Gewalt als Mittel männlicher Identitätsfindung. Sozialpädagogische Intervention durch Sportmaßnahmen im Heimalltag


Diplomarbeit, 2008
107 Seiten, Note: 1,9

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0. Einleitung

1. Definitionen, Statistiken und Begriffszusammenhänge
1.1. Gewaltverbreitung in Deutschland
1.2. Begriffserklärungen
1.2.1. Der dreidimensionale Gewaltbegriff
1.2.2. Der Aggressionsbegriff
1.2.3. Unterschiedliche Bedeutungsfelder von Aggressionen und Gewalt
1.3. Theoretische Entstehungsansätze von Aggressionen und Gewalthandlungen
1.3.1. Triebtheorie
1.3.2. Frustrationstheorie
1.3.3. Lerntheorien
1.3.3.a) Lernen am Modell
1.3.3.b) Lernen am Effekt
1.3.3.c) Kognitives Lernen
1.3.4. Anomietheorie
1.3.5. Etikettierungstheorie
1.3.6. Fazit der Theorien

2. Gewalt - Ein männliches Phänomen
2.1. Die Täter
2.2. Die Opfer

3. Das (gewalttätige) Männerbild unserer Gesellschaft

4. „Typisch Mann“ - Männlichkeit und männliche Sozialisation
4.1. Die Familie als primäre Sozialisationsinstanz.
4.2. Männliche Sozialisationsmuster im Vorschulalter und außer- schulische institutionalisierte Kindererziehung
4.3. Das Mesosystem Schule als Sozialisationsinstanz
4.4. Peer- Group- Bildung in der Pubertät als wichtiger sozialisatorischer Prozess

5. Die Jugendphase
5.1. Begriffsentstehung und historische Einführung
5.2. Definitionen von Jugend und Jugendlichen
5.3. Jugend als ein chancenreicher Lebensabschnitt mit dem Ziel Männlichkeit
5.3.1. Fallbeispiel: Wie Mike S. seine schwere Kindheit ausglich und zu einer stabilen Persönlichkeit heranreifte
5.4. Das Eriksonsche Stufenmodell der psychosozialen Entwicklung mit dem zentralen Gesichtspunkt der Identität vs. Identitäts- diffusion im Jugendalter
5.4.1. Darstellung des Modells
5.5. Empirische Gewaltforschungen im Zusammenhang mit psycho- sozialen Entwicklungseinflüssen bei Jugendlichen
5.5.1. Emotionale Desintegration durch Beziehungsauflösung oder mangelnden Bezug zu wichtigen Personen oder personellen Institutionen
5.5.2. Auflösung der faktischen Teilnahme an gesellschaftlichen Institutionen
5.5.3. Die Auflösung der Verständigung über gemeinsame Norm- und Wertevorstellung
5.5.4. Fazit
5.6. Der Zusammenhang zwischen Verunsicherungen und Gewalt

6. Subkulturen als Zufluchtsalternative für Identitätssuchende
6.1. Jugendliche Subkulturen.
6.1.1. Die populärsten Jugendkulturen und ihre charakteristischen Merkmale.
6.2. Anhänger der rechtsextremen Subkultur - Jugendliche auf dem Weg zum Gewalttäter
6.2.1. Fallbeispiel
6.2.2. Fakten und Zahlen rechtsextremistischer Gruppen und ihrer Verbrechen
6.3. Interview mit einem Ex-Mitglied einer rechtsextremistischen Vereinigung
6.3.1. Biographischer Rahmen64
6.3.2. Die Interviewsituation
6.3.3. Eine Erklärung des Interviewten, warum so viele Jugendliche sich nationalsozialistischen Ideologien anschließen und Mitglieder solcher Vereinigungen werden
6.3.4. Wieso hassen Rechtsextremisten Juden, Ausländer, aber auch Menschen ihrer Nation so sehr und werden so oft gewalttätig gegenüber Personen?
6.3.5. Wie werden Jugendliche überhaupt auf den „rechten Gedanken gebracht?
6.3.6. Fazit
6.3.7. Zusätzliche Bemerkungen zum Interview

7. Mediale Gewalt - eine besondere Gewalterfahrung von Jugendlichen

8. Sport im Heimalltag als Mittel zur Gewaltprävention, Sozialisation und sozialpädagogischen Intervention
8.1. Die Legitimation des Sportes
8.1.1. Die differenzierten Funktionen des Sports
8.2. Sport als Spiegelbild der Gesellschaft
8.2.1. Arten der sportlichen Prävention
8.2.1.1. Primärprävention
8.2.1.2. Sekundärprävention
8.3. Sport als gewaltpräventive Maßnahme im Heimalltag am Beispiel des Projektes „Sport in der betreuten Wohnform U-Haftvermei- dung des KJF e.V. Chemnitz“
8.3.1. Ziele
8.3.2. Umsetzung, Ablauf und methodisches Arbeiten
8.3.3. Die einzelnen Veranstaltungen und durchgeführte Sportarten
8.3.3.1. Analyse der auf Video aufgezeichneten Sportveranstaltung
8.3.4. Reflexion
8.4. Fazit

9. Schlusswort

Literaturverzeichnis

Anlage 1 Dimensionen des Gewaltbegriffes Bl

Anlage 2 Befragung in Chemnitz - Vitacenter

Anlage3 Befragung in Lübbenau - „Am Kauflandplatz“ Bl

Anlage4 Transkription vom Interview mit F. aus B

0. Einleitung

München, 20.12.2007. Ein 17- jähriger Grieche und ein 20- jähriger Türke schlagen einen 76 Jahre alten Rentner auf brutale Art und Weise zusammen, weil dieser die beiden jungen Männer darauf aufmerksam machte, dass sie im U-Bahngelände „doch bitte nicht rauchen“ sollen. Das schwer verletzte Opfer wird nach der Tat ins Krankenhaus eingeliefert und schwebt eine Zeit lang in Lebensgefahr. Durch das Beweismaterial der Aufzeichnungen einer Überwachungskamera konnten die Männer kurze Zeit nach der Tat überführt und in Untersuchungshaft genommen werden. Im Juli 2008 findet der Prozess gegen die beiden Heranwachsenden statt. Die Anklage lautet auf lautet versuchtem Mord und gefährlicher Körperverletzung.

Wenige Tage später (05.01.2008) zeichnete eine andere Überwachungskamera der U-Bahnstation München erneut Bilder einer brutalen Schlägerei auf. Wieder sind die Täter Jugendliche, diesmal eine ganze Jugendgruppe. Die Opfer waren bei dieser Tat zwei junge Männer im Alter von 22 Jahren. Auch sie mussten im Krankenhaus behandelt werden.

Dabei sind die aufgeführten Beispiele nur zwei von jährlich weit über 22000 registrierten Straftaten dieser Art durch junge Täter. Statistisch gesehen wird deutschlandweit ca. aller 23 Minuten eine Straftat, welche der Kategorie Körperverletzung zugeordnet werden kann, von jugendlichen Tätern begangen. Von Seiten der geschlechtsspezifischen Betrachtung treten vor allem junge Männer als gewalttätig in Erscheinung. Es sei dahingestellt, ob deutsch, türkisch, griechisch oder einer anderen Nationalität angehörig: Für alle Gewalttäter dieser Nationen scheinen derartige Ausschreitungen ein erfolgsversprechendes, probates Mittel zu sein.

