In Zeiten, in denen der Rohölpreis die vielfach als psychologisch wichtig erachtete Marke von 100 US-Dollar je Barrel auf Dauer nach oben durchbrochen hat und von Woche zu Woche neue Höchststände vermeldet werden, rücken die großen Mineralölgesellschaften und somit auch die Tankstellen als die Letztverkaufsstellen ihrer Raffinerieprodukte zunehmend in den Fokus des öffentlichen Interesses. Diesbezüglich bleiben die Diskussionen – sowohl in der Wissenschaft als auch in der Öffentlichkeit – oftmals sehr einseitig auf den Mineralölmarkt und die Produktpreise be-schränkt, während das Tankstellengewerbe selbst nur wenig Beachtung findet. Aus diesem Grund befasst sich die vorliegende Diplomarbeit mit dem deutschen Tankstellen-Servicenetz, das von verschiedenen Seiten beleuchtet und analysiert wird. Die Arbeit betrachtet sowohl die staatliche Regulierung als auch die Struktur des Gesamtmarktes und die Strategien der großen Tankstellengesellschaften, wobei sich vielfach auch auf praktische Erfahrungen gestützt wird, die der Verfasser in jahrelanger Arbeit bei einem Tankstellenbetrieb sammeln konnte.
In dem großen, weltumspannenden Kampf um Exploration, Verarbeitung und Vertrieb von Mineralölprodukten werden gemeinhin zwei Gewinner und ein Verlierer identifiziert: auf der Gewinnerseite erstens die großen Mineralölkonzerne, die regelmäßig Rekordumsätze und Rekordgewinne vermelden, sowie zweitens der Staat, dessen Mineralölsteuereinnahmen mit einem jährlichen Aufkommen von rund 40 Milliarden Euro nach der Lohn- und Umsatzsteuer mittlerweile die drittwichtigste Steuerquelle geworden ist. Auf der Verliererseite ist der Konsument auszumachen, der an den Tankstellen Rekordpreise für Kraftstoffe entrichten muss. Die vorliegende Arbeit versucht, noch einer weiteren Perspektive gerecht zu werden, die in der öffentlichen Diskussion weitgehend ignoriert wird, namentlich derjenigen des Tankstellenbetreibers. Das Ziel der Arbeit ist eine ganzheitliche Betrachtung der Branche, ohne sich vollständig in Detailfragen zu verlieren.
Das Kapitel 2 beinhaltet einen historischen Rückblick auf das deutsche Tankstellennetz von den Anfängen des Automobils bis in die Gegenwart. Diese Darstellung ist insofern wichtig, als dass sich bereits in der Vergangenheit Strukturen herausgebildet haben, die für die heutige Situation charakteristisch sind und das Tankstellengewerbe nachhaltig prägen.[...]
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Deutsche Tankstellengeschichte
2.1 Apotheken und Bürgersteigpumpen als Vorläufer der Tankstelle
2.2 Tankstellenboom nach dem Zweiten Weltkrieg
2.3 Netzbereinigung und Ölkrise
2.4 Konzentrationstendenzen seit der Wiedervereinigung
3 Marktstruktur und rechtliches Umfeld
3.1 Tankstellenarten und Betreibermodelle
3.1.1 Markentankstellen
3.1.1.1 A-Farbentankstellen
3.1.1.2 B-Farbentankstellen
3.1.1.3 Weiße Tankstellen
3.1.2 Freie Tankstellen
3.1.3 Sonderformen
3.1.3.1 Betriebstankstellen
3.1.3.2 Supermarkttankstellen
3.1.3.3 Autobahntankstellen
3.2 Zwischenfazit: Oligopole Marktstruktur
3.3 Exkurs: Preiszusammensetzung und Preisbildung auf dem deutschen Tankstellenmarkt
3.4 Rechtliches Umfeld
3.4.1 Baurechtliche Bestimmungen
3.4.2 Ladenschlussgesetz
3.4.3 Anforderungen an Kraftstoffe
4 Marktsituation
4.1 Geschäftsfelder und Ertragslage deutscher Tankstellen
4.1.1 Agenturgeschäft
4.1.2 Dienstleistungen
4.1.3 Folgemarktgeschäft
4.2 Die zentrale Stellung des Shopgeschäfts
4.2.1 Konsumtrend Convenience
4.3 Tankstellen-Marketing
4.3.1 Fallbeispiel: Die Rückkehr des Tankwarts
4.3.2 Fallbeispiel: Kundenbindung durch Kundenkarten
5 Zukunftsaussichten
5.1 Die Zukunft des Ladenschlusses
5.2 Die Bedeutung alternativer Kraftstoffe
5.3 Tankstellenrating nach Basel II
5.4 Fortgesetztes Tankstellensterben?
6 Schlussbetrachtung und Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit analysiert das deutsche Tankstellen-Servicenetz unter Berücksichtigung staatlicher Regulierung, Marktstrukturen sowie der Strategien von Mineralölgesellschaften, um ein ganzheitliches Verständnis der Branche unter Einbeziehung der Betreiberperspektive zu gewinnen.
- Historische Entwicklung der deutschen Tankstellenlandschaft
- Strukturanalyse der Marktteilnehmer und Betreibermodelle
- Bedeutung des Shopgeschäfts und Convenience-Markttrends
- Wettbewerbsdynamik, Preisbildung und rechtliche Rahmenbedingungen
- Zukunftsperspektiven und Herausforderungen wie alternative Kraftstoffe und Finanzierung
Auszug aus dem Buch
3.1.2 Freie Tankstellen
Freie Tankstellen sind definitionsgemäß sowohl rechtlich als auch wirtschaftlich völlig selbstständig und somit nicht in das Vertriebssystem einer großen Markengesellschaft integriert. Die Betreiber von Freien Tankstellen haben den Vorteil, dass sie ihre Preisentscheidungen autonom treffen und das Sortiment des Shopgeschäftes eigenhändig gestalten können. Sie müssen allerdings neben dem Mengenrisiko auch das Margenrisiko tragen, da sie nicht wie die Pächter von Konzerntankstellen unabhängig vom Endverkaufspreis die gleiche Provision pro Liter erhalten. Die Unabhängigkeit von den Konzernen erlaubt den Betreibern eine unabhängige Gestaltung des Produktsortiments im Folgemarktgeschäft und einen selbstständigen oder in gemeinsamen Gruppen getätigten Kraftstoffeinkauf.
Bis in die 1960er Jahre war der Begriff „Freie Tankstelle“ unbekannt. Einzelne Geschäftsleute kamen zu dieser Zeit auf die Idee, Kraftstoffe unter eigenem Namen und auf eigene Rechnung zu verkaufen. Als Bezugsquelle diente den Unternehmern insbesondere der Rotterdamer Spotmarkt, wo die größten Raffinerien Europas stehen, aber auch die inländischen Konzernraffinerien, deren Ausstoß regelmäßig größer als die Nachfrage war. So veräußerten sie die Produktionsüberschüsse preisgünstig an die Betreiber der Freien Tankstellen, welche wiederum die erzielten Preisvorteile an die Kunden weitergaben. Seither stehen die Freien Tankstellen mit den Markentankstellen in großer Konkurrenz.
Freie Tankstellen beziehen auch heute ihre Kraftstoffe über freie Mineralölhändler, die auf den aus- und inländischen Märkten tätig sind. Die Abhängigkeit von diesen freien Händlern ist verhältnismäßig gering, da die Pächter jederzeit drohen können, sich von anderen Händlern beliefern zu lassen. Doch auch die Freien Tankstellen sind weiterhin auf die großen Mineralölgesellschaften angewiesen, da sie bei Mengenengpässen auf ausländischen Spotmärkten zum Bezug von Kraftstoffen gezwungen sind, die aus den insbesondere von A-Farbengesellschaften betriebenen Raffinerien kommen. Zusätzlich haben sich die Versorgungssituation und die Konditionen für die freien Mineralölhändler auf dem Rotterdamer Markt gegenüber früher spürbar verschlechtert, da vor allem die USA in den letzten Jahren massive Käufe tätigen, um ihren immensen Erdölbedarf decken zu können.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Vorstellung der Forschungsfrage und der Relevanz einer ganzheitlichen Betrachtung der Tankstellenbranche unter Berücksichtigung der Betreiberperspektive.
2 Deutsche Tankstellengeschichte: Historischer Rückblick von den Anfängen des Automobils bis hin zu Konzentrationstendenzen nach der Wiedervereinigung.
3 Marktstruktur und rechtliches Umfeld: Systematisierung der Tankstellenlandschaft, Analyse des Oligopols, der Preisbildung und der relevanten gesetzlichen Rahmenbedingungen.
4 Marktsituation: Detaillierte Untersuchung der Geschäftsfelder, Ertragslage sowie der zentralen Bedeutung des Shopgeschäfts und Marketingstrategien.
5 Zukunftsaussichten: Diskussion exogener Faktoren wie Ladenschlussliberalisierung, alternative Kraftstoffe, Basel II und das fortgesetzte Tankstellensterben.
6 Schlussbetrachtung und Fazit: Zusammenfassung der wesentlichen Erkenntnisse zur strukturellen Entwicklung und der zukünftigen Wettbewerbssituation.
Schlüsselwörter
Tankstellenmarkt, Mineralölgesellschaften, Tankstellensterben, Oligopol, Shopgeschäft, Convenience, Kraftstoffpreise, Betreibermodelle, Wettbewerb, Pächter, Marktstruktur, Ladenschlussgesetz, Kundenbindung, alternative Kraftstoffe, Marktanteile.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit behandelt die ökonomischen und regulatorischen Strukturen des deutschen Tankstellen-Servicenetzes und untersucht die Wettbewerbssituation sowie die wirtschaftliche Lage der Akteure.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die historische Entwicklung der Branche, die Marktstruktur der Betreibermodelle, die Bedeutung des Shopgeschäfts, das rechtliche Umfeld sowie zukünftige Herausforderungen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist eine ganzheitliche Betrachtung der Tankstellenbranche, um ein tieferes Verständnis für die oft einseitig diskutierte Marktsituation zu schaffen, insbesondere aus der Sicht der Tankstellenbetreiber.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer fundierten Literatur- und Marktanalyse sowie der Auswertung von Branchenstudien und statistischen Daten zur Tankstellenentwicklung.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden die Tankstellenarten differenziert, die Preiszusammensetzung erläutert, das Shopgeschäft als zentrale Ertragsquelle analysiert und Marketingansätze wie Kundenkarten kritisch bewertet.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den Schlüsselwörtern zählen Tankstellenmarkt, Mineralölkonzerne, Shopgeschäft, Oligopol und Wettbewerb.
Wie unterscheidet sich die Situation der "Freien" von der "Markentankstelle"?
Freie Tankstellen sind wirtschaftlich und rechtlich selbstständig, tragen jedoch das volle Margenrisiko, während Markentankstellen meist in die Vertriebssysteme der Konzerne integriert sind.
Welche Auswirkungen hat die Rückkehr des Tankwarts laut dem Autor?
Obwohl Kunden den Service begrüßen, führt die Wiedereinführung des Tankwarts oft zu einer Verschärfung der finanziellen Situation der Pächter, da diese die zusätzlichen Personalkosten tragen müssen.
- Arbeit zitieren
- Seeger Florian (Autor:in), 2008, Regulierung und Wettbewerb in der Automobilbranche am Beispiel des Tankstellen-Servicenetzes, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/114828