Die psychologischen und phänomenologischen Auswirkungen des schwarzen Bildes nach Frantz Fanon


Bachelorarbeit, 2020

24 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Vorwort

2. Einleitung

3. Die Entstehung des schwarzen Bildes
3.1. Der europäische Blick auf den Kolonisierten
3.2. Die manichäische Struktur der zweigeteilten Welt
3.3. Die Konstituierung des schwarzen Bildes

4. Die manichäische Struktur von „schwarz-weiß“
4.1. Das stereotypisierende Bild des Weißen
4.2. Das stereotypisierende Bild des Schwarzen

5. Über die psychologischen und phänomenologischen Auswirkungen des schwarzen Bildes
5.1. Die „Psychopathologie“ des Schwarzen nach Fanon
5.1.1. Das Selbstbild des Schwarzen
5.1.2. Anpassung an die weiße Welt und Internalisierung der weißen Werte
5.1.3. Entfremdung
5.2. Der Schwarze in der weißen Welt

6. Konklusion

7. Literaturverzeichnis

1. Vorwort

Dieser Arbeit vorausgehend ist es mir ein Anliegen einige Anmerkungen zu machen, um insbesondere Missverständnissen vorzubeugen.

Frantz Fanon benutzt in seinen Schriften sowohl den Begriff „Schwarzer“ wie auch das N-Wort. Da sich diese beiden Begriffe bei Fanon jedoch auf der Bedeutungsebene voneinander unterscheiden, ist es mir nicht möglich das N-Wort gänzlich zu vermeiden oder durch das Wort „Schwarzer“ zu ersetzen. Um die politische Korrektheit meiner Ausdrucksweise zu gewährleisten, ohne die Bedeutung der Schriften Fanons zu verfälschen, werde ich das N-Wort mit N* kennzeichnen.

Die zweite sprachliche Entscheidung, die ich getroffen habe, ist vorwiegend nicht zu gendern. Dies hat zwei Gründe: Erstens gendert Frantz Fanon selbst über große Strecken seiner Schriften nicht. Somit versuche ich so nahe wie möglich an seiner Ausdrucksweise zu bleiben. Zweitens scheint es mir, als würde Fanon oft absichtlich nicht gendern, da er überwiegend aus der männlichen Perspektive über Männer schreibt. Ich gehe daher davon aus, dass Fanon zumeist tatsächlich über den Schwarzen, den Kolonisierten und den Kolonialherren spricht und nicht über deren weibliche Gegenstücke. Judith Butler gibt in diesem Zusammenhang an, dass Fanon sich in einer maskulinen Zone bewegt: Er spricht vorüberwiegend über und zu seinen Brüdern (vgl. Butler 2008, 212).

2. Einleitung

Wie der Titel dieser Arbeit »Weiß werden oder verschwinden« - Zur Problematik der Normalisierung und Internalisierung europäischer Sichtweisen und Wertmaßstäbe bei Frantz Fanon bereits verrät, beschäftige ich mich im Zuge dieser Arbeit mit einem Aspekt, des schwarzen Problems, wie Fanon es benennt. Anzumerken ist an dieser Stelle, dass Fanon darüber hinaus angibt, dass das schwarze Problem sich nicht in den Problemen der Schwarzen erschöpft, die in einer weißen Gesellschaft leben, sondern es auch jene betrifft, die unter der Unterdrückung und Ausbeutung durch die weiße Welt leiden (vgl. Fanon 2013, 170). Ich werde mich in dieser Arbeit jedoch größtenteils auf die Probleme der Schwarzen beschränken, mit denen sie sich in der weißen Welt konfrontiert sehen.

Da ich mich auf Fanons Darstellung dieses Teilaspekts des schwarzen Problems fokussiere, werde ich mich über große Strecken dieser Arbeit vorüberwiegend auf das Werk Frantz Fanons stützen. Etwaige andere Quellen werde ich ausschließlich insofern benutzen als mir diese passend oder die Gedankengänge Fanons unterstützend erscheinen.

Diese Entscheidung habe ich einerseits getroffen, weil ich so nahe wie möglich am Original arbeiten möchte, andererseits, weil ich tatsächlich Fanons Worte und Gedanken wiedergeben möchte, anstatt Interpretationen oder Kritiken derer.