Diese Arbeit beschäftigt sich gerade mit jener hochinteressanten, fast schon phänomenalen Gewalt von männlichen Jugendlichen. Im Jugendalter finden hauptsächliche, entscheidende Identitätsreifungs- bzw. Identitätsfindungsprozesse statt. Deshalb heißt der themenspezifische Wortlaut dieser Diplomarbeit auch „Gewalt als Mittel [männlicher] Identitätsfindung“. Aber warum fragen wir überhaupt nach Gewalt als ein Mittel dieser Art? Ist es wirklich so wichtig danach zu fragen? Max Weber, ein weltbekannter Soziologe, prägte einmal den Ausspruch: „Alle politischen Gebilde sind Gewaltgebilde“. In diesem Beispielzitat wird Politik mit Gewalt gleichgesetzt, anders formuliert; Politik ist gleich Gewalt. Ein jeder Mensch weiß, dass Politik eine Notwendigkeit für den Erfolg eines jeden Herrschaftssystems darstellt. Politische Handlungen sind also durchaus legitime Vorgänge. Dann müssten, zumindest nach Max Weber, auch alle Gewaltvorgänge zulässig sein. Besteht vielleicht auch die

Möglichkeit, dass der politischen Gewalt, die in diesem Sinne von dem Soziologen geprägt ist und der thematisierten Jugendgewalt eine unterschiedliche Bedeutung zugemessen wird? Wenn ja, was bedeutet dann Gewalt im Zusammenhang mit Politik und worin liegen die Unterschiede zur Handgreiflichkeit (bzw. allem was darüber hinausgeht)? Mit diesen und darauf aufbauenden Fragen beschäftigt sich der Verfasser dieser Diplomarbeit im ersten Kapitel. Dabei liegt es dem Autor dieser Diplomarbeit nahe, einen möglichst präzisen, auf das Thema bezogenen Gewaltbegriff zu definieren und eventuell andere, mit dem „Gewaltwort“ zusammenhängende Erklärungsmuster, vom Thema abzugrenzen. Zur Anschaulichkeit und Aufzeigung der Relevanz des Themas sollen auch statistische Fragen in diesem Kapitel eine wichtige Rolle spielen. Sprechen die Menschen oder Medien von Gewalt im thematisierten Sinne, so taucht häufig auch der Begriff „Aggression“ auf. Was es mit diesem Wort auf sich hat, wie es mit Gewalt zusammenhängt und wie es sich davon abgrenzen lässt, soll ,genau wie die danach folgenden theoretischen Entstehungsansätze von Aggressionen und Gewalthandlungen, in diesem ersten Abschnitt der Diplomarbeit niedergeschrieben werden.

Im zweiten Kapitel des Werkes soll das Hauptaugenmerk auf die Geschlechtszugehörigkeit im Zusammenhang mit Gewaltdelikten und derartigen Straftaten gelegt werden. Hauptsächlich gilt es zu überprüfen, ob die Behauptung „Gewalt - ein männliches Phänomen“ wirklich eine nachweisbare Aussage oder nur ein grob fahrlässiger Trugschluss zahlreicher Autoren, Medien etc. ist. Dabei soll der Betrachtung der Täterrollen eine gleichermaßen große Bedeutung wie den Opferrollen beigemessen werden.

Das dritte Kapitel dieser Diplomarbeit knüpft direkt an das zweite an. Hierbei verfolgt der Autor die Absicht, in Form einer selbst durchgeführten Befragung zahlreicher Personen, eine Aussage über das gesellschaftliche Gewaltbild zu treffen. Es geht vor allem darum, welche Einstellungen die Befragten gegenüber Gewalt und einem Geschlecht besitzen. Ist es dabei möglich, eine generelle, aus den Erkenntnissen der Befragung resultierende Aussage über Gewalt und einem damit in Verbindung stehenden Geschlecht zu treffen? Oder sind die Befragten der Überzeugung, dass Gewalt weder einen männlichen noch einen weiblichen Charakter aufweist?

Der vierte große Teilabschnitt soll sich mit der Sozialisation der thematisierten Männlichkeit befassen. Was ist dabei „typisch männlich“ und grenzt sich somit von den generellen weiblichen Heranwachsenden ab? Gegebenenfalls gibt es typische Differenzen in Punkto Sozialisation zwischen Mann und Frau; lassen sich diese Unterschiede aber auch mit Gewaltexekutionen in Verbindung bringen, oder sind sie sogar der Schlüssel zum Problem? Zur Veranschaulichung dieser Ausführungen sollen zahlreiche Beispiele bzw. Schaubilder in Form von Tabellen dienen.

Das fünfte Kapitel bildet den Kernabschnitt der Arbeit. Nach einer kurzen Einführung, in Form von Kernaussagen und Definitionen über die Jugendphase, soll die Jugend direkt als ein chancenreicher Lebensabschnitt betrachtet werden, durch den ein Mensch durchaus in der Lage sein kann, eine bis dahin „fehlgeschlagene Entwicklung“ auszugleichen. Dieser Prozess wird der Anschaulichkeit halber mit einem selbsterlebten Fallbeispiel unterlegt. Einen weiteren Kernpunkt meiner Arbeit bildet das psychologische Entwicklungsmodell von Erik Homburger Erikson. Erikson, der mit dieser Darstellung ein bis heute anerkanntes entwicklungspsychologisches Erklärungsmodell lieferte, unterteilt das menschliche Leben in acht Phasen. Den auf das thematisierte Jugendalter zutreffenden Abschnitt nennt er „Identität vs. Identitätsdiffusion“. Dabei beschreibt er (wie in jedem anderen Abschnitt auch), welche Folgen das Gelingen, aber auch welche das Misslingen dieser Entwicklungsphase mit sich bringen kann. Auf diese Ausführungen baut die nachfolgende empirische Gewaltforschung mit psychosozialen Entwicklungseinflüssen bei Jugendlichen auf. Es soll eine aufwendige empirische Untersuchung zum Thema Jugendgewalt vor allem mit Eriksons Modell in Verbindung gebracht werden.

Im sechsten Kapitel der Arbeit distanziert sich der Autor vom Gewaltproblem des einzelnen hin zur Gewalt in der Gruppe. Dabei liegt der Fokus hauptsächlich auf rechtsextremistischen Gruppen, mit denen sich nach einer kurzen Einleitung in das Kapitel auch intensiv auseinandergesetzt wird. Zahlreiche Fragen, die nach und nach beim Bearbeiten des Abschnitts aufkommen, sollen anhand von statistischen Fakten, Fallbeispielen und Theorieverknüpfung bearbeitet werden. Eine ausführliche praktische Untermauerung findet dieses Kapitel mit einem exklusiven Interview eines Aussteigers (und somit Ex-Mitgliedes) aus der rechtsextremen Szene. Das Fazit, als letzter Unterpunkt des Kapitels, soll noch einmal als Reflexion des praktischen Teils mit den vorher aufgeführten Theorien dienen.

Als vorletzes Kapitel der Arbeit soll ein kurzer Exkurs zur medialen Gewalt betrieben werden. Dieser bezieht sich auf jene Art von Gewalt „als besondere Erfahrung von Jugendlichen“. Um den Rahmen der Arbeit nicht zu sprengen, wird nur eine mutmaßende Erklärung im Zusammenhang mit Jugendgewalt, gestützt auf vorläufige Fakten, folgen.

Der letzte Abschnitt befasst sich als zweitgrößter der Arbeit ausführlich mit Sport als gewaltpräventives und (sozialpädagogisch) intervenierendes Instrument. Das Hauptziel ist, Sport als ein wirksames Mittel gegen jugendliche Gewalt darzulegen und zu beweisen, dass teilweise kostenaufwendige Anti-Aggressions-Therapien oder Affekt-Kontroll-Trainingskurse überflüssig sein können. Es werden am Anfang des Kapitels die konkreten Funktionen des Sports erschöpfend unter die Lupe genommen. Als abschließender Teil der Arbeit wird sozialpädagogische Interventionsarbeit in Bezug auf Gewalt anhand des Projektbeispiels „Sport in der Betreuten Wohnform U-Haftvermeidung des KJF. E.V. Chemnitz“ dargestellt. Dabei soll eine Videoaufzeichnung einer durchgeführten Sportveranstaltung für audiovisuelle Anschaulichkeit sorgen und dem Zuschauer die Notwendigkeit derartiger Projekte bildhaft darstellen.

Insgesamt wird in dieser Arbeit auf einen Erkenntnisgewinn der Ursachen für Jugendgewalt abgezielt werden. Es gilt hauptsächlich zu untersuchen, ob es einzelne Indikatoren gibt, die das Gewaltvorhaben (Gewaltbereitschaft) bzw. die ausgeführte Tat der Probanden fördern. Dabei wird sich hinsichtlich der Prüfung jener Indikatoren vor allem auf Erklärungsansätze zur Aggressionsentstehung, die Sozialisation vom Kleinkindes- bis zum Jugendalter, psychosoziale Entwicklungseigenschaften und den Wirkungsbereich von Gruppen spezialisiert. Sollten sich erwartungsgemäß gewaltbestärkende Einflüsse aufzeigen, dann verfolgt der Autor die Absicht, diese Einflussfaktoren zu benennen, zu erläutern und gegebenenfalls zu belegen. Weiterhin soll sich aus der wissenschaftlichen Arbeit herauskristallisieren lassen, ob Sport als hauptintervenierendes Instrument wirklich ein wirksames Mittel zur Gewaltprävention (primär als auch sekundär) darstellt.

