Bei dieser Arbeit soll der Frage nachgegangen werden, wie sich die Sozialistengesetzgebung und die Verhängung des § 28 über Leipzig auf die dort tätigen Sozialdemokraten auswirkte und welche Meinungen die nationalliberale Presse der Stadt zu diesem Umstand vertrat.
Das erste Kapitel dieser Untersuchung wird sich einer genauen Einordnung des Gesetzes widmen. Im nächsten Kapitel werden die Ursachen analysiert, warum über Leipzig der kleine Belagerungszustand verhängt wurde, flankiert durch eine kurze Darstellung des Zustandes der SAP vor der Verhängung des kleinen Belagerungszustandes über Leipzig. Im Zentrum des folgenden Kapitels stehen die Anwendung des § 28 und die ausführenden Organe. Im Anschluss daran werden die Gegenmaßnahmen der SAP und ihrer Mitglieder untersucht, woran sich eine Analyse der Wahlergebnisse des Jahres 1881 anschließt, die aufzeigen soll, wie effektiv die Gesetze waren. Im vorletzten Kapitel erfolgt eine Analyse der Zeitung Leipziger Tagesblatt und Anzeiger, um ein Stimmungsbild über die Gesetze aus dem nationalliberalen Bürgertum der
Stadt Leipzig zu erhalten. Der Untersuchungszeitraum erstreckt sich von der Verhängung des Belagerungszustandes über Leipzig bis zu den Wahlen im selben Jahr. Die Ereignisse, welche vorher stattgefunden haben, werden nur soweit behandelt, um eine solide Grundlage für die Untersuchung zu liefern.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Beschaffenheit des Sozialistengesetzes und Unterschied zum qualifizierten Belagerungszustand
3. Zustand der SAP vor der Verhängung des kleinen Belagerungszustandes über Leipzig
3.1 Direkte Auswirkungen des Gesetzes
3.2 Der Sozialdemokrat
3.3 Parteitag von Wyden
3.4 Warum Leipzig
4. Anwendung des § 28
4.1. Ausweisungen
4.2. Landesgesetze
4.3. Politische Polizei
5. Gegenmaßnahmen der SAP
5.1. Direkte Reaktion auf die Verhängung des §28 über Leipzig
5.2. Organisation und Gegenmaßnahmen der SAP
6. Wahlen 1881
6.1. Ergänzungswahlen zum sächsischen Landtag
6.2. Vorbereitung auf die Reichstagswahlen 1881
6.3. Ergebnisse der Reichstagwahlen 1881
7. Auswertung des Leipziger Tagesblatt und Anzeigers
8. Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die Auswirkungen der Sozialistengesetze und speziell des "kleinen Belagerungszustands" (§ 28) auf die Stadt Leipzig und die dort agierende Sozialistische Arbeiterpartei (SAP). Im Fokus steht dabei die Frage, wie die Partei auf staatliche Repressionen reagierte und wie die zeitgenössische nationalliberale Presse diese Maßnahmen bewertete.
- Anwendung und Auswirkungen des § 28 des Sozialistengesetzes
- Gegenstrategien und Organisationsstrukturen der SAP in Leipzig
- Politische Stimmung im nationalliberalen Bürgertum anhand der lokalen Presse
- Analyse der Wahlergebnisse von 1881 als Gradmesser für staatliche Repression
- Die Rolle der politischen Polizei und der Überwachung in der Ära Bismarck
Auszug aus dem Buch
3.2 Der Sozialdemokrat
Jeglicher offizieller Parteiorgane beraubt, entstanden in der Folgezeit viele illegale Parteiorgane. Diese zeigen eindrücklich den Richtungsstreit auf, in welchem sich die Partei befand. Am 15. Dezember 1878 wurde von Carl Hirsch „Die Laterne“ in Brüssel herausgegeben. Johann Most schuf mit „Die Freiheit“ ein politisches Kampfblatt, welches ausdrücklich revolutionäre Maßnahmen forderte und sich später dem revolutionären Anarchismus zuwandte. Auf der anderen Seite wurde im Juli 1879 in Zürich das „Jahrbuch für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik“ von Karl Höchberg unter dem Pseudonym Dr. Ludwig Richter veröffentlicht. Dieses kritisierte die Sprache und Ausdrucksweise führender Genossen und stellte die These auf, dass durch diese Sprache Leute von Intelligenz und Wissen der Partei fernbleiben würden.17 Dieser inneren Zerstrittenheit der Partei wollten Bebel und Liebknecht mit einem eigenen Parteiorgan entgegentreten. Dieses Organ sollte nicht nur als offizielles Zentralorgan der Partei dienen, sondern auch der Abwehr „ultralinker Pseudorevolutionäre“ und „rechtsopportunistischer Kräfte“.18 Am 28 September 1879 erschien dann in Zürich die erste Ausgabe der Zeitschrift „der Sozialdemokrat“. Sein Vertrieb wurde von Julius Motteler organisiert, welcher zu diesem Zweck die Organisation der „Roten Feldpost“ aufbaute.19
Nachdem Georg Vollmar Ende 1880 seinen Rücktritt als Redakteur erklärte, übernahm Liebknecht seinen Posten. Dieser konnte jedoch wegen einer Gefängnisstrafe sein Amt nicht ausführen, daher vertrat ihn Eduard Bernstein, welcher im Februar 1881 auch offiziell die Leitung übernahm.20
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet den historischen Kontext der Sozialistengesetze von 1878 und die Intention Bismarcks, die sozialdemokratische Bewegung zu schwächen.
