion oder Schwäche. Vielmehr setzt sie eine positive und respektvolle Einstellung zur Sexualität und sexuellen Beziehungen voraus. Daraus resultiert die Möglichkeit, sowohl Vergnügen empfinden zu können und zugleich sichere sexuelle Erfahrungen zu machen als auch frei von Zwang, Diskriminierung und Gewalt zu sein. Eine umfassende Sexualbildung meint, altersgerechte, wissenschaftlich korrekte Bildung, welche auf den Menschenrechten und der Gleichberechtigung der Geschlechter beruht, sowie einen positiven Ansatz für Sexualität und Vergnügen fördert (vgl. World Association for Sexual Health, 2014).

Basierend auf den genannten Definitionen bereitet Sexualität sowohl als auch sexuelle Gesundheit Menschen Vergnügen, Lust, Freude, Wohlbefinden, Energie, Liebe, Genuss und Freiheit in vielerlei Hinsicht. Bremer und Winkelmann schreiben somit zurecht, dass eine befriedigende Sexualität sowie vorhandene sexuelle Gesundheit sich in unterschiedlicher Weise positiv auf Körper und Geist auswirkt (vgl. Bremer/Winkelmann 2012: 101).

Die WHO versucht daher, den Ländern anhand eines schriftlichen Gerüsts in Form eines Berichts aus dem Jahr 2010, Struktur zur Implementierung von Programmen für sexuelle Gesundheit zu geben. Denn sexuelle Gesundheit ist in verschiedene Dimensionen eingebettet, wie in Gesetze, das politische Geschehen, Menschenrechte, Bildung, Gesellschaftliches und Kulturelles, Wirtschaftliches und in das Gesundheitssystem des jeweiligen Landes. Will man daher sexuelle Gesundheitsinterventionen durch Programme implementieren, so erhöhen sich deren Erfolg und Chancen, wenn dies parallel, gleichzeitig und interdisziplinär passiert (vgl. World Health Organization 2010).

Nun wurde der Begriff Sexualität sowie sexuelle Gesundheit ausführlich beleuchtet. Um anschließend den Gesundheitsaspekt auf die Bildung übertragen zu können, erscheint es unerlässlich, einen Blick auf Konzepte der Prävention und Gesundheitsförderung zu werfen, da ebendeswegen die Bedeutung schulischer Sexualaufklärung, -bildung, und -erziehung verdeutlicht wird.

2.2 Präventive und gesundheitsförderliche Sexualaufklärung

Nicht ohne Grund schreibt die BZgA, „Sexualaufklärung erfüllt somit den dringenden Bedarf nach Förderung der sexuellen Gesundheit.“ (BZgA 2011: 25).

Im Jahr 1998 sprach Haeberle in seinem Vortrag darüber, dass er selbst glaube, dass die Sexualwissenschaften sich im 21. Jahrhundert weniger mit der Therapie beschäftigen und vielmehr der Fokus auf der Prävention liegen werde (vgl. Haeberle 1998). Das fünfte Sozialgesetzbuch (SGB) versteht unter primärer Prävention Leistungen zur Verhinderung und Verminderung von Krankheitsrisiken sowie unter Gesundheitsförderung das Fördern des selbstbestimmten gesundheitsorientierten Handelns (vgl. § 20 Abs. 1 Satz 1 SGB V). Das Ziel von Gesundheitsförderung ist somit auch, gesundheitsbezogene Ungleichheiten in der Gesellschaft auszugleichen sowie die Gesundheit von Menschen zu verbessern (vgl. Schaal et al. 2020: 70). Die BZgA unterstreicht, dass Sexualaufklärung einen präventiven sowie gesundheitsförderlichen Charakter begünstige, der die Gesundheit, das Wohlbefinden und die Lebensqualität bei der Erziehung von Kindern und Jugendlichen positiv beeinflusse (vgl. BZgA 2011: 7).