Eine weitere Zielsetzung der Arbeit besteht in der bestmöglichen Beantwortung der in der Einleitung aufgeworfenen Fragen.

1. Definitionen, Statistiken und Begriffszusammenhänge

Im ersten Abschnitt der Arbeit werden definitorische und statistische Fragen geklärt. Zunächst erfolgt ein statistischer Überblick zur themenspezifischen Jugendgewalt. Danach werde ich ferner versuchen, einen plausiblen „wissenschaftlichen Gewaltbegriff“ zu definieren und die Relevanz des „Aggressionsbegriffes“ im Umgang mit Gewalt zu verdeutlichen.

Der letzte Teil des Abschnittes beschäftigt sich ausführlich mit den populärsten und anerkanntesten Theorien über Gewalt- bzw. Aggressionsausschreitungen.

1.1. Gewaltverbreitung in Deutschland

Um das Ausmaß von Gewalttaten (Verbrechen bzw. Delikten) aufzuzeigen und damit nicht zuletzt die Wichtigkeit der Auseinandersetzung mit dem Thema zu verdeutlichen, erfolgt zuerst ein statistischer Exkurs. Nach langer Recherche standen die statistischen Daten zur Verfügung, welche dazu nötig sind. Die aktuellsten Zahlen (vgl.https://www-ec.destatis.de/csp/shop/sfg/bpm.html.cms.cBroker.cls?cmspath= struktur,vollanzeige.csp&ID=1021396) von Gewaltdelik- ten/-verbrechen in der BRD basieren auf dem Kalenderjahr 2005 (Stand: 30.06.2007). Dabei liegt das Hauptaugenmerk vorerst auf „Körperverletzungen“ jeglicher Art (fahrlässige bis gefährliche Körperverletzungen). Grund für die Eingrenzung der Deliktarten ist die Bewahrung der Übersicht für den Leser. Weiterhin ist anzumerken, dass sich die statistischen Darlegungen nur auf das Hellfeld, d.h. auf polizeilich registrierte Delikte beziehen. Aussagen über die Dunkelziffer werden in diesem Abschnitt vorerst nicht getroffen. Die Zahlen der erfassten Straftaten der Kategorie „Körperverletzung“ sind hierbei aus den Altersgruppen „Jugendliche“ (Personen ab 14 bis unter 18 Jahren) und „Heranwachsende“ (Personen ab 18 bis unter 21 Jahren) zusammengefasst. Es handelt sich bei den dargelegten Zahlen ausschließlich um Jugendkriminalität.

Allgemein fällt beim Betrachten der deutschlandweiten Statistiken sofort auf, dass sich die registrierten Körperverletzungen durch junge Täter von 1970 (7795 registrierte Straftaten) bis ins Jahr 2005 (22956 registrierte Straftaten) fast verdreifacht haben. Dabei ist bei der Auswertung ein stetiger Anstieg von Straftaten nachzuvollziehen. Laut dem Statistischen Bundesamt Deutschland legen „wissenschaftliche Erkenntnisse aus Opfer- und Täterstudien sowie Zahlen der Unfallversicherer allerdings nahe, dass es sich bei der Zunahme registrierter Gewaltkriminalität lediglich um eine Verschiebung von den nicht registrierten zu den polizeilich bekannt geworenen Straftaten handelt. Insgesamt sei die Zahl der Gewaltdelikte auch junger

Menschen über die Zeit nahezu unverändert geblieben. Der Anstieg der registrierten Gewaltkriminalität sei auf die - gesellschaftlich erwünschte - geschwundene Toleranz gegenüber Gewalt und ein geändertes Anzeigeverhalten zurückzuführen“ (vgl.http://www.destatis.de/jetspeed/portal/cms/Sites/destatis/Internet/DE/Navigation /Publikationen/STATmagazin/Rechtspflege2008__1,templateId=renderPrint.psml__ nnn=true).

Die Entscheidung, ausschließlich Statistiken der Jugendkriminalität bzw. Jugendgewalttaten heranzuziehen, hat zwei Gründe: 1. Es dient dem Zweck der Arbeit und 2. ist die Gewaltaffinität gerade in diesem Altersrahmen außergewöhnlich hoch. Vorher ist sie gering ausgeprägt und danach, so ab dem 25. Lebensjahr, nimmt sie konti- nuierlich ab (vgl. Ohder, 1992, S. 67). Dies belegen auch die Recherchen des Spiegels (Ausgabe 02/08, S.23). Hierbei wird (siehe Abbildung 1) die Gewaltkriminalität männlicher Tatverdächtiger) nach dem Alter geordnet dargestellt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Gewaltkriminalität nach Alter: Männliche Tatverdächtige pro 100000 Einwohner in der jeweiligen Altersgruppe

(aus: Spiegel, Ausgabe 02/08, S.23)

1.2. Begriffserklärungen

1.2.1. Der dreidimensionale Gewaltbegriff

Um die Frage nach einer Definition des Gewaltbegriffes beantworten zu können, reicht das Nachschlagen in einem einfachen Wörterbuch nicht aus. Selbst in themenspezifischer Fachlektüre wird der Suchende keine kurze und prägnante Definition des Begriffs finden. Nach längerer Suche wird dem Interessenten auffallen, dass „Gewalt“ mehr als nur ein Wort ist; es ist vielmehr ein sehr umfassendes, wissenschaftlich relevantes „Gebiet“ , das schon seit Forschungsbeginn heftige Kontroversen aufwirft. Während die „Unabhängige Regierungskommission zur Verhinderung und Bekämpfung von Gewalt“ Gewalt nur als „die zielgerichtete, direkte physische Schädigung von Menschen durch Menschen“ als Gewalt definiert, unterteilen ande- re moderne Wissenschaftler den Begriff heute in drei große Dimensionen1: „Gewalt in Macht- und Herrschaftsbeziehungen“, „Strukturelle Gewalt“ und „Personale Gewalt“. Abgeleitet daraus wird Gewalt als die „Anwendung von physischem und psychischem Zwang gegenüber Menschen“ (Melzer, Schubarth & Ehninger 2004, S.51) definiert.

Die „Gewalt in Macht- und Herrschaftsbeziehungen“ gibt dem Gewaltbegriff eine ambivalente Wertung, denn sie ist es, die für Gewalt, im Gegensatz zum „Missbrauch“, nicht in jedem Fall eine negative Bewertung zulässt. In einer Demokratie zum Beispiel ist es vonnöten, dass Gewalt ausgeübt wird, denn das Konzept der Volksherrschaft sieht eine Gewaltenteilung (Machtteilung) vor, und zwar in die Exekutive (ausführende Gewalt), die Legislative (gesetzgebende Gewalt) und der Judikative (richterliche Gewalt) (vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Gewalten-teilung). Ohne diese Gewalten wäre keine geradlinige, geordnete „Beherrschung“ und Machtausübung in Form von Demokratie (über die Bundesrepublik Deutschland) möglich. Dem Begriff wird in diesem Sinne eine positive Eigenschaft beigemessen; die Aufrechterhaltung der sozialen Ordnung durch eine demokratische Herrschaft. Außer Frage steht, dass diese „Macht- und Herrschaftsbeziehung“ wiederum durch Gewalt missbraucht werden kann. Das kann der Dimension als negativ angelastet werden.

Die „Strukturelle Gewalt“ ist nach dem Konzept des norwegischen Friedensforschers Johann Galtung benannt. Sie bezeichnet die in „gesellschaftlichen oder kulturellen Strukturen und Institutionen eher indirekt wirkende, das Individuum aber prinzipiell entfremdende oder schädigende Rahmenbedingungen“ (Huber, 1995, S.40). Es existiert eine Vielzahl an Beispielen für strukturelle Gewalt. Diese reichen von der gezwungenen Anpassung und Freiheitseinschränkung in Gefängnissen bis hin zur „Schulpflicht“, welche trotz vielerachteter Notwendigkeit einen Zwang darstellt. Auch Jugendliche am Ausbildungsplatz werden täglich durch Arbeits- und Pausenzeiten etc. mit struktureller Gewalt konfrontiert.

Die dritte Dimension ist die Form, die in dieser Arbeit die größte und entscheidende Rolle spielen soll. Wenn nicht ausdrücklich auf andere Gewaltdimensionen hingewiesen wird, ist „Personale Gewalt“ mit ihren Unterkategorien und Zuordnungen gemeint.

