In meiner Arbeit möchte ich die vorherrschende diskursive Dichotomisierung der IS Frauen, die entweder als Opfer oder als Täterinnen vor allem in Bezug zur gegenwärtigen Staatsbürgerschaftsdebatte dargestellt werden, aufbrechen. Dabei möchte ich vorrangig dem Spannungsverhältnis der globalen Schwesternschaft-Debatte zwischen dem liberalen und dem postkolonialen Feminismus im Kontext der globalen Rekrutierung von Frauen zum Islamischen Staat nachgehen. Meine Forschungsfrage formuliere ich daher, wie folgt: Kann das Konzept von Schwesternschaft der Terrorgruppe des Islamischen Staates im Sinne von Mohanty‘s postkolonial-feministischem Vorschlag einer antikapitalistischen "noncolonizing feminist solidarity across borders" in Abgrenzung zum liberal feministischen Konzept einer globalen Schwesternschaft verstanden werden?
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
1.1 Motivation und Forschungsfrage
1.2 Methodologie
1.3 Stand der Forschung
2. Imperialismus
2.1 Westlicher Femonationalismus
2.2 IS Genderappartheid
3. Diskursive Kolonisierung
3.1 Konstruktion von Differenzen
3.2 IS Genderpropaganda
4. Essentialismus
4.1 Schwesternschaft
4.2 Hierarchisierung von Identitäten
5. Repräsentation und Subalternität
5.1 Repräsentation der IS Subalternen
6. Konklusion
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Spannungsverhältnis der globalen Schwesternschaftsdebatte zwischen dem liberalen und dem postkolonialen Feminismus im Kontext der Rekrutierung von Frauen durch den Islamischen Staat, mit dem Ziel, die Handlungen der IS-Frauen kritisch und intersektional zu hinterfragen.
- Analyse postkolonial-feministischer Theorien in Bezug auf den IS
- Untersuchung von Femonationalismus und IS-Genderideologie
- Dekonstruktion des "caliphate sisterhood"-Konzepts
- Intersektionale Betrachtung von Machtverhältnissen und Identitäten innerhalb des IS
Auszug aus dem Buch
3.1 Konstruktion von Differenzen
Die Genderideologie des IS ist geprägt von der Konstruktion von Differenzen zwischen einerseits IS Frauen und IS Männern, andererseits zwischen IS Frauen und „anderen“ Frauen, insbesondere Frauen aus dem Westen und andersgläubigen Frauen. Diese Konstruktionen basieren auf von der Scharia abgeleiteten Überzeugungen oder Annahmen über die Natur der Frau, welche als Grundlage für ihre Rolle in der Gesellschaft dient. Alle Abweichungen werden von dieser Norm beurteilt und gehen mit Werturteilen einher, die einem größerem Polarisierungsprojekt zu dienen scheinen.
Die Natur der Frau wird als gottgegeben angenommen, denn „[...] she was made from Adam and for Adam. [...]“ (Koran 30:21). Daraus wird gefolgert, dass Frauen den Männern nicht gleichgestellt sind. (Manifesto, 2015, S. 17-18) Daraus ergibt sich auch die Anziehungskraft des Mannes auf die Frau und der Frau auf den Mann. Dabiq erklärt alles, was darüber hinausgeht, zur sexuellen Perversion mit „Sodomie“ als ihre schlimmste Ausprägung. (D15, S. 21) Aus dieser Sure wird daher die Unterlegenheit der Frau und die Heteronormativität aller Menschen abgeleitet. In Anlehnung an die weitere Ausführung dieser Sure schreibt das Manifesto den Frauen Eigenschaften wie Sesshaftigkeit, Stille und Stabilität zu, während Männer mit ihren Gegensätzen in Verbindung gebracht werden. (2015, S. 18-19) Diese Schwarz-Weiß-Malerei verleiht den IS Männern Macht und Dominanz, während IS Frauen die Rolle der Implementierung ihrer Anweisungen auferlegt wird.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Problematik der IS-Frauen ein, definiert die Forschungsfrage bezüglich des Schwesternschaftskonzepts und erläutert die methodische sowie theoretische Ausgangslage der Autorin.
2. Imperialismus: Das Kapitel beleuchtet den postkolonialen Feminismus als Kritik am westlichen Mainstream-Feminismus und analysiert den "Westlichen Femonationalismus" sowie die "IS Genderappartheid" als reaktionäre Machtstrukturen.
3. Diskursive Kolonisierung: Hier wird untersucht, wie der IS mittels "Konstruktion von Differenzen" und spezifischer "IS Genderpropaganda" ein exklusives Frauenbild schafft und zur Rekrutierung nutzt.
4. Essentialismus: Dieses Kapitel analysiert das Konzept der "Schwesternschaft" im IS-Kontext und die "Hierarchisierung von Identitäten" innerhalb des Kalifats, um die Heterogenität der IS-Frauen aufzuzeigen.
5. Repräsentation und Subalternität: Basierend auf Spivak wird hier die Frage der Repräsentation der IS-Frauen und der "Repräsentation der IS Subalternen" kritisch hinterfragt, wobei die Rolle der Al-Khanssaa Brigade im Zentrum steht.
6. Konklusion: Das Schlusskapitel resümiert die Ergebnisse der Arbeit und beantwortet die in der Einleitung aufgestellten Hypothesen hinsichtlich der antikolonialen und feministischen Qualität der Handlungen von IS-Frauen.
Schlüsselwörter
Postkolonialer Feminismus, Islamischer Staat, globale Schwesternschaft, Intersektionalität, Femonationalismus, Genderappartheid, diskursive Kolonisierung, Essentialismus, Repräsentation, Subalternität, Al-Khanssaa Brigade, Ummah, Genderpropaganda, Rekrutierung, Machtverhältnisse
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht kritisch die Rolle von Frauen im Islamischen Staat und setzt diese in Beziehung zu Debatten des postkolonialen Feminismus über globale Solidarität und Schwesternschaft.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zu den zentralen Themen gehören Imperialismus, diskursive Kolonisierung, essentialistische Identitätskonstruktionen, Geschlechterapartheid und die Repräsentationsmacht innerhalb terroristischer Strukturen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Forschungsfrage lautet, ob das Konzept der Schwesternschaft des Islamischen Staates im Sinne eines antikapitalistischen, postkolonial-feministischen Solidaritätsmodells verstanden werden kann, oder ob es sich lediglich um eine weitere imperiale Machtstruktur handelt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer theoretischen Analyse postkolonial-feministischer Literatur (u.a. Mohanty, Spivak) sowie einer inhaltlichen Auswertung von Primärquellen des IS, wie dem "Manifesto" und den Online-Magazinen Dabiq und Rumiyah.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Mechanismen, mit denen der IS Frauen rekrutiert und an das Regime bindet, sowie die interne Hierarchisierung und die Instrumentalisierung von Frauen für die Zwecke des Kalifats.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Postkolonialer Feminismus, IS Genderappartheid, diskursive Kolonisierung, Essentialismus und Intersektionalität.
Was unterscheidet das "caliphate sisterhood" vom liberalen Feminismus?
Während der liberale Feminismus eine globale Solidarität unter Frauen anstrebt, nutzt der IS das Konzept der "caliphate sisterhood" gezielt als Propagandainstrument, um ein patriarchales und totalitäres Herrschaftssystem durch die Mitwirkung von Frauen zu festigen.
Wie spielt die Al-Khanssaa Brigade für die Argumentation der Arbeit eine Rolle?
Die Al-Khanssaa Brigade dient als Fallbeispiel für die Hierarchisierung innerhalb der IS-Frauenschaft, da diese Frauen durch ihre privilegierte Exekutivrolle zwar Macht über andere Frauen ausübten, aber dennoch dem patriarchalen System des IS unterworfen blieben.
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- Anna Scheithauer (Autor), 2021, Der Postkoloniale Feminismus im Kontext der globalen Schwesternschaft-Debatte, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1148316