Lässt sich Kriminalität mit der Theorie von Sozialstruktur und Anomie von Robert K. Merton erklären?


Hausarbeit, 2021

23 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Soziologische Kriminalitätstheorie - von Dürkheim zu Merton
Die Anomietheorie von Emile Dürkheim
Die Theorie von Sozialstruktur und Anomie von Robert K. Merton
Kulturelle Ziele und institutionelle Normen
Der Anomiebegriffbei Merton
Arten individueller Anpassung
Warum neigen nach Merton die unteren Schichten am ehesten zu delinquentem Verhalten?
Kritik an der Mertonschen Theorie

Die Anomietheorie Mertons in der empirischen Praxis
Baumer und Gustafson 2007; Stults und Baumer 2008
Eberts und Schwirian 1968
Friedrichs 1985

Fazit

Literaturverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Typologie der Arten individueller Anpassung

Einleitung

„Das Verbrechen1 oder allgemeiner gesagt: die Kriminalität ist allgegenwärtig in unserer Gesellschaft“, attestiert Jehle (2020, S. 5), ebenfalls, „dass das Verbrechen die Menschheitsgeschichte von ihren Anfängen an begleitet“ (ebd.). Es übt eine ungemein starke Faszination auf uns aus, was man daran erkennt, dass die Thematik dauerhaft in sämtlichen Medien der Populärkultur aufgegriffen und behandelt wird. Seien es Kriminalromane, Kinofilmproduktionen, der „Tatort“ am Sonntagabend oder nun auch Videospiele, in welchen man in die Rolle der Ermittler oder aber auch der Kriminellen schlüpfen kann - ein Ende der Beliebtheit des Themas ist nicht in Sicht.

Verschiedene Disziplinen der Wissenschaft versuchen das Phänomen der Kriminalität aus ihrer Sicht zu erklären. So waren es im Laufe der Geschichte erst die Philosophen, Theologen und die Rechtswissenschaftler, die sich damit auseinandersetzten. Ab dem 19. Jahrhundert wurde sie dann auch Untersuchungsobjekt der Biologie, Psychiatrie, Psychologie und auch der Soziologie (vgl. ebd.). Die Kriminologie, die Lehre vom Verbrechen (von lateinisch „crimen“), ist somit sehr interdisziplinär ausgelegt und versucht die kriminologischen Erkenntnisse der anderen Teilwissenschaften zu vereinen. Auch deswegen (also aufgrund der Interdisziplinarität) ist eine einheitliche Begriffsdefinition bzw. -festlegung schwierig: „Was ein Verbrechen oder allgemeiner: was Kriminalität ist, steht nicht ein für allemal [sic!] fest und gilt nicht stets.“ (ebd., S. 13). Heutzutage versteht die Kriminologie „unter Kriminalität einen Teilbereich normabweichenden Verhaltens“ (Kaiser 1996, S. 315 ff., Fn. 10, zitiert in: Jehle 2020, S. 14) und lehnt sich dabei an soziologische Konzepte an (vgl. ebd.). Anders ausgedrückt sind kriminelle Handlungen also immer solche, die von den Sozial- und eben auch von den Rechtsnormen abweichen bzw. gegen diese verstoßen.

Dass sich Normen wandeln, lässt sich mithilfe der Rechtsgeschichte gut aufzeigen. So war beispielsweise Ehebruch bis zum Jahre 1969 in der Bundesrepublik noch strafbar (wenn er auch in der Praxis kaum mehr verfolgt wurde). Heutzutage ist ein Fremdgehen in der Ehe zwar immer noch verpönt (Ehebrecher verstoßen also immer noch gegen Sozialnormen), aber eine solche Handlung unter Strafe zu stellen, ist nicht mehr nachvollziehbar (vgl. Jehle 2020, S. 14). Weitere Beispiele sind die völlige Entkriminalisierung der Homosexualität 1994 und auf der anderen Seite die Verschärfung des Strafrechts zur Bekämpfung von Kinder- und Jugendpornographie 20152 (vgl. ebd.). Jehle bringt es folgendermaßen auf den Punkt:

„Was wir unter Kriminalität verstehen, hängt also ab von der Bewertung der jeweils vorherrschenden Gesellschaftskultur, davon, welche Werte und Güter der Gesetzgeber als so wichtig auffasst, dass er deren Verletzung mit Strafe bedroht.“ (ebd.)