Gesundheitsförderung als wichtige erzieherische Aufgabe jeden Unterrichts wird bereits akzeptiert (vgl. Hopf 2002: 2). So besteht vor allem im schulischen Unterricht die Möglichkeit, Gesundheitsförderung in Form gesundheitlicher Aufklärung, Beratung, Gesundheitserziehung und -bildung zu etablieren (vgl. Schaal et al. 2020: 71). Ebenso ist laut Hopf Sexualerziehung ein Teilaspekt der Sozial- und Gesundheitserziehung (vgl. Hopf 2002: 13). Daraus ergibt sich, dass das Konzept der Gesundheitsförderung auch auf sexuelle Gesundheit anhand von Sexualerziehung, -bildung und sexueller Aufklärung anwendbar ist. Folgende Abbildung versucht mittels der Beziehungen zwischen wichtiger gesundheitsförderlicher Konzepte von Schaal et al. (2020), den Einfluss von sexueller Bildung als ein Determinant von Gesundheit auf sexuelle Gesundheitskompetenz und somit einhergehendem verbesserten sexuellen Gesundheitsoutcome darzustellen. Meint Sexualbildung die Strategie der bewussten Einflussnahme auf Lebensbedingungen, Sexualhandeln und Bewältigungsstrategien, versteht sich unter Sexualerziehung der Aufbau von Kenntnissen sowie das Einüben von Fertigkeiten, und letzteres die sexuelle Aufklärung als Teil der Wissensvermittlung von Sexualität und Kommunikation (vgl. Schaal et al. 2020: 71).

Abbildung 1: Beziehungen zwischen Konzepten der Gesundheitsförderung in Bezug auf Sexualität (eigene Darstellung nach Schaal et al. 2020: 71)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Zusammengefasst ist festzuhalten, dass sexuelle Bildung die sexuelle Gesundheit positiv beeinflusst. Es wird deutlich, wie sowohl Sexualbildung, - erziehung und -aufklärung durch Verhaltensprävention und die Um-/Lebens- welt, wie Orte der Familie und Schule sowie die Sexualpolitik als strukturelle Bedingungen bei sexueller Gesundheitsförderung mit einbezogen werden. Durch die Abdeckung dieser präventiven Schwerpunkte werden soziale und persönliche Komponenten wie die Kommunikation, das Erleben sowie das

Sexualitätsbewusstein geschärft und zugleich Leitplanken und Richtlinien zur Unterstützung an die Hand gegeben. Aufgrund dessen entsteht sexuelle Gesundheitskompetenz bei den Gebildeten. Eine Erhöhung des Sexualitätsout- comes in Form von Glück, Wohlbefinden sowie eine wesentlich verbesserte sexuelle Gesundheit und die Reduzierung negativer Folgen von Sexualität wie ungewollte Schwangerschaften und sexueller Gewalt sind die Resultate. Im Grunde legt Bildung und somit auch die Schule den Grundstein für ein funktionierendes Konzept über unseren Umgang mit Sexualität.

Die Sexualwissenschaft aus Deutschland und ihre bekannten Vertreter:innen zeigen in ihren unterschiedlichsten literarischen Werken dennoch keine Einigkeit bei der Nennung und somit einer übereinstimmenden Begrifflichkeit für Bildung von Sexualität. Daher wird im Anschluss eine kritische Perspektive auf vorhandene Termini genommen.

2.3 Kritik am Begriff Sexualaufklärung

Spricht die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung in ihrem empfohlenen Standardwerk von 2011 noch von Sexualaufklärung, während Sexualpädagogen wie Hierholzer den Begriff der Sexuellen Bildung bereits erwähnen. Demgegenüber differenziert Valtl die Begrifflichkeiten Sexualaufklä­rung, Sexualpädagogik und Sexueller Bildung nach Jahrzehnten, weshalb dieser seit den 2000er Jahren von Letzterem spricht (vgl. Valtl 2006: 3). Basis ist die Sexualpädagogik, welche eine Teildisziplin der Erziehungswissenschaften (Pädagogik) ist, wohingegen die Sexualerziehung sich aus der Wissenschaft der Sexualpädagogik ableitet (vgl. Hierholzer 2021: 129f). Sielert findet somit, dass aufgrund von Gesellschaftsentwicklungen die Schulen nun vielmehr einen Sexualerziehungsauftrag haben und nicht mehr nur Sexualkunde bzw. Sexualaufklärung in Form von reiner Wissensvermittlung tätigen sollten (vgl. Sielert 2013: 118f). Haeberle spricht bei Sexualaufklärung von dem „Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten sexuellen Unmündigkeit“ und meint damit die freie Bedienung an den eigenen Sexualorganen (vgl. Haeberle 1996: 6). Außerdem ist er der Meinung, dass Sexualerziehung vorrangig das Privileg sowie die Pflicht der Eltern ist, jedoch die Schule, wie in allen anderen Wissensgebieten auch, einen sehr wichtigen Beitrag leisten kann, sobald dies interdisziplinär und fächerübergreifend passiert (vgl. Haeberle 1983: 529).