Insbesondere in Anbetracht der aktuellen Ereignisse möchte ich die Gelegenheit nutzen um wahrhaftig zuzuhören. Es geht mir demnach vielmehr um die Darstellung und Wiedergabe einer Stimme, die zu hören meiner Ansicht nach, heute ebenso relevant ist wie sie es vor einigen Jahrzehnten war. Ich möchte erreichen, dass mit dieser Arbeit Fanons Stimme zum Ausdruck kommt und nicht die seiner Interpreten oder meine eigene. Da ich diese Arbeit jedoch in einem wissenschaftlichen Rahmen schreibe, werde ich durchaus Sekundärliteratur nutzen, wenn dies von Nöten sein sollte und schlussendlich einige eigene Überlegungen zu Fanons Theorien anstellen – wobei ich mich jedoch vollkommen auf diese Theorien beschränken werde frei von jeglicher Bewertung der Lebensumstände und Eindrücke der Schwarzen, welche in Fanons Leben und somit in auch in seinen Schriften zweifelsohne eine große Rolle spielen.

Es gilt mir in dieser Arbeit herauszuarbeiten mit welchen Schwierigkeiten sich der Schwarze, der in einer weißen Welt lebt, konfrontiert sieht. Hierbei geht es mir sowohl um die psychologischen Auswirkungen auf das Individuum als auch um die phänomenologischen Folgen für die schwarze Gesellschaft als Ganzes.

Ich erachte es als essentiell in dieser Arbeit einige Grundlagen darzulegen, die zu kennen von Nöten ist, um eine informierte Beantwortung meiner Frage nach den psychologischen und phänomenologischen Auswirkungen des schwarzen Bildes zu gewähren. Für mich ist es wichtig, ein möglichst klares und umfassendes Bild der Entwicklungen und Denkweisen zu geben, die zu den lebensweltlichen Schwierigkeiten der Schwarzen in der weißen Welt geführt haben.

Aufgrund dessen beginne ich diese Arbeit mit einer Erläuterung der Entstehung des schwarzen Bildes. Zu diesem Zweck gebe ich einen verkürzten Überblick über die Vorgänge, die sich – laut Fanon – im Zuge des Kolonialismus abspielten. Hierbei liegt mein Augenmerk sowohl auf dem tatsächlichen Aufeinandertreffen der weißen Welt mit der schwarzen als auch auf der aus diesem Treffen entstehenden Strukturierung der kolonialen Welt.

Im zweiten Schritt möchte ich darlegen wie es einerseits zu einer Konstituierung des Schwarzen durch den Weißen kam, und andererseits wie es sich erklären lässt, dass der Schwarze dieses Bild teilweise als sein Selbstbild annahm und internalisierte. Ich greife hier bewusst auf die Konzeption des Blicks von Jean-Paul Sartre zurück. Dieser Rückgriff erscheint mir insofern angebracht als Sartre, meiner Ansicht nach, mit dem Blick genau jenes Phänomen beschreibt, das Fanon meint, wenn er davon spricht, dass der Schwarze „[...] beim ersten weißen Blick [...] die Last seines Melanins [spürt].“ (Fanon 2013, 129) Ich beschreibe die Konzeption des Blicks zuerst nach Sartre und lege diese dann konkret auf die Erfahrung des Schwarzen, der vom weißen Blick getroffen wird, um. Die Anführung der Konzeption des Blicks von Sartre scheint mir hier auch angebracht, da Sartre und Fanon eine ähnliche Vorstellung desselben zu haben scheinen, und sich in dieser Hinsicht wechselseitig stark beeinflusst zu haben. Ciccariello-Maher gibt beispielsweise an, dass Fanons Kritik an der abstrakten Konzeption des Blicks Sartre dazu beeinflusste diese zu überdenken und anzupassen (vgl. Ciccariello-Maher 2008, 139).

Das erste Kapitel der Arbeit abschließend, untersuche ich konkret die Konzeption des schwarzen Bildes durch den Weißen. Ich werde mich insbesondere damit beschäftigen wie und warum es zu einer solchen Konstituierung kam und wie das schwarze Bild dann im Detail aussieht.

Im zweiten Kapitel widme ich mich der Struktur der schwarz-weißen Welt, welche Fanon als manichäische Struktur betitelt. Zuerst werde ich die prinzipielle Form dieser manichäischen Struktur erläutern bevor ich auf ihre Auswirkung auf das schwarze beziehungsweise das weiße Bild eingehe.

Des Weiteren mache ich eine Gegenüberstellung zwischen dem Weißen und dem Schwarzen, und erläutere im Zuge dessen die speziellen Qualitäten, die dem Weißen beziehungsweise dem Schwarzen zugeschrieben werden. Diese Erläuterungen dienen der Unterstreichung der manichäischen Struktur, die zwischen schwarz und weiß herrscht, und der Veranschaulichung des Verhältnisses zwischen schwarz und weiß, auf welches ich ganz zu Ende der Arbeit genauer eingehen werde.

