Um die Perspektive, aus der ich an meine Fragestellung herangehe, nachvollziehbar zu machen, werde ich meinen fachlichen Hintergrund kurz darstellen. Ich studiere seit dem WS 2000 Soziologie (geisteswissenschaftlicher Zweig) und Politikwissenschaft. Dabei habe ich am Institut für Wissenschaftsforschung einige Lehrveranstaltungen absolviert. Ausgehend von der Beschäftigung mit Biologismus hat sich ein starkes Interesse für biomedizinische Themen herausgebildet. Daher wollte ich mich auch in meiner Diplomarbeit aus wissenssoziologischer Sichtweise mit Biotechnologie beschäftigen. Als Soziologin wollte ich dafür einen Bereich finden, der auch in der öffentlichen Wahrnehmung und Diskussion relevant ist. Meine Entscheidung für die Stammzellforschung gründet auf persönlichem Interesse und der subjektiven Wahrnehmung, dass dieses Thema in den Medien und auch in der politischen Diskussion sehr präsent ist. Beim Einlesen in das Thema der Stammzellforschung ist mir aufgefallen, dass selbst das Basiswissen über die Stammzelle und ihre genaue Funktionsweise sehr unsicher ist. Was sie im Körper genau auslöst, kann nicht mit Bestimmtheit gesagt werden. Diese Wahrnehmung hat mein Interesse auf die Stammzelle als Objekt gelenkt. In Anlehnung an Bruno Latour sind solche wissenschaftlichen Objekte weder reine Naturobjekte, die unabhängig von menschlicher Einflussnahme bestehen, noch reine Konstrukte, die erst durch menschliche Konstruktionsarbeit entstanden sind und ohne diese nicht existieren würden. Sie entstehen in ihrer konkreten Form vielmehr durch das Zusammentreffen und die Kommunikation von Menschen und „Naturobjekten“, sie haben eine Geschichte. Sie sind laufender Veränderung unterworfen und wirken auch verändernd auf die sie umgebende Welt ein. Insofern sind sie eben keine starren Objekte mehr, sondern Nicht-menschliche Akteure oder Aktanten. Sie haben durch die Übersetzungsleistung des wissenschaftlichen Instrumentariums die Fähigkeit zu sprechen und durch ihre Wirkung auf die politische und soziale Welt die Fähigkeit zu handeln. In diesem Sinne entfalten sie eine politische Wirkung. Das macht sie zu „haarigen Objekten“ im Sinne Bruno Latours.[...]
Inhaltsverzeichnis
1 EINLEITUNG
1.1 DANKSAGUNGEN
1.2 GESCHLECHTERSENSIBLE SCHREIBWEISE
1.3 ERKENNTNISINTERESSE UND FRAGESTELLUNG
2 KONZEPTUELLE UND THEORETISCHE RAHMEN
2.1 VERWISSENSCHAFTLICHUNG DER GESELLSCHAFT UND VERGESELLSCHAFTUNG DER WISSENSCHAFT
2.2 ÜBER STAMMZELLFORSCHUNG
2.2.1 Was sind Stammzellen?
Embryonale Stammzellen
Somatische Stammzellen
2.2.2 Wofür werden Stammzellen eingesetzt?
Einsatz in der Forschung
Krebstherapie
Regeneration von Gewebe
Herzinfarkttherapie
Tumorbehandlung
2.2.3 Gesetzliche Regelungen
Europäische Union
Österreich
2.2.4 Zusammenfassende Überlegungen
2.3 THEORETISCHE PERSPEKTIVE
2.3.1 Pierre Bourdieu – das wissenschaftliche Feld
Feld
Kapital
Habitus
Autonomie eines Feldes
Hierarchisierungsprinzipien
Die Besondere Bedeutung von sozialem Kapital im medizinischen Feld
2.3.2 Bruno Latour – Haarige Objekte
Das Höhlengleichnis – Spaltung von Gesellschaft und Natur
„Die“ Wissenschaft
„Die“ Natur
Haarige Objekte
Tatsachen und Werte
Eine neue Gewaltenteilung
Menschliche und nicht-menschliche Akteure
2.3.3 Zusammenfassende Überlegungen
2.4 EIN KOORDINATENSYSTEM FÜR DAS FELD DER STAMMZELLFORSCHUNG
2.4.1 Naturbegriff
Gegenüberstellung von Natur und Gesellschaft
Naturschutz
Natur im Labor
Kybernetisches Naturbild
DNA – Die einzig wahre Natur
Zusammenfassende Überlegungen
2.4.2 Menschenbild
Der Mensch als „animal rationale“