Man kann also festhalten: Biologische Merkmale wie Alter und Geschlecht spielen (neben psychiatrischen und psychologischen Faktoren) eine Rolle in der Kriminalitätstheorie (vgl. ebd., S. 17), was laut Jehle die „ungleiche Verteilung der Kriminalität zwischen Männern und Frauen und zwischen jungen und alten Menschen erweist“ (ebd.). Dennoch ist die (Kriminal-) Soziologie unerlässlich für die Theoriefindung in der Kriminologie.

Den Grundstein für die Kriminalsoziologie legte Emile Dürkheim Ende des 19. Jahrhunderts mit seiner Anomietheorie (vgl. Hermann 2020, S. 176). Robert K. Merton griff seine Erkenntnisse auf und entwickelte sie weiter bzw. wandelte sie ab, seine Theorie der Sozialstruktur und Anomie wurde erstmals 1938 veröffentlicht. Durch ihn ist das Konzept der Anomie, auf welches ich nachher noch eingehen werde, „zu einem der bekanntesten Erklärungsansätze für variierende Kriminalitätsraten geworden“ (Pfeiffer und Scheerer 1979, S. 44, zitiert in: Mehlkop 2011, S. 25). Ich möchte in dieser Hausarbeit die Theorien von Dürkheim und Merton aufgreifen und diese darlegen, den Fokus werde ich auf Mertons Theorie legen. Von dieser möchte ich zudem ihre Kritikpunkte nennen und sie einem Praxistest unterziehen, was heißen soll, dass ich drei empirische Studien darlegen werde, welche sich zur Hypothesenbildung (wenn auch nur teilweise) auf die Mertonsche Anomietheorie (und daraus hervorgehend auf das Konzept der relativen Deprivation) beziehen, und somit darüber Auskunft geben kann, ob und wie gut sie sich mit statistischen Daten bestätigen lässt. Schließlich werde ich noch ein Fazit ziehen und die zentrale Frage dieser Hausarbeit beantworten: Lässt sich Kriminalität mit der Theorie von Sozialstruktur und Anomie von Robert K. Merton erklären?

