In seiner im Jahre 1905 publizierten Schrift "Philosophie der Mode" hat Georg Simmel die Moden „immer [als] Klassenmoden“ beschrieben, die stets einem absteigenden Trend folgen. Doch wie hat sich die Industrialisierung auf die Mode ausgewirkt?
Hat der Industrialisierungsprozess zu einer Auflösung der modischen Klassengrenzen beigetragen?
Zunächst wird es darum gehen, die Mode, so wie Simmel sie in seinen beiden Texten Philosophie der Mode sowie Psychologie der Mode beschrieben hat, darzulegen. Anschließend werden die Veränderungen im Bereich der Kleidermode, die durch die Industrialisierung ausgelöst wurden, behandelt. Von diesem Hintergrund aus werde ich mich mit der Frage beschäftigen, ob und wenn ja, inwieweit sich die Auswirkungen der Industrialisierung auf die Kleidermode anhand von Simmels Texten erklärt werden können. Abschließend wird ein kurzes Fazit gezogen.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Simmels Schriften zur Mode
3 Auswirkung der Industrialisierung auf Mode
4 Hat Simmel Recht?
5 Fazit
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht, inwieweit die soziologischen Theorien Georg Simmels zur Mode – insbesondere die Konzepte der Nachahmung und der sozialen Differenzierung – durch die tiefgreifenden Veränderungen des Industrialisierungsprozesses erklärt oder relativiert werden können.
- Dualistische Prinzipien der Mode nach Georg Simmel
- Die Rolle der Industrialisierung für die Massenproduktion von Kleidung
- Transformation des Konsumverhaltens und soziale Aufwertung des Konsums
- Technologische Innovationen in der Textilindustrie (Baumwolle, Kunstseide, synthetische Farben)
- Kritische Reflexion der "Klassenmoden"-Theorie im Kontext moderner Gesellschaftsstrukturen
Auszug aus dem Buch
3 Auswirkung der Industrialisierung auf Mode
In einer durch eine starre Kleiderordnung charakterisierten mittelalterlichen Ständegesellschaft kam Mode ausschließlich der privilegierten Minderheit, die sich aus dem Adel und dem Großbürgertum zusammensetzte, zu. Somit waren große Bevölkerungsteile von jeglicher Art der modischen Erscheinung ausgeschlossen. Klare Vorschriften setzten eine standesgemäße Lebensführung aber auch die, in den jeweiligen Ständen zugelassene, bzw. erlaubte Kleidung fest. Die Nichteinhaltung dieser Regeln wurde mit Sanktionen belegt. Somit war jede Art der Nachahmung in der Ständegesellschaft nicht nur undenkbar, sondern einfach unmöglich.
Das geringe Einkommen breiter Bevölkerungsschichten ließ eine häufige modische Variation überhaupt nicht zu. Da die Kleidungsstücke immer wieder geflickt und ausgebessert wurden, sahen sie alt und abgetragen aus. (vgl. König 2000: 188) Die Meisten hatten lediglich zwei Garnituren von der sogenannten „Allzweck-Kleidung“ (Kleinschmidt 2008: 45) zur Auswahl. Neben der (meistens aus Wolle) selbstgefertigten Alltagskleidung besaßen die unteren Schichten noch eine sogenannte Sonntagssaat, d.h. eine Kleidung, die zu besonderen Anlässen, wie z.B. dem wöchentlichen Kirchenbesuch getragen wurde. (vgl. König 2000: 188)
Durch die sich langsam verbessernden ökonomischen Verhältnisse breiterer Bevölkerungsschichten und den Zerfall der Ständegesellschaft, konnte eine Ablösung der strengen Kleiderordnung sowie eine sich langsam entwickelnde Nachfrage nach modischer Variation unter der breiteren Bevölkerungsmasse beobachtet werden. (vgl. Schneider 2000: 9)
Im Bereich des Kleiderkonsums fand ein durch den Industrialisierungsprozess ausgelöster Strukturumbruch statt, der sich durch den Übergang von einem dominanten Heimgewerbe zu einem durch Mechanisierung charakterisierten Fabriksystem bemerkbar machte. (vgl. König 2000: 182)
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung legt die Problemstellung dar und erläutert die Relevanz der Untersuchung von Modeprozessen sowie der Auswirkungen der Industrialisierung auf die modische Klassendifferenzierung.