Eben dargestellt wird ersichtlich, wie uneinig und irritierend sich die Sexualwissenschaft und -pädagogik dabei ist, eine einzige Begrifflichkeit für die Schule und die Thematik Sexualität zu definieren. Ungeachtet vorangestellter Ausführungen soll laufend das Konzept einer guten schulischen Sexualaufklärung dargelegt werden.

2.4 Schulische Sexualaufklärung - Definition und Voraussetzungen

Sexualaufklärung für Kinder und Jugendliche vermeidet negative Folgen von Sexualität, trägt zu einer Verbesserung des Wohlbefindens bei und fördert sexuelle Gesundheit (vgl. BZgA 2011: 7ff). Sie vermittelt unvoreingenommene und wissenschaftlich korrekte Informationen und bildet damit eine Haltung mit Respekt und Toleranz, welche wiederum Voraussetzung für sozial gerechte Gesellschaften ist (vgl. ebd.: 5ff). Nicht ohne Grund erkennt die World Association for Sexual Health an, dass Sexualität die Quelle der Freude und des Wohlbefindens ist und somit zur allgemeinen Erfüllung beiträgt (vgl. World Association for Sexual Health 2014). In Deutschland hat daher die BZgA als zentrale Behörde für Sexualaufklärung eine bedeutende Rolle in Präventionsarbeit inne (vgl. Bremer/Winkelmann 2012: 97). Daher wurden vor genau 10 Jahren von dem WHO-Regionalbüro und der BZgA Standards für die schulische Sexualaufklärung in Europa definiert (vgl. BZgA 2011: 5). Diese sind als nicht rechtsverbindliche Orientierungs- und Unterstützungshilfe für die Bundesländer gedacht, um Lehrpläne zu erweitern sowie optimieren und Sexualaufklärung ganzheitlich in der Schule zu unterrichten (vgl. ebd.: 9).

Die BZgA versteht unter Sexualaufklärung folgende positive Aspekte:

- das Lernen über kognitive, emotionale, soziale, interaktive und physische Aspekte von Sexualität
- beginnend in der Kindheit und anknüpfend im Erwachsensein
- fördert und schützt die sexuelle Entwicklung von Kindern und Jugendlichen
- Informationen, Fähigkeiten sowie positive Werte befähigen Kinder und Jugendliche darin, ihre eigene Sexualität genießen und verstehen zu können, um den Umgang im sexuellen Kontakt zu sich selbst und mit anderen Menschen zu stärken
- Beitrag zu einer empathischen und gerechteren Gesellschaft
- das Recht auf eine alters- bzw. entwicklungsgerechte Sexualaufklärung (vgl. ebd.: 22)