Soziologische Kriminalitätstheorie - von Dürkheim zu Merton

Die Anomietheorie von Émile Dürkheim

Die Durkheimsche Kriminaltheorie ist die Anomietheorie. Diese entwickelte er in zwei Stufen (vgl. Hermann 2020, S. 176): Ausgangspunkt bildete seine Studie zur Arbeitsteilung, 1893 erstveröffentlicht, und mit seiner Selbstmordstudie von 1897 konnte er seine Theorie mithilfe von empirischen Erkenntnissen bestätigen bzw. erweitern. Beide zusammen bilden heute absolute Grundlagentexte der soziologischen Theorie. Dürkheim stellte sich in der ersten Studie die Frage, was genau die Gesellschaft Zusammenhalte und wie sie sich verändert habe bzw. sich weiter verändern würde (vgl. ebd.). Um diese Frage zu beantworten, unterscheidet er zwei Arten der gesellschaftlichen Solidarität: Die mechanische Solidarität „ist ein Gemeinschaftsgefühl, das auf der Grundlage von Ähnlichkeiten wie beispielsweise Verwandtschaftsbeziehungen besteht“ (ebd.). Nach Hermann ist eine solche Form der Solidarität vorwiegend in Gesellschaften zu finden, in denen „ein geringer Individualisierungsgrad, kaum Arbeitsteilung, und repressive Rechtssysteme typisch sind“ (ebd.). Als Beispiel kann man hier indigene Kulturen (und generell segmentär differenzierte Gesellschaften) nennen. Das Gegenstück hierzu bildet die organische Solidarität, dominant in Gesellschaften mit funktionaler Arbeitsteilung, einer ausgeprägten Individualisierung und einem restitutiven Rechtssystem (vgl. ebd.). Beispielhaft für Gesellschaften, in denen die organische Solidarität vorherrscht, sind somit moderne, demokratische Rechtsstaaten wie die Bundesrepublik Deutschland. Dürkheim stellt die These auf, dass sich mechanische und organisatorische Solidarität durch das Ausmaß des Kollektivbewusstseins unterscheiden (vgl. ebd.), darunter versteht er die „gemeinsam geteilten Glaubensvorstellungen und Gefühle der Mitglieder einer Gesellschaft, also auch gesellschaftliche Werte und Moralvorstellungen“ (ebd.). Der Wandel von segmentär zu funktional differenzierten Gesellschaften liegt nach Dürkheim in Faktoren wie der demographischen Entwicklung und der zunehmenden Urbanisierung (vgl. ebd.). „Die Folgen dieses Wandels sind Störungen der sozialen Ordnung und ein Verlust derNormgeltung - Anomie.“ (ebd.)

In der zweiten Studie, der Selbstmordstudie, hatte sich Dürkheim zum Ziel gesetzt, mithilfe seiner theoretischen Erkenntnisse die Unterschiede in Selbstmordraten zu erklären (vgl. ebd.). Er analysierte hierfür empirische Daten regionaler Suizidraten und kam zu folgenden Erkenntnissen: Unter Protestanten war die Selbstmordrate höher als bei Katholiken oder Juden, und bei Unverheirateten höher als bei Verheirateten. Deren verhältnismäßig hohe Suizidrate erklärte er sich durch eine fehlende oder mangelhafte Integration der betroffenen Individuen in die Gesellschaft, er prägte hierfür den idealtypischen Begriff des „egoistischen Selbstmords“ (vgl. ebd., S. 177). Den Gegenpol hierzu bildet der sogenannte „altruistische Selbstmord“, welcher vorliegt, wenn Individuen nicht zu schwach, sondern zu stark in die Gesellschaft eingebunden sind. Ein Beispiel dafür wäre Ehefrauen, die sich nach dem Tod ihres Mannes selbst töten (vgl. ebd.). Für uns besonders interessant ist allerdings der Idealtyp des „anomischen Selbstmords“, welcher verstärkt dann auftritt, wenn es zu einem schnellen sozialen Wandel und Wirtschaftskrisen kommt, denn das führt nach Dürkheim, wie oben schon besprochen, zu einem vermehrten Auftreten von Anomie. Ein Wirtschaftscrash beispielsweise kann „dazu führen, dass Menschen durch Arbeitslosigkeit nicht nur an Lebensqualität einbüßen, sondern auch die [soziale bzw. gesellschaftliche] Integration durch das Arbeitsumfeld und Regulation durch die Routine des Berufes verlieren“ (Mehlkop 2011, S. 26, Fn. 11). Ein anomischer Selbstmord wird also ausgelöst durch ein entstandenes „normatives Vakuum“ (ebd.). Der Gegenspieler dazu ist der „fatalistische Selbstmord“, er tritt dann auf, wenn es nicht zu einem Normenverlust, sondern zu einer Überbetonung von Normen kommt (vgl. ebd.).