Biologischer Determinismus
Der Mensch ist frei
Menschenbild in der Gentechnik-Ära
Zusammenfassende Überlegungen
2.4.3 Risikobegriff
Wissensabhängigkeit von Modernisierungsrisiken
Soziale Anerkennung von Risiken
Umgang „der Öffentlichkeit“ mit Risiken
Vergesellschaftung der Natur
Subpolitik der Medizin
Zusammenfassende Überlegungen
2.4.4 Wissenschaftliches Selbstverständnis
Definitionen von Wissenschaft
Grundlagenforschung und angewandte Forschung
Wissenschaft und Öffentlichkeit
Hierarchien
Implizite Normen
Objektivität
Originalität und Innovation
Wissenschaftliche Praxis
Zusammenfassende Überlegungen
3 EINE QUALITATIVE ANALYSE DES FELDES DER STAMMZELLFORSCHUNG
3.1 METHODISCHE HERANGEHENSWEISE
3.1.1 Überlegungen zu qualitativen Methoden
3.1.2 Vorbereitung auf die Interviews
3.1.3 Der Leitfaden
3.1.4 Auswahl der Befragten
3.1.5 Feldzugang
3.1.6 Interviewführung
3.1.7 Auswertung mittels Systemanalyse
3.2 MECHANISMEN UND VORSTELLUNGEN IM FELD DER STAMMZELLFORSCHUNG
3.2.1 „Switching“ zwischen multiplen Menschenbildern
3.2.2 Der Körper als „Black Box“
3.2.3 Ignorieren kritischer Aspekte
3.2.4 Verteidigung der Autonomie
3.2.5 Forscherdrang und Fortschritt
3.2.6 Wahrnehmung der Öffentlichkeit und „Aufklärung“
3.2.7 Bilder von der Stammzelle als Objekt
4 RESUMÉE – LASST DEN STAMMZELLEN IHRE HAARE!
LEITFADEN
LITERATUR
Zielsetzung & Themen
Die Diplomarbeit untersucht aus wissenssoziologischer Perspektive die Strukturen, Handlungsweisen und Mechanismen im Feld der Stammzellforschung in Wien. Das Hauptziel ist die Analyse der Stammzelle als wissenschaftliches Objekt, um zu verstehen, wie unterschiedliche Akteure und Bereiche durch dieses Objekt verbunden werden und welche impliziten Strukturen dabei wirksam sind.
- Soziologische Analyse der Stammzellforschung unter Einbezug der Theorien von Pierre Bourdieu und Bruno Latour.
- Entwicklung eines Koordinatensystems basierend auf den Kategorien Naturbegriff, Menschenbild, Risikobegriff und wissenschaftliches Selbstverständnis.
- Durchführung qualitativer Leitfadeninterviews mit Experten aus dem medizinischen Umfeld des Wiener AKH.
- Untersuchung der Wechselwirkungen zwischen Wissenschaft, Öffentlichkeit und Politik im Kontext moderner Biotechnologie.
- Aufarbeitung der Stammzelle als „haariges Objekt“, das gesellschaftliche und wissenschaftliche Grenzen durchbricht.
Auszug aus dem Buch
Haarige Objekte
Mit den „Krisen der Objektivität“, die die Ansatzpunkte für die politische Ökologie darstellen, verändert sich auch der Status von „Objekten“. Als „Objekte“ fasst Latour all jene nicht-menschliche Entitäten zusammen, mit denen sich die WissenschaftlerInnen befassen. Also zum Beispiel Labormaterialien, Instrumente, Stammzellen, Viren, Versuchstiere und so weiter. An die Stelle von risikolosen, glatten, kahlen Objekten, an die wir bis jetzt gewöhnt waren, treten riskante Verwicklungen, haarige Objekte. Diese haben im Gegensatz zu den glatten Objekten nicht mehr den Status von unveränderlichen Tatsachen, sie sind selbst veränderbar, verhandelbar. Damit werden sie unweigerlich zum Gegenstand politischer Aushandlungsprozesse. Ob zum Beispiel embryonale Stammzellen als „zerstörter Embryo“ oder „Forschungsressource“ definiert werden, ist keine epistemologische Frage mehr, die von ExpertInnen durch die Schaffung einer „Tatsache“ entschieden werden kann, es ist eine politische Frage, deren Beantwortung unmittelbare rechtliche, soziale, medizinische und moralische Auswirkungen auf uns alle hat. Darum kann sie auch niemals allgemeingültig und endgültig beantwortet werden.