Nachdem ich im ersten und zweiten Kapitel einerseits die Entwicklung des schwarzen Bildes, andererseits dessen Implikationen dargelegt habe, behandelt das dritte Kapitel die Kernfrage dieser Arbeit: Welche psychologischen und phänomenologischen Auswirkungen hat das schwarze Bild auf das schwarze Individuum und die schwarze Gesellschaft?

Dieses Kapitel ist in zwei Abschnitte geteilt, wobei sich der erste vor allem mit der Psychopathologie des Schwarzen – wie Fanon es benennt –, der in der weißen Welt lebt, beschäftigt. Ich werde hier sowohl das Selbstbild des Schwarzen herausarbeiten als auch die Phänomene der Anpassung an die weiße Welt und der Entfremdung von der schwarzen Welt untersuchen.

Im zweiten Abschnitt wende ich mich den phänomenologischen Auswirkungen des schwarz-weißen Bildes und der damit verbundenen manichäischen Struktur der Welt zu. Es gilt mir zu untersuchen wie sich der Schwarze zu der weißen beziehungsweise der schwarzen Welt verhält und welche Auswirkungen dies auf die jeweilige Gesellschaft hat.

3. Die Entstehung des schwarzen Bildes

3.1. Der europäische Blick auf den Kolonisierten

Sartre in Das Sein und das Nichts zufolge ist es einem selbst nicht möglich, sein eigenes Sein zu erkennen. Wenn man aber von dem Blick eines Anderen getroffen wird, also gesehen wird, dann sieht man sich selbst: „[...] die Person ist dem Bewußtsein gegenwärtig, insofern sie Objekt für Andere ist.“ (Sartre 2012, 470) Der abstrakte Blick des Anderen konstituiert Subjektivität und diese durch den Anderen gewonnene Subjektivität konstituiert wiederum Objektivität (vgl. Ciccariello-Maher 2008, 134).

Dem Blick des Anderen, der Subjektivität sowie Objektivität konstituiert, ist nach Sartre stets auch eine Beurteilung des Gesehenen inhärent. Indem mich der Andere erblickt, beurteilt er mich auch (vgl. Sartre 2012, 471). Durch den Blick erkennt mich der Andere als Objekt, er beurteilt mich, er verleiht mir mein Sein. Mein Objekt-Ich kann ich selbst nur dann erkennen und erfahren, wenn ich von einem Anderen gesehen werde. Ohne seinen Blick, ist es mir selbst unmöglich, meine Objektheit wahrzunehmen. Erst durch das Erblickt-Werden gewinne ich meine Objektheit (vgl. Sartre 2012, 486).

Der Blick des Anderen definiert also mein Objekt-Ich. Durch ihn bin ich das, was ich bin (vgl. Sartre 2012, 473). Er sieht mich, er beurteilt mich, er ermöglicht mir das Erkennen meines Selbst als Objekt. Indem ich mich durch den Anderen erkenne, erkenne ich mich durch seinen Blick, der bereits Beurteilungen meines Selbst beinhaltet, ich sehe mich also so wie der Andere mich sieht. Ich bin das, was der Andere in mir sieht.

Dies bedeutet, dass der Andere die Funktion eines Objektivierungsvermögens in sich trägt, durch welches ich selbst erst in der Lage bin mir Qualitäten zu verleihen und zuzuschreiben (vgl. Sartre 2012, 492). Indem mich der Andere sieht, „lehrt [er mich], wer ich bin.“ (Sartre 2012, 492)

Eine starke Kritik Fanons an dieser Sartreschen abstrakten Konzeption des Blicks ist, dass Sartre davon ausgeht, dass der Blick und die damit einhergehende Objektivierung nicht unweigerlich zu einer unveränderbaren Machtdimension führen. In Das Sein und das Nichts geht Sartre noch davon aus, dass derjenige, der zum Objekt gemacht wird, sich gegen den objektivierenden Blick des Anderen zur Wehr setzen kann und imstande ist diesen umzukehren (vgl. Ciccariello-Maher 2008, 135). Fanon zufolge ist dies jedoch nicht der Fall für den Schwarzen. Der Schwarze kann den Blick des Anderen, des Weißen weder einfach abstreifen noch umkehren, denn Sartre übersieht, dass der Weiße für den Schwarzen nicht bloß der Andere ist, sondern auch der Herr, derjenige, der die Macht innehat (vgl. Ciccariello-Maher 2008, 137).