Die Anomietheorie Dürkheims hatte nie das Ziel, explizit das Phänomen der Kriminalität zu erklären, dennoch vermerkte Dürkheim in einer Fußnote, dass diese ähnliche Ursachen habe wie die erhöhten Suizidraten (vgl. ebd.). Hermann resümiert:

„Somit kann man postulieren, dass ein schneller sozialer Wandel, die Zunahme der Arbeitsteilung, der Wegfall integrativer Institutionen sowie die Bildung neuer Organisationen mit fehlender kooperativer und normativer gesellschaftlicher Einbindung zu einem anomischen Zustand und somit zu fehlender Akzeptanz gesellschaftlicher Normen führt. Ein solcher Zustand kann zu höheren Selbstmordraten, aber auch zu einem Anstieg der Mord- und Gewaltraten führen.“ (ebd.)

Es gilt zu beachten, dass es sich bei der Anomietheorie von Dürkheim um eine makrosoziologische Theorie handelt, welche „nicht individuelles kriminelles Handeln sondern variierende Kriminalitätsraten zwischen Gesellschaften bzw. in einer Gesellschaft über die Zeit hinweg erklären will“ (vgl. Graeff und Mehlkop 2007; Mehlkop und Graeff 2006, 2007; zitiert in: Mehlkop 2011, S. 26, Fn. 11). Man kann sie auch deshalb als erste genuin soziologische Kriminalitätstheorie bezeichnen.

Die Theorie von Sozialstruktur und Anomie von Robert K. Merton

Robert K. Mertons Theorie von Sozialstruktur und Anomie, grob auf der Anomietheorie von Dürkheim basierend, ist „ein Beispiel für die theoretische Orientierung des Funktionalismus, der abweichendes Verhalten ebenso als Produkt der Sozialstruktur betrachtet wie konformes Verhalten“ (Merton 1968, S. 283). Sie steht in Opposition zu anarchistischen Sichtweisen (vgl. ebd., S. 284), welche allesamt annehmen, die gesellschaftliche Struktur unterdrücke grundsätzlich die dem Menschen angeborenen Triebe, dieser breche von Zeit zu Zeit aus dieser aus, um „wahre Freiheit“ zu erlangen. Dieses delinquente Verhalten werde dann von konventionellen, konformistischen Kräften als kriminell und / oder pathologisch abgestempelt (vgl. ebd., S. 283 f.). „Im Gegensatz zu solchen anarchistischen Doktrinen sieht der Funktionalismus in der Sozialstruktur eine stimulierende Kraft“ (ebd., S. 284). Mertons Ansatz untersucht „in welcher Weise die soziale und kulturelle Struktur auf Personen in unterschiedlichen [sozialen] Situationen in dieser Struktur einen Druck ausübt, sich sozial abweichend zu verhalten“ (ebd.). Dieser Standpunkt unterscheidet sie von individualistischen Theorien, welche annehmen, dass die differenten Delinquenzraten „eine zufällige Folge des unterschiedlichen Anteils pathologischer Persönlichkeiten in diesen Gruppen und Schichten“ (ebd.) sind, hierbei werden also auch biologische Faktoren explizit betont, welche bei Merton keine Rolle spielen: „Unser Ansatz ist rein soziologisch.“ (ebd., S. 286)