Die Sexualaufklärung stellt einen Teilbereich der Wertebildung bzw. -erziehung durch den Bildungsauftrag von Schulen dar, welcher laut Steinherr fä­cherübergreifend in Fächern wie Biologie, Sozialkunde, Ethik, Religion, Deutsch, Fremdsprachen, Geschichte, Wirtschaft, Recht, Geographie und Kunst gelehrt werden soll (vgl. Steinherr 2020: 14). Bereits Haeberle war der Ansicht, dass Sexualerziehung durch die Schulen wertvoll sei und „Einstellungen verschiedener Gesellschaften und historischer Phasen[,] [.] erotische Kunst, Sexualstrafrecht und insgesamt die „Sexualpolitik“ von Gesellschaften“ einschließen müsse (vgl. Haeberle 1983: 528). So plädiert Hopf zu Recht darauf, dass das Aufbrechen von Fächergrenzen Grundlage für neue Erkenntnisse sei und nachhaltige Ergebnisse nicht allein in einzelnen Unterrichtsfä­chern erzielt werden könnten (vgl. Hopf 2002: 39). Diesbezüglich brauche es sichere Lehrkräfte, die einen Werkzeugkoffer mit fachdidaktischen sowie unterrichtsmethodischen Vorgehensweisen beherrschten und angrenzende Nachbarfächer stets im Blick hätten (vgl. ebd.: 39).

„Die Förderung und Befähigung zur sexuellen Selbstbestimmung ist Teil des Bildungsauftrages, den die Schule zu leisten hat.“ (Martin/Nitschke 2017: 13) Daher sehen diese sexuelle Bildung, Sexualerziehung und schulische Sexualaufklärung als Aufgabe der Schule, im Rahmen eines eigenständigen Fachgebietes Sexualität zu lehren (vgl. ebd.: 11). Hopf dagegen ist davon überzeugt, dass Sexualerziehung vielmehr als Unterrichtsprinzip in allen schulischen Fächern verankert werden müsse (vgl. Hopf 2002: 1). Sielert deklariert Sexualaufklärung als Teil der Sexualerziehung und versteht darunter vielmehr ein einmaliges, mehr oder weniger zielorientiertes Vorkommen, welches informative Fakten und Zusammenhänge über menschliche Sexualität lehre (vgl. Sielert 2005: 15). Die BZgA formuliert jedoch in ihrem Standardwerk, dass Sexualaufklärung ein Prozess sei und kein einmaliges Ereignis (vgl. BZgA 2011: 34). Aufklärung meine vielmehr, etwas sinnvoll anhand wissenschaftlicher Erkenntnisse erfassen zu können, um daraufhin selbstbestimmt und verantwortlich sexuell Handeln zu können (vgl. Horn 2019: 15). Das Ziel sei „[...] aus dem Kind eine in sexuellen Belangen selbständige und entscheidungsfähige Person [..]“ zu machen (ebd.: 25).

Folgende sieben Voraussetzungen sollen laut BZgA ebenso beachtet werden:

1. Einbindung trainierter Jugendlicher in Form von Peer Education meint den Einsatz von Jugendlichen für Jugendliche (vgl. Backes/Lieb 2015).
2. Schüler:innen als interaktive Partner:innen und Mitentscheider:innen über Themeninhalte. Lehrer:innen als Moderator:innen und Anbieter:in- nen von differenzierten Unterrichtsmethoden zur Verstärkung von Diskussionen und Kommunikationsprozessen.
3. Altersangemessene, prozessorientierte und niedrigschwellige Aufklärung sowie Beratungsdienste.
4. Multisektorale Verankerung durch Kooperationen mit inner- und außerschulischen Expert:innen und Partner:innen sowie fächerübergreifende Aufklärung.
5. Berücksichtigung der Kontextabhängigkeit aufgrund verschiedener Umgebungen, Erfahrungen, sozialer und kultureller Hintergründe der Schü- ler:innen.
6. Information und Beteiligung der Eltern und anderer Interessensgruppen.
7. Berücksichtigung geschlechtsspezifischer Bedürfnisse (vgl. BZgA 2011: 33f).

Abschließend ist zu erwähnen, dass ausgebildete pädagogische Fachkräfte eine hohe Bedeutung haben, jedoch Sexualaufklärung auch dann unterrichtet werden soll, wenn diese nicht oder noch nicht in der Schule zur Verfügung stehen (vgl. BzgA 2011: 33ff). Aufgeführte Ansichten verdeutlichen jedoch jenes zerrissenes Verständnis genannter Autor:innen sowie Institutionen über Sexualaufklärung, Sexualbildung und Sexualerziehung, wodurch eine gemeinsame Ausgangsbasis für Gespräche erschwert wird. Allesamt verständigen sich jedoch auf eine schulische Verankerung. Daher liegt es allein in der Macht der Schule und der Aufsichtsbehörden, Sexualkunde praktisch durchzuführen. Die BzgA betont wie wichtig es dabei ist, dass genügend Zeit, Raum und Personal zur Verfügung steht (vgl. ebd.: 33ff). Zugleich bestehen die Grundvoraussetzungen darin, dass Sexualaufklärung in der Schule fest verortet ist und in den Lehrplänen gänzlich berücksichtigt wird (vgl. ebd.: 33ff).