Alle Fakten und Typen, die sich der Interpretationslinie „Personale Gewalt“ zuordnen lassen, sind negativ zu bewerten. Ausnahmen sind Extremfälle von „Dilemma Situationen“ wie z. B. ein Bankraub eines besorgten Mannes, der die Tat nur ver- übt, um Geld für die lebensrettende Operation seiner krebskranken Ehefrau bezah- len zu können.

Unterteilt wird die personale Gewalt in die „physische Gewalt“ und die „psychische Gewalt“. Der physischen Gewalt, welche sich der klassischen Gewaltdefinition annähert, sind dabei etwaige Formen wie Raub, Prügelei, Diebstahl, Vandalismus, Freiheitsberaubungen u. ä. zuzuordnen. Psychische Aspekte wurden erst später als „direkte Gewalt“ kategorisiert. Zu ihnen gehören unter anderen Diskriminierungen, Bedrohungen, Beschimpfungen, Mobbing und Beleidigungen.

1.2.2. Der Aggressionsbegriff

Der Begriff Aggression (lat. „Aggredi“) bedeutet ursprünglich soviel wie „sich annähern“, „herangehen“ oder „angreifen“ im Sinne von „berühren“. Erst seit Mitte des 20sten Jahrhunderts wird der Begriff negativiert und mit (feindlichem) Angriffs- & Gewaltverhalten etc. in Verbindung gebracht. Dorothee und Frank Robertz definieren „Aggression“ in ihrem Buch „Konflikt-Training mit Kindern und Jugendlichen“ als „jegliche Verhaltensform, die das Ziel hat, andere Lebewesen zu schädigen oder zu verletzen, welche motiviert sind, dem zu entgehen, oder Dinge zu beschädigen, bzw. zu zerstören, insoweit dies nicht ihre gesellschaftlich zugewiesene Aufgabe ist“ (F. Robertz, D. Robertz 2001, S.17). Auch Handlungen, die bei einer Person keinen sichtbaren Schäden, sondern beispielsweise nur Angstzustände hervorrufen, werden als Aggression deklariert. Weiterhin kann der sogenannte Aggressor (Bezeichnung für die aggressionswillige bzw. -bereite Person) aggressive Verhaltensweisen auch gegen sich selbst richten, was als „Autoaggression“ bezeichnet wird.

1.2.3. Unterschiedliche Bedeutungsfelder von Aggressionen und Gewalt

Beim Umgang mit dem Thema „Gewalt“ (vor allem mit personaler) wird häufig der Begriff „Aggression“ synonym verwendet. Auch beim nachfolgenden Abschnitt „Theoretische Entstehungsansätze von Aggressionen und Gewalthandlungen“ erweist sich der Aggressionsbegriff als unverzichtbar. Fakt ist: Zwischen den Begriffen „Gewalt“ und „Aggressionen“ lässt sich keine klare Trennlinie ziehen. Trotzdem muss ein Unterschied der Begrifflichkeiten existieren, ansonsten hätten Sprachwissenschaftler die Begriffe schon zusammengefasst. Doch worin liegen diese Unterschiede? Im Volksmund wurde einst das Zitat „nicht alle Aggression ist Gewalt, aber alle Gewalt ist Aggression“ geprägt. Dieser Wortlaut beschreibt meines Erachtens den Unterschied sehr treffend. Demnach ist Gewalt als eine Art Subkategorie der

Aggression zu verstehen, d.h. eine Aggression kann andere Verhaltensweisen aus- lösen als Gewalthandlungen. Ein Beispiel dafür ist der Aggressionsabbau durch sportliche Handlungen wie Boxen, Kraftsport etc. Jedoch beruht umgekehrt die Genesis allen Gewalthandelns auf Aggressionen. Anders ausgedrückt, beim Umgang mit dem Thema Aggressionen kann auf Gewalt verzichtet werden, jedoch ist beim Gewaltbegriff (meistens bei der personalen Gewalt, aber auch bei der strukturellen Gewalt) die Trennung des Aggressionsbegriffes undenkbar.

1.3. Theoretische Entstehungsansätze von Aggressionen und Gewalthandlungen

In den vergangenen Jahrzehnten haben sich in Psychologie und Soziologie teilweise sehr unterschiedliche Begriffssysteme zum Gewalt- und Aggressionsverhalten herausgebildet. So etabliert die Psychologie die sogenannte „Aggressionsforschung“ als eigenständige, sehr wichtige Teildisziplin. In soziologischer Tradition findet der Gewaltbegriff eher seinen Platz im Teilbereich des „Abweichenden Verhaltens“, welches fachspezifisch auch als Devianz bezeichnet wird. Die Erziehungswissenschaft mit der interdisziplinären Wissenschaft der Sozialisationsforschung stützt sich sowohl auf soziologische als auch auf psychologische Forschungsansätze(vgl. Melzer et al., 2004, S.55ff).

In der Aggressionsforschung gibt es eine Vielzahl von Theorien über die Entstehung von Aggressionen beim Menschen. Die einzelnen Modelle beziehen sehr unterschiedliche Faktoren ein, die von biologischen über familiäre, psychische bis hin zu gesellschaftlichen Einflüssen und Bedingungen reichen. Wichtig und erwähnenswert ist, dass sich die einzelnen Erklärungsansätze nicht gegenseitig ausschließen, sondern vielmehr ergänzen. Traditionell gehen Forscher davon aus, dass ein Mensch gewalttätig ist, weil er Aggressionen in sich trägt. Diese Aggressionen führte man auf aggressive „Energien“ oder „Impulse“ zurück. Wie diese entstehen, wird dabei unterschiedlich aufgeführt. Einige dieser Theorien zur Entstehung von Aggression und letztlich von Gewalttaten werden im folgenden Abschnitt dargelegt.

1.3.1. Triebtheorie

Die Grundannahme dieser Theorie besagt Folgendes: Im menschlichen Körper gibt es eine Quelle, die fortwährend Impulse aggressiver Art produziert (vgl. Nolting 1993, S.12ff). Diese Impulse müssen durch bestimmte Verhaltensweisen ausgelebt werden, sonst kann es beim jeweiligen Menschen zu seelischen Schäden kommen.

Die bekanntesten Vertreter dieser Theorie sind Sigmund Freud (Psychoanalytiker) und Konrad Lorenz (Verhaltensforscher). Während der bei Freud erwähnte Trieb (Todestrieb) auf Selbstvernichtung gerichtet ist und nur durch Sexualität nach außen hin ausgelebt werden kann, existiert für Lorenz ein spezifischer, gegen die jeweiligen Artgenossen gerichteter (Überlebens-)Kampftrieb. In der Verhaltensforschung gilt Aggression als eine angeborene, biologisch gerechtfertigte Verhaltensweise, die eine wichtige Bedeutung für die Arterhaltung besitzt. So wurde in Tierversuchen herausgefunden, dass durch bestimmte Reize aggressive Verhaltensweisen ausgelöst werden. Bleiben diese Reize über längere Zeit aus, lässt sich ein „Aggressionsstau“ beobachten, der zu spontanen aggressiven Verhaltensweisen führt.

Viele Rechtfertigungen für aggressive Verhaltensweisen, begründen Verhaltensforscher mit früh-evolutionären Prägungen. So sei das Aggressive beispielsweise wichtig, um erfolgreich Beute zu machen und sein Revier zu verteidigen. Nach dem Darwinschen Selektionsprinzip dient Aggression der Selektion der stärksten Vertreter zur Fortpflanzung sowie Herstellung einer Rangordnung.

Obwohl die Triebtheorie als sehr populär gilt, findet sie bei der heutigen Wissenschaft kaum noch Resonanz. Gründe dafür sind die mangelhafte Nachweisbarkeit anhand von empirischen Studien. Diese Nachforschungen geben praktisch keine Belege für die Annahme eines Selbstaufladungsvorgangs beim Menschen. Weiterhin zeigte sich, dass kein nachweisbarer Anhaltspunkt für die aus dem „Dampfkesselprinzip“ abgeleiteten Vorschläge für ein „Abreagieren“ oder „Kanalisieren“ mittels „Ventilen“ zur Aggressionsminderung existiert. Zudem würden Triebtheorien die möglichen Ursachen für Aggressionen ignorieren.