Kulturelle Ziele und institutionelle Normen

Merton arbeitetet zunächst zwei elementare Elemente kulturellerund sozialer Strukturen heraus (vgl. ebd., S. 286 f.), welche analytisch voneinander trennbar, in konkreten Situationen allerdings miteinander verbunden seien: Zum einen wären das die dominierenden kulturellen Ziele, Absichten und Interessen, welche einem Großteil der adressierten Individuen als legitime Orientierungspunkte dienen. Diese sind in einer Werthierarchie angeordnet und „wenn auch einige (nicht alle) dieser kulturellen Ziele direkt mit den biologischen Antrieben des Menschen verbunden sind, so sind sie doch nicht durch sie determiniert“ (ebd., S. 287). Es handelt sich bei diesen kulturellen Normen um soziale Produkte, d. h. um Ergebnisse sozialer Austauschprozesse. Das zweite Element bilden die institutionellen Normen einer Gesellschaft, sie bestimmen, regulieren und kontrollieren die erlaubten Wege zum Erreichen der kulturellen Ziele (vgl. ebd.). „Viele Vorgehensweisen, die vom Standpunkt einzelner Individuen aus höchst wirksam zu den angestrebten Werten verhelfen würden - wie z. B. Gewalt und Betrug - sind aus dem Bereich erlaubten Verhaltens ausgeschlossen“ (ebd.). Wenn in einer Gesellschaft also ein hoher sozioökonomischer Status als erstrebenswert gilt (also von ihr als kulturelles Ziel definiert wurde), kann man, um hier ein plumpes Beispiel zu geben, nicht einfach eine Bank überfallen oder eigenes Geld drucken, um die kulturelle Norm zu erfüllen, denn hierbei würde man einige Rechtsnormen brechen und von der Justiz bestraft werden. Das Kriterium für Erwünschtes ist nicht technische Effizienz, sondern wertgeladene Empfindung (vgl. ebd.). Emotionen und moralische Vorstellungen spielen also eine zentrale Rolle bei der Entstehung von institutionell erlaubten bzw. erwünschten Vorgehensweisen. Merton nennt hier (vgl. ebd.) als Beispiele die historischen Tabus der Vivisektion (also dem Eingriff an einem lebendigen Tier zu Forschungszwecken) und medizinischer Experimente - auch wenn dieses Vorgehen eventuell von großem Nutzen gewesen wäre, wurde es juristisch nicht erlaubt, weil unsere moralischen Vorstellungen ein solches Handeln als unwürdig und nicht zulässig einstufen.3 Wertvorstellungen werden, um Bestand zu haben, von den meisten Mitgliedern einer Gesellschaft geteilt, und können von Faktoren wie Werbung und Propaganda beeinflusst sein (vgl. ebd.).

Es wird zudem unterschieden zwischen einer integrierten und einer nicht-integrierten Kultur:

„Wenn in einer Gesellschaft fast ausschließlich die anzustrebenden Ziele betont werden, aber kaum die Wahl der Mittel, bzw. wenn nicht allen Menschen diese Mittel zugänglich sind, spricht Merton von einer nicht-integrierten Kultur. Da wo es ein Gleichgewicht zwischen der Betonung der Ziele und der Mittel gibt, spricht Merton von einer integrierten Kultur.“ (vgl. ebd., S. 288, zitiertin: Mehlkop 2011, S. 26, Fn. 12)

In Gesellschaften mit nicht-integrierter Kultur, welche allerdings „extreme Typen“ (ebd.), soll heißen empirisch nicht auffindbare Idealtypen darstellen4, kann es also vorkommen, dass die kulturellen Ziele dermaßen überbetont werden, dass den legitimen Mitteln, sie zu erreichen, keine Beachtung geschenkt wird. „Alle immer möglichen Maßnahmen würden in diesem hypothetischen Grenzfall erlaubt sein“ (ebd.). Oder aber es gäbe auf der anderen Seite gar keine Ziele mehr, die institutionell zugelassenen Vorgehensweisen verkämen zum Selbstzweck - „bloße Konformität wird zum zentralen Wert“ (ebd.). Er verweist hier in einer Fußnote darauf, dass ein solcher Ritualismus oftmals mit einem Mythos verbunden sein kann (vgl. ebd., Fn. 5)

Merton bezeichnet integrierte Gesellschaften als „relativ stabil“, wenn auch sich wandelnd (ebd.). In ihnen besteht ein wirksames Gleichgewicht zwischen beiden Aspekten der Sozialstruktur (vgl. ebd.). Dieses ist so lange gewährt, als dass die beteiligten Individuen Befriedigung bei dem Erreichen von kulturell vorgegebenen Zielen empfinden und sich den institutionell zulässigen Mitteln bedienen. Versagungen, welche sich aus der Konformität mit institutionellen Normen ergeben, müssen durch institutionelle Belohnungen kompensiert werden (vgl. ebd., S. 288 f.).

