Soziale Ungleichheit im Bildungssystem

Welchen Einfluss übt die soziale Herkunft der Eltern auf den Bildungsweg der Kinder am Beispiel der Ganztagsschule aus?


Hausarbeit, 2021

12 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1. Einleitung

2. Begriffsdefinitionen
2.1. Sozialstruktur
2.2. Bildungsungleichheit
2.3. Soziale Herkunft
2.3. Chancengerechtigkeit

3. Ganztagsschule
3.1. Ganztagsschule und Chancengleichheit
3.2. Mögliche Lösungsansätze

4. Fazit

Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

PISA Programme for International Student Assessment

KMK Kultusministerkonferenz

StEG DieStudiezur Entwicklung von Ganztagsschulen

1. Einleitung

Bildung ist in der heutigen Zeit maßgeblich für die gesellschaftliche und kulturelle Teilhabe, sowie für die individuellen Lebenschancen (vgl. Allmendinger 2013, S. 1). Sie setzt die Weichenstellung für fast alle Lebensbereiche wie Beruf, Lebensqualität, Gesundheit und Gestaltungsmöglichkeiten im Lebensverlauf der Me nschen. Demnach leben Menschen mit Hochschulreife gesünder, sind häufiger politisch aktiv und sozial engagiert (vgl. ebd., S. 4).

Im Grundgesetz Art. 3, Abs. 3 heißt es: „Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden“.

Durch die Wichtigkeit der Bildung ist die Chancengleichheit in Deutschland im Grundgesetz verankert. Jedoch wurde dieses Bestreben in Deutschland noch nicht erreicht. Durch die Ergebnisse der PISA-Studie im Jahr 2000 (Programme for International Student Assessment) wird das Thema Bildung wieder verstärkt in der Öffentlichkeit und Politik diskutiert. Es wurde festgestellt, dass der Schulerfolg der Schüler*innen in kaum einem anderen der teilnehmenden Mitgliedsstaaten so stark von der sozialen Herkunft der Eltern abhängig ist, wie in Deutschland (vgl. Solga und Dombrowski 2009, S. 15). Durch verschiedene Reformen wird versucht, das Bildungssystem gerechter zu gestalten. Der Ausbau der Ganztagsschule gehört zu einen dieser Reformen. Neben den Vorteilen, wie der Unterstützung der elterlichen Erziehungsarbeit und der besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf gehört zudem auch die Erhöhung der Bildungschancen von sozial benachteiligten Kindern und Jugendlichen zu den versprochenen Vorteilen der Ganztagsschule (vgl. Kultusministerkonferenz 2015, S. 4).

In dieser Hausarbeit wird der Frage nachgegangen, welchen Einfluss die soziale Herkunft der Eltern auf den Bildungsweg der Kinder am Beispiel der Ganztagsschule ausübt.

Im zweiten Kapitel werden Begriffe, die für das Verständnis des dritten Kapitels notwendig sind, definiert und kontextualisiert. Im dritten Kapitel wird mithilfe der PISA-Studie die Problematik bezüglich des Zusammenhangs der sozialen Herkunft und dem Bildungserfolg der Schüler*innen dargestellt. Daraufhin folgen die Definition, die Organisationsformen und die Motive der Ganztagsschule. In Kapitel 3.1. wird aufgezeigt, ob die Ganztagsschule in ihrer jetzigen Form die Chancengleichheit für alle Schüler*innen gewährleistet oder nicht. Am Schluss des Hauptteils werden verschiedene Lösungs- und Verbesserungsansätze aufgeführt.