Sartres ursprüngliche Konzeption des Blicks bleibt eurozentristisch, denn er lässt die Dimension des Körpers außer Acht. Der Schwarze leidet anders unter seinem Körper als der Weiße (vgl. Fanon 2013, 138). Während der Weiße sich womöglich von dem Blick des anderen Weißen befreien könnte, so ist der Schwarze aufgrund seiner Körperlichkeit, konkreter seiner Hautfarbe, in dem Blick des Anderen, des Weißen gefangen, und hat nicht die Möglichkeit diesen umzukehren (vgl. Ciccariello-Maher 2008, 137). Zu späterem Zeitpunkt nimmt Sartre diese Kritik Fanons an und kommt zu dem Schluss, dass die Umkehr des Blickes durchaus historischen Einschränkungen unterworfen ist (vgl. Ciccariello-Maher 2008, 139).

Der Kolonisierte sieht sich laut Fanon mit der Unmöglichkeit der Entfaltung konfrontiert (vgl. Fanon 2013, 25). Er kann sich nicht von dem Blick des weißen Anderen und den mit ihm einhergehenden Beurteilungen befreien. Der Kolonialherr hat bereits beschlossen, wer der Kolonisierte ist und welche Qualitäten ihm zugeschrieben werden sollen.

Als der weiße Blick den Schwarzen traf, erschuf der Kolonialherr den Kolonisierten (vgl. Fanon 2018, 30). Der Weiße sah den Schwarzen und ließ diesen sich selbst in seiner Objektheit erkennen. Durch das Erkennen seines Objekt-Ichs erfährt der Schwarze eine Entfremdung von seinem Selbst, welche durch den Blick begründet ist. Das Gesehenwerden ist eine Form der Selbstentfremdung. (Vgl. Sartre 2012, 475) Ich nehme mich als Objekt so wahr, wie es der Andere tut. Ich sehe mich durch seine Augen, seinen Blick, und erkenne mich dadurch selbst.

Der Schwarze nimmt sich demnach als Objekt wahr, so wie es der Andere tut. Er sieht sich selbst durch die Augen des Anderen, und erkennt sich dadurch selbst. Der Weiße lehrt den Schwarzen, wer er ist. Der Schwarze wird durch den Blick des Weißen als Objekt konstituiert. (Vgl. Fanon 1986, 139) Wenn sich der Schwarze in dieser Objektheit erblickt, dann sieht er sich auch mit den Qualitäten konfrontiert, die der Weiße ihm zugeordnet hat:

Ich maß mich mit objektivem Blick, entdeckte meine Schwärze, meine ethnischen Merkmale und Wörter zerrissen mir das Trommelfell: Menschenfresserei, geistige Zurückgebliebenheit, Fetischismus, Rassenmakel, Sklavenschiffe [...]. (Fanon 2013, 96)

Die Konzeption des Blicks, die sich zu Beginn in Das Sein und das Nichts vor allem auf die Form einer individuellen Manifestierung beschränkte, wurde später von Sartre zu einer kollektiven, materiellen Manifestierung erweitert. (Vgl. Ciccariello-Maher 2008, 136) Der Blick ist demnach nicht mehr als bloß abstrakter Blick des Anderen auf ein Individuum zu verstehen, sondern auch als tatsächlicher Blick der Europäer auf ein Kollektiv. Dies hat auch zur Folge, dass nicht mehr nur das Individuum durch den Blick objektiviert werden kann, sondern, dass ganze Gesellschaften objektiviert werden können, was sich wiederum in sozialen und materiellen Umständen äußert. Die Re-Konzeptualisierung des Blicks lässt somit auch die Beachtung von Machtstrukturen, kolonialen Strukturen und den damit verbundenen Folgen zu.

3.2. Die manichäische Struktur der zweigeteilten Welt

Die kolonisierte Welt ist symbolisch einer manichäischen Struktur folgend in gut-böse, zivilisiert-unzivilisiert, kurz in weiß-schwarz geteilt. Diese zwei Teile der Welt werden von unterschiedlichen „Menschenarten“ bewohnt. (Vgl. Fanon 2018, 33) Ein Teil der Welt wird von Menschen – den Europäern, den Kolonialherren – bewohnt, und der andere von Eingeborenen – den Kolonisierten. (Vgl. Sartre 2018, 7)

Zwischen diesen beiden „Menschenarten“ herrscht eine Hierarchie. Die eine Art, „die, die von woanders kommt“ (vgl. Fanon 2018, 33) ist die herrschende, und die andere, die Eingeborenen, ist jene, die beherrscht wird. Die Zugehörigkeit zu einer der beiden „Arten“ bestimmt also das Sein in der Welt. Je nach dem welcher „Art“ man zugehörig ist, entscheidet darüber welcher Gestalt das eigene Leben ist.