Der Anomiebegriffbei Merton

Für seine Theorie legt er den Fokus auf nicht ausreichend integrierte Gesellschaften, in denen die technisch wirksamste Lösung typischerweise dem institutionell vorgeschriebenen Verhalten vorgezogen wird, egal ob sie kulturell legitimiert ist oder nicht (vgl. ebd., S. 289 f.). „Wenn dieser Aufweichungsprozeß [sic!] sich fortsetzt, wird die Gesellschaft unstabil und es entwickelt sich das, was Dürkheim ,Anomie‘ (oder Normlosigkeit) nannte“ (ebd., S. 290). Hier bezieht sich Merton also ganz ausdrücklich auf den Anomiebegriff, wie er von Dürkheim definiert wurde. Er gibt auch triviale Beispiele für den Prozess der Entstehung von Anomie, eines davon möchte ich hier zum besseren Verständnis zitieren:

„Wenn etwa beim Sport der Erfolg als ,das Spiel gewinnen4 und nicht als ,nach den Spielregeln gewinnen4 definiert wird, dann wird implizit eine Belohnung für die Anwendung illegitimer, aber technisch effizienter Mittel ausgesetzt. Eine solche Betonung des Sieges setzt die Befriedigung durch bloße Teilnahme am Spiel derart herab, daß [sic!] nur noch ein erfolgreicher Ausgang Befriedigung verschafft.“ (ebd.)

Ein solcher Prozess findet laut Merton in vielen Gruppen statt, in denen die zwei Elemente der Sozialstruktur nicht gut integriert sind, und führe zu einer Demoralisierung, was hier so viel bedeutet wie die „Entinstitutionalisierung der Mittel“ (ebd., S. 291). Es wird also für Betroffene immer unattraktiver, sich der legalen, institutionalisierten Mittel zu bedienen, um die dominierenden kulturellen Ideale zu erreichen.

[...]


1 Der Begriff„Verbrechen“ wird hier im untechnischen Sinne verwendet. Auch wenn das deutsche Strafgesetzbuch in§ 12 je nach Strafmaß in Verbrechen und Vergehen unterscheidet, so meint Jehle hier damit (und auch mit dem generellen Begriff der Kriminalität)jegliches rechtswidriges Handeln, das mit einer Freiheitsstrafe bedroht ist (vgl. Jehle 2020, S.13, Fn. 11).

2 Auf einer Website des Bundeskriminalamts liest man hierzu: „[...] [Es] sind nun auch solche Dateien/Bilder, die früher als (z. T. strafloses) „Pösing“ eingestuft wurden, als „kinder-/jugendpomografisch“ zu bewerten und entsprechend zu behandeln, das heißt strafrechtlich zu verfolgen.“ (Quelle: https://www.bka.de/DE/UnsereAufgaben/Deliktsbereiche/Kinderpomografie/kinderpomografie_node.html, aufgerufen am 27.08.2021)

3 Dass Tierversuche (z.B.in der Kosmetikbranche) und Massentierhaltung in einem solchen Ausmaß wie heute bestehen, wirkt angesichts dieser Aussage natürlich paradox, es soll hier nur die Sichtweise Mertons erklärt werden.

4 Im Umkehrschluss gibt es nach Merton in der sozialen Realität nur Mischformen integrierter und nicht-integrierter Gesellschaften.

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Details

Titel
Lässt sich Kriminalität mit der Theorie von Sozialstruktur und Anomie von Robert K. Merton erklären?
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Note
1,3
Autor
Jahr
2021
Seiten
23
Katalognummer
V1149724
ISBN (eBook)
9783346531100
ISBN (Buch)
9783346531117
Sprache
Deutsch
Schlagworte
lässt, kriminalität, theorie, sozialstruktur, anomie, robert, merton
Arbeit zitieren
Lajos Hufnagel (Autor:in), 2021, Lässt sich Kriminalität mit der Theorie von Sozialstruktur und Anomie von Robert K. Merton erklären?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1149724

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