1.3.2. Frustrationstheorie

Die Frustrationstheorie enthält folgende Annahme: „Aggressives Verhalten beruht auf aggressiven Impulsen, die durch Frustration entstehen können“ (Melzer et al., 2004, S.57). Im Gegensatz zur Triebtheorie entsteht die Aggression bzw. das Aggressionsbedürfnis hierbei nicht autonom, sondern reaktiv. Wenn es allerdings zur Entstehung kommt, müssen die Aggressionen auch in irgendeiner Art und Weise zum Ausdruck gebracht werden. Die Annahme, dass Aggression immer eine Folge von Frustration ist und diese zwangsläufig zu Aggressionen führt, wurde jedoch schon frühzeitig modifiziert. Frustration erzeugt, so hieß es dann, Anreize für verschiedene Verhaltensweisen, eine dieser Reize führe stets zu Aggressionen. Weiterhin trafen fachspezifische Forscher die Aussage, dass eine Frustration die Agg- ressionswahrscheinlichkeit jedoch erhöht (vgl. http://www.abipur.de/hausaufgaben/ neu/detail/stat/30785941.html).

Nach dem heutigen Stand gilt, dass auch andere Verhaltensweisen (Resignation, Ausweichen etc.) aus Frustrationen resultieren können. Frustrationen führen also nicht in jedem Falle zu Aggressionen. Umgekehrt ist nicht bei jeder Aggression ein vorausgegangenes frustrierendes Erlebnis zu schlussfolgern (z.B. bei Raubmord, Erpressung oder diversen Kriegshandlungen).

Bei der Erklärung von Kinder- und Jugendgewalt misst man der Frustrationstheorie einen hohen Stellenwert bei. So heißt es in zahlreichen Quellen, dass die Schule (eine der Institutionen, in der Jugendliche durchschnittlich beinahe ein Drittel ihres Tages verbringen) eine Hauptquelle für Frustrationen sei. Schulische Misserfolge (beispielsweise durch schlechte Notenergebnisse), Herabsetzungen durch Lehrer, Demütigung durch Mitschüler etc. führen bei vielen Schülern zu Frustrationen und Kurzschlussreaktionen in Form von aggressiven Verhaltensweisen. Oftmals lässt sich hierbei auch eine Projektion der Aggressionen Betroffener auf Schwächere (kleinere oder jüngere Mitschüler, wehrlose Tiere etc.) beobachten.

1.3.3. Lerntheorien

Die Lerntheorien, deren populärster Vertreter Albert Bandura (ein bekannter kanadischer Psychologe des 20. Jahrhunderts) ist, gehen von Aggression, ähnlich wie bei anderen sozialen Verhaltensweisen, als einem erlernten Verhalten aus. Für die Aggressionsforschung gelten dabei die folgenden Lerntypen als besonders relevant: Lernen am Modell, Lernen am Effekt (Erfolg und Misserfolg) und kognitives Lernen. Diese drei Haupttypen des Lernens sollen im Anschluss kurz dargestellt werden.

a) Lernen am Modell: Diese Art des Lernens wird auch als „Beobachtendes Lernen“ bezeichnet. Es basiert, vor allem bei Kindern, auf dem Beobachten vorgelebter Verhaltensweisen. Jenes geschieht durch Speicherprozesse im Gehirn oder durch Nachahmung. So nimmt der Beobachter möglicherweise ihm vorher unbekannte Verhaltensweisen an oder verstärkt bereits bestehende Verhaltensmuster. Bandura beispielsweise zeigte in einem Experiment Kindern einen aggressiven Erwachsenen als Modell. Nahm man den Kindern nach der Präsentation ihre Spielsachen weg oder verbot ihnen etwas, zeigten sie Züge aggressiven Verhaltens. Die Wahrscheinlichkeit, dass Verhalten nachgeahmt wird, hängt von unterschiedlichen Faktoren ab. Eine wichtige Rolle spielt, welchen Erfolg das Modell mit dem angewandten Verhalten verzeichnen kann. Ebenfalls sind die „Beobachter - Modell - Beziehung“ und die jeweilige Situation von Bedeutung (vgl. Melzer et al., 2004, S60/61).

Aggressive Modelle gehören zum alltäglichen Leben. Wir finden sie in der Familie, in der Schule oder in den Medien. Menschen, die in ihrem Leben ungewöhnlich vielen Aggressionen ausgesetzt sind, entwickeln mit höherer Wahrscheinlichkeit aggressive Verhaltensmuster.

b) Lernen am Effekt (- am Erfolg oder Misserfolg): Während beim Lernen am Modell neuartige Verhaltensweisen kennen gelernt werden, lässt dies trotzdem die Frage offen, warum sich das Modell überhaupt aggressiv verhält. Nolting (Nolting, 1993, S.23) erklärt dieses Phänomen anhand von äußeren und inneren Effekten. Dabei zählen Selbstbewertung, Gerechtigkeitserleben und Stimulation zu den inneren Effekten, Durchsetzung, Gewinn, Beachtung, Abwehr und Schutz zu den äußeren.

Während also durch Modelle neue Verhaltensweisen kennen gelernt werden, „lehren“ die Erfolgs- und Misserfolgserfahrungen, sie „erfolgversprechend“ einzusetzen.

c) Kognitives Lernen: Damit ist Verhaltensbeeinflussung durch Wissen und Erkenntnisse gemeint. „Gelernt werden aggressionsrelevante Begriffe, Denkweisen, Handlungsmuster und Methoden, z.B. Begriffe wie „Freund“, „Feind“, „Notwehr“, „Ehre“ oder Methoden der Überlistung, des Waffengebrauchs sowie solche Denkmuster wie „Strafe muss sein“, „Auf einen groben Klotz gehört ein grober Keil“ usw.“(Melzer et al., 2004, S.60). Aggressionsrelevant sind besonders die gelernten sozialen Normen wie Leitvorstellung und Werturteil, die sich auf „korrektes“ Handeln beziehen. Durch diese Normen wird festgelegt, ob eine bestimmte aggressive Handlung „legitim“, „verboten“ oder einfach „unangemessen“ ist.

Kinder lernen durch erworbenes Handlungswissen (gelernte und abrufbare Handlungsabläufe), Fähigkeiten einzusetzen und die Folgen der Handlung abzuschätzen. Durch dieses gelernte Handlungsrepertoire kann es beim Kind und später auch beim Jugendlichen oder Erwachsenen, entweder mangels, aber auch mittels produktiven Denkens, zu Aggressionen kommen. Das heißt, entweder wird ein Mensch aggressiv bzw. gewalttätig, weil er keine andere Option zur Situationsbewältigung sieht, oder er denkt sich immer wieder neue, wirkungsvollere Verhaltensweisen aus, um einem anderen zu schaden und damit seine eigenen Ziele zu erreichen.

Zum Thema Gewalt im Jugendalter bieten die Lerntheorien interessante Erkenntnisse, die von großer Relevanz sind. So gibt es in der Clique vielfältige Modellangebote. Sieht z.B. ein eher zurückhaltendes Gruppenmitglied, dass anderen aus der Gruppe Respekt und Anerkennung geschenkt wird, weil sie ständig in Schlägereien und kleineren Gewalttaten verwickelt sind, so können diese Gewaltanwendungen ein durchaus lukratives Mittel für das zurückhaltende Mitglied sein, um mehr Anerkennung und Achtung der anderen zu bekommen. Diese Person wird demzufolge in den nächsten „Keilereien“ irgendwie mitwirken. Bekommt sie dadurch ein positives Feedback, z.B. in Form eines höheren Stellenwertes in der Gruppe, so kann es durchaus sein, dass sie vom gewalttätigen Verhalten auch außerhalb des Gruppengeschehens Gebrauch macht. Fazit: Gewalt ist ein Mittel geworden, mit dem jemand leichter seine Ziele erreichen kann.

1.3.4. Anomietheorie

Anomie stammt aus dem Griechischen (Nomos = Gesetz oder Regel) und bedeutet im soziologischen Verständnis Regel - oder Normlosigkeit. Der Anomiebegriff wurde von Emil Durkheim (Soziologe des 19. und 20. Jahrhunderts) geprägt. „Anomie ist ein Zustand der sozialen Desintegration, der durch die Verhinderung bzw. den Abbau sozial befriedigender solidarischer Kontakte infolge der wachsenden Arbeitsteilung zwischen den arbeitenden Menschen einer Gesellschaft entsteht“ (vgl. Melzer et al. 2004, S.63ff). Zwar sind Anerkennung und Achtung sozialer Regeln und Normen der Gesellschaft - nach Durkheim - notwendig, jedoch geht die Sicherheit der Normengeltung bei instabilen Verhältnissen verloren; der Zustand der Anomie tritt ein.