2 Simmels Schriften zur Mode: Dieses Kapitel analysiert Simmels dualistisches Verständnis von Mode, das auf dem Spannungsfeld zwischen individueller Differenzierung und sozialer Nachahmung basiert.
3 Auswirkung der Industrialisierung auf Mode: Hier werden die technologischen und ökonomischen Umbrüche der Industrialisierung, wie die Mechanisierung und Einführung neuer Materialien, als Treiber der Massenmode und Kleidungsdiversität beschrieben.
4 Hat Simmel Recht?: Das Kapitel hinterfragt die Aktualität von Simmels "Klassenmoden"-Theorie angesichts der durch die Industrialisierung erfolgten Demokratisierung der Kleidung und moderner Ansätze wie der Trickle-Up-Theorie.
5 Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass Simmels Theorien trotz der gesellschaftlichen Demokratisierung weiterhin relevant bleiben, jedoch durch neuere Konzepte ergänzt werden müssen, da die Gesellschaft heute durch heterogene Gruppen statt nur durch Klassen geprägt ist.
Schlüsselwörter
Georg Simmel, Industrialisierung, Mode, Klassentheorie, Trickle-Down-Theorie, Trickle-Up-Theorie, Massenproduktion, Konsumgesellschaft, Nachahmung, Differenzierung, Kleidung, soziale Mobilität, Textilindustrie, Modewandel, Soziologie
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Wechselwirkung zwischen dem soziologischen Modell der Mode nach Georg Simmel und den historischen Realitäten des Industrialisierungsprozesses im 19. und 20. Jahrhundert.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen umfassen die soziologische Theorie der Mode, die Geschichte der industriellen Textilfertigung und die Wandlung des Konsumverhaltens in der Moderne.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsfrage?
Das Ziel ist es zu klären, ob und inwieweit die Auswirkungen der Industrialisierung auf die Mode durch Simmels Konzepte erklärt werden können und ob seine Theorie der "Klassenmoden" heute noch Bestand hat.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer theoretischen Literaturanalyse der Schriften von Georg Simmel sowie einer historischen Analyse industrieller und konsumgeschichtlicher Fachliteratur.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil behandelt die philosophische Herleitung des Modebegriffs nach Simmel, die technischen Revolutionen in der Textilproduktion und die daraus resultierenden sozialen Veränderungen im Kleiderkonsum.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem soziale Differenzierung, industrielle Massenproduktion, Klassentheorie und die Unterscheidung zwischen Trickle-Down- und Trickle-Up-Mechanismen.
Warum ist die Unterscheidung zwischen "Allzweck-Kleidung" und modischer Vielfalt wichtig?
Sie verdeutlicht den radikalen Wandel durch die Industrialisierung, der es der breiten Bevölkerung ermöglichte, Kleidung nicht mehr nur als Gebrauchsgegenstand, sondern als Ausdruck von modischer Vielfalt zu nutzen.
Was besagt die im Text erwähnte "Trickle-Up-Theorie"?
Im Gegensatz zur klassischen Abwärtsbewegung von Trends (von der Oberschicht nach unten), beschreibt dieser Ansatz die Entwicklung, bei der modische Impulse aus unteren sozialen Schichten oder Subkulturen in die breite Mode und zu Modedesignern aufsteigen.
- Arbeit zitieren
- Ksenia Turkina (Autor:in), 2015, Lässt sich mit Georg Simmel die Auswirkung der Industrialisierung auf Mode erklären?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1149662