Die Ätiologie von Zwangsstörungen. Erscheinungsformen und Symptome


Hausarbeit, 2008

26 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Vorwort

2. Fallbeispiel und Definition

3. historischer Abriss

4. Epidemiologie, Verbreitung

5. Klassifikation
5.1 Klassifikation nach ICD-10:

6. Erscheinungsformen und Symptome
6.1 Zwangsgedanken
6.1.1 Zwangsgedanken ohne Zwangshandlungen
6.2 Zwangshandlungen
6.2.1 Waschzwang
6.2.2 Kontrollzwang
6.2.3 Ordnungszwang
6.2.4 Zähl -und Wiederholzwang
6.2.5 Sammel -und Hortzwang
6.2.6 Zwanghafte Langsamkeit
6.3 Differentialdiagnostische Abgrenzungen
6.3.1 Zwänge und Angststörungen
6.3.2 Zwänge und Depressionen
6.3.3 Zwänge und Schizophrenien
6.3.4 Zwänge und Suchterkrankungen
6.3.5 Zwänge und neurologische Störungen
6.3.6 Zwänge und zwanghafte Persönlichkeitsstörungen

7 Ätiologie: Ursachen von Zwangsstörungen
7.1 Psychoanalytische Faktoren
7.2 Faktoren Modell nach Mowrer
7.3 Das kognitiv-behaviorale Erklärungsmodell
7.4 neurophysiologische Theorie

8 Therapie: Behandlung von Zwangsstörungen
8.1 Vorüberlegungen
8.1.1 Verhaltenstherapie
8.1.2 Kognitive Therapie
8.2 medizinische Behandlung

9. Schlusswort

10. Quellenangabe

1. Vorwort

Ich habe mir das Thema Zwangsstörungen ausgewählt, weil ich einerseits im Krankenhaus, während meiner Ausbildung zur Kinderkrankenschwester, bei einem Psychiatrieeinsatz mit dem Thema schon einmal konfrontiert wurde und mich noch nie explizit mit der Thematik auseinandergesetzt habe. Andererseits hörte ich in der letzten Zeit immer wieder in den Medien über Zwangsstörungen berichten und stellte fest, dass nahezu 1,6 Millionen Menschen in Deutschland an Symptomen einer Zwangsstörung leiden. Diese Anzahl finde ich beachtlich und denke, dass dieses Thema mehr Anklang im sozialen Kontext finden sollte. Um eine Zwangsstörung klar definieren zu können und sie nicht mit alltäglichen Marotten, wie in etwa ein Ohrwurm, der nicht aus dem Kopf geht, oder doch noch einmal zu kontrollieren, ob die Tür auch wirklich verschlossen ist, zu verwechseln, ist es wichtig die Kriterien einer Zwangsstörung zu kennen. Auch soll ein Überblick über verschiedene Formen und differentialdiagnostische Abgrenzungen einen genaueren Eindruck von der Krankheit geben, wobei hier die Grenze nicht immer eindeutig ist, was im Laufe der Hausarbeit näher beleuchtet wird. Im letzten Teil meiner Hausarbeit werden Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten vorgestellt, die ich als besonders wichtig im sozialen Kontext sehe, denn helfen können Sozialarbeiter in dieser Beziehung vor allem, indem sie informieren, beraten und begleiten.