Die „Objekte ohne Risiko“ hatten vier grundlegende Merkmale. Zunächst hatte das produzierte Objekt klare Umrisse, eine klar definierte Wesenheit, allgemein anerkannte Eigenschaften. Es gehörte unbestreitbar zur Welt der Dinge, einer Welt aus obstinaten, widerständigen Entitäten, die von den strengen Gesetzen der Kausalität, Effizienz, Rentabilität und Wahrheit bestimmt werden. Zweitens wurden ForscherInnen, IngenieurInnen, AdministratorInnen, UnternehmerInnen und TechnikerInnen, die diese Objekte konzipierten, produzierten und auf den Markt brachten, unsichtbar, sobald das Objekt fertig gestellt war. Drittens zog dieses Objekt ohne Risiko zwar erwartete oder unerwartete Konsequenzen nach sich, diese wurden jedoch stets als Auswirkung eines anderen Universums gedacht, das mit vagen Bezeichnungen wie „soziale Faktoren“, „politische Dimensionen“ oder „irrationale Aspekte“ umschrieben wurde. Gemäß des Höhlenmythos vermittelte das risikolose Objekt der alten Verfassungsordnung den Eindruck, wie ein Meteor von außen in die soziale Welt einzudringen. Jedenfalls hatten diese Folgen, diese Katastrophen, keine Auswirkungen auf die ursprüngliche Definition des Objekts.
Zusammenfassung der Kapitel
1 EINLEITUNG: Hier stellt die Autorin ihre Danksagung, die Wahl der geschlechtersensiblen Schreibweise sowie ihr persönliches Interesse und die zugrunde liegende Fragestellung der Arbeit dar.
2 KONZEPTUELLE UND THEORETISCHE RAHMEN: Dieses Kapitel liefert die theoretischen Grundlagen der Wissenschaftssoziologie, einen Überblick über die Stammzellforschung sowie die zentralen Ansätze von Bourdieu und Latour zur Analyse des Feldes.
3 EINE QUALITATIVE ANALYSE DES FELDES DER STAMMZELLFORSCHUNG: Die Autorin beschreibt hier ihre methodische Vorgehensweise, die Durchführung der Leitfadeninterviews sowie die identifizierten Mechanismen und Vorstellungen der befragten ForscherInnen.
4 RESUMÉE – LASST DEN STAMMZELLEN IHRE HAARE!: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und diskutiert das Konzept der Stammzelle als „haariges Objekt“ im Kontext gesellschaftlicher Aushandlungsprozesse.
Schlüsselwörter
Stammzellforschung, Wissenschaftssoziologie, Pierre Bourdieu, Bruno Latour, haarige Objekte, Wissensproduktion, medizinische Ethik, regenerierende Medizin, ExpertInnen, Qualitative Forschung, Systemanalyse, Wissenschaftskommunikation, Modernisierungsrisiken, Biotechnologie, Autonomie der Wissenschaft.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Diplomarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert das Feld der Stammzellforschung in Wien aus einer wissenssoziologischen Perspektive, um die Strukturen und die Bedeutung der Stammzelle als Objekt innerhalb dieses Feldes zu verstehen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Zentral sind die theoretischen Konzepte von Pierre Bourdieu (Feld, Kapital, Habitus) und Bruno Latour (haarige Objekte, nicht-menschliche Akteure) sowie die Analysekategorien Naturbegriff, Menschenbild, Risikobegriff und wissenschaftliches Selbstverständnis.
Welches primäre Ziel verfolgt die Forschungsfrage?
Es geht darum, implizite Strukturen und Mechanismen im Feld der Stammzellforschung sichtbar zu machen und zu klären, inwieweit die Stammzelle als ein „haariges Objekt“ nach Latour agiert, das sowohl gesellschaftliche als auch naturwissenschaftliche Bereiche verbindet.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Autorin führt offene Leitfadeninterviews mit drei StammzellforscherInnen am Wiener AKH durch und wertet diese mittels einer Systemanalyse nach Froschauer/Lueger aus, um latente Sinnstrukturen zu erfassen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in einen theoretischen Teil zur Verortung des Feldes und einen empirischen Teil, in dem die Ergebnisse der Interviews zu Themen wie „Switching“ zwischen Menschenbildern, der Körper als „Black Box“ und das Ignorieren kritischer Aspekte diskutiert werden.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit charakterisieren?
Stammzellforschung, Wissenschaftssoziologie, soziale Konstruktion, haarige Objekte, Wissenschaftskommunikation und Expertenwissen.
Was bedeutet das Konzept des „Switching“ in der Arbeit?
Damit beschreibt die Autorin das Phänomen, dass ForscherInnen zwischen verschiedenen Menschenbildern wechseln, je nachdem, ob sie sich im Labor (mechanistisch) oder im öffentlichen Raum (reflexiv) bewegen, um so ihre Autonomie zu schützen.
Inwiefern beeinflusst das wissenschaftliche Selbstverständnis die Forschung?
Das Selbstverständnis prägt die Definition dessen, was als legitime Wissenschaft gilt, und dient als Abgrenzungsinstrument gegenüber „außen“, insbesondere bei der Verteidigung gegen politische oder ethische Forderungen durch das Label „Grundlagenforschung“.
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- Mag. Andrea Schikowitz (Author), 2006, "Kleine, unspektakuläre Zellen" - vom Rasieren haariger Objekte, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/115009