2. Beschaffenheit des Sozialistengesetzes und Unterschied zum qualifizierten Belagerungszustand: Dieses Kapitel erläutert die rechtliche Einordnung des Sozialistengesetzes als Notstandsgesetz und differenziert es vom allgemeinen Belagerungszustand.
3. Zustand der SAP vor der Verhängung des kleinen Belagerungszustandes über Leipzig: Die Darstellung analysiert die organisatorische Situation der Partei vor der Verschärfung der Repression in Leipzig.
4. Anwendung des § 28: Dieses Kapitel behandelt die konkrete Umsetzung der Ausweisungen, die Anwendung von Landesgesetzen und die Rolle der politischen Polizei.
5. Gegenmaßnahmen der SAP: Hier wird untersucht, wie sich die SAP durch Vertrauensmännersysteme und eine neue Vertriebsorganisation gegen die staatliche Unterdrückung wehrte.
6. Wahlen 1881: Das Kapitel analysiert die Landtags- und Reichstagswahlen von 1881 als Stimmungstest für die Aktionsfähigkeit der Partei unter Ausnahmezustand.
7. Auswertung des Leipziger Tagesblatt und Anzeigers: Die Untersuchung wertet die Berichterstattung der lokalen Presse aus, um die Haltung des nationalliberalen Bürgertums zu dokumentieren.
8. Schlussbetrachtung: Das Fazit zieht Bilanz über das Scheitern der staatlichen Versuche, die SAP durch die Sozialistengesetze dauerhaft zu zerschlagen.
Schlüsselwörter
Sozialistengesetz, August Bebel, Leipzig, Kleiner Belagerungszustand, SAP, Sozialdemokratie, Bismarck, Politische Polizei, Ausweisungen, Reichstagswahlen 1881, Presseanalyse, Vertrauensmännersystem, Nationalliberalismus, Arbeiterbewegung, Überwachung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Auswirkungen der repressiven Sozialistengesetze, insbesondere des sogenannten "kleinen Belagerungszustands" nach § 28, auf die soziale und politische Struktur der Stadt Leipzig in den Jahren 1878 bis 1881.
Welche zentralen Themenfelder behandelt die Publikation?
Die Themen umfassen die staatliche Unterdrückungspraxis (Polizei und Ausweisungen), die Gegenstrategien der SAP, die Rolle der lokalen Presse bei der Meinungsbildung sowie die Wahlerfolge der Sozialdemokratie trotz Ausnahmezustands.
Was ist das primäre Ziel oder die zentrale Forschungsfrage?
Es soll geklärt werden, wie sich die Verhängung des § 28 auf die in Leipzig tätigen Sozialdemokraten auswirkte und wie die nationalliberale Presse der Stadt diese staatlichen Eingriffe rechtfertigte oder kommentierte.
Welche wissenschaftliche Methode wurde für diese Untersuchung gewählt?
Die Arbeit basiert auf einer historischen Analyse, die Primärquellen wie die Autobiografie von August Bebel und Artikel aus dem "Leipziger Tagesblatt und Anzeiger" mit der einschlägigen wissenschaftlichen Fachliteratur kombiniert.
Was sind die inhaltlichen Schwerpunkte des Hauptteils?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung der polizeilichen Maßnahmen, die Reaktion der SAP durch Untergrundstrukturen sowie eine detaillierte Auswertung der Wahlergebnisse von 1881 als Gradmesser für den Erfolg der Bismarckschen Politik.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Untersuchung am besten?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Sozialistengesetz, August Bebel, Leipzig, Politische Polizei, Ausweisungen und Reichstagswahlen 1881.
Wie erfolgreich war der Versuch Bismarcks, die SAP durch Ausweisungen in Leipzig zu schwächen?
Der Versuch scheiterte weitgehend, da die Parteiorganisation durch das Vertrauensmännersystem flexibel blieb, ausgewiesene Funktionäre schnell ersetzt werden konnten und die Partei trotz Repression eine starke Wählerschaft in Leipzig behielt.
Welche Rolle spielte die nationalliberale Presse bei der Unterstützung der Repressionsmaßnahmen?
Das "Leipziger Tagesblatt und Anzeiger" wertete die Maßnahmen primär als notwendiges Mittel zum Schutz von "Kaiser und Reich", wobei die Unterstützung besonders groß war, solange die Gesetze zielgerichtet gegen die SAP und nicht gegen liberale Grundrechte eingesetzt wurden.
- Arbeit zitieren
- Daniel Wagner (Autor:in), 2021, Leipzig unter Belagerung. Die Wirkungen des kleinen Belagerungszustands zu Zeiten der Sozialistengesetze am Beispiel der Stadt Leipzig, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1149621