2. Fallbeispiel und Definition

Eine 21-jährige Patientin stellt sich in Begleitung ihrer Mutter in der Ambulanz einer Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie vor. Der Patientin ist es offensichtlich sehr unangenehm, über ihre Beschwerden zu berichten. Zögerlich, den Blick auf den Boden gerichtet äußert sie schließlich, dass sie seit etwa sechs Monaten kaum noch außer Haus gehe, weil sie befürchte, sich mit dem HI-Virus zu infizieren bzw. infiziert zu haben. Aus Angst vor AIDS könne sie auch niemanden in die Wohnung hereinlassen und müsse mehrmals täglich duschen, um sich zu reinigen. Sie wisse aber andererseits genau, dass diese Angst unbegründet sei und ihre Handlungen erscheinen ihr unsinnig. Sogar die Mutter müsse sich duschen und umziehen, wenn diese von draußen komme. Wenn sie selbst außerhalb der Wohnung gewesen sei, müsse sie sich gründlich von Kopf bis Fuß desinfizieren, was bis zu zwei Stunden in Anspruch nehme. Auch Gegenstände, die andere berührt haben, müsse sie genauestens reinigen. In den letzten zwei Monaten habe sie praktisch nur noch ihr eigenes Zimmer benutzt (auch zum Essen), weil sie dieses für einigermaßen sauber halte. In der Wohnung trage sie eine spezielle, „reine“ Bekleidung. Ihre Mutter habe sie so weit gebracht, ihr praktisch alles abzunehmen. Das Ganze habe vor drei Jahren begonnen, zunächst mit Ängsten, sich zu infizieren. Vor zwei Jahren habe sie angefangen, sich zu waschen, seit einem Jahr sei es ganz schlimm. Kurz vor Beginn der ersten Symptome habe sie erfahren, dass sich ein ehemaliger Schulkamerad mit HIV infiziert habe.“ (http://www.medfuehrer.de/5,10,278,35/Psychiatrie-Psychologie/Krankheiten/Zwangsstoerungen-Hintergrund.html)

Zwangsstörungen sind charakterisiert durch ständig wiederkehrende Gedanken, Vorstellungen, Impulse oder Handlungen, die von dem Betroffenen nicht unterdrückt werden können. Bei dem Versuch diese Phänomene, die für den Betroffenen als quälend und unsinnig erlebt werden, zu unterlassen stellt sich häufig unerträgliche Angst ein. Es wird zwischen Zwangsgedanken, bei denen Ideen oder Vorstellungen immer wieder stereotyp auftreten und Zwangshandlungen, also ständig wiederkehrende Handlungsmuster, unterschieden (vgl. Windgassen, 2006, S.97).

3. historischer Abriss

Historische und literarische Beschreibungen , wie in der antiken Literatur zum Beispiel Euripides, oder in der Tragödie Mac Beth (1606) von William Shakespeare, in der zwanghafte Eifersucht des Othello und zwanghaftes Händewaschen von Lady Mac Beth nach der Ermordung von König Duncan beschrieben werden, machen deutlich, dass Zwangsstörungen als psychische Störung schon lange existieren (vgl. Reinecker 1994, S.2). Auch wurden berühmte Persönlichkeiten aus der Vergangenheit, wie der Schriftsteller Samuel Johnson(1709-1784), von den ständig wiederkehrenden Gedanken und Handlungen begleitet. Er hatte die Gewohnheit, erst das rechte Bein, dann das linke Bein von sich auszustrecken, und zwar so lange, bis er es „richtig“ machte (vgl. Baer 1993, S.15). Eine erste klinische Falldarstellung wurde erst vor 170 Jahren, 1838, von dem französischen Psychiater Esquirol schriftlich fixiert. Er berichtet in deutlicher Abgrenzung zu einer Sonderform des Wahns, über „Zwangsvorstellung“ (vgl. Hoffmann 1983, S.10). 1877 legte der Berliner Psychiater Westphal eine detaillierte und zutreffende Beschreibung der Erkrankung als subjektiven Zwang dar. Er schreibt: „Unter Zwangsvorstellungen verstehe ich solche, welche bei übrigens intakter Intelligenz und ohne durch einen gefühls- oder affektartigen Zustand bedingt zu sein, gegen und wider der Willen des betreffenden Menschen in den Vordergrund des Bewusstseins treten, sich nicht verscheuchen lassen, den normalen Ablauf der Vorstellungen hindern und durchkreuzen, welche der Befallende stets als abnorm, ihm fremdartig anerkennt und denen er mit seinem Bewusstsein gegenübersteht.“ (vgl. Hoffmann 1983, S.11) Folglich kam es hinsichtlich der zentralen Kriterien für Zwänge immer wieder zu heftigen Kontroversen. Bleuler (1911), Schneider (1925) und Jaspers (1913) vertraten die Theorie, dass es sich bei Zwängen um eine Affektstörung handele. 1894 beschrieb Sigmund Freud die „Zwangsneurose“ und entwickelte dazu ein psychoanalytisches Erklärungsmodell (Hoffmann 1983, S.11). Im 19 Jahrhundert standen bei einem Waschzwang vermehrt Ängste vor Seuchen im Vordergrund, die später durch Angst vor Tumoren (Krebs)und Geschlechtskrankheiten (Aids) abgelöst wurde (Reinecker 1994, S.10).