Es handelt sich um eine stark vereinfachte, stereotypisierende Weltanschauung (vgl. Hall 1994, 167), die man tatsächlich als eine schwarz-weiße Anschauung bezeichnen könnte. „Die Verurteilung ist kontinental.“ (Fanon 2018, 179) Der Kolonialismus nimmt keine Rücksicht auf kulturelle Besonderheiten oder auf Eigenarten von verschiedenen Minderheiten. Für den Kolonialherren stellt die Kolonie eine homogene Masse dar. Dies entspricht natürlich mit Nichten der Wahrheit. Die Gesellschaft der Kolonie ist ebenso wie die der Kolonialmacht durch eine gewisse Heterogenität gekennzeichnet. Der Kolonialherr selbst homogenisiert die Kolonie, und im Zuge dessen auch seine eigene Gesellschaft. Die Kolonialmacht produziert eine neue Einheit, die den Kolonisierten aufgezwungen wird. (Vgl. Fanon 1986, 137) Es wird vorausgesetzt, „daß alle Schwarzen in gewissen Dingen übereinstimmen; daß zwischen ihnen ein Prinzip der Übereinstimmung besteht.“ (Ebd., 124) Der Kolonie, der schwarzen Gesellschaft, werden bestimmte, charakteristische Eigenschaften verliehen, die auf ihre Gesamtheit zutreffen. Der Kolonialmacht, den Europäern, werden zumeist genau die gegenteiligen Eigenschaften zugeschrieben.

Auf der Basis dieser manichäischen Zweiteilung der Welt wird eine systematisierte Hierarchisierung aufgebaut. Der Weiße steht ihr nach an der Spitze der Menschheit, er stellt die überlegene Art mit all den positiven Qualitäten dar. Der Schwarze ist die genaue Umkehrung dessen: Ihm wird das andere, das untere Ende der Hierarchie zugeteilt.

Der Weiße stellt sich selbst aufgrund seiner Weißheit an die oberste Stelle der Hierarchie des Menschen und behauptet, dass die anderen „schwarz und gelb [sind], wegen ihrer Sünden.“ (Fanon 2013, 27) Die Hierarchisierung geschieht also auf einer äußerlichen Komponente, der Hautfarbe, doch sie impliziert bereits ein moralisches Urteil: „Die Sünde ist schwarz und die Tugend weiß.“ (Ebd., 120)

3.3. Die Konstituierung des schwarzen Bildes

Da die Kolonie mit der Ankunft der Europäer eine Dekonstruktion erfährt (vgl. Fanon 2013, 123), wird die Identität des Schwarzen im Zuge dessen neu konstituiert. Es handelt sich also nicht um eine Bestätigung seiner bisherigen Identität, sondern „um die Produktion eines Bildes der Identität und die Transformation, die das Subjekt durchläuft, indem es sich dieses Bild zu eigen macht.“ (Bhabha o.D., 368) Es handelt sich somit um eine gänzliche Neuschaffung der schwarzen Identität, die vor dem Zusammentreffen mit dem Weißen eine andere als danach ist. Durch das von außen, von dem Weißen an den Schwarzen herangetragene neue Selbstbild, verändert sich der Schwarze. Der Andere ist das Prinzip der Identität (vgl. Ebd., 377), er schreibt dem Schwarzen eine neu konstituierte Identität ein.

[...]

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Die psychologischen und phänomenologischen Auswirkungen des schwarzen Bildes nach Frantz Fanon
Hochschule
Universität Wien  (Philosophie)
Veranstaltung
Multikulturalismus und postkoloniale Kritik
Note
1
Autor
Jahr
2020
Seiten
24
Katalognummer
V1149270
ISBN (eBook)
9783346536143
ISBN (Buch)
9783346536150
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Fanon, Kolonialismus, postkoloniale Kritik, Frantz Fanon, Psychologie, Phänomenologie, Rassismus, Sartre, Blick, Psychopathologie, Stereotypisierung
Arbeit zitieren
Katrin Simon (Autor:in), 2020, Die psychologischen und phänomenologischen Auswirkungen des schwarzen Bildes nach Frantz Fanon, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1149270

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