In dieser Arbeit soll der Versuch unternommen werden, die kulturelle Identitätsproblematik in den Romanen Begags aus postkolonialer Perspektive darzustellen.
Kulturelle Identität ist im Zeitalter der Globalisierung und Digitalisierung, durch Migration und Mobilität und den daraus resultierenden Verlust an familiären und sozialen Bindungen als komplexes Phänomen zu verstehen. Hinzu kommt, dass in modernen Gesellschaften mehrere kulturelle Identitäten auf ganz unterschiedliche Weisen miteinander, sowohl komplementär, aber auch widersprüchlich verflochten sind. Besonders Einwanderungsländer, wie auch Frankreich mit seiner kolonialen Vergangenheit und mehreren Migrationsperioden, sind von dieser Problematik betroffen, die insbesondere von der in den 1980er Jahren sich in Frankreich als neue Literaturform entwickelten littérature beur thematisiert wird.
Ein grundlegendes Thema der littérature beur ist der Gegensatz zwischen der französischen und der "arabischen" Kultur, wie auch von Azouz Begag in seinen Romanen dargestellt: Während die Republik Frankreich annimmt, die Einwanderer politisch und kulturell integrieren zu können, finden sich die maghrebinischen Einwanderer in einer intoleranten Gesellschaft wieder. Dies konnte ich in meinem Erasmusjahr in Aix/Marseille, sowie bei einem Praktikum in Montpellier erleben. Das Leben der Einwanderer in den banlieues, die zu einem Synonym für Drogen und Kriminalität geworden sind, ihr Gefühl von Ausgrenzung, ist ein ungelöstes soziales Problem Frankreichs mit ganz aktuellen politischen Bezügen. Die sich dagegen wendende littérature beur, rückt den "divided sense of identity" ins Zentrum und möchte einen inklusiven kulturellen und sprachlichen Raum schaffen, um die "écarts d'identité" zu überwinden. Diese Überwindung ist möglich mit den anti-essentialistischen Denkansätzen Homi Bhabhas, einem Hauptvertreter der postcolonial studies. Sein nicht einfach zu verstehendes Konzept der (kulturellen) Hybridität, abgeleitet aus literaturwissenschaftlichen Analysen im englischsprachigen Raum, und begründet auf dem Kolonialismus Großbritanniens und dem Verhältnis zu Indien, kann durchaus auf frankophone Literatur übertragen werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Konzepte kultureller Identität und Postkoloniale Theorie
2.1 Traditionelles Kulturverständnis – Kugelmodell versus Netzmodell
2.2 Multikulturalität und Interkulturalität
2.3 Transkulturalität
2.4 Die postkoloniale Theorie Homi K. Bhabhas - Hybridität im Third Space
2.4.1 Cultural Difference und Third Space
2.4.2 Cultural Hybridity und Ambivalence
2.4.3 Cultural Translation und Mimicry
2.5 Zwischenergebnis und kritische Betrachtung
3. Soziokultureller Hintergrund – die génération beur
3.1 Die Soziogenese der Beurs - Immigration und Integration in Frankreich
3.2 Orte der Selbstbehauptung und kulturelle Ausdrucksformen der Beurs
3.3 Le ‚roman beur‘ – Zwischen Fiktion und Autobiographie
3.4 Der Autor Azouz Begag
4. Le Gone du Chaâba - kulturelle Identifikation in der Kindheit
4.1 Der Titel - Zugehörigkeit zu beiden Kulturen
4.2 Le Chaâba als Verortung der arabischen Kultur
4.3 Kulturelle Konflikterfahrungen in der Schule
4.4 Kulturelle Identität durch Sprache
4.5 Français et Arabe oder auch ni Français ni Arabe
5. Béni ou le paradis privé - kulturelle Identifikation in der Adoleszenz
5.1 Die doppelsinnige Bedeutung von Titel und Namen
5.2 Die Frage nach der Herkunft
5.3 Konflikterfahrungen mit dem Vater - ‚Heimat‘ und kulturelles Erbe
5.4 Erfahrung von Diskriminierung und Selbstbehauptung auf der Straße
5.5 La comédie – ein neuer Identitäts-Raum für Hybridität
6. Die Darstellung kultureller Identität und Hybridität bei Begag
7. Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die kulturelle Identitätsproblematik in den Romanen "Le Gone du Chaâba" und "Béni ou le paradis privé" von Azouz Begag aus postkolonialer Perspektive, um zu analysieren, wie die Protagonisten zwischen den Anforderungen zweier Kulturen navigieren.
- Konzepte kultureller Identität und Hybridität (Homi K. Bhabha)
- Soziokulturelle Einordnung der "génération beur" in Frankreich
- Sprachliche und kulturelle Identifikationsprozesse in Kindheit und Adoleszenz
- Umgang mit Diskriminierung, Entfremdung und dem Wunsch nach Assimilation
Auszug aus dem Buch
4.2 Le Chaâba als Verortung der arabischen Kultur
Die Erzählung beginnt in medias res mit einer lebendigen Szene, einem Streit um Wasser zwischen den Frauen im Chaâba. Mit Humor und feiner Ironie wird beschrieben wie am Waschtag Azouz' Tante Zidouma zu lange für ihre Wäsche an der einzigen Wasserstelle der Gemeinschaft braucht. Die wartenden Frauen werden ungeduldig und geraten sich in die Haare. Sie beschimpfen sich lautstark und schlagen sich, die Wäsche wird wieder schmutzig, aber am nächsten Tag verträgt man sich wieder. Auch die weiteren Episoden und Anekdoten - fast wie 1001 Nacht - porträtieren sehr bildmächtig das einfache, aber nicht unglückliche Leben trotz mangelnder Hygiene, ohne fließendes Wasser und ohne Elektrizität („- Vous n'avez pas la télé ? - Non. Et même qu'on n'a pas d'électricité dans notre maison.“ (G 75)).
Der Chaâba hat einen Haupteingang („la grande porte en bois de l'entrée principale“ (G 12)), von dem ein breiter Weg („la grande allée centrale, à moitié cimentée, cahoteuse“ (G 12)) zwei große vollkommen ungeordnete Barackenkomplexe voneinander trennt („deux gigantesques tas de tôles et de planches qui pendent et s'enfuient dans tous les sens“ (G 12)). Am Ende des Weges steht das Latrinenhäuschen („Au bout de l'allée, la guérite des WC semble bien isolée“ (G 13)). Azouz wohnt in dem einzigen Steinhaus („La maison de béton d'origine, celle dans laquelle j'habite“ (G 13)), das kaum noch zwischen den Baracken zu erkennen ist („ne parvient plus à émerger de cette géométrie désordonnée“ (G 13)).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Arbeit führt in die Problematik kultureller Identität und Migration in Frankreich ein und stellt das Ziel auf, Begags Romane postkolonial zu analysieren.
2. Konzepte kultureller Identität und Postkoloniale Theorie: Das Kapitel erläutert theoretische Ansätze zur Kultur, von traditionellen Modellen bis hin zu Homi K. Bhabhas Konzepten der Hybridität und des Third Space.
3. Soziokultureller Hintergrund – die génération beur: Es wird die historische und soziologische Situation der Einwanderergeneration in Frankreich sowie das Phänomen der "Beur"-Literatur dargestellt.
4. Le Gone du Chaâba - kulturelle Identifikation in der Kindheit: Das Kapitel untersucht die Identifikationsprozesse des Protagonisten im Kindesalter, geprägt durch Schule, Sprache und den familiären Hintergrund.
5. Béni ou le paradis privé - kulturelle Identifikation in der Adoleszenz: Hier werden die Identitätskonflikte des 16-jährigen Protagonisten analysiert, insbesondere die Diskriminierungserfahrungen und der Versuch der Selbstbehauptung.
6. Die Darstellung kultureller Identität und Hybridität bei Begag: Eine zusammenfassende Betrachtung, wie Begag die komplexen Identitätskonstruktionen seiner Protagonisten literarisch verarbeitet.
7. Schlussbetrachtung: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und betont die Dringlichkeit einer neuen Integrationspolitik angesichts bestehender kolonialer Denkmuster.
Schlüsselwörter
Kulturelle Identität, Postkoloniale Theorie, Hybridität, Third Space, littérature beur, Azouz Begag, Migration, Integration, Assimilation, Mimicry, Algerien, Frankreich, Diskriminierung, Kindheit, Adoleszenz.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Identitätsproblematik von Nachkommen algerischer Einwanderer in Frankreich anhand der Romane von Azouz Begag.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Im Mittelpunkt stehen kulturelle Identität, der Spagat zwischen Herkunft und Integration, der Einfluss der Schule sowie die postkoloniale Theorie nach Homi K. Bhabha.
Was ist das primäre Forschungsziel?
Ziel ist es, die kulturelle Identitätsproblematik aus postkolonialer Perspektive darzustellen und zu zeigen, wie Begags Protagonisten hybride Identitäten entwickeln.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt literaturwissenschaftliche Textanalysen, gestützt durch postkoloniale Theorien und soziokulturelle Hintergründe zur Migrationsgeschichte Frankreichs.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil befasst sich detailliert mit der Kindheit (Le Gone du Chaâba) und der Adoleszenz (Béni ou le paradis privé) der Protagonisten, inklusive Sprache und Konflikten.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Hybridität, Third Space, Mimicry, Identitätskonflikt, Migration und postkoloniale Theorie.
Wie spielt die Sprache eine Rolle für die Identität der Protagonisten?
Die Sprache dient sowohl als Mittel der Assimilation als auch als Barriere, da die Protagonisten zwischen dem Französischen und dem arabischen Hintergrund der Eltern navigieren.
Warum spielt das Thema der Beschneidung eine so große Rolle?
Das Ritual markiert für die Protagonisten körperlich ihre arabische Zugehörigkeit, die sie trotz des Wunsches nach Assimilation an die französische Gesellschaft nicht ablegen können.
- Quote paper
- Pia Kirchen (Author), 2021, Kulturelle Identität, Differenz und Hybridität in Azouz Begags "Le Gone du Chaâba" und "Béni ou le paradis privé", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1149241