3 Sexualerziehung an Schulen in Deutschland

Da nun im Wesentlichen aufgezeigt wurde wie die BZgA, als Sexualitätszentrale für ganz Deutschland sowie die deutsche Wissenschaft, Sexualaufklärung versteht und welche Faktoren hierbei zu berücksichtigen sind, wird anschließend ein Blick auf die zwei einwohnerstärksten Bundesländer in Deutschland geworfen. Ziel ist außerdem jenes rechtliches Zusammenspiel der Schule mit den Eltern und dem Staat zu verdeutlichen, als auch einen Blick auf die gesetzlichen Grundlagen der beiden Länder zu werfen. Im Grunde stellt sich die Frage, ob das vorhandene theoretisch-inhaltliche inklu- siv wissenschaftliche Konzept von Sexualaufklärung in der Länderpolitik für Sexualerziehung umgesetzt wird.

3.1 Das Schulrecht am Dreieck - Schule, Eltern und Staat

Die Empfehlungen der ständigen Konferenz der Kultusminister (KMK), zur Sexualerziehung in den Schulen aus dem Jahr 1968, wurden durch eine neue, nicht rechtsverbindliche Anleitung der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung und dem WHO-Regionalbüro aus dem Jahr 2011, ersetzt. Die Rechtspositionen von den drei Akteuren Schüler:innen, Eltern und Staat, sind in nachfolgender Abbildung grafisch darstellt (vgl. Müller 2017: 238).

Abbildung 2: Die Rechtspositionen schulischer Sexualaufklärung in Deutschland (vgl. Müller 2017: 238).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Jene Abbildung zeigt die Dreiecksbeziehung zwischen dem Elternhaus, dem Staat und den Schüler:innen. Der Staat als Auftragnehmer ist für die Durchführung, Etablierung und Einbindung von Sexualaufklärung im Setting Schule verantwortlich. Demgegenüber haben die beiden anderen Akteure - Eltern und Schülerinnen - verschiedene Rechte. Jegliches Recht auf Erziehung wird den Eltern überlassen. Das Recht auf Bildung haben die Schüler:in- nen mitsamt ihrem allgemeinen Persönlichkeitsrecht inne.

3.2 Sexualerziehung in Bayern und Nordrhein-Westfalen

Die deutschen Bundesländer verabschiedeten in den letzten Jahrzehnten gesetzliche Regelungen zur schulischen Sexualerziehung. Wohingegen Sexualaufklärung laut Sielert ein Teil der Sexualerziehung ist, meint Letzteres „die kontinuierliche, intendierte Einflussnahme auf die Entwicklung sexueller Motivationen, Ausdrucks- und Verhaltensformen sowie von Einstellungsund Sinnaspekten der Sexualität von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen.“ (Sielert 2005: 15) Darunter sind somit „[.] intentional gelenkte Lernprozesse [.]“ zu verstehen. (ebd.: 15) Ebenso versteht Hopf schulische Sexualerziehung „als aktiv-mitgestaltender Lehr- und Lernprozess [..], der sich an personalen, kommunikativen und handlungsbedeutsamen Sichtweisen der Schüler orientiert [.].“ (Hopf 2002: 11)

Die schulische Sexualerziehung ist mehrheitlich gesetzlich in Form von Landesschulgesetzen sowie in Richtlinien geregelt. Dabei unterscheiden sich die Schulgesetze in ihrer Ausführlichkeit sowie anhand vier inhaltlicher Indikatoren. Diese schließen das des elterlichen Erziehungsrechts, die Orientierung auf Ehe und Familie sowie Vielfalt und Gewaltfreiheit ein (vgl. Müller 2017: 239ff). Nachfolgende Tabelle vergleicht die beiden Bundesländer Bayern und Nordrhein-Westfalen auf benannte Unterschiedlichkeiten. Müller vergleicht Auszüge des Bayerischen Gesetzes über das Erziehungs- und Unterrichtswesen (BayEUG) mit den sexualpädagogischen Inhalten des Schulgesetzes für das Land NRW (SchulG). Sielert weist jedoch auf das Dilemma hin, dass „Sexualerziehung nicht immer im Sinne der gesetzlichen Vorgaben, Richtlinien und Lehrpläne und vor allem nicht intensiv genug durchgeführt wird.“ (Sielert 2013: 121)

Tabelle 1: Ein Vergleich der gesetzlichen Verankerung von Sexualerziehung in Bayern und NRW (vgl. Müller 2017: 242f).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Zu sehen ist eine überwiegende Diskrepanz beim elterlichen Erziehungsrecht, welches ausschließlich im bayerischen Gesetz fixiert ist. Bei den Thematiken Vielfalt und Gewaltfreiheit, welche alleinig im Schulgesetz für das Land NRW involviert sind, wird ein erneutes Auseinanderklaffen ersichtlich. Diskutiert kann ebenso das Verständnis davon werden, ob Bayern welches Sexualerziehung als Bestandteil von mehreren Fächern betrachtet und NRW, welche eine fächerübergreifende Lehre gesetzlich fokussieren, dasselbe damit meinen. Außerdem haben die Erziehungsberechtigten in Bayern über Ziel, Inhalt und Form des Unterrichts eine Art Mitspracherecht sowie das Recht auf Information, wohingegen in NRW die Eltern lediglich darüber zu benachrichtigen sind. In NRW liegt außerdem vermehrt der Fokus auf der Entwicklung eigener Wertvorstellungen sowie in der Förderung von Selbstbewusstsein, Gleichberechtigung und Akzeptanz. Bayern zielt vermehrt auf die Erziehung von bereits festgelegten Wertvorstellungen, mit einzig allein der Wahrung von Toleranz bezüglich abweichender Ansichten, ab.

Aus obigen Gesichtspunkten heraus, verstärkt sich das bayerische Bild von einem sehr traditionellen, reproduktionsorientiertem Ansatz mit Betonung des elterlichen Erziehungsrechts sowie der Bedeutung von Ehe und Familie. Dem gegenüber bildet sich ein emanzipatorisches, selbstbestimmtes Bild mit Hervorhebung von Vielfalt und Gewaltfreiheit im Bundesland NRW ab (vgl. Müller 2017: 243). Müller hebt hervor, dass unter vorgestellter Dreieckskonstellation von Schüler:innen, Eltern und Staat, eine Unterrichtspflicht und somit das Recht auf Bildung, insbesondere auf den Sexualkundeunterricht, stärker zu berücksichtigen ist (vgl. ebd.: 251). Außerdem verdeutlichen vorgestellte Gegenstandsbereiche der beiden Bundesländer im Punkt Sexualerziehung, dass dieser allein gesetzlich anders verankert ist und daher Schüler:innen in Bayern einen anderen Unterricht, andere Werte sowie eine andere Erziehung zu Sexualität kennenlernen als Schüler:innen in NRW.

[...]

Ende der Leseprobe aus 104 Seiten

Details

Titel
Sexualkundeunterricht in der Schule und der Einfluss der Digitalisierung. Eine Erhebung des Status quo in Bayern und NRW
Note
1,3
Autor
Jahr
2021
Seiten
104
Katalognummer
V1148119
ISBN (eBook)
9783346533463
ISBN (Buch)
9783346533470
Sprache
Deutsch
Schlagworte
sexualkundeunterricht, schule, einfluss, digitalisierung, eine, erhebung, status, bayern
Arbeit zitieren
Julia Meixner (Autor:in), 2021, Sexualkundeunterricht in der Schule und der Einfluss der Digitalisierung. Eine Erhebung des Status quo in Bayern und NRW, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1148119

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