In Bezug auf die jugendliche Gesellschaft meint diese Theorie abweichendes Verhalten, um die im Gesellschaftssystem vorherrschenden Ziele erreichbar zu machen, aber nach eigenem Empfinden nicht die Mittel oder Fähigkeiten dazu zu besitzen. Das abweichende Verhalten kann zum Ablehnen der Ziele oder gesellschaftlich anerkannten Mittel, oder zur Ablehnung insgesamt führen. Diese Deviation kann unterschiedlich (beispielsweise durch aggressives Gewaltverhalten, Resignation etc.) zum Ausdruck gebracht werden.

1.3.5. Etikettierungstheorie

Während in zahlreichen Theorien die Zuweisungen „abweichend“, „kriminell“ oder „delinquent“ unhinterfragt verwendet werden, beschäftigt sich die Etikettierungstheorie (labeling approach) genau mit dieser Hinterfragung. Ein zentrales Merkmal des labeling approach ist die differenzierte Untersuchung zwischen primärer und sekundärer Devianz, wobei die sekundäre Verhaltensabweichung im Vordergrund steht. Während sich die primäre Devianz mit der Ursachenbeschreibung für das abweichende Verhalten beschäftigt, bezieht sich die sekundäre Devianz auf Reaktionen und Etikettierungen seitens der sozialen Umwelt. Es gilt zu beachten, dass die primäre Devianz immer der sekundären vorausgeht.

Die Reaktionen und Rollenzuschreibungen, welche auf die primäre Abweichung folgen, schränken den Handlungsspielraum der betroffenen Person ein. Diese Einschränkungen haben wiederum negative Konsequenzen für die soziale Rolle und das Selbstkonzept des Betroffenen, denn: „Auf primäre Devianz folgen Strafen, weitere Abweichungen, härtere Strafen usw., bis sich abweichendes Verhalten stabilisiert und die abweichende Rolle akzeptiert wird“ (Melzer et al., 2004, S.66). Die betroffene Person wird durch diesen Prozess stark stigmatisiert und stereotypisiert, was im folgenden Beispiel verdeutlicht werden soll:

Uwe ist ein rechtsradikaler Jugendlicher aus einem „Betreuten Wohnen“ für sozial gefährdete Jugendliche. Er gibt gern seiner Überzeugung Ausdruck, dass jedem Ausländer eine „Tracht Prügel“ gehört. Als Murad (türkischer Herkunft) im Februar die Wohngemeinschaft (WG) bezieht, gibt es am ersten Abend schon „ordentlich Stress“. Uwe packt Murad vor den Augen dreier Jugendlicher am Hals und schlägt ihm mit der Faust ins Gesicht. Er bekommt als Reaktion für sein nonkonformes Verhalten 5 Tage Ausgangsverbot von den Leitern der betreuten Wohnform. Eine Woche später uriniert Uwe in Murad´s Kühlschrankfach. Zufällig kommt ein anderer Jugendlicher der WG dazu und verpetzt Uwe. Wieder wird dem Täter eine Ausgangssperre auferlegt, diesmal 14 Tage. Als kurze Zeit später Murad´s Zimmertür mit „Ausländer raus“ beschmiert wird, kann es für die Wohngruppe nur einen Täter geben: Uwe. Doch obwohl Uwe seine Unschuld beteuert, wird er dafür angeklagt und bestraft. Nur Fred, ein dritter WG-Bewohner, weiß, dass Uwe es nicht gewesen ist, weil er am Vorabend nach einem heftigen Streitgespräch mit Murad seine Tür beschmierte. Doch davon ahnt der Rest der Gruppe nichts. Uwe ist weiterhin der Beschuldigte.

Nicht nur in betreuten Wohnformen und anderen stationären Einrichtungen zur Jugendhilfe, auch in der Schule besitzt das Etikettierungsmodell nach wie vor eine große Bedeutung. So sind, laut Schulforschern, beschriebene Etikettierungsprozesse Abläufe, die alltäglich zwischen Lehrern und Schülern stattfinden. Schüler, die negativ auffallen, um damit u.a. Aufmerksamkeit zu erlangen, sind stark von Devianzzuweisungen bedroht. Nicht zuletzt sind die „umgangssprachlichen“ Rollenzuweisungen zum „Schwarzen Schaf“ eine der Basispunkte für Aggressionsauffälligkeiten verurteilter Schüler und letztendlich für gescheiterte Schulkarrieren.

1.3.6. Fazit der Theorien

Aus den zahlreichen Theorien zur Erklärung von Aggressions- und Gewaltverhalten, wurden die einerseits geläufigsten, andererseits die für diese Arbeit erforderlichen und gut geeigneten Erklärungsansätze herangezogen. Wichtig ist die Erkenntnis, dass nicht nur eine, sondern eine ganze Reihe von Erklärungen für Gewalt existiert. Dabei bergen die „Modelle“ nicht nur Unterschiede, sondern auch viele Gemeinsamkeiten und gegenseitige Ergänzungen in sich. Insgesamt ging die Wahl der Erklärungsansätze von eher einfacheren Modellen mit nur einem Ursachenfaktor (z.B. Trieb) bis hin zu komplexeren Modellen, in denen viele Einflussfaktoren eine Rolle spielen können. Entscheidend war die Anerkennung der Wissenschaft und die Verwendbarkeit, um die Ziele dieser Arbeit überzeugend zu erreichen.

2. Gewalt - ein männliches Phänomen?

In unzähliger Literatur (beispielsweise Gause/ Schlottau, 2002; Eisenberg/ Gronemeyer, 1993; Böhnisch/ Winter, 1997; Heitmeyer u.a., 1998 etc.) über Gewalt wird immer wieder erwähnt, dass Gewalt primär männlicher Natur sei. Um diese Behauptungen nachvollziehen zu können, ist nochmals ein statistischer Exkurs zum Thema Gewalt erforderlich. Hierbei soll jedoch nicht nur, etwa wie beim Punkt 1.1, die Gewaltkategorie der Körperverletzungen, sondern ein Feld von unterschiedlichen Gewaltformen betrachtet werden. Daraus soll der Erkenntnisgewinn über die Wahrheit der männlichen Gewaltzuordnung erwachsen.

2.1. Die Täter

Bei einer geschlechtsspezifischen Betrachtung der Statistiken über Körperverletzungen jeglicher Art im Jugendalter wird eindeutig ersichtlich, wer das gewaltexekutierende Geschlecht ist. So wurden im Jahr 1970 7587 männliche und 208 weibliche jugendliche und heranwachsende Gewalttäter statistisch erfasst. Im Jahr 2005 stieg die Zahl auf 20541 maskuline und 2415 feminine registrierte junge Gewalttätige bundesweit. Die durchschnittliche Quote liegt somit bei 11,76% Täterinnen und 88,24% Tätern.

Bei den Straftaten gegen das Leben (u.a. sind hier Mord, versuchter Mord, Totschlag und Schwangerschaftsabbruch zusammengefasst) wurden 2005 insgesamt 967 Taten polizeilich registriert. Davon sind 840 vom männlichen Geschlecht und 129 von Frauen begangen worden. Die Quote der „schweren Gewaltverbrechen“ liegt also bei 84,65% für Männer und 15,35% für Frauen.

Als dritte und vorerst letzte Kategorie seien die Zahlen von begangenen Sexualstraftaten im Jahr 2005 betrachtet und erläutert. Hier wurde eine Gesamtzahl von 1136 strafverfolgten männlichen Jugendlichen und Heranwachsenden verzeichnet. Bei erwachsenen Männern waren es im gleichen Kalenderjahr 6447 Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung. Dem Leser wird auffallen, dass die Anzahl der erwachsenen Gewalttäter fast sechsmal so hoch ist wie die der registrierten Jugendlichen und Heranwachsenden und somit nicht unbedingt mit den Aussagen von 1.1 korreliert. Diese Zahl täuscht, weil die Altersspanne der Personen „Jugendliche und junge Heranwachsende“ und somit die Gesamtanzahl der möglichen Täter viel geringer ist. Genaue Angaben über das Verhältnis lassen sich leider nicht machen. Rechnet man die Gesamtzahl der männlichen Sexualstraftäter jedoch zusammen, so ergibt sich eine wieder in sich stimmige Zahl: 7583. Im Vergleich dazu wurde 2005 eine Gesamtzahl von 299 Täterinnen aus allen Altersstufen registriert. Der weibliche Anteil beträgt hier gerade einmal 3,94%. Diese knappen 4 % sind im Gegensatz zu den herkömmlichen 10 - 12% weiblicher Täter ein nochmaliges Extrem. Das Fazit: Sexualstraftaten werden fast ausschließlich von Männern begangen. Eine Zusammenfassung aller „Gewaltkriminalität“ des Jahres 2006 liefert der „Spiegel“ (Ausgabe 2/08). In der Zeitschrift wird die „Heranwachsende Gewalt“ in einer Statistik von 18- 20-Jährigen von 1994 bis 2006 (siehe Abbildung 2) wiedergegeben. Die Kurve läuft, ähnlich wie die im vorangegangenen Abschnitt (von 1974 bis 2005) betrachtete Statistik, steil nach oben. Insgesamt wurden im Kalenderjahr (laut polizeilicher Krimi- nalstatistik) 35484 Jugendliche als Tatverdächtige erfasst. Das ist im Gegensatz zu 1994 eine Steigerung von 84%. Der Anteil der männlichen Tatverdächtigen betrug hierbei 87,2%.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: „Heranwachsende Gewalt: Polizeilich erfasste Gewaltkriminalität - Tatverdächtige in der Altersgruppe der 18 - bis 20 - Jährigen -“ (aus Spiegel 2/2008, S.29)