2. Begriffsdefinitionen

2.1. Sozialstruktur

Solga et al. (vgl. 2009, S. 13) bezeichnet die „soziale Ungleichheit als ein zentrales Phänomen der Sozialstruktur.“ Um zu verstehen was mit Sozialstruktur gemeint ist, ist es sinnvoll die beiden Begriffe sozial und Struktur getrennt zu beleuchten. Zuerst wird der erste Teil des Begriffs sozial betrachtet. Soziale Beziehungen sind der Fokus in der Soziologie. Menschen werden als Angehörige sozialer Kategorien oder Gruppen angesehen, darunter fallen Faktoren wie bspw.: das Geschlecht, die ethnische Zugehörigkeit, das Alter und die Bildungs- oder Berufsgruppen. Zudem werden die Beziehungen, die zwischen diesen sozialen Gruppen bestehen untersucht. Eine Struktur besteht in der Soziologie dann, wenn bei diesen sozialen Beziehungen gewisse Regeln herrschen und die Beziehungen von Dauer sind. „Diese Regelmäßigkeit und Dauerhaftigkeit kann zum Beispiel über soziale Normen und Werte im gesellschaftlichen Konsens hergestellt, über Herrschafts- und Autoritätsbeziehungen durchgesetzt oder durch Routinen, Rituale und Gesetze, deren Befolgung belohnt und deren Verletzung sanktioniert wird, erzeugt werden.“ Verbindet man die beiden Teilbegriffe wieder, steht Sozialstruktur für ein „stabiles System sozialer Beziehungen in einer Gesellschaft“. Ziel der Sozialstrukturanalyse ist die Untersuchung von dauerhaften Beziehungen von Menschen aus unterschiedlichen sozialen Gruppen als auch „deren Veränderungen als Formen des sozialen Wandels“ (vgl. ebd., S. 13). Das Hauptaugenmerk der Sozialstrukturanalyse ist die soziale Ungleichheit. Damit das Fundament der Struktur einer Gesellschaft stabil bleibt, ist es wichtig, essenzielle Ressourcen, wie Kapital, Macht, Bildung und Einkommen zu verteilen. Sobald die Ressourcenverteilung dauerhaft ungleich ist, ergeben sich daraus unterschiedliche Besitzstände der Ressourcen. Als Folge dessen entstehen Vor- und Nachteile für soziale Gruppen bzw. soziale Ungleichheiten (vgl. ebd. S. 14).

Nach Hradil (vgl. 2001, S. 30) besteht soziale Ungleichheit, wenn Menschen aufgrund ihres sozialen Standes mehr von den wertvollen Gütern erhalten als andere. Welche Güter in einer Gesellschaft als wertvoll gelten, hängt von unterschiedlichen Faktoren ab. Beispielsweise war Bildung im Mittelalter im Vergleich zu heute unwichtig. In der heutigen Zeit zählt der Bildungsabschluss jedoch zu einem der wertvollsten Gütern. Eine sozial ungleiche Verteilung der wertvollen Güter besteht in einer Gesellschaft dann, wenn ein Mitglied der Gesellschaft prinzipiell mehr von diesen wertvollen Gütern erhält als andere. „In der soziologischen Terminologie wird immer dann von Ungleichheit gesprochen, wenn als „wertvoll“ geltende Güter nicht absolut gleich verteilt sind“ (vgl. ebd., S. 30).

2.2. Bildungsungleichheit

Bildung ist ausschlaggebend für die Lebensperspektiven der Bürger Deutschlands. Daher ist das Erreichen eines hohen Bildungsabschlusses für die Teilnahme am sozialen Leben von großer Bedeutung (vgl. Baader und Freytag 2017, S. 6). Hinsichtlich der hohen Relevanz der Bildung für die Entwicklung des Individuums wird das Thema der Bildungsungleichheit wieder verstärkt in wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Debatten diskutiert (vgl. Krüger et al. 2010, S. 7).

Laut Solga und Dombrowski (vgl. 2009, S. 9) zählt die Herstellung von Chancengleichheit zu einer der wichtigsten Standpunkte der sozialen Bildungsungleichheit. Das Erreichen der Chancengleichheit ist von größter Bedeutung, um die im „Grundgesetz verankerten Verbots der Diskriminierung, unter anderem nach sozialer Herkunft, Geschlecht, ethnischer Zugehörigkeit oder Behinderung“ in die Tat umzusetzen (vgl. Solga und Dombrowski 2009, S. 9).

Müller und Haun (vgl. 1994, S. 3) definieren die Bildungsungleichheit in Abhängigkeit von der sozialen Herkunft als ,,Unterschiede im Bildungsverhalten und in erzielten Bildungsabschlüssen (beziehungsweise Bildungsgänge) von Kindern, die in unterschiedlichen sozialen Bedingungen und familiären Kontexten aufwachsen" (vgl. Müller und Haun 1994, S. 3). Daher besagt die soziale Bildungsungleichheit, dass die soziale Herkunft und nicht die persönlichen Fähigkeiten für den schulischen Erfolg ausschlaggebend sind (vgl. Schlicht 2011, S. 48).

2.3. Soziale Herkunft

Unter sozialer Herkunft wird ein System soziokultureller Werte und Normen verstanden, in welches jeder Mensch hineingeboren wird. Hierbei haben Schichten, Milieus oder Klassen einer Gesellschaft jeweils ihre eigenen Werte und Normen, die in der Sozialisation eingeprägt werden. Der französische Soziologe Pierre Bourdieu hat diesbezüglich herausgestellt, dass die soziale Herkunft für die Verinnerlichung der Möglichkeiten innerhalb des Milieus eine entscheidende Rolle spielt. Als Habitus bezeichnet Pierre Bourdieu, dass sowohl jede Schicht oder Milieu für sich eigene Chancen zur Teilhabe am gesellschaftlichen Leben als auch eigene Vorlieben und Abneigungen innehaben (vgl. Bourdieu 1983). Daraus folgt, dass Menschen mit unterschiedlicher sozialer Herkunft auch unterschiedliche Zugänge zu den Ressourcen einer Gesellschaft haben.

„Die Unterscheidung der Gruppen im sozialen Raum entsteht durch die bewusste Abgrenzung voneinander, was dann oft durch ein uniformes Erscheinungsbild nach außen getragen wird. Der gruppen- und klassenspezifische Habitus bewirkt eine permanente Rekonstruktion der sozialen Strukturen“ (Bourdieu 1973, zitiert nach Seel und Hanke 2015, S. 534). In Anbetracht dessen formulieren Seel und Hanke (vgl. 2015, S. 534), dass die Tochter eines Juristen eher dazu neigt, Jura zu studieren als Medizin. Ein Mitglied der Oberschicht wird seltener Grundschulpädagogik oder Sozialpädagogik studieren. „Die Gesellschaft ist für Bourdieu insgesamt ein sozialer Raum, der primär aus der Allokation von Berufsgruppen resultiert, die sich permanent reproduzieren. Menschen verinnerlichen äußere Strukturen und sie tragen nach außen, was sie zuvor internalisiert haben.“

2.3. Chancengerechtigkeit

Einer der wichtigsten Aufgaben im Bildungswesen ist es, der Bevölkerung gerechte Chancen zum Lernen und zur Kompetenzentwicklung zu bieten. Das Problem der Bildungsgerechtigkeit spielt schon seit der ersten Erhebung der PISA-Studie im Jahr 2000 (Programme for International Student Assessment) eine fundamentale Rolle. Die Bedeutung von gerechten Bildungschancen ist dabei nicht immer eindeutig. Dass gleiche Chancen im Bildungsbereich nicht gleich gerecht sind, ist seit den Debatten in den siebziger Jahren bekannt. Für Kinder, die in gering qualifizierten Haushalten aufwachsen, werden Wissensmängel durch eine Gleichbehandlung nicht behoben. Um die Wissensmängel eines benachteiligten Kindes zu beheben, bedarf es einer ungleichen Behandlung. Das Ziel im Bildungswesen Gerechtigkeit und Gleichheit zu erreichen, erweist sich als eine schwierige Aufgabe (vgl. Müller und Ehmke 2013, S. 246).

Hradil (vgl. 2005, S. 153) zufolge, sollten alle Menschen ihren sozialen Status über ihre selbst erbrachte Leistung erlangen und nicht über ihre Schichtzugehörigkeit zugewiesen bekommen. Das heißt, jeder der die gleiche Leistung erbringt, sollte auch die gleichen Chancen, sowohl in der Schule als auch im Beruf erhalten. Eine Chancengleichheit besteht dann, wenn jede Person unabhängig von leistungsfremden Merkmalen, wie zum Beispiel Bildung, Prestige und Geld der Eltern, Geschlecht, Wohnort, Beziehungen, Religion, Hautfarbe, politischer Einstellung, persönlicher Bekanntschaft oder Familienzugehörigkeit die gleichen Chancen zu Leistungsentfaltung und Leistungsbestätigung zu steht (vgl. ebd., S. 153).

Welche Maßnahmen müssen getroffen werden, um im deutschen Bildungssystem die Chancengleichheit bzw. Chancengerechtigkeit, die unter anderem durch die soziale Herkunft negativ beeinflusst wird, zu gewährleisten? Im nächsten Kapitel wird auf diese Frage am Beispiel der Ganztagsschule eingegangen.

3. Ganztagsschule

Die PISA Studie im Jahr 2000 zeigte, dass in allen Ländern der Bundesrepublik Deutschland ein Zusammenhang zwischen der Schulform, die ein Jugendlicher besucht, und der Sozialschichtzugehörigkeit seiner Familie besteht (vgl. Stanat et al. 2003, S. 65). Zudem ist der Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und erworbenen Kompetenzen im internationalen Vergleich in keinem anderen Teilnehmerstaat stärker ausgeprägt als in Deutschland. Folglich hängt der Kompetenzerwerb stark von der sozialen Herkunft und der Schichtzugehörigkeit des Kindes ab. Darüber hinaus haben Kinder mit Migrationshintergrund in allen untersuchten Kompetenzbereichen deutlich schlechter abgeschnitten als Kinder ohne Migrationshintergrund (vgl. ebd., S. 66). Um dieser Problematik im deutschen Bildungssystem entgegenzuwirken hat die Kultusmisterkonferenz (KMK) im Jahr 2001 beschlossen eine Qualitätsentwicklung sicherzustellen.

Eines der beschlossenen Handlungsfelder bezieht sich auf die Ganztagsschulen, dieser lautet: „Maßnahmen zum Ausbau von schulischen und außerschulischen Ganztagsangeboten mit dem Ziel erweiterter Bildungs- und Fördermöglichkeiten insbesondere für Schülerinnen und Schüler mit Bildungsdefiziten und besonderen Begabungen“ (vgl. Kultusministerkonferenz 2015, S. 3). Die KMK stellt 2002 in ihrem Bericht eine Definition zu den Ganztagsschulen auf. Bei der Definition wird sowohl der Gesichtspunkt der ganztägigen Beschulung als auch den der Betreuung berücksichtigt.

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Details

Titel
Soziale Ungleichheit im Bildungssystem
Untertitel
Welchen Einfluss übt die soziale Herkunft der Eltern auf den Bildungsweg der Kinder am Beispiel der Ganztagsschule aus?
Hochschule
Internationale Fachhochschule Bad Honnef - Bonn
Note
1,3
Autor
Jahr
2021
Seiten
12
Katalognummer
V1149244
ISBN (eBook)
9783346531063
ISBN (Buch)
9783346531070
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Soziale Ungleichheit / Bildungssystem / Ganztagsschule / soziale Herkunft / Chancengleichheit
Arbeit zitieren
Muhammed Solmaz (Autor:in), 2021, Soziale Ungleichheit im Bildungssystem, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1149244

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