4. Epidemiologie, Verbreitung

Handelt es sich um pathologische Zwänge, das heißt leidet der Mensch unter seinen Gedanken und Handlungen, wird er für lange Zeit versuchen, diese auf Grund von Scham und Ambivalenz gegenüber seiner Störung zu verheimlichen. Diese Beobachtung sowie widersprüchliche Diagnosestellungen, wie etwa Zwangsstörung als “Nebenprodukt bei der Analyse von Angststörungen“ (vgl. Reinecker 1994, S.10), lassen unterschiedliche Prävalenz und -Inzidenzraten zu. Unter Berücksichtigung dieser verfälschten Ergebnisse bezüglich der Auftretenshäufigkeit ergaben epidemiologische Studien, dass die „ Verbreitung von Zwängen bei der Allgemeinbevölkerung deutlich höher als früher angenommen ist, mit einer Lebenszeitprävalenz von 2-3% und einer 1-Jahresprävalenz von 1,5-2%“ (Rasmussen und Eisen 1992, S.57). In Deutschland leiden demnach ca.1,6 Millionen Menschen, unter Symptomen einer Zwangsstörung. Das allgemeine Durchschnittsalter bei dem die Störung das erste Mal Auftritt liegt bei 23 Jahren, wobei Männer schon mit durchschnittlich 20 Jahren erkranken und Frauen mit 25 Jahren (vgl. Reinecker 1994, S.12). Je nach Autor sind Männer und Frauen gleich häufig betroffen, oder es konnte ein Geschlechterverhältnis von 55% Frauen zu 45% Männer festgestellt werden (vgl. Ambühl, Meier 2003, S.58; .Reinecker 1994, S.11; Fricke 2007, S.11), wobei der Waschzwang überwiegend bei Frauen und der Kontrollzwang vorwiegend bei Männern zu beobachten ist (vgl. Reinecker 1994, S.13; Fricke, 2007, S.11). Nach Reinecker beginnen Kontrollzwänge vorwiegend schleichend, Waschzwänge hingegen eher plötzlich. Nach Reinecker, berichten 30% der Betroffenen, über so genannte „Life events“, sie beschreiben ein bestimmtes auslösendes Ereignis, welches typischerweise den Tod, Sexualität, Religion und/oder Trennung, aber auch belanglos erscheinende Themen aufgreift. In dem oben genannten Fallbeispiel, ist es der Schulkamerad, der sich mit HIV infizierte. Entgegen früherer Annahmen sind Intelligenzverteilungen ausgeglichen (vgl. Reinecker 1994, S.15).