2.2. Die Opfer

Die Überschrift lautete „Gewalt - Ein männliches Phänomen“. Beim Betrachten der Täterrolle sieht es zumindest laut Literatur und statistischen Darlegungen so aus, als würde Gewaltverhalten ein soziales Handeln sein, das in erheblich höherem Maße von Männern als Frauen gewählt wird. Die Statistiken scheinen nahezu allesamt perfekt miteinander zu korrelieren. Doch wie sieht es mit den anderen Beteiligten an Gewaltverbrechen aus - den Opfern? Suchen sich Männer eher das - zumindest physisch - „schwächere Geschlecht“, um ihre Aggressionen auszulassen, oder messen sie sich mit ihresgleichen? Tatsächlich sieht es so aus, als würde das männliche Geschlecht auch als Opfer von Gewaltdelikten überproportional vertreten sein. Mit Ausnahme von Delikten gegen die sexuelle Selbstbestimmung, bei denen der weibliche Opferanteil bei über 90% liegt, sind - je nach Delikttyp - zwei Drittel bis drei Viertel der Opfer von polizeilich registrierter Gewalt männlich (vgl. Spiegel 02/2008, S.29). Somit findet Gewaltkriminalität also überwiegend unter Männern statt.

Doch nicht nur publizierte und amtlich erfasste Gewalttaten, sondern auch alltägliche Gewalttaten, die sich unterhalb der amtlichen Registrierungsschwelle abspielen, spiegeln dieses Bild von einem „gewalttätigen Mannsein“ wider. Dies zeigen auch zahlreiche Studien. Ein Beispiel dafür ist die 1994/95 von Psychologen durchgeführte Studie, die im Auftrag des Berliner Senats untersuchte, warum so viele Männer eine Antipathie gegen Homosexuelle hegen und es immer wieder zu Gewalthandlungen gegen diesen Personenkreis kommt. Überaschenderweise kamen die Forscher zu dem Ergebnis, dass die meisten Täter „eigentlich gar nichts gegen Schwule haben, es aber als ihre Mission ansehen, die Homos zu richtigen Männern zu prügeln“ (vgl. Huber, 1995, S.61).

Auch in anderen Studien wie z.B. „Untersuchungen zur Schulgewalt“ (Popp/Meier/Tillmann, 2001) wird der Interessent immer wieder auf das „doppelte Gewaltmandat“ des „starken“ Geschlechts aufmerksam. Doch dieses Phänomen gibt nicht erst seit dem 20. Jahrhundert, sondern zieht sich durch die gesamte Geschichte der abendländischen Zivilisation. Die Ehre des Mannes war bis zum Zeitalter der Industrialisierung eng mit dessen Gewaltbereitschaft verknüpft. Egal ob in Gladiatorenkämpfen, in denen im antiken Rom bis ins 5. Jahrhundert vor tausenden Begeisterten auf brutalste Weise um Leben oder Tod gekämpft wurde, oder in männlichen Kneipenschlägereien, welche bis heute noch ein „Renner“ unter den Abenteuerlustigen sind - Gewalt unter Männern hat eine lange Geschichte.

3. Das (gewalttätige) Männerbild unserer Gesellschaft

Gewalthandlungen auf Seiten der Täter als auch Opfer betreffen weit überproportional das männliche Geschlecht. In diesem Abschnitt wird untersucht, inwieweit unsere Gesellschaft diesen Fakt registriert hat. Da die bis jetzt herangezogenen Untersuchungen dazu jedoch wenige Anhaltspunkte geben, ergriff der Autor selbst die Initiative in Form einer Straßenbefragung. Dabei wurde insgesamt 1200 Personen die soziologisch deklarierte Frage „Welches Geschlecht bringen Sie mit dem Begriff „Gewalt“ in Verbindung?“gestellt.

Vor der Auswertung ist zu erwähnen, dass die Hälfte der Personen aus dem Raum Chemnitz stammte. Die Befragung wurde am 19.04.2008 etwa von 11 Uhr bis 14 Uhr im Vitacenter (Chemnitzer Einkaufszentrum) durchgeführt (vgl. Anlage 2, Blatt ). Die andere Hälfte war im Raum Lübbenau (Spreewald) zuhause. Hier fand die Befragung am 29.04.2008 etwa von 14.30 Uhr bis 18.00 Uhr am Kauflandplatz (vgl. Anlage , Blatt ) statt. Die Probanden wurden nur mit ihrem Geschlecht erfasst. Die genderspezifische Darlegung der Ergebnisse wird jedoch nur eine sekundäre Rolle bei der Auswertung spielen.

Ebenfalls wird es bei der Untersuchung keine Wichtigkeit haben, welchen Bildungsstand die Befragten hatten, welchem soziokulturellen Raum sie zugehörten, welches Alter sie besaßen oder aus welchem Milieu sie stammten. Allein die Aussage der Personen soll bei der späteren Erläuterung eine Rolle spielen. Diese Tatsache erachte ich als notwendig, weil alles Weitere den Rahmen der Arbeit sprengen würde.

Die Befragung, welche an zwei unterschiedlichen Tagen stattfand (siehe oben), nahm insgesamt ca. 390 Minuten in Anspruch. Assistiert wurde dem Autor (Befrager) von seiner Freundin. Die Probanden wurden nach Zufall befragt, sodass das Verhältnis zwischen Männern und Frauen mit großer Wahrscheinlichkeit nicht gleichmäßig verteilt ist.

Auswertung

Das Ergebnis, welches Geschlecht die Befragten mit Gewalt in Verbindung brach- ten, ist kaum überraschend. Insgesamt machten von 1200 befragten Personen 1177 die Aussage, dass sie das Wort „Gewalt“ primär mit dem männlichen Geschlecht in Verbindung brächten. Von den anderen 23 Menschen stammten 14 aus Chemnitz und 9 aus Lübbenau und Umgebung. Interessanterweise waren die Befragten, die aus mir nicht bekannten Gründen ein gewalttätiges Frauenbild besitzen, fast aus- schließlich Männer. Nur 4 Frauen sagten aus, beim Thema Gewalt zuerst an ihres- gleichen zu denken.

Diese Untersuchung bzw. Befragung zeigt, dass Männer nicht nur in der alljährlichen Polizeistatistik als das gewaltexekutierende Geschlecht aufgeführt werden, sondern dass dieses Bild auch in den Köpfen der Gesellschaft existiert. Eine Annahme, welches so eindeutig erscheint, dass man vermuten könnte, es sei für Frauen keine große Überraschung, Männer mit Gewalt in Verbindung zu bringen. Bei den Männern hingegen lässt es die Denkweise zu, als wollten sie ausdrücken „Seid mir nicht böse, ich kann nicht anders, ich bin auch nur ein Mann“

Jedoch existiert in unserer Gesellschaft nicht nur ein gewalttätiges Männerbild. Weitaus mehr „Erwartungen“ werden an die maskulinen Vertreter unseres Systems gestellt. So übernimmt der Mann beispielsweise die Rolle des „Erzeugers des Nachwuchses“, was unter anderem seine Heterosexualität berührt. Dieses Bild von Männlichkeit wird nicht nur in unserer, sondern in fast allen Gesellschaftssystemen durch den Phallus und die Erektionsfähigkeit des männlichen Gliedes symbolisiert. Weiterhin ist ein typisches, noch immer vorwiegend traditionelles Bild des Mannes das des Versorgers in der Form des „Geldverdieners“. Hierbei wird der Mann oftmals auch als der „Ernährer“ der Familie bezeichnet. Die maskuline Form des Schutzes umfasst das Kämpfen, die mit der männlichen Gewalt - jedoch im positiven Sinne - eng in Verbindung steht.

Jedes Bild und jede Form der Männlichkeit besitzt hierbei auch eine negative Seite, ein gegensätzliches bzw. abweichendes Bild. Dem Erzeuger steht der Vergewaltiger gegenüber. Ihm liegt nichts an Fortpflanzung. Sein Ziel ist die Befriedigung seiner eigenen Triebe und die Machtstellung über die Wehrlosigkeit seines Opfers. Der Versorgungsfunktion diametral gegenüber stehen der Dieb und der Betrüger. Er verschafft sich seine „Mittel zum Überleben“ nicht auf ehrliche und aufrichtige, sondern sucht sich den „bequemeren“ Weg aus. Für ihn spielt es auch selten eine große Rolle, wenn er von der Gesellschaft dafür verachtet und gescholten wird. Das letzte Negativbild ist das des Kämpfers zum Selbst - und Fremdschutz. Ihm steht der Schläger und Killer gegenüber, der seine Kraft und Männlichkeit ausnutzt, um andere zu verletzen oder gar zu töten. Somit liegt kein Gebrauch, sondern ein Missbrauch einer schützenden Gewaltbereitschaft vor.

4. „Typisch Mann“ - Männlichkeit und männliche Sozialisation

Mit dem Begriff „Sozialisation“ wird in der heutigen Forschung gemeinhin der gesamte Prozess des Aufwachsens der Menschen in Wechselbeziehung mit ihrer sozialen Umwelt und sich selbst verstanden (vgl. Böhnisch/ Winter, 1997, S.13). Aus soziologischer Sicht bedeutet Sozialisation vor allem die Integration eines Menschen in die kulturell geprägten, vorgegebenen sozialen (Rollen-)Systeme. Sozialisation versteht sich weiterhin als ein lebenslanger Prozess mit immer wieder neuen Anforderungen und Erwartungen beider Beziehungsteile, nämlich der Person und der Umwelt.

Frauen und Männer, Mädchen und Jungen besitzen ungeachtet ihrer biologischen Unterschiede gleiche organische Voraussetzungen zur Orientierung an Raum und Zeit. Trotzdem wird die Realität doch unterschiedlich wahrgenommen: Wahrnehmung, Orientierung und damit verbundene Denk-, Gefühls- und Handlungsprozesse verlaufen nicht geschlechtsneutral. Die Bezugnahme auf die Welt um uns herum erfolgt von früher Kindheit an durch die „Brille“ unserer Geschlechtszugehörigkeit. Die folgenden Abschnitte sollen das männliche Heranwachsen in seinen charakteristischen Zügen darstellen. Hierbei werden auch Parallelen, jedoch vor allem Differenzen zum weiblichen Heranreifen näher erläutert. Die abschnittsweise Erörterung, gegliedert nach den einzelnen Sozialisationsinstanzen, verfolgt dabei ein orientierendes und präzisierendes Ziel.

4.1. Die Familie als primäre Sozialisationsinstanz

„Zumindest aus Sicht der Sozialisationsforschung gilt: Jungen werden nicht als solche geboren, sie werden dazu gemacht“ (Möller, 1997, S.25).

Bereits im pränatalen Entwicklungsstadium der Eltern besteht eine geschlechtsspezifische Erwartungshaltung von Seiten der Eltern. Diese reichen von väterlichen Phantasien des Fußball- oder Tennisstars bis hin zu speziellen Essgewohnheiten der Schwangeren und Turnübungen wegen des entstehenden Lebewesens im Mutterbauch. Alles nur, um auf das Geschlecht des Kindes besonderen Einfluss oder Bezug zu nehmen; Attitüden, welche „dank“ des Einsatzes der modernen Ultraschalltechnik jegliche Formen von geschlechtsneutralen Erziehungsillusionen vernichten dürften.

Schon im frühen Säuglingsalter tritt der geschlechtsspezifische Umgang mit den Heranwachsenden im Regelfall offen zutage. Zahlreiche Studien (vgl. HagemannWhite, 1984, S.14ff) belegen, dass Erwachsenen in unserem Kulturzirkel Geschlechtszugehörigkeit als zentrales Orientierungsmerkmal dient. Das scheint oft- mals schon der Fall zu sein, wenn sie nur flüchtig mit einem Säugling oder Kleinkind agieren. Entsprechend wird hier auch der männliche Nachwuchs an gesellschaftlich akzeptierten und geläufigen Geschlechtsstereotypen gemessen. Seine jeweiligen Lebensäußerungen werden demnach in diesem Kontext gedeutet und prägen einschlägige Erwartungshaltungen seitens der Eltern aus. Aus ihnen resultieren dann spezifische Zuwendungsmuster einerseits, aber auch spezielle Anforderungen andererseits.

Zwar ist das Gebiet der geschlechtsspezifischen familialen Sozialisation bei weitem noch nicht vollständig erforscht, es können aber schon zahlreiche Feststellungen getroffen werden:

Erstens: Väter bringen ihren Söhnen etwa doppelt soviel Zuneigung entgegen wie ihren Töchtern, wogegen die Zuwendungszeit bei Müttern, egal ob ihr Nachwuchs männlich oder weiblich ist, etwa gleich verteilt ist. Weiterhin achten Väter verstärkt auf die Einhaltung von Geschlechtsstereotypen ihres Sohnes. Etwaige, selbsterfahrene Aufforderungen wie zum Beispiel „Leg die Puppe weg, du bist kein Mädchen“ oder „Der rosa Pullover steht dir ganz und gar nicht“ etc. Daraus resultierend kommen beispielsweise die meisten Väter viel schlechter mit einem „Outing“ zur Homosexualität im Jugendalter ihres Sohnes klar. Diese Erkenntnis gewann der Autor aus mehreren Fällen aus seinem Freundes- und Bekanntenkreis. Hierbei wurden mehrere Söhne von ihren Vätern verstoßen. Bei einer Familie, zu der ein sehr guter freundschaftlicher Kontakt besteht, zerbrach fast die Ehe am „Outing“ des ältesten Sohnes. Grund dafür war die strikte Ablehnung der Homosexualität und der Verstoß aus der Familie durch den Vater und die andererseits konträre, sehr enge Bindung des Schwulen an seine Mutter.

Freilich gelten diese Erkenntnisse nicht für alle Familien(-systeme). Der Forschungsstand belegt derartige Verhaltensweisen für Untersuchungen von klassischen Vätern mit der traditionellen Ernährerrolle. Es existieren auch Hinweise darauf, dass sich das väterliche Verhalten bei einer anderen Aufteilung der Familienstruktur an mütterliche Strukturen zwischen den Partnern angleicht (vgl. Möller, 1997, S.26).

Zweitens: Durchschnittlich wird dem männlichen Kind spätestens mit dem fünften Lebensjahr zugestanden, sich unbeaufsichtigt außerhalb der Wohnung aufzuhalten. In den meisten Fällen stellt es für die Eltern des Jungen kein Problem dar, wenn er durch die Nachbarschaft streift, sich für ihn interessante Materialien und Verstecke sucht und Kontakt zu entfernt wohnenden Kindern, meist ebenfalls Jungen, aufnimmt.

[...]


1 Siehe „Dimensionen des Gewaltbegriffs“ Anlage 1, Blatt 1

Ende der Leseprobe aus 107 Seiten

Details

Titel
Gewalt als Mittel männlicher Identitätsfindung. Sozialpädagogische Intervention durch Sportmaßnahmen im Heimalltag
Hochschule
Berufsakademie Sachsen in Breitenbrunn
Note
1,9
Autor
Jahr
2008
Seiten
107
Katalognummer
V114812
ISBN (eBook)
9783668100022
Dateigröße
1774 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gewalt, Mittel, Identitätsfindung, Intervention, Sportmaßnahmen, Heimalltag
Arbeit zitieren
Steven Börner (Autor), 2008, Gewalt als Mittel männlicher Identitätsfindung. Sozialpädagogische Intervention durch Sportmaßnahmen im Heimalltag, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/114812

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Gewalt als Mittel männlicher Identitätsfindung. Sozialpädagogische Intervention durch Sportmaßnahmen im Heimalltag


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden