In dieser empirischen Forschungsarbeit wurden über zwei Semester Sprechakte wie Reden, Interviews oder wichtige strategische Papiere von hochrangigen EU-Politikern und EU-Politikerinnen mithilfe von interpretativ-rekonstruktiven Methoden der Sozialforschung (Grounded Theory) ausgewertet. Das Forschungsziel war es, die wichtigsten Narrative, Überzeugungen und Handlungsregeln dieser Politikerinnen und Politiker, die für die EU sprechen (Selbstbeschreibung der EU), zu identifizieren und teilweise in ihrer Widersprüchlichkeit offenzulegen. Hierbei wurden auch Dokumente von politischen Beobachtern und NGOs analysiert (Fremdbeschreibung der EU).
Erzählungen und Narrative sind zentrale rhetorische Strategien in der Politik um Bürgerinnen und Bürgern, aber auch andere gesellschaftliche Akteure, von einem bestimmten politischen Handeln zu überzeugen. Auch die EU konstruiert - wissentlich oder unwissentlich - solche Narrative, die in dieser Forschungsarbeit rekonstruiert wurden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Forschungsstand
2.1 Internationale Ordnung
2.2 Forschungsgegenstand „Europäische Union“
2.2.1 Kontextwissen zur EU
2.2.2 EU als internationale SKH – Trends und Herausforderungen
2.2.3 Im Forschungsstand auftretende Narrative der EU
3. Formaltheorie
3.1 Terminologische Darlegungen
3.2 Epistemologische Verortung
4. Heuristik
5. Methode
5.1 Herausforderungen einer Analyse „DER“ EU
5.2 Zusammensetzung des Datenkorpus
5.3 Die Grounded Theory als methodischer Bezugsrahmen
6. Darstellung der Ergebnisse
6.1 Zentrale (arenenübergreifende) Narrative und Überzeugungen der EU
6.1.1 Die EU als liberale, institutionelle SKH in einer machtpolitisch dominierten Weltordnung (Schlüsselkategorie)
6.1.2 Die Geschichte des Multilateralismus als ultimativer Problemlösungsweg
6.1.3 Das neue Narrativ des „grünen“ Europas
6.1.4 Das Narrativ der „aktiven, selbstständigen EU in der Welt“
6.1.5 Das Geschlossenheitsnarrativ der EU
6.2 Arenenspezifische Narrative der EU
6.2.1 Das Wirtschaftsnarrativ: der EU-Binnenmarkt als Herzstück der Integration
6.2.2 Die Geschichte des Erfolgs der ständigen Integration
6.2.3 Das Narrativ der „Werteunion“
6.2.4 Das Narrativ der „EU als Sprachrohr der Bürger*innen“
6.3 Fremdbeschreibungen der EU – wie die EU gesehen wird
6.4 Zusammenfassung der Forschungsergebnisse
7. Abschlussreflexion
8. Schluss
Zielsetzung & Themen
Ziel dieses Forschungsberichts ist die Rekonstruktion der außenpolitischen Narrative der Europäischen Union (EU) als Struktur Kollektiven Handelns (SKH) im internationalen Gefüge. Die Arbeit untersucht, wie die EU ihre Handlungsregeln und geopolitischen Überzeugungen in einer sich wandelnden Weltordnung formuliert und nach außen kommuniziert.
- Analyse der EU als supranationale Akteurin im Konzert der Weltpolitik
- Identifikation zentraler Narrative, wie dem „grünen Europa“ oder der „Werteunion“
- Untersuchung des Spannungsfeldes zwischen idealistischem Selbstbild und machtpolitischem Handeln
- Vergleich von Selbstbeschreibungen der EU mit Fremdbeschreibungen durch externe Akteure
Auszug aus dem Buch
6.1.1 Die EU als liberale, institutionelle SKH in einer machtpolitisch dominierten Weltordnung (Schlüsselkategorie)
Die EU sieht sich selbst als eine Wertegemeinschaft (K209), die das Paradigma des Liberalismus und Institutionalismus der Internationalen Beziehungen vertritt (K104). Nun wird aber von den Akteuren der EU, die ein hohes Strukturpotential auf sich vereinen, die Ansicht vertreten (in Übereinstimmung mit Politikwissenschaftler*innen (siehe 2.1)), dass die Liberale Internationale Ordnung, in der der „Westen“ als hegemoniale Strukturierungskraft auftritt (K120), zunehmend unter Druck gerät (K211). Aus Sicht der EU ist die machtpolitische Auseinandersetzung auf der weltpolitischen Bühne auf dem Vormarsch, was unter anderem stark mit der Rivalität zwischen den USA und China zusammenhängt. Nun muss die EU, die sich traditionell als Verbündeter der USA sieht, von diesen aber trotzdem sicherheitspolitisch nicht abhängig sein will, ein neues Selbstverständnis als globale auftretende SKH entwickeln (K205), die als starke und selbständige Union ihre Interessen und Werte in der Welt verteidigt. Die folgende Schlüsselkategorie erläutert die Geschichte der EU, wie sie sich selbst sieht und wie die Weltordnung bestimmt ist, was zunehmend auch als ein europäisches Dilemma verstanden werden kann.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die weltpolitische Relevanz der EU und die Zielsetzung des Lehrforschungsprojekts zur Narrativbildung.
2. Forschungsstand: Darstellung der internationalen Ordnung und des Forschungsstandes zur EU als internationale Akteurin.
3. Formaltheorie: Darlegung der ontologischen und epistemologischen Prämissen sowie Definition zentraler Begriffe wie Handlungsregel und SKH.
4. Heuristik: Aufstellung forschungsleitender Fragen, die als Grundlage für die Analyse der Narrative dienen.
5. Methode: Erläuterung der Auswahl des Datenkorpus und des Grounded Theory Verfahrens zur Rekonstruktion der Handlungsregeln.
6. Darstellung der Ergebnisse: Rekonstruktion und Analyse der zentralen und arenenspezifischen Narrative der EU sowie der Fremdbeschreibungen.
7. Abschlussreflexion: Kritische Auseinandersetzung mit dem Forschungsprozess und den methodischen Herausforderungen.
8. Schluss: Zusammenfassung der Ergebnisse und Ausblick auf die zukünftige Entwicklung der EU als sicherheitspolitische Akteurin.
Schlüsselwörter
Europäische Union, Weltpolitik, Narrative, Struktur Kollektiven Handelns, Grounded Theory, Multilateralismus, Werteunion, Klimapolitik, Geopolitik, Außenpolitik, Sicherheitspolitik, internationale Ordnung, EU-Integration, Handlungsregeln, Machtpolitik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert, wie die Europäische Union als kollektiver Akteur in der Weltpolitik auftritt und welche Narrative sie zur Identitätsstiftung und zur Legitimierung ihres außenpolitischen Handelns verwendet.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Arbeit behandelt unter anderem die Rolle der EU als „Friedensmacht“, das „grüne Narrativ“ im Rahmen des Green Deals, die „Werteunion“ sowie das Bestreben der EU, in einer machtpolitisch dominierten Welt als geschlossener Akteur zu agieren.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das primäre Ziel ist es, durch eine strukturierte Analyse von Reden und Dokumenten die zugrundeliegenden Handlungsregeln und Narrative der EU zu dechiffrieren und zu interpretieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird das Verfahren der Grounded Theory angewandt, um aus textförmigem Datenmaterial systematisch Narrative und Handlungsregeln der EU zu rekonstruieren.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Grundlegung, eine methodische Herleitung und die umfassende Darstellung der zentralen und arenenübergreifenden Narrative sowie der Fremdbeschreibungen der EU.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit ist geprägt durch Begriffe wie Narrative, Struktur Kollektiven Handelns (SKH), Multilateralismus, geopolitischer Wettstreit und Wertegemeinschaft.
Inwiefern beeinflusst das „grüne Narrativ“ die Außenpolitik der EU?
Die EU nutzt das Klimathema als identitätsstiftende Chance und „welthistorische Aufgabe“. Dabei wird der Kampf gegen den Klimawandel als Teil einer neuen Wachstumsstrategie und als Instrument zur Stärkung der globalen Führungsrolle verstanden.
Gibt es Diskrepanzen zwischen dem Selbstbild der EU und der Fremdwahrnehmung?
Ja, die Arbeit zeigt, dass während die EU sich selbst oft als „Werteunion“ oder „Friedensmacht“ inszeniert, externe Akteure die EU vorrangig als mächtige Handels- und Wirtschaftsmacht wahrnehmen und teilweise eine Doppelmoral in der Handels- und Entwicklungspolitik kritisieren.
- Arbeit zitieren
- David Honold (Autor:in), 2021, Narrative der Europäischen Union. Weltpolitik als Kampf der Narrative, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1149043