5. Klassifikation

In der klinischen Psychologie werden Klassifikationen benutzt um in Form von einer Diagnosestellung die Problemlage des Patienten möglichst schnell, umfassend und zutreffend festzustellen. Das gegenwärtig weltweit gültige Klassifikationssystem ist das ICD-10 (International Classification of Deseases, 10. Revision). Dieses beinhaltet sämtliche bekannte Erkrankungen einschließlich der psychischen Störungen, welche im Kapitel F zu finden sind. In Nordamerika wird eine eigene Fassung eines Klassifikationssystems, das DSM IV, für psychische Störungen verwendet. Zwangsstörungen werden in beiden Klassifikationssystemen, ICD-10 und DSM IV, unter fast den gleichen Kriterien eingeordnet. Auffassungsunterschiede bestehen jedoch hinsichtlich der Zuordnung. Zwangsstörungen zählen im amerikanischen Diagnoseschema seit 1987 zu den Angststörungen. Im ICD-10 hingegen, werden Zwangsstörungen unter Kapitel F4 „Neurotische, Belastungs- und somatoforme Störungen“ als eigenständige Krankheitsgruppe angeführt. Reinecker (1994 S.147) berichtet, dass 10% aller Patienten mit einer Zwangsstörung, bestimmte Leitkriterien der Einsicht und des Widerstands, nicht erfüllen. Diese sogenannten „atypischen Zwangspatienten“ lassen sich keiner anderen Kategorie mit ähnlichen Symptomen, wie in etwa Schizophrenien, zuordnen. Sie befinden sich praktisch im Randbereich von Zwängen. Im Weiteren wird speziell auf die Klassifikation nach ICD-10 eingegangen.

5.1 Klassifikation nach ICD-10:

Die wichtigsten Erscheinungsformen von Zwängen sind Zwangsgedanken (F42.0) und Zwangshandlungen, (F42.1). In den meisten Fällen treten beide gemeinsam (F42.2) auf. Zwangsgedanken, Code F42.0, sind Bewusstseinsinhalte über die der Patient keine Kontrolle besitzt. Vorherrschend sind es Ideen, bildhafte Vorstellungen oder Zwangsimpulse, die manchmal in endlosen pseudophilosphischen Überlegungen bestehen bleiben. Die Person erlebt Gedanken, teilweise obszönen und gewalttätigen Inhalts, als störend, beeinträchtigend und sinnlos. Erfolglos versucht der Betroffene, Widerstand zu leisten. Zwangshandlungen, Code F42.1, sind gewöhnlich beobachtbar und stellen exzessive Wiederholungen, die täglich stundenlang und langsam ausgeführt werden können, dar . Dieses Verhalten erklärt sich oft als Vorbeugung gegen eine subjektiv erlebte Gefahr, die objektiv nicht besteht. So heißt es im ICD-10 „Das Ritual ist ein wirkungsloser oder symbolischer Versuch, diese (erlebte) Gefahr abzuwenden (vgl. www.dimdi.de/static/de/klassi/diagnosen/icd10/htmlgm2004/fr-icd.htm). Vorherrschend beziehen sich Zwangshandlungen auf Reinlichkeit (Händewaschen), Ordnung, Sauberkeit und Kontrollen. Bei der gemischten Form, Code 42.0, treten Zwangshandlungen und Zwangsgedanken gleichwertig und gleichzeitig auf. Zur Diagnose einer Zwangsstörung müssen nach dem ICD-10 Zwangsgedanken und/oder Zwangshandlungen wenigstens zwei Wochen lang an den meisten Tagen vorhanden sein und zu einer massiven psychosozialen Beeinträchtigung führen, meistens bedingt durch den besonderen Zeitaufwand.

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Details

Titel
Die Ätiologie von Zwangsstörungen. Erscheinungsformen und Symptome
Hochschule
Katholische Hochschule für Sozialwesen Berlin
Veranstaltung
Psychiatrie
Note
2,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
26
Katalognummer
V114926
ISBN (eBook)
9783668328372
ISBN (Buch)
9783668328389
Dateigröße
547 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Zwangsstörungen, Psychiatrie
Arbeit zitieren
Katrin Schaele (Autor), 2008, Die Ätiologie von Zwangsstörungen. Erscheinungsformen und Symptome